Sich in Haifa nach Haifa sehnen ...
Sollte etwa mein Vertrauen in unsere Freiheit erschüttert sein, uns in diesem Land nach diesem Land zu sehnen — in Haifa nach Haifa?
(Emil Habibi: Das Tal der Dschinnen [1])
Es war ein zweifacher Skandal, als Emil Habibi 1992 als erster arabischsprachiger Autor von Jizhak Rabin mit dem Israelischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Ein früherer Preisträger sandte aus Protest gegen die Würdigung Habibis — der noch dazu zwanzig Jahre Knesseth-Abgeordneter der „Rakah“, der Kommunistischen Partei Israels, gewesen war — seine Auszeichnung zurück. Andererseits führte der Umstand, daß Habibi seinerseits den Preis annahm, dazu, daß ihn Kollegen aus der arabischen Welt des „Verrats“ ziehen — obwohl der Ausgezeichnete die rund 100.000 Schilling vor noch laufenden TV-Kameras den Opfern der Intifada widmete.
Schon zuvor hatte sich der Schriftsteller wiederholt als Befürworter der Intifada deklariert. Etwa als er erklärte: „Wir haben uns von der Vorstellung freigemacht, die Zeiger der Uhr bezüglich der Existenz des Staates Israel zurückdrehen zu können; nun ist es unumgänglich, daß auch die israelische Gesellschaft sich von der Vorstellung freimacht, den palästinensischen Nationalismus in Palästina ausräumen zu können. Wir haben begriffen, daß Israel kein Kreuzfahrerstaat ist; nun muß die israelische Gesellschaft begreifen, daß wir keine nordamerikanischen Indianer sind. Durch die Intifada versucht das palästinensische Volk, die israelische Gesellschaft dazu zu bewegen, aus dem Kreislauf der Gewalt auszubrechen und in einen Kreislauf des Dialogs einzutreten.“
Publizist und Schriftsteller
Emil Habibi, der am 2. Mai dieses Jahres gestorben ist, wurde 1921 in Schafa Amr bei Nazareth als Sohn eines Lehrers geboren, wuchs allerdings in Haifa, der damals aufstrebenden Großstadt mit Exporthafen und Erdölraffinerien auf. Nach dem Schulabschluß ließ er sich im Fernstudium zum Raffinerieingenieur ausbilden, wandte sich jedoch schließlich dem Journalismus zu, vorerst beim Palästinensischen Rundfunk in Jerusalem. 1943 gehörte Habibi, der 1940 Mitglied der Kommunistischen Partei Palästinas geworden war, zu den Gründern des nationalen Befreiungsbundes, 1944 zu den Begründern der Zeitung »al-Ittihad« (Die Union), die, nach 1948 Organ der Palästinenser in der „Rakah“, als einziges arabisch-sprachiges Presseorgan die Staatsgründung Israels überlebte. In den fünfziger Jahren fungierte Habibi als Herausgeber von »al-Ittihad«, war aber zugleich auch um zwei der „Rakah“ nahestehende literarische und kulturpolitische Monatszeitschriften — »al-Dschadid« (Das Neue) und »al-Ghad« (Das Morgen) — bemüht.
Nachdem ihm mit dem 1968 erschienenen Erzählband „Sudasijat al-aijam as-sitta“ (Sextett der Sechs Tage) auch über die Grenzen Israels hinaus der literarische Durchbruch gelungen war, legte Habibi 1972 — damals auch Mitglied des Zentralkomitees und des Politbüros der KP Israels — sein Knesseth-Mandat, das er seit 1953 innegehabt hatte, nieder, um sich fortan stärker der literarischen Arbeit widmen zu können. In den folgenden zwei Jahren war er Vertreter der „Rakah“ bei der in Prag erscheinenden Zeitschrift »Probleme des Friedens und des Sozialismus«.
In dieser Zeit vollendete Habibi seinen ersten Roman „al-Mutascha’il“, [3] dessen erstes Buch bereits 1972 in Fortsetzungen in »al-Ittihad« veröffentlicht worden war. 1980 folgte das Theaterstück „Luka’ ibn Luka’“ (Luka, Sohn des Luka), 1985 der Roman „Ichtija“ (Skandal) [4] und 1991 der weitgehend autobiographische Roman „Saraja bint al-ghul“ (Saraja, Dämonentochter).
„Der Peptimist“
Als Hauptwerk Emil Habibis gilt nach wie vor der Roman „al-Mutascha’il“, dessen Titel eine Wortschöpfung des Autors ist, in der dieser die Begriffe für Optimist und Pessimist ineinander verschmilzt. Innerhalb der ersten Seiten des Buchs läßt der Autor seinen (Anti)-Helden Said, den Glücklosen, erklären: „Ich kann einen Pessimisten nicht von einem Optimisten unterscheiden und frage mich oft, was ich eigentlich bin, ein Pessimist oder ein Optimist. Wenn ich morgens aufwache, danke ich Gott dafür, daß er mich nicht im Schlaf hinweggerafft hat. Und wenn mich am Tag ein Mißgeschick ereilt, danke ich Gott dafür, daß mir nichts Schlimmeres zugestoßen ist. Was also bin ich, ein Pessimist oder ein Optimist? — Meine Mutter stammt ebenfalls aus der Familie Peptimist.“
Emil Habibis Said erzählt in drei langen Briefen an einen Journalisten sein Schicksal, wobei die Flucht in den Libanon gleich zu Beginn des Romans und die Rückkehr vor der Staatsgründung Israels — rechtzeitig um als israelischer Staatsbürger zu gelten — an die Lebensgeschichte des Autors erinnern. Und doch ist der Roman keine verschlüsselte Autobiographie, denn den Autor muß man eher in der Person des Briefempfängers vermuten.
Said arrangiert sich vorerst im neuen Staat, indem er ein, wenn auch vergleichsweise harmloser Spitzel der neuen Machthaber wird — weil es sich so ergibt und sich ihm unter den neuen Verhältnissen keine Alternativen anbieten. Parallelen zwischen dem naiven Said und Voltaires „Candide“ sind von Habibi durchaus beabsichtigt. Heißt es doch in einem Zwiegespräch: „,Candide ist ein Optimist, du dagegen bist ein Peptimist!‘ — ,Das ist eine Gabe, durch die mein Volk vor allen Völkern ausgezeichnet ist!‘ — ,Dennoch, das ganze sieht nach Plagiat aus!‘ — ,Dafür kannst du doch nicht mich verantwortlich machen, sondern dieses Leben, das sich nicht verändert hat seit jener Zeit, nur daß es das Eldorado inzwischen wirklich gibt auf diesem Planeten.‘“
Und wenige Seiten später läßt der Autor Said sagen: „Ich möchte diesen wundersamen Vergleich zwischen Candide und uns mit den folgenden Worten schließen: Candide, mein lieber Freund, pflegte zu sagen: ,Alles in dieser Welt steht zum Guten, daran ist nicht zu rütteln, wiewohl man zugestehen muß, daß ein wenig Klage durchaus angebracht ist, angesichts dessen, was in der Welt sowohl geistig als auch körperlich geschieht.‘ Mir indessen war es nicht einmal vergönnt zu klagen.“
Der Traum als Hoffnung
Die Briefe von Habibis Helden kommen gewissermaßen aus dem Jenseits. Said ist verschwunden, lebt in einem Zustand der Entrückung durch seinen „außerirdischen Freund“, einer Lichtgestalt, die ihm einst am Fuß des Leuchtturms von Akka — jener Stadt, die zum Symbol islamisch-arabischen Widerstands gegenüber fremden Usurpatoren geworden ist — begegnete.
An einer Stelle erklärt Said: „Ich indessen beschloß, nicht wie meine Vorfahren gebeugten Rückens zu sterben. Schon im zarten Kindesalter versagte ich es mir, vor meinen Füßen nach einem Erlösungsschatz zu suchen. Ich suchte vielmehr in der Höhe danach, im unendlichen All, in diesem ,küstenlosen Meer‘, wie es Muchjiddin Ibn Arabi bezeichnet hatte.“ An anderer Stelle gibt er die Worte seines „ketzerischen Lehrers“ wieder: „Damals, als sie noch dem Denken verpflichtet waren, pflegten die Araber zuerst zu handeln und dann zu träumen, nicht wie jetzt, da sie erst träumen und dann . weiterträumen.“
Saids „außerirdischer“ Retter und Gesprächspartner bringt das Dilemma seinerseits auf den Punkt: „Genau das ist eure Art, so seid ihr. Wenn ihr eure elende Wirklichkeit nicht mehr ertragen und den geforderten Preis für ihre Veränderung nicht aufbringen könnt, weil ihr wißt, daß er enorm ist, dann sucht ihr Zuflucht bei uns.“
Ironisch, bisweilen sarkastisch rechnet hier Habibi mit dem Fatalismus des volkstümlichen Islam ab, demzufolge Gottes Zuwendung auch im Widrigen gesehen werden muß und die Rettung von einem Erlöser erwartet wird.
Der Weg zum Selbstbewußtsein
Der Orientierungslosigkeit, die für das erste Jahrzehnt nach dem Verlust der angestammten Heimat von Habibi angesprochen wird, folgen zwei Phasen hin zu einem nationalen Selbstbewußtsein: die des wilden Aufbegehrens gegen die Unterdrückung und schließlich die wachsende Erkenntnis, sich mit dem Gegner rational auseinandersetzen zu müssen. Dem entsprechen die drei Bücher in Habibis Roman, die jeweils mit einem Frauennamen übertitelt sind. „Juad“ („Sie wird zurückgebracht“) ist der erste, „Bakija“ („Die, die geblieben ist“) der zweite, worauf noch eine „zweite Juad“ folgt.
Überhaupt spielen die Namen in Habibis Werk eine große Rolle, etwa wenn Said seinem Sohn den Namen „Walaa“ („Loyalität“) gibt. Es ist allerdings dieser Walaa, der sich schließlich dem Druck nicht mehr beugen will und gegen die selbstauferlegte Sprachlosigkeit der Eltern aufbegehrt: „Schon als ich in der Wiege lag, habt ihr mein Weinen unterdrückt, und als ich größer wurde und von euch das Reden lernen wollte, bekam ich nichts als Geflüster zu hören. Als ich zur Schule kam, habt ihr mich gewarnt, ich solle achtgeben, wenn ich rede. Als ich erzählte, mein Lehrer sei mein Freund, habt ihr geflüstert: ,Vielleicht soll er dich aushorchen!‘ Und als ich die Geschichte von al-Tantura hörte und sie alle verfluchte, da habt ihr mir ins Ohr geflüstert, ich solle achtgeben, wenn ich rede. Als sie mich verfluchten, hieß es wieder, ich solle achtgeben, wenn ich rede. Als ich mich mit Freunden traf, um zum Streik aufzurufen, sagten auch sie mir, ich solle achtgeben, wenn ich rede. Und schon am frühen Morgen sagtest du mir, ich solle achtgeben, wenn ich rede: ,Du sprichst im Schlaf.‘ Wenn ich im Bad vor mich hinträllerte, schrie mich mein Vater an, ich solle eine andere Melodie singen. Die Wände hätten Ohren, und ich solle achtgeben, wenn ich rede. ,Gib acht, wenn du redest! Gib acht, wenn du redest!‘ Ich möchte endlich einmal nicht mehr achtgeben, wenn ich rede, ein einziges Mal!“
Natürlich ist dies eine Folge der herrschenden Bedingungen, unter denen die in ihrer Heimat gebliebenen Palästinenser leben müssen, verfolgt von Mißtrauen und Repression. Im „Tal der Dschinnen“ erklärt der Erzähler einmal: „Außerdem gibt es in diesem Staat keinen Araber, der nicht von sich selbst eine schlechte Meinung hätte und glaubte, daß sie davon ausgingen, er sei in seinem tiefsten Innern eben doch ein Saboteur, oder daß all der Groll, den er immer spürt, Anlaß böte, ihn — wenn ihnen das zu Ohren kommt oder sie es auch bloß vermuten, worin sie ja Meister sind —, für einen tatsächlichen oder doch einen potentiellen Saboteur zu halten.“
Im Besitz der Sieger
Emil Habibi hat zwar das Schicksal seines „Peptimisten“ als Satire angelegt, doch gefriert mitunter der Witz, wenn es um den Zynismus geht, mit dem die israelische Staatsmacht den im Land lebenden Arabern begegnet. So berichtet Said: „Der Bürgermeister hat uns mitgeteilt, sie hätten ihm gesagt: ,Ihr habt einen Krieg geführt und ihn verloren, ihr und eure Habe seid daher in unseren legitimen Besitz übergegangen.‘ Nach welchem Gesetz sollte ein Besiegter aber sein Recht einklagen?“
Diese Haltung gegenüber den Palästinensern kann sich nur selbst ad absurdum führen. Etwa wenn ein eifriger Staatsdiener von Said, der seine Habseligkeiten in eine neue Wohnung trägt, ein Zertifikat dafür verlangt, daß die Hauseinrichtung tatsächlich ihm gehöre und nicht gestohlen sei. Er verweist darauf, daß diese offenbar aus einem arabischen Haus stamme, und fügt hinzu: „Damit sind sie Staatseigentum geworden.“ Worauf ihm Said entgegnet: „Wir sind doch alle Staatseigentum.“ — Die Lösung des Dilemmas: „Meine Sachen wurden nur dadurch davor gerettet, Staatseigentum zu bleiben, daß wir Jaakub herbeiriefen, der den Beamten davon überzeugte, daß ich selbst Eigentum des Staates sei.“
Es ist beinahe selbstverständlich, daß Said eines Tages im Gefängnis landet. Er kommt auch wieder frei, um nach einiger Zeit festzustellen: „Wer in unserem Land ins Gefängnis kommt, wird zu einem Weberschiffchen: hinein — hinaus, hinein — hinaus.“ Und an anderer Stelle läßt ihn Habibi resümieren: „Mir fällt nur auf, daß Ihre Gefängnisse — nachdem was Sie über die dort geltenden Anstandsregeln dargelegt haben — so voller Menschlichkeit und Barmherzigkeit im Umgang mit den Gefangenen sind, so human, daß sich Ihr Umgang mit uns drinnen eigentlich gar nicht von Ihrem Umgang mit uns draußen unterscheidet, und daß auch wir uns drinnen und draußen eigentlich in nichts unterscheiden. Wodurch werden denn nun die fehlbar gewordenen Araber überhaupt bestraft?“
Als Said gerade wieder einmal nicht im Gefängnis sitzt, wird er eines Tages von Soldaten vor seinem Gemüsestand verhaftet und beschuldigt, er habe seiner Zwangsaufenthaltsverfügung zuwidergehandelt, indem er nach Schafa Amr gefahren sei, um Melonen einzukaufen. „Dieser Akt bedrohe die Existenz des Staates. Denn wer heimlich Melonen transportiere, der transportiere auch heimlich Rettiche. Und Rettiche unterscheiden sich von Handgranaten einzig durch die rote Farbe. Und rot sei, auf jeden Fall, nicht blauweiß.“
Doppelt angefeindet
Emil Habibi selbst kannte nicht nur die Diskriminierung als Palästinenser in Israel, sondern auch die als Kommunist in Israel, wobei die Verbindung Palästinenser — Kommunist von den Machthabern offenbar als Gipfel an subversiver Gefahr betrachtet wird. Deshalb gilt es auch, nach Möglichkeit jeden Kontakt zu verhindern, wie im „Peptimisten“ nicht nur einmal beschrieben wird. Dem Spitzel Said wird unter anderem die Aufgabe gestellt, palästinensische Arbeiter, die sich „in den Klauen der Bauunternehmer“ befinden, „vor den Klauen der Kommunisten zu bewahren.“
Und Habibi brauchte nicht eben seine dichterische Phantasie spielen zu lassen, wenn er bei Gelegenheit einfließen ließ: „Und was anders als Tausendundeine Nacht hätte den Bewohnern jenes kleinen, halb zerfallenen, friedlichen Dorfes in der Nähe von Baka al-Gharbia im kleinen Dreieck wohl helfen können, als man während der Wahlen zur dritten Knesseth (1956, H.R.) zu ihnen kam und ihnen befahl, die Kommunisten mit Gewalt daran zu hindern, Versammlungen im Dorf abzuhalten; andernfalls werde man sie, die Dorfbewohner, mit Gewalt vertreiben und über die Grenze abschieben.“
Im letzten Abschnitt läßt Habibi die „zweite Juad“ Dorfbewohner, die unter einer verhängten Blockade leiden, fragen: „Gibt es denn niemand, der euch hilft?“ Und sie erhält zur Antwort: „Niemand außer den Kommunisten und den Leuten im Kibbuz.“ Wobei die Hilfe der Kibbuznikim keineswegs uneigennützig ist, wie das Gespräch in der Folge zeigt: „,Die Blockade ist noch keine Woche alt, wenn ihre Ländereien sich nach unseren kundigen Händen sehnen. (...) Dann setzen sich die Leute für die Aufhebung der Blockade ein, und wir können zur Arbeit auf ihren Feldern zurückkehren.‘ — ,Warum gerade ihr?‘ — ,Weil es unsere Felder waren. Wir haben sie angelegt und werden sie weiter bebauen. Sie sehnen sich ebenso nach uns wie wir uns nach ihnen. Und diese Neigung haben sie nie zu beschlagnahmen vermocht.‘“
„Skandal“
Auch in Habibis zweitem Roman stehen zwei Frauennamen im Vordergrund: „Ichtija“ („Skandal“), die im arabischen Original Titelfigur ist, und „Sarwa“. In gewisser Weise verkörpern auch sie, wie ihre „Schwestern“ aus dem „Peptimisten“, Palästina. Die geheimnisvolle „Skandal“ zieht schon früh die Aufmerksamkeit der jungen Burschen auf sich, die sich ihr allerdings nur in heimlichen Briefchen nähern können. Eines Tages scheint sie verschwunden und erst spät stellt sich heraus, daß sie die ganze Zeit über da war, nur offenbar seit Geburt gelähmt und stumm. Die, die ihr Geheimnis hätte lüften können, ihre Schwester Sarwa, das lebhafte, hoffnungsfrohe, aufmüpfige Mädchen, stürzt eines Tages ab und stirbt.
Das zentrale Ereignis des Romans ist ein gigantischer Verkehrsstau in der Innenstadt Haifas, der alles lahmlegt, wobei niemand weiß, was ihn tatsächlich verursacht haben könnte. Der Erzähler, ein Journalist bei der Zeitung »Die Union«, war selbst im Stau eingeschlossen, und versucht seinerseits die Ursache herauszufinden, während eine staatliche Untersuchungskommission mit allen möglichen Theorien aufwartet. Der Erzähler gibt sich sogar zu Beginn des Romans zu erkennen, als sich Zeugen finden, die ein „außerirdisches Geschöpf“ als Verursacher des Staus gesehen haben wollen: „Da es das Schicksal wollte, daß ich mit meinem Auto unter den ersten der gedankenverlorenen Fahrer in diesem Gedränge war, erwartete ich, von der für diesen Fall zuständigen Ermittlungsbehörde über diese Hypothese vernommen zu werden, ja, ich erwartete, man werde mich, aufgrund des Außerirdischen in meinem Roman ,Der Peptimist‘, als Kronzeugen einvernehmen.“
Selbstverständlich richtet sich der Argwohn bald auch auf Palästinenser und Kommunisten. Ein junger palästinensischer Anwalt, der mit seinem schicken Jaguar ganz vorn vor der Verkehrsampel gestanden hatte, gesteht schließlich, ohne zu wissen, welchen Verbrechens er überhaupt angeklagt ist. Die Zeitung »Die Union« ergreift für ihn Partei, schreibt, der Anwalt wäre gefoltert worden, worauf dieser wiederum die Zeitung klagt — ein Umstand, der es Habibi ermöglicht, einmal mehr aus dem Vollen zu schöpfen, wenn er die Zeitung sich folgendermaßen rechtfertigen läßt:
Wir appellierten ans Oberste Gericht und argumentierten dort, wir hätten mit unserer Nachricht lediglich den Nationalismus des Anwalts verteidigen und ihn vor der Peinlichkeit bewahren wollen, eine Schuld einzugestehen, die er nicht auf sich geladen hatte; denn wenn er sie wirklich auf sich geladen hätte, wäre es peinlich, unter der ersten Ohrfeige zusammenzubrechen. Doch das hielt der Anwalt des Anwalts für einen Beweis für die Engstirnigkeit der Kommunisten und für ihren ererbten Stalinismus, ebenso für ihre dogmatische Erstarrung und ihre Vorliebe für verbale Possenreißerei statt realistischpragmatischem und schlagfertigem Vorgehen.
Einer der israelischen Richter nimmt die Gelegenheit der Verhandlung wahr, gegen die kommunistische Zeitung zu wettern: „Der Eifer, mit dem die Zeitung »Die Union« bei der Verfälschung der Geschichte des Befreiungskrieges vorgehe, rief er, habe ihn tief getroffen. Dann wörtlich: Was immer ihr auch für Gerüchte verbreitet, niemand hat uns je beschuldigt, wir hätten die Araber von Haifa gebunden in den Golf von Akka geworfen. Wir haben ihnen die Hände freigelassen. Wenn also jemand ertrunken ist, so deshalb, weil er nicht schwimmen konnte (und hier habt ihr nicht das Recht, uns Vorwürfe zu machen) oder weil er keinen Platz in einem Boot fand (und hier habt ihr das Recht, den Engländern Vorwürfe zu machen).“
Es sind aber keineswegs die israelischen Machthaber allein, die Habibi in seinem Werk immer wieder an den Pranger stellt. So wendet er sich im „Peptimisten“ an einer Stelle gegen jene palästinensischen Führer, die — vor allem bis zum Beginn der Intifada — die Rolle der Palästinenser, die in ihrem Land geblieben waren, nicht zur Kenntnis nahmen: „Wer also errichtete die Gebäude und legte die Straßen an, pflegte die Erde und bebaute sie in Israel? Wer anders als die Araber, die in Israel geblieben waren. Ebendiese Araber, die geduldig in dem Teil des Landes geblieben waren, den unser Staat besetzt hatte, fanden in Achmad asch-Schukeiris [5] Reden niemals die geringste Erwähnung.“
Gegen die Anbiederer
Insbesondere nimmt Habibi aber auch jene seiner Landsleute aufs Korn, die sich Liebkind machen wollen, indem sie den palästinensischen Kampf denunzieren. Der „Jaguar-Advokat“ aus dem „Tal der Dschinnen“ etwa zählt zu diesen: „Als sie auf ihn zurückgriffen und ihn nochmals darüber befragten, was er von dem Phänomen des Auftauchens eines vermummten Bewaffneten am hellichten Tag auf der Hechaluz-Straße beobachtet habe, sagte er, er könne die Sache nicht leugnen. — Haben Sie ihn gesehen? — Möglicherweise. — Präzisieren Sie Ihre Antwort! — Einer Sache bin ich ganz sicher, daß er nämlich zur Ablehnungsfront gehörte. — Mißbilligen Sie sein Tun? — Wir sind gegen jedweden Terrorismus, von welcher Seite er auch kommen möge. — Präzisieren Sie Ihre Antwort! — Wir sind gegen diese terroristische Aktion. — Präzisieren Sie Ihre Antwort! — Wir sind gegen diesen bewaffneten, vermummten Palästinenser, der am helllichten Tag in der Hechaluz-Straße aufgetaucht ist.“ — Übrigens haben Personen, Situationen, Aussagen im Werk Habibis vielfach ihr reales Pendant, wenn auch für den nichtisraelischen Leser höchst selten erkennbar.
Ein weiteres Stilelement ist Habibis außerordentliche Lust am Zitieren aus dem Jahrhunderte alten Schatz arabischer Literatur. Sein Anliegen dabei ist, diesen Schatz weiterzugeben, wie ihn früher auch die Geschichtenerzähler tradierten, und ihn als jenes Erbe zu hüten, das nicht konfisziert werden kann. Wenngleich er zweifelsohne auch dieses Erbe nicht unergründet läßt. So heißt es zum Beispiel im „Tal der Dschinnen“ bezüglich der Verschleierung der Frauen:
Wer darauf besteht, diesen Schleier über unsere unverschleierte menschliche Kultur zu senken, hat wahrlich weniger Hirn als ein Esel. Denn unsere Kultur ist das, was uns die Arbeiter und Bauern, nicht das, was uns die gefräßigen und verschlagenen Kalifatsusurpatoren hinterlassen haben. Und die große Mehrheit des Volkes sind die Landarbeiter — Bauern und Bäuerinnen, Taglöhner und Taglöhnerinnen, nackt bis auf einen schmutzverkrusteten Lendenschurz. Was hätte ihnen ein Gesichtsschleier oder ein Kopftuch genützt? Welcher Schleier würde sie vor der sengenden Armut schützen? Selbst die arabische Kuffija hat nie sonst jemand aus dem Volk als nur der Führer, der Kaufmann und der Herr vom Nacken flattern lassen. Die große Mehrheit der arbeitenden Bevölkerung, Männer wie Frauen, band sie fest um den Kopf, um sich gegen die Hitze der Sonne zu schützen und gegen das Feuer der Erniedrigung, das innen an ihren Schläfen brannte.
Die alles entscheidende Frage für Emil Habibi — nicht nur als Schriftsteller und nicht nur als Politiker, sondern ganz allgemein als Araber in Israel — war aber das Sehnen nach der Heimat, in der er doch lebte. Im Erzähler der Kurzgeschichte „Das Mandelbaumtor“ [6] aus dem Band „Sudasijat al-aijam as-sitta“ könnte man durchaus den Autor selbst vermuten, wenn jener abschließend mit Nachdruck erklärt: „Ich gebe sie nicht auf, die Heimat!“
[1] -#Emil Habibi: Das Tal der Dschinnen — Roman aus Palästina, Lenos Verlag, Basel 1993.
[2] -#Emil Habibi: Das Tal der Dschinnen — Roman aus Palästina, Lenos Verlag, Basel 1993.
[3] Emil Habibi: Der Peptimist oder Von den seltsamen Vorfällen um das Verschwinden Saids des Glücklosen, Lenos Verlag, Basel 1992.
[4] Er erschien auf deutsch unter dem obengenannten Titel: Das Tal der Dschinnen.
[5] Achmad asch-Schukeiri aus Akka war der erste Vorsitzende der PLO.
[6] In: Erkundungen, 16 palästinensische Erzähler, Verlag Volk und Welt, Berlin 1983.


