Weg und Ziel, Heft 4/1996
Oktober
1996

Heinz Jung (1935-1996)

Heinz Jung (1935-1996)

Bekannt war mir Heinz Jung seit Anfang der siebziger Jahre — als marxistischer Wissenschaftler und Publizist, als, neben Jupp Schleifstein, bedeutendster Kopf des Instituts für Maxistische Studien in Deutschland, ab 1981 dessen Leiter.

Heinz Jung versuchte als einer der ersten die ganze Tragweite des Untergangs des realen Sozialismus in Osteuropa aus Marxistischer Sicht zu erfassen; sein „Abschied von der Realität“, eine Art politisches Tagebuch über die Zeit zwischen dem Sommer 1989 und dem Herbst 1990, noch 1990 erschienen, wiederspiegelt den schmerzhaften Prozeß, in dem sich sein Abschied auch von — „Neuerern“ wie „Konservativen“ durchaus gemeinsamen — Hoffnungen auf und Illusionen über einen im Zeichen von Perestroika und Glasnost a la Gorbatschow erneuerten Sozialismus vollzog.

Daß Heinz Jung trotz seiner in diesem Buch formulierten Einsichten, seiner schonungslosen Kritik am „Gorbatschowismus“, Ende 1990 der PDS beitrat, mag vielen als Inkonsequenz erscheinen.

Vor allem war Heinz ein Wissenschaftler, der eingreifen, verändern wollte; die „Einheit von Wahrheits- und Veränderungsanspruch“ kennzeichnete nicht nur das Leben Josef Schleifsteins, wie Heinz Jung über sein großes Vorbild schrieb, sondern auch sein eigenes. Und da mochte ihm eine immerhin nach Hunderttausenden Mitgliedern und Anhängern zählende PDS, an der sich zudem das Gros seiner jahrzehntelangen wissenschaftlichen Gesprächspartner aus der früheren DDR orientierte, als fruchtbareres Wirkungsfeld erscheinen als die damals noch weitgehend mit sich selbst beschäftigte Rest-DKP.

Heinz versuchte nie, seine organisationspolitische Option für andere zum Maßstab zu machen. Mit unverhohlener Freude registierte er Erfolge der DKP auf dem Weg zur Konsolidierung (und trug das seine dazu bei, indem er sich zum Beispiel der Karl-Liebknecht-Schule als Referent zur Verfügung stellte. In den letzten Jahren absorbierte der Kampf um das Gelingen und die Verbreitung der Zeitschrift »Z« einen Großteil seiner Arbeitskraft.

Für eine „Option“ mancher früherer Weggefährten freilich hatte er nur Spott und Verachtung übrig: für den Rückzug ins „Private“ und die Unterwerfung unter den Zeitgeist. Kapitulation war nicht seine Sache.

Klug und beharrlich bemühte er, der ja nicht nur ein hervorragender Wissenschaftler, sondern auch ein glänzender Wissenschaftsorganisator war, sich immer wieder, die gebeutelte und zersplitterte marxistische Linke zu einem fruchtbaren Dialog zusammenzuführen.

Ausschnitte aus einem Nachruf von Hermann Kopp aus »Unsere Zeit«.

Eine Nachricht, ein Kommentar?
Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)