Gespreizter Schnickschnack
Ich muß die »Weg und Ziel«-Redaktion enttäuschen. Nach der Lektüre des Schandl-Artikels „Ambivalente Notizen zum historischen Subjekt“ (in »Weg und Ziel« 3/1996) gestehe ich, mich außerstande zu sehen, darauf zu antworten. Wiewohl ich Schandl hier und da schätzen gelernt habe, im vorliegenden Fall ist mein Urteil: Gespreizter Schnickschnack in himmlischer Höhe.
Dazu diese Bemerkungen:
- Wenn ein Autor vom „Menschen“ im Kollektivsingular (Der Mensch) spricht, ist er weit hinter das Erreichte gefallen. Was zur Idee der „Subjektwerdung“ etc. bislang zu sagen ist, hat die Kritische Psychologie ernsten Angedenkens gesagt. Ich wundere mich, daß Schandl sein Unwissen so schamlos spazieren führt. Eine Kategorie wie die der „gesellschaftlichen Individualitätsform“ hätte ihm manche Leerformelei erspart.
- Wenn ein Autor dermaßen unbedarft über „revolutionäre Politik“ redet, so kann man ihm nur seinen Mangel an Erfahrung zugute halten. Erfahrung im emphatischen Sinne? Dazu kommt, es ist als hätte der gute Schandl nie die Deutsche Ideologie gelesen, worin die Idee des Antipolitischen skizziert ist. Ein weiteres Mal wundere ich mich, daß Schandl sein Unwissen dermaßen schamlos spazieren führt. Es gäbe gute Gründe, noch einmal zu tun, was wir in Wien 1992/93 schon einmal, im leider zu kleinen Kreis, getan haben: ein Intensivseminar über die Nuancenunterschiede zwischen „Das Politische“, „Die Politik“ und „Der Staat“ zu veranstalten.
- Was den Zusammenhang zwischen „Klassen“ und „Politiken“ anlangt, so bin ich nicht klüger als zu Zeiten der Veröffentlichung von „Angebetet und Verworfen“ (1992). Aber so klug sind wir damals gewesen, einen solchen Satz, wie ihn Schandl hingeschrieben hat: „Erstmals tritt der Mensch auf den Plan“ nicht aufs Papier zu bringen. (Vgl. Kröll/Wammerl in der Rubrik „Marxismus in Diskussion“ in diesem Heft.)
Über Klassen und Politiken ist zu streiten. Schandls „Mensch“ mag für UNO-Resolutionen taugen, für das Begreifen dessen, was los ist und statt hat, gibt er nichts her.
Alles in allem: Schandls „Ambivalente Notizen“ greifen für meinen Geschmack nicht nur zu hoch im Jargon, sondern vor allem zu kurz in der Sache. So kann ich nur meine Hilf- und Ratlosigkeit bekennen. Eine Debatte für Klasse, Subjekt und Politik in »Weg und Ziel« müßte im Voraus besser unterfüttert sein. Mein Tip vom Rande her: ein vernünftiges Seminar über Subjects und Politics.


