Spaniens Himmel
Vor nunmehr 60 Jahren ist der Spanische Bürgerkrieg ausgebrochen. Am 18. Juli 1936 erhob sich das in Spanisch-Marokko stationierte Armeekorps gegen die legitime Regierung. Der extra nach Marokko eingeflogene Franco war damals noch eine weniger bedeutende Figur.
Oft wurde der Spanische Bürgerkrieg als Kampfprobe gesehen, bei der sich die Reaktion und der Fortschritt messen konnten. Die europäischen Demokratien taten nichts, um die Spanische Republik zu verteidigen, obwohl diese demokratisch gewählt worden war. Durch ihre Passivität haben sie zum Sieg der Frankisten beigetragen. Dagegen haben die faschistischen Regimes sehr schnell verstanden, wo ihre Interessen waren. Jose Antonio Primo de Rivera, der Sohn des vorherigen Diktators und Chef der Falange, und General Sanjurjo hatten bereits im Frühjahr des Jahres 1936 mit dem deutschen Außenministerium Kontakte aufgenommen. Selbstverständlich waren Deutschland und Italien über die Vorbereitungen des Staatsstreichs informiert worden. Der italienischen und der deutschen Regierung kam außerdem ein Spanien entgegen, das ihre spätere Außenpolitik unterstützen sollte. Die Deutschen sahen in diesem Krieg einen Übungsplatz zum Erproben ihrer Waffen. Deutschland konnte alle seine Kriegsinstrumente einer Generalprobe unterziehen. Es war der erste Krieg, in dem technische Mittel des 20. Jahrhunderts voll zum Einsatz kamen. 30.000 deutsche Militärs konnten sich im Bürgerkrieg für ihre weiteren Kriegsspiele vorbereiten. Deutsche Flieger der Legion Condor zerstören im April 1937 Guernica. [1]
Angehörige verschiedener Nationen standen einander in Spanien an den gegnerischen Fronten gegenüber. Es ist trotzdem als Wunder zu bezeichnen, daß sich die republikanischen Kräfte drei Jahre lang halten konnten. Die erste Phase des Bürgerkriegs sah auch — trotz des oft geschilderten Chaos’ — relativ günstig für sie aus. Die Aufständischen hatten „nur“ die rückständischen Gebiete in Andalusien und Galizien erobern können; die großen Städte waren auf Seiten der Repubik; Madrid konnte erst am Ende von den Faschisten erobert werden.
Es darf nicht vergessen werden, daß die Frankisten den Krieg nur durch ihre technische und materielle Überlegenheit gewinnen konnten.
Republikanische Gesinnung
Der Geist und die Wahrheit sollten auf vielfache Weise in Spanien vernichtet werden. Der konservative Universitätsrektor Miguel de Unamuno hatte diese prophethisch anmutende Aussage während einer Feier in Salamanca gemacht. Es war zu einer Auseinandersetzung zwischen ihm und dem Chef der Fremdenlegion gekommen. Unamunos Ansicht nach würden die Faschisten den Krieg nur durch ihre materielle Übermacht gewinnen können. Nicht durch Überzeugung, wie er betonte. Der renommierte Philosoph starb bald nach diesem Eklat an seiner Universität — an Kummer. [2] Der Dichter Federico Garcia Lorca wurde dagegen ein Monat nach Kriegsbeginn ermordet. Sein Vergehen bestand darin, eine in den Dörfern Andalusiens herumreisende republikfreundliche Theatergruppe („La Barraca“) gegründet zu haben. In seinen Theaterstücken schildert Lorca recht drastisch die Situation in den rückständigsten Dörfern Spaniens, die moralisch gedrückte und religiös gefärbte Stimmung, die sich später in der „Cruzada“, im Kreuzzug der Kirche gegen die Republik, blutig manifestieren wird.
Der französische Katholik G. Bernanos — ursprünglich wie Unamuno ein Anhänger Francos — beschreibt später die grauenhafte Vorgangsweise der Frankisten, ihre Gegner kurzerhand ohne Prozeß zu ermorden, in seinem Buch „Les grands Cimetieres sous la lune“ — „Die großen Friedhöfe unter dem Mond.“ [3]
Die Verteidigung des republikanischen Spaniens wurde zu einem leidenschaftlichen Anliegen für politisch bewußte Menschen verschiedener sozialer und nationaler Abstammung. Wahrscheinlich könnte man die magische Anziehungskraft Spaniens für fortschrittliche Kräfte mit jener Cubas oder Nicaraguas in den letzten Jahrzehnten vergleichen. Wobei es in Spanien um einen bewaffneten Kampf ging, bei dem viele ihr Leben oder die Freiheit verloren haben.
Heute wissen wir, daß 220 (Österreicher, A.D.) ihren Einsatz mit dem Leben bezahlten. Sie starben für Spaniens und Österreichs Freiheit. [4]
Als der Ausgang des Krieges klar wurde, mußten die Mitglieder der Internationalen Brigaden das Land verlassen und wurden in französische Lager in der Nähe von Perpignan gesteckt. Die wichtigsten Lager für Interbrigadisten befanden sich in Argeles und Saint Cyprien. Österreicher und Deutsche konnten schließlich nicht in ihre Länder zurückkehren.
Viele Ausländer engagierten sich gerade deswegen, weil ihre Regierungen sich so extrem „neutral“ verhielten.
Ein Vertrag der Nicht-Intervention war zwischen England und Frankreich geschlossen worden. Es war eine Farce. Die Sowjetunion unterstützte ab Oktober 1936 offiziell die spanische Regierung mit dem Hinweis, daß die Deutschen und Italiener offen in Spanien militärisch intervenierten.
Fiktion und Realität
Intellektuelle, Schriftsteller, Maler und Musiker hatten sich aktiv in Spanien engagiert. Sie haben zahlreiche Werke hinterlassen, die nach wie vor diesen Krieg lebendig beschreiben, oder einen Versuch seiner Verarbeitung darstellen.
Es war ein Krieg, in dem die Groteske neben dem Gemetzel existierte, die militärische Folklore neben den Schlachten. André Malraux, der auf republikanischer Seite als Kommandeur einer internationalen Fliegerstaffel teilnahm, baut in seinem Roman ,Die Hoffnung‘ immer wieder solche Sequenzen ein. Die gesamte Literatur des Spanischen Bürgerkrieges ließe sich unter dem Gattungsbegriff Faction, also Mischung aus Facts und Fiction, rubrizieren. Fast stets sind die Orte, die Kriegsgeschehnisse und die handelnden Personen verifizierbar. [5]
Der Schriftsteller André Malraux schaffte Flugzeuge auf illegale Weise über die Grenze und gründete eine Fliegerstaffel. Gleichzeitig schrieb er seinen oben erwähnten Roman. [6] Er konnte also seine Erlebnisse direkt verarbeiten, so wie die meisten Schriftsteller und Dichter es taten. Später drehte Malraux einen Film und versuchte, Geld aus den USA aufzutreiben. Zum Zeitpunkt der Fertigstellung war aber der Krieg bereits verloren, und der Film konnte nur durch ein Wunder gerettet werden.
Auch Hemingway war als Korrespondent in Spanien. Er kam zu Beginn des Jahres 1937. Und wurde jubelnd empfangen.
Hemingway hatte 40.000 Dollar gesammelt und Ambulanzwagen sowie Sanitätsbedarf für die Republikanische Regierung gekauft. Er machte sein Hotelzimmer zu einem sozialen Zentrum, wo man sich betrinken, telephonieren, sich duschen konnte. Sein berühmter Roman „Wem die Stunde schlägt“ vermittelte der Welt vielleicht ein leichter verdaubares — aber gut recherchiertes — Bild vom Bürgerkrieg. Bei ihm gibt es eine — auch verfilmte — Liebesgeschichte. Die anderen Geschichten erscheinen vielleicht authentischer — wie jene von André Malraux oder George Orwells „Mein Katalonien“ —, aber auch „sperriger“. [7]
Lektüretips
- R. Benson: Writers in Arms, the literary impact of de Spanisch Civil war, London 1968.
- Ehrenburg: Menschen, Jahre, Leben, München 1962.
- Ders.: Spanien heute, Berlin 1932.
- Bernanos: Les grands cimetieres sous la lune, Paris 1938.
- Max Gallo: Histoire de l’Espagne franquiste, Verviers 1969.
- M. Gallo, R. Debray: Spanien nach Franco, Berlin 1975.
- W. Krauss: Spanien 1900-1964, München 1972.
- Constancia Mora: Doppelter Glanz, Dietz Verlag 1977.
- Antonio Tabucci: Erklärt Pereira, München 1995.
- Österreicher im Spanischen Bürgerkrieg, vgl. Fußnote 2.
[1] Im »Zeit-magazin«, Nr. 29, 12. Juli 1996, findet sich eine Gegenüberstellung von deutschen Zeitzeugen der beiden gegnerischen Lager der Bürgerkriegsparteien.
[2] Vgl. zur Rede Unamunos: Österreicher im Spanischen Bürgerkrieg, Interbrigadisten berichten über ihre Erlebnisse 1936 bis 1945, herausgegeben von der „Vereinigung österreichischer Freiwilliger in der spanischen Republik ...“ Redaktionskomitee: Bruno Furch, Josef Gradl, Heinrich Fritz, Dr. Josef Schneeweiß, Walter Wachs unter der Leitung von Alois Peter, Österreichischer Bundesverlag, Wien 1986, S. 21-22. Weiters: F. J. Raddatz, Mit Gewehr und Feder, in: »Die Zeit«, Nr. 29, 12. Juli 1996, S. 9-11.
[3] Georges Bernanos, Les grands cimetieres sous la lune, Paris 1938.
[4] »Spanien Heute«, Sondernummer 60 Jahre, Vereinigung Österreichsicher Freiwilliger in der Spanischen Republik, 1936-1939 und Freunde des demokratischen Spaniens, S. 1.
[5] F. J. Raddatz, a.a.O.; S. 11.
[6] André Malraux, L’Espoir, Paris 1937. Dieser Roman ist allerdings schwer lesbar, wenn man die Ereignisse nicht näher kennt.
[7] Vgl. F. J. Raddatz, a.a.O., S. 10-11.


