Zur Geschichte des „Wiener Tagebuch“
Bald nach Kriegsende gab die KPÖ eine zweiwöchig erscheinende Zeitschrift zur Beeinflussung und Gewinnung von Intellektuellen und Künstlern heraus, das „Tagebuch“. Als Herausgeber zeichneten Ernst Fischer, Bruno Frei und Victor Matejka. Mit dem Rückgang des Einflusses der KPÖ ging auch die Auflage des „Tagebuch“ zurück, das schließlich nur noch einmal im Monat erschien. Ende 1966 beschloß die Parteiführung, die Zeitschrift überhaupt einzustellen. Aber eine Gruppe kommunistischer Intellektueller wollte sich damit nicht abfinden. Es kam zu einer Vereinbarung, das „Tagebuch“ wohl noch im Parteiverlag zu drucken‚ als Herausgeber aber fungierte nun ein zu diesem Zweck gegründeter Verein der „Freunde des Tagebuch“, die Zeitschrift erschien nun alle zwei Monate.
In den Diskussionen, die das Jahr 1968 charakterisierten — die Jugendrevolte und der Prager Frühling boten den Anlaß — nahm das „Tagebuch“ eine betont progressive Stellung ein. Die Hauptauseinandersetzung erfolgte aber in der KPÖ-Monatsschrift „Weg und Ziel“, die von Franz Marek geleitet wurde. Dieser legte im Februar 1969, als sich zeigte, daß sich die KPÖ-Mehrheit dem Druck aus Moskau fügen werde, die Leitung zurück. Damit wurde das „Tagebuch“ wieder zum Zentrum des Protestes gegen die militärische Niederwerfung des Prager Frühlings und dessen ideologische Begleiterscheinungen.
Der Vertrieb des „Tagebuch“ wurde in der DDR verboten und von dort kamen nun immer wieder publizistische Angriffe auf Ernst Fischer, der das Wort vom „Panzerkommunismus“ geprägt hatte, auf Franz Marek und das „Tagebuch“. Zur selben Zeit, als Ernst Fischer von einer knappen Mehrheit des Zentralkomitees aus der KPÖ ausgeschlossen wurde, beschloß diese Mehrheit, das bisherige Abkommen mit dem „Tagebuch“ aufzukündigen. Die Juli/August-Nummer 1969 erschien nun unter einem neuen Titel — „Wiener Tagebuch“, herausgegeben von denselben Mitarbeitern wie bisher — aber mit dem Titelzusatz „links und unabhängig“. Mit Jänner 1970 übernahm Franz Marek die Leitung der Zeitschrift, die ab nun wieder monatlich erschien. Bei einer Pressekonferenz stellte Franz Marek das „Wiener Tagebuch“ mit den Worten vor, es wäre zuerst ein Organ der KPÖ gewesen, dann eines innerhalb der Partei. In der Zeitschrift sollte eine Politik vertreten werden, die nun nicht mehr innerhalb der KPÖ vertreten werden konnte.
Die KPÖ hatte 1965, nicht zuletzt angeregt durch die italienischen Kommunisten, programmatische Leitsätze beschlossen, die eine Vorwegnahme jener Orientierung waren, die als „Eurokommunismus“ bekannt wurde. Im Mai 1966 fand in Wien eine Konferenz von Vertretern von 16 nicht an der Macht befindlichen kommunistischen Parteien statt (Hauptreferent war Franz Marek), um, noch innerhalb der kommunistischen Bewegung, eine den west— und südeuropäischen Bedingungen angepaßte Orientierung zu finden, was von Moskau aus mit Mißtrauen beobachtet wurde. Unmittelbar nach dem Einmarsch sowjetischer Truppen in Prag fuhr Franz Marek im Namen der KPÖ nach Rom, um dort eine gemeinsame Haltung jener Parteien festzulegen, die sich kritisch zur Niederwerfung des Prager Frühlings geäußert hatten. Das scheiterte am Widerstand der französischen Kommunisten und ein paar Monate später war es auch in der KPÖ nicht mehr möglich, solche Gedanken zu vertreten oder solche Absichten zu verwirklichen. Der Kampf um eine von Moskau unabhängige kommunistische Politik sollte nun im „Wiener Tagebuch“ fortgesetzt werden (wenn auch vorerst mit einer geringeren Wirkung zu rechnen war). In einem Nachruf auf den im August 1979 verstorbenen Franz Marek schrieb der englische Historiker Eric Hobsbawm: „Er konnte die Vergangenheit seiner Bewegung bewältigen, aber es blieb ihm versagt, bei der Ausarbeitung der neuen und komplizierten Perspektiven des Sozialismus eine aktive politische Rolle zu spielen, die seinen bedeutenden Fähigkeiten entsprochen hätte. Er wurde zum Kommentar verurteilt.“
Aber gerade dieser Kommentar, die im „Wiener Tagebuch“ monatlich erscheinende „Chronik der Linken“, zog viele Leser an. Die Zeitschrift begann mit etwa 1000 Abonnenten, innerhalb kurzer Zeit stieg die Auflage auf ungefähr 3000. Das hätte nicht ausgereicht, um das Erscheinen finanziell zu sichern. Dies wurde erst dadurch möglich, daß die „Freunde des Wiener Tagebuch“ die benötigten Geldmittel aufbrachten und die Zeitschrift mit nur einem bezahlten Mitarbeiter auskam. Auch die technischen Aufgaben wurden von freiwilligen Mitarbeitern geleistet. Das war damals, als eine große Zahl von vielfach jahrzehntelangen Mitgliedern die KPÖ verließen, nicht ungewöhnlich. Daß aber das „Wiener Tagebuch“ unter diesen Bedingungen zwei Jahrzehnte lang erscheinen konnte, fällt doch aus dem Rahmen des in Österreich Üblichen.
Ernst Fischer schrieb nur gelegentlich für das „Wiener Tagebuch“; zur ersten Redaktion zählten sein Bruder, der Arzt Walter Fischer, der frühere Redakteur der „Volksstimme“ Ernst Epler, der Mittelschulprofessor Egon Rigler, der Ökonom Teddy Prager, Leopold Spira, der lange mit Franz Marek in der KPÖ zusammengearbeitet hatte, und Hubert Friesenbichler, früherer Redakteur der Monatsschrift der kommunistischen Jugendorganisation. Er wurde nach einigen Jahren als angestellter Redaktionsleiter vom Slawisten Martin Pollack abgelöst.
Mitarbeiter des „Wiener Tagebuch“, politisch erfahren und sprachenkundig, sorgten auch für die Herausgabe der „Internationalen Presseschau“, die einmal wöchentlich vervielfältigt und den etwa 800 Abonnenten zugeschickt wurde. Relevant erscheinende Auszüge aus der internationalen Presse wurden zusammengestellt; das diente nicht nur dem Informationsbedürfnis der Abonnenten, sondern auch jenem der Mitarbeiter des „Wiener Tagebuch“.
In den Jahren der „eurokommunistischen“ Hoffnung war das „Wiener Tagebuch“ so ziemlich das einzige deutschsprachige Organ, die diese Richtung vertrat und über jene Parteien berichtete, die bemüht waren, sich von der Moskauer Abhängigkeit zu emanzipieren. Aber da es weder in der Bundesrepublik noch in Österreich eine organisierte „eurokommunistische“ Gruppierung gab, fand das „Wiener Tagebuch“ in diesen Jahren zwar großes Interesse, aber der Kreis der Interessierten blieb relativ klein. Als sich herausstellte, daß eine autonome Parteiengruppierung in der kommunistischen Bewegung nicht möglich war und sich das ganze Projekt im wesentlichen auf die italienischen Kommunisten reduzierte, verlor auch das „Wiener Tagebuch“ seine Perspektiven und, im Grunde genommen, seine politische Existenzberechtigung. Franz Marek war sich dessen voll bewußt.
Als er im Sommer 1979 plötzlich starb, 66 Jahre alt, entschied sich der Vorstand der „Freunde“, das „Wiener Tagebuch“ dennoch weiterhin herauszugeben. Die Möglichkeit ergab sich, weil Martin Pollack und Leopold Spira, nun als leitender Redakteur, zur Weiterarbeit bereit waren. Die Voraussetzungen für die Zeitschrift hatten sich allerdings verändert. Sie vertrat nicht mehr das politische Konzept einer internationalen Strömung, sondern berichtete und diskutierte mit einer gewissen Distanz über Stellungnahmen und Aktionen der österreichischen und internationalen Linken und über die von Gorbatschow einige Jahre später als „Stagnation“ bezeichnete Situation im „realen Sozialismus“. Geändert hatten sich auch die Leser und ein Großteil der Mitarbeiter. Die neuen Leser kamen in der Mehrzahl nicht mehr aus der kommunistischen Bewegung, und die neuen, jüngeren Autoren gehörten meist der 68er-Generation an und waren nicht von kommunistischen Kader-Vorstellungen geprägt. Insgesamt behielt aber die Zeitschrift den Charakter eines Organs kommunistischer Dissidenten. Das alte Gefüge der „Freunde“ lockerte sich, reichte aber noch aus, um die Zeitschrift am Leben zu erhalten, die sich nun auch stärker kulturellen und anderen, nicht direkt mit der Politik zusammenhängenden Fragen zuwandte.
Der Beginn der Perestroika war eine unerwartete Bestätigung der allgemeinen Orientierung des „Wiener Tagebuchs“, bedrohte aber seine journalistische Existenzberechtigung. Denn Themen und Standpunkte, die bis dahin lediglich im „Wiener Tagebuch“ zu lesen waren, tauchten nun in den Medien der Sowjetunion auf und wurden auch von den österreichischen Medien übernommen. Das galt im gleichen Ausmaß auch für jene Autoren, die bisher nur im „Wiener Tagebuch“ publizieren konnten.
Eine Reihe junger Autoren waren Garant für das hohe Niveau des „Wiener Tagebuch“, unter ihnen u.a. Christof Reinprecht, der Martin Pollack in der Redaktion abgelöst hatte, Ilse Pollack, eine Romanistin, die sich auch mit den Problemen der Nachbarschaft ihrer steirischen Heimat beschäftigte, der Salzburger Germanist Karl-Markus Gauss, der Ökonom Peter Rosner und der Schriftsteller Erich Hackl. Die letzten Jahre des „realen Sozialismus“ beobachteten in der Monatsschrift vor allem Zdenek Mlynar, ZK-Sekretär des Prager Frühlings, und der Osteuropa-Korrespondent des „Svenska Dagbladet“ Richard Swartz.
Nicht vergessen werden soll auch der frühere „Volksstimme“-Redakteur Leopold Grünwald, der vor kurzem seinen 90. Geburtstag feierte und bis vor drei, vier Jahren vor allem als Übersetzer wertvolle Arbeit für das „Wiener Tagebuch“ leistete. Er ist auch ein Beispiel für die Problematik, die das „Wiener Tagebuch“ nicht meistern konnte: Die tragende Schicht, Ende der sechziger Jahre aus der KPÖ ausgeschieden, war zwei Jahrzehnte später nicht mehr imstande, das Erscheinen der Zeitschrift auf die alte Art zu sichern. Ende 1988 legte Leopold Spira die Leitung des „Wiener Tagebuch“ zurück, die „Jungen“ übernahmen nun die Aufgabe, das Projekt auf eine neue Grundlage zu stellen und neue Leser anzusprechen. Christof Reinprecht wurde in der Redaktion von Hazel Rosenstrauch abgelöst, die nach mehrjährigem Aufenthalt in der Bundesrepublik nach Wien zurückgekehrt war.
Es gab vielversprechende Ansätze — aber die Kraft der „Jungen“ reichte nicht aus, um die finanziellen, organisatorischen und redaktionell-technischen Schwierigkeiten zu überwinden, was eben auf die traditionelle Art nicht mehr möglich war: Mit der Dezembernummer 1989 stellte das „Wiener Tagebuch“ das Erscheinen ein.
Man kann, wenn man will, den zeitlichen Zusammenfall des Endes der Zeitschrift mit dem Ende des „reaien Sozialismus“ als symbolisch auffassen. Aber der Zusammenbruch dieses Systems hat zwar einige fast unlösbar scheinende Probleme aus der Welt geschafft, gleichzeitig aber neue, alle Beteiligten betreffende Probleme geschaffen, politische, ökonomische und auch ideologische. Die Einstellung des „Wiener Tagebuch“ bedeutet nicht, daß es keine Themen mehr gibt, mit denen man sich auseinandersetzen müßte.


