radiX, Texte
 
1996

Neue ökofaschistische Strömungen aus den USA

Eine Lobeshymne auf die US-amerikanische Variante von Blut-und-Boden haben Roman Schweidlenka und Eduard Gugenberger mit ihrem neuen Buch über den Bioregionalismus vorgelegt. Das Autorengespann hat den Schritt von der oberflächlichen New-Age-Kritik zum Ökofaschismus vollzogen.

Mit einer Reihe von Büchern haben die beiden in den 80er Jahre zur kritischen Auseinandersetzung mit der New-Age-Szene beigetragen. Ihr Verdienst bestand vor allem in dem ausgebreiteten Material über die Verbindung von Esoterik und offenem Faschismus, über organisatorische Verflechtungen und Personen. Von Anfang an haben beide keinen Zweifel daran gelassen, daß sie selbst New Ager sind, wenngleich mit antifaschistischem Selbstverständnis. Eine fundierte ideologiekritische Auseinandersetzung war also nicht zu erwarten und fand auch nie statt. Schweidlenka und Gugenberger verharmlosten im Gegenteil den faschistischen Charakter des New Age, indem sie stets bloßen „Mißbrauch“ durch die Nazis unterstellten. [1]

Ihr offen erklärtes Ziel ist eine emanzipatorische Spiritualität. Programmatisch formulierten sie in ihrem vorletzten Buch das Ziel einer Synthese von Mythos und Vernunft. Das Ergebnis konnte demgemäß nur ein esoterischer Biologismus sein: In ihrem Mythenwerk ist ganz unbefangen von „naturvölkischen Lebenszusammenhängen“ die Rede, in denen Mythen ein sinnvolle soziale Ordnung stiften. [2] Wie faschistische IdeologInnen fordern Schweidlenka und Gugenberger die Rückbesinnung auf eine positive heidnische, germanische und keltische Tradition, die „jäh und brutal“ durch die Christianisierung unterbrochen worden sei, den großen „Völkermord“ und „Schatten unserer Vergangenheit.“ [3]

Die beiden Autoren plädieren für ein neues spirituelles Zeitalter und werfen der herkömmlichen New-Age-Bewegung Sabotage vor: „Die New-Age-Bewegung erscheint ... in letzter Konsequenz als kapitalistische bzw. herrschaftlich orientierte Unterwanderung endzeitidealistischer, ökologischer und für das (Über-)Leben regionaler (Stammes-)Kulturen engagierter Strömungen.“ [4] Bekrittelt wird an dieser Fraktion die unpolitische Haltung und das kommerzielle Interesse.

Zwei Jahre später präsentieren Schweidlenka und Gugenberger den Bioregionalismus als neuen Hoffnungsträger. Wie üblich behaupten sie einen wissenschaftlichen Anspruch („Das Biorgeionalismus Forschungsprojekt“), diesmal scheint ihnen aber keine staatliche Förderstelle der Alpenrepublik auf den Leim gegangen zu sein. Schon in der Einleitung mangelt es an dem, was die bürgerliche Wissenschaft sonst für sich in Anspruch nimmt, an der Distanz zum Objekt der Begierde. Der Bioregionalismus wird als „ausgereifteste Frucht der nordamerikanischen Alternativ- und Ökologiebewegung“ gefeiert und den LeserInnen nach einer „kultischen Danksagung“ empfohlen: „Nichts wie rein in den Bioregionalismus.“

Zugute halten muß mensch den beiden, daß sie wiederum soviel Material liefern, daß die LeserInnen die verharmlosenden Urteile widerlegen können. Wo Schweidlenka und Gugenberger kritisieren, geht es um Details. Mangelndes soziales Engagement, Desinteresse und Ignoranz gegenüber Widerstandbewegungen der Schwarzen und IndianerInnen stellen Gugenberger/Schweidlenka fest. Sie räumen ein, daß der Bioregionalismus „als Philosophie und Ideologie autoritäre gesellschaftliche Strukturen nicht ausschließt.“ Zuviel verlangt von New-AgerInnen wäre die Erkenntis, daß dies dem modernen esoterischen Weltbild immanent ist mit seinem Geschwätz von den ewigen Naturgesetzen, denen sich Individuen und Gesellschaft unterzuordnen haben.

In den USA bestehe keine Gefahr der Vereinnahmung, weil die Nazis dort so plump agierten, schreiben die Autoren treuherzig. [5] Vereinnahmen ist das falsche Wort. Da wächst zusammen, was zusammengehört. Im Anhang findet sich ein bioregionalistisches Wörterbuch, in dem es vor rechten Begriffen wimmelt: Carrying Capacity, die ökologische Tragfähigkeit einer Bioregion, mit der population politics, Bevölkerungspolitik, im allgemeinen und Einwanderungsstop im besonderen begründet werden, wenn die climax community, die maximale Einwohnerzahl, erreicht ist. Die ökorassistische Bevölkerungspolitik ist für das Mythologen-Duo immerhin eine „nicht unproblematische Sache“, während das verdächtige Wort „bioregional militia“ nicht weiter reflektiert wird. Nach dem faschistischen Bombenattentat von Oklahoma berichtete selbst die europäische Bürgerpresse über die faschistischen Militias in einer Reihe von US-Bundesstaaten. Auch die identische Stoßrichtung gegen den US-Bundesstaat und für regionalistischen Seperatismus übergehen Schweidlenka und Gugenberger stillschweigend.

„Bioregionalismus bedeutet, daß Menschen, die an einem Platz eingeboren sind, ein Erstrecht dort haben“ formuliert der US-Tiefenökologe Peter Berg in einem Interview [6] mit Schweidlenka und Gugenberger das Pendant zum faschistischen Recht auf Heimat. Berg sieht — im Jahr 1994 im Rahmen einer vom US-Informationsservice organisierten Tournee in Europa — eine Reihe von Staaten bereits in die „Dezentralisierungsphase“ eintreten, etwa Frankreich, Italien, Großbritannien und Spanien sowie Jugoslawien und Rußland, in denen völkisch begründete Metzeleien und ethnische Säuberungen stattfinden. Bergs simple ethnopluralistische Erklärung lautet, daß „(...) die Menschen wieder mehr an die Plätze (denken), an denen sie leben, an ihr Langzeiterbe.“

Und Schweidlenka und Gugenberger fabulieren in einem Kapitel mit der Überschrift „Global denken: Die bioregionalistische Weltrevolution“ über „Länder, die bis dahin von den Herrschaftsstaaten in den gesellschaftlichen Niedergang getrieben worden waren.“ Zu den angeblich besonders unterdrückten Bioregionen Europas zählen sie die „keltischen Randregionen“, sowie das Elsaß, Katalonien und Norditalien. In der letztgenannten Bioregion kämpft bekanntermaßen seit Jahren die tiefenökologische Lega Nord für spirituelle Selbstbestimmung von süditalienischen Schmarotzern.

Bioregionalistische Heimattümelei und faschistischer Ethnopluralismus, d.h. eine völkisch begründete Abschottung von Menschen in verschiedenen Staaten, sind identisch. Die BioregionalistInnen wenden den Ethnopluralismus bloß ins Provinzielle. So schreibt Michael Helm, Herausgeber der US-Zeitschrift „Raise the Stakes“: „Die liberale Auffassung einer universellen Identität, daß der Mensch ein abstraktes Mitglied der Welt ist und auf jedes Gefühl für das Lokale oder den“Provinzialismus„verzichten soll, hat ausgedient. Die Menschen erkennen, daß sie nur etwas Echtes teilen können, wenn ihre Identität in spezifischen Plätzen verwurzelt ist ...“ [7]

Ein deutscher Bioregionalist drückte den gleichen Gedanken vor einigen Jahren folgendermaßen aus: „Ökologie öffnet uns die Augen dafür, daß Völker nicht nur menschliche Komplexe darstellen, die durch Sprache, Verhaltensweise, Kultur und Geschichte zu einem Ganzen zusammengewachsen sind, sie sind auch in ihrem Werden und ihrer unverwechselbaren Eigenart geprägt durch den Boden, aus dem sie wuchsen, durch den Raum, der sie umfängt. (...) Nicht nur die Natur muß vor einer ökologischen Überbeanspruchung geschützt werden, auch der Mensch kann in einem eingeengten Umraum nicht gedeihen und schließlich müssen auch die“autochthon„, d.h. aus ihrem Umraum gewachsenen und in ihrer Eigenart zu verstehenden Völker vor ihrer Entfremdung — der ihnen angeborenen Eigenart gegenüber — geschützt werden.“

Wer hier sein Ökologieverständnis kundtut, ist Werner Haverbeck vom Weltbund zum Schutz des Lebens (WSL). [8] US-Bioregionalismus ist nichts weiter als eine Neuauflage des alten faschistischen Konzepts von Umweltschutz als Völkerschutz. Der Unterschied reduziert sich auf die US-spezifische Wildnisromantik und daß deutsche ÖkofaschistInnen an der Bezugsgröße Nation festhalten.

Schweidlenka und Gugenberger wettern gegen eine kapitalistische Welt-Monokultur („Coca-Colonisation“) und schreiben: „Bioregionalisten sind überzeugt, daß die Zerstörung bioregionaler Identität mit gleichzeitiger Einebnung kultureller und ethnischer Unterschiede zu einer globalen Vermassung in einer seichten, von den großen kapitalistischen Zentren beherrschten Welteinheitszivilisation führt, die wurzellose, heimatlose und in letzter Konsequenz nicht mehr verantwortungsfähige Menschen erzeugt.“ Insofern loben sie den Bioregionalismus, weil er „(...) gegen den Ausverkauf der Heimat (steht)“ und entschuldigen den gewöhnlichen Nationalismus als verfälschtes Bedürfnis, zu den „natürlichen kulturellen Wurzeln zurückzukehren.“ [9] Vermassung, Einheitszivilisation und Wurzellosigkeit gehören seit Jahren zu den Schlagworten jener sogenannten „Neuen Rechten“, die vorbelastete Begriffe wie Rasse, Rassenreinheit und Rassenschande vermeiden wollen.

Daß nicht nur sprachlich wenig Berührungsängste existieren, zeigt eine Veröffentlichung Schweidlenkas in der Esoterik-Zeitung „Die andere Realität“. Dort warb er 1995 auf der Titelseite für Tiefenökologie, Bioregionalismus und indianische Spiritualität. Daneben war ein Artikel über die jüdisch-bolschewistisch-kapitalistische Weltverschwörung unter Führung von Freimaurern und Rothschild abgedruckt. [10]

Wie sehr die beiden ehemaligen New-Age Kritiker der sanften Verblödung verfallen sind, dokumentiert das Bioregionalismus-Buch. Wir finden ein „bioregionales Quiz“ mit Fragen wie: „In wie vielen Tagen ist Vollmond? (Du darfst dich um zwei Tage irren.)“, „Wann ist die Hirschbalz, und wann werden in Deiner Gegend die jungen Tiere geboren?“, „Nenne fünf Sträucher Deiner Region. Sind das einheimische Gehölze?“ Das Lernziel ist, „das Bewußtsein der Menschen für ihre Heimat, ihren Lebens-Platz zu sensibilisieren.“ [11]

Einige Seiten später folgt ein Schaubild über die Wurzeln des Bioregionalismus mit der Unterschrift: „Eine Durchgabe von Albert Einstein, gechannelt durch D.Eduard Gugenberger. Empfangen während einer Visionssuche auf dem Ötscher, Mai 1995.“ [12] Die Verwendung des Hakenkreuzes in der neuheidnischen und Hippie-Szene wird als „nicht unproblematische“ Wiederaneignung von Naturreligionen verharmlost. [13] Das Buch aus dem Packpapier-Verlag ist obendrein gespickt mit Werbung für esoterische Kurse mit Schweidlenka, für Fasten, Qi Gong, Radiästhesie, Märchen und Sagen, Verkauf von Alpenblütenessenzen. Die Attacke auf die etablierte New-Age-Szene von wegen Kommerz erweist sich als kleine Spitze gegen die Konkurrenz. Daß auf die erste bioregionalistische Weißwurstbude des planetarischen Ökosystems in München hingewiesen wird, zeigt, daß wenigstens der Veganismus kein Dogma ist.

[1vgl. Peter Kratz, Die Götter des New Age, Berlin, 1994, S.21, S.31, S.87f., S.194, S.204f.

[2vgl. Gugenberger/Schweidlenka, Die Fäden der Nornen. Zur Macht der Mythen in politischen Bewegungen, Wien, 1993, S.18, S.26f.

[3vgl. ebd., S.40

[4zit. ebd., S.308

[5vgl. Gugenberger/Schweidlenka, Bioregionalismus. Bewegung für das 21.Jahrhundert, Packpapier-Verlag, 1995, S.102

[6zit nach Schweidlenka/Gugenberger, Bioregionalismus, S.182

[7zit ebd., S.149

[8zit. Haverbeck, Ökologie und Ökumene. Lebensschutz ist Menschenschutz und Völkerschutz, 1983, in der Zeitschrift Mut. NS-Mitglied Haverbeck war 1933 bis 1935 Leiter des Reichsbundes Volkstum und Heimat, nach 1945 Pfarrer der anthroposophischen Christengemeinschaft, Mitglied des WSL (gegründet 1960), Präsident des WSL, 1980 Mitunterzeichner des rassistischen Heidelberger Manifestes.

[9zit. ebd., S.150

[10vgl. Schweidlenka, Die Hüter der Erde, in: Die andere Realität, Nr.4/1995

[11zit. Schweidlenka/Gugenberger, Bioregionalismus, S.19f.

[12zit. ebd., S.28

[13vgl. ebd., S.141

Erschienen in Ökolinx Nr. 23.

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