Geschichte als Fortschritt
Die Überschrift für sich mag schon eine Provokation sein, vor allem nach all den Intonierungen sowie Abgesängen, die der Fortschritt in diesem Jahrhundert aushalten mußte. Gerade aber in Zeiten wie diesen, ist es notwendig, sich den Grundsätzen emanzipatorischer Theorie neuerlich zu stellen, sich den postmodernen Auflösungstendenzen entgegenzusetzen, die unmittelbaren Verhältnisse im größeren Zusammenhang zu betrachten, nicht sachlich zu entkoppeln, sondern aufzuladen und zu verinhaltlichen.
Das soll hier — vorerst einmal — in größtmöglicher Abstraktion geschehen.
In der folgenden Analyse geht es darum, zu zeigen, wie Geschichte sich qualitativ aus der menschlichen Entwicklung heraushebt, einerseits dieser integriert bleibt, andererseits sich aber auch von ihr differenziert. Geschichte hat Entwicklung zur Bedingung, aber Geschichte ist mehr und weniger als Entwicklung. Weniger ist sie, weil sie Entwicklung quantitativ verdünnt, mehr ist sie, weil sie Entwicklung dadurch qualitativ bestimmt.
Geschichte wird beschrieben als das Besondere am Allgemeinen, das über dieses selbst Hinausgehende und Fortschreitende. Geschichte und Fortschritt sind so gesehen eins, wobei Fortschritt nicht als positive, gar affirmative Größe erscheint, sondern als kritische Kategorie, die kein Bekenntnis abverlangt, sehr wohl aber die Erkenntnis aufdrängt, daß jener als ehernes Prinzip Geschichte konstituiert. Fortschritt sagt lediglich, daß die Menschheit nicht beharrend bei sich bleibt, sondern den Kreislauf der ersten Natur durchbrechen konnte. Beide, Fortschrittsglauben und Fortschrittsnegation greifen aber zu kurz. Zumindest, wenn man die Fragestellung so auflöst, wie es hier vorgeschlagen wird.
Begriff und Selektion
Damit Geschichte ihren Teil aus der Welt gewinnt, bedarf es der Selektion. In der historischen Forschung werden bestimmte Schablonen angelegt, um zu spezifischem Wissen, zu historischen Erkenntnissen zu gelangen. Gegenstand der Geschichte ist:
- das Irdische;
- das Menschliche (Außernatürliche);
- die Vergangenheit;
- die Dokumentation in der Gegenwart;
- die Relevanz.
Geschichte kann nur sein, was diesen Kriterien zugängig und zuträglich ist. Geschichte meint Menschheitsgeschichte, nicht Naturgeschichte. Es ist nicht die Natur, die uns zwingt, den Menschen besonders zu beachten und zu beschützen, sondern die Kultur. Unsere Sorge und unsere Sorgfalt gilt so auch primär der menschlichen Kultur in ihrer zeitlichen Dimension, dem Besonderen, nicht der menschlichen Natur, dem Allgemeinen. Der zentrale Faktor der Geschichte ist der Mensch. Geschichte kennt Subjekte, Natur kennt nur Objekte. Wobei kennen schon zuviel des Guten ist; Natur tut können, nicht kennen!
Aus dieser Sonderstellung folgt: Geschichte ist anthropozentriert. Die Alternative zum gegenwärtigen Anthropozentrismus ist nur ein anderer. Dieser wird sich unterscheiden von der für die zweite Natur typischen Rigidität und Maßlosigkeit, die unzweifelhaft für die permanente menschliche Repulsion von der ersten Natur notwendig gewesen ist. Ökologische, soziale und animalische Katastrophen zeigen jedoch nicht nur an, daß diese Repulsionskraft erschöpft ist, sondern geradezu zerstörerisch geworden ist. (Darin liegt auch die tiefe Berechtigung der Tierschutzbewegung, so obskur sie auch daherkommt.)
An der ontologischen Differenz zwischen Mensch und Anderem wird festgehalten werden. Der Anthropozentrismus wird nur anderer Kultur sein. Ein Muster der Auflösung, das Viren und Bakterien, Lanzettfischchen und Mücken, Ratten und Rinder, Motten und Menschen gleiche Ansprüchlichkeiten und Notwendigkeiten einräumt (abgesehen davon, daß nur menschliche Inszenierungen zu solchem „fähig“ sein würden), sie gleich gültig setzt, ist entschieden abzulehnen und zu bekämpfen. Ein universeller Relativismus ist gleichgültig gegenüber der Spezies Mensch, kurzum menschenfeindlich.
Der Mensch hat Möglichkeiten, während die Natur ihren Notwendigkeiten gehorcht. [1] Geschichte kennt so den Willen, Natur kennt nur ein willenloses Einander. Der Menschen Selbstgestaltung ist mehr als Selbsterhaltung. Die zweite Natur ist die endliche Geschichte (eigentlich: Vorgeschichte) der menschlichen Versuchung wider die Natur. Der Mensch wird vom Geschöpf der Evolution zu ihrem Schöpfer. Zumindest Mitschöpfer. „Die universal entwickelten Individuen, deren gesellschaftliche Verhältnisse als ihre eignen, gemeinschaftlichen Beziehungen auch ihrer eignen gemeinschaftlichen Kontrolle unterworfen sind, sind kein Produkt der Natur, sondern der Geschichte“, [2] schreibt Karl Marx in den Grundrissen. Das ist die fruchtbare wie furchtbare Wirklichkeit der Menschwerdung. Hier gibt es kein Zurück.
Das Gewesene und das Gewonnene
Das Historische ist nicht das Gewesene, sondern das Gewonnene. Geschichte meint qualitative Veränderung in der Zeit. Geschichte ist das Besondere der Transformation, das Hervorzuhebende, das Bestimmende. Geschichte ist nicht mit der Vergangenheit, auch nicht mit der aufgearbeiteten Vergangenheit zu verwechseln. Geschichte meint eine Vergangenheit bestimmter Qualität. Die Vergangenheit ist bloß das Forschungsfeld, nicht aber der Forschungsgegenstand der Geschichte. Aus ihm ist das Material, aus dem die Geschichtsforschung Geschichte macht. Geschichte ist das Produktive der gesellschaftlichen Entwicklung, nicht das Reproduktive. Sie ist also das, was die Potenz hat, aus sich zu gehen, nicht bloß in sich zu verharren.
Wirkung und Erinnerung
Wirkung und Erinnerung sind bestimmende Größen der Geschichte. Ein erster normativer Begriff von Geschichte könnte in etwa so lauten: Geschichte soll sein, was gesellschaftliche Wirkung ist. Geschichte ist das, was menschliche Erinnerung sein soll.
Geschichtsschreibung ist die Benennung und Gewichtung der historischen Entwicklungsprozesse. Sie sollen zueinander, sowie zum Ganzen in Beziehung gesetzt werden. Das ist der Anspruch, der freilich nie zur Gänze eingelöst werden kann, der jedoch die Meßlatte jeder historischen Arbeit ist.
Geschichte ist eine Rekonstruktion, das heißt eine Konstruktion von Vergangenem unter spezifischen Gesichtspunkten, die, von ihrem zeitlichen Horizont rückwirkend projiziert: „Die Geschichte ist Gegenstand einer Konstruktion, deren Ort nicht die homogene und leere Zeit, sondern die von Jetztzeit erfüllte bildet“, [3] schreibt Walter Benjamin. Oder Louis Althusser: „Jede Wissenschaft mit einem geschichtlichen Objekt (...) bezieht sich auf ein gegenwärtig gegebenes geschichtliches Objekt, das zum Resultat der vergangenen Geschichte geworden ist. Jede Erkenntnistätigkeit ist also, indem sie vom Gegenwärtigen ausgeht und sich auf ein gewordenes Objekt bezieht, nichts anderes als die Projektion der Gegenwart auf die Vergangenheit dieses Objekts.“ [4]
Die historischen Quellen durchlaufen das Wissen der Gegenwart, bezüglich der Fakten heißt das ein Wissen, das zum Zeitpunkt des zu untersuchenden Prozesses Zukunft gewesen ist, in seiner Konkretion unvorhersehbar. Geschichte meint die dokumentarische Reflexion der Menschen über ihre Vergangenheit.
Geschichte darf nicht in der Fülle der Geschichten ertrinken. Geschichte ist das Hervorragende, das für das Allgemeine von determinierender und dominierender Bedeutung ist. Geschichte ist ein Destillat des Gewesenen. Das Charakteristikum der Geschichte gegenüber der Vergangenheit ist, daß jene in relevantem Ausmaß auch dageblieben ist. Geschichte meint das Bleibende der Vergangenheit, das Dasein des Vorbeiseins. Nicht alles Geschehen(e) wird also Geschichte. Geschichte ist nicht Vergangenheit, sie ist eine besondere, bestimmte und/oder bestimmbare Vergangenheit. Nicht alles, was war, ist Geschichte gewesen. Geschichte meint den spezifischen Rückblick und hat das Wissen der Gegenwart.
Objektive und subjektive Geschichte
Schon Hegel deutete eine Differenzierung in objektive und subjektive Geschichte an: „Geschichte vereinigt in unserer Sprache die objektive sowohl als subjektive Seite und bedeutet ebensogut die historiam rerum ge- starum als die res gestas selbst; sie ist das Geschehene nicht minder wie die Geschichtserzählung.“ [5] Ähnlich auch Günther Anders, der Geschichte „wiederum nicht nur als die Nacherzählung des Gewesenen („narratio rerum gestarum“), auch nicht nur als Erinnerung an das Gewesene („memoria rerum gestarum“), sondern vor allem als das Geschehen selbst („res gestae“)“ [6] verstanden haben will.
Auch wir wollen an dieser Unterscheidung festhalten, ja sie noch ausbauen: Der objektive Begriff versteht Geschichte im Sinne von Wirkung, der subjektive Begriff versteht Geschichte im Sinne von Erinnerung. Wirkung und Erinnerung können nicht identisch sein. So gibt es zwei historische Auswahlkriterien aus der Vergangenheit, die objektive, das heißt wie die menschliche Entwicklung sich selbst ausbreitet und die Gesellschaft bestimmt und die subjektive, durch Geschichtsforscher und andere vorgenommene Interpretation des historischen Materials.
Es gibt daher auch keine Ge- schichtslosigkeit, sondern bloß eine Ungeschichtlichkeit. [7] Letztere meint das Unvermögen, subjektive Geschichte, Erinnerung und Kenntnis von Vergangenem zu haben. Sie baut auf Ignoranz oder Verweigerung. Geschichtslosigkeit hingegen kann es nicht geben, weil sich der objektiven Geschichte niemand entziehen kann, die wirkliche Welt ja nur Folge dieser ist. Objektiv ist Geschichte als Sich-uns-Vorgebende. Das muß übrigens deutlich vom Anspruch an das Subjekt, zum Beispiel den Historiker, objektiv zu sein, unterschieden werden. Diese Objektivität liegt außerhalb seiner Möglichkeiten. Das Subjekt kann nicht objektiv sein, das Objekt schon. Die Wirklichkeit kennt zweifellos eine Objektivität, die Wahrheiten (von den Unwahrheiten ganz zu schweigen) von ihr kennen strenggenommen keine.
Der Historiker als Verweser
Je unbedeutender das Vergangene ist, desto geringer ist seine Chance, Geschichte zu werden. So könnte eine Regel lauten, die freilich durch die Vorlieben der Historiker, durch die intellektuellen Traditionen, und in noch stärkerem Ausmaß durch die Herrschaftsverhältnisse der verschiedensten Gesellschaften andauernd durchbrochen wird.
Subjektive Geschichte ist festgehaltene Erinnerung. Sie steht im Gegensatz zum Vergessen-Werden. Ihre Stärke ist die Äußerung, sie wird als Erfahrbares und Bekanntes verstanden, wird zum Allgemeingut. Nur der geäußerte Gedanken kann sich sozialisieren, nicht der verinnerlichte. Das Innen muß nach außen: „Die Kraft des Geistes ist nur so groß als ihre Äußerung, seine Tiefe nur so tief, als er in seiner Auslegung sich auszubreiten und sich zu verlieren getraut.“ [8]
Den Historiker interessiert nicht die Vergangenheit an sich, sondern die Geschichte für uns. Das Instrument des Historikers ist nicht das Skalpell, er hat nicht das Vergangene zu sezieren, er hat nicht herauszuschneiden, sondern das Besondere am Allgemeinen hervorzuheben und das Allgemeine am Besonderen herauszuarbeiten, er soll nicht Teile präsentieren, sondern das spezifische Wesen des Gewesenen anhand seines Gegenstands aufbereiten. Der Historiker ist der Verweser der Geschichte.
Unerreichbar bleibt das Ideal, das von einer Verschmelzung von subjektiver und objektiver Geschichte ausgeht. Subjektive Geschichte wirkt mehr auf das Denken nach, objektive Geschichte mehr auf das Dasein der Menschen. Objektive Geschichte ist weniger faßbar, obwohl ihre Wirkungen deutlich spürbar sind. Geschichte ist so nicht mit dem identisch, was Historiker (und verwandte Wissenschafter) schreiben und dokumentieren, aber es gibt auch wiederum keine gewußte Geschichte außerhalb dieser festgehaltenen Prozesse und Ereignisse.
Die Ergebnisse der Geschichtsforschung sind konstituierend für die subjektive Geschichte, sie sind aber nicht mit der objektiven Geschichte ident. Geschichte ist ohne Geschichtsforscher möglich, nicht aber die Geschichtsschreibung. Nicht alles, was in die Geschichtsforschung eingeht, ist objektive Geschichte. Dieser Geschichtsbegriff ist ein qualitativer, der sich jedoch einer näheren Kategorisierung entzieht.
Mehr und weniger
Geschichtswissenschaft ist mehr und weniger als Geschichte. Mehr ist sie, weil sie auch historisch Belangloses und Irrelevantes dokumentiert bzw. historische Fakten — wie wir noch zeigen werden — unter einem zeitlichen Relevanzverlust leiden und somit aus der Güteklasse des historischen Materials herausfallen können.
Die Geschichtswissenschaft ist weniger als Geschichte, weil sie nicht alles, was tatsächlich für die menschliche Entwicklung (womit selbstverständlich das Kollektiv oder ein bestimmtes Kollektiv, nicht jedoch jedes einzelne Individuum gemeint ist) relevant war, gespeichert hat und auch nicht gespeichert haben kann. Die Geschichtswissenschaft weist einerseits über die objektive Geschichte hinaus und bleibt andererseits hinter ihr zurück.
Subjektive Geschichte bedarf der Geschichtsschreibung. Sie spiegelt die Dialektik zwischen Historiker und Material wieder. Wird etwas nicht dokumentiert, geht es, unabhängig von seiner Bedeutung, verloren. Nicht de facto, aber für das Wissen. Was für das Wissen verloren ist, muß aber noch lange nicht für die Welt verloren sein. Es bleibt Wirkung, ohne Erinnerung zu sein. Der Wissensverlust, von dem wir hier sprechen, darf nicht mit dem historischen Relevanzverlust verwechselt werden, auch wenn beide manchmal übereinstimmen oder zumindest korrespondieren.
Die Hauptaufgabe des Historikers besteht nicht im Aufspüren dieses oder jenes Details, sondern vielmehr im Erkennen der großen Züge der Entwicklung an dem behandelten Material. Gerade der Hang zur Vollständigkeit ist eher eine Belastung für Forscher und Rezipienten. Emsigkeit kann somit nur eine sekundäre Tugend des Historikers sein, manchmal kann sie vollends zum Laster werden, die ihn und sein Publikum im Meer der Empirie zu ersäufen droht.
Geschichte meint ja nicht Wissensanhäufung, sondern ein mit theoretischen Kriterien hervorgebrachtes selektives Wissen, das zur Erkenntnis der Vergangenheit beiträgt. Besonders gefährlich wird diese Wissensanhäufung, diese Überfrachtung mit Fakten dann, wenn Wissen unterschiedlicher Qualität unkommentiert, ungeordnet und unreflektiert nebeneinander zum Stehen gebracht wird, sodaß der Leser Wesentliches von Vernachlässigbarem, Wichtiges von Beiläufigem nicht mehr unterscheiden kann. „Geschichte ist also ein Auswahlprozeß nach dem Gesichtspunkt der historischen Bedeutung.“ [9]
Gewordenes und Werdendes
Die Geschichtswissenschaft unterscheidet sich von anderen Wissenschaften durch ihr Forschungsfeld. Die meisten Wissenschafter stellen dar und vor, was ist, während der Historiker vorstellt, was war bzw. was relevant gewesen ist. Das heißt er stellt etwas vor, was anders ist, als das, was ist. Unwillkürlich erscheint die Welt als etwas Gewordenes und Werdendes. Diese Erkenntnis, daß es einmal anders war, als es heute ist, läßt auch den Schluß zu, daß es einmal anders sein wird als es heute ist.
Wer Entwicklung seriös erklärt, muß die Kritik des Neuen am Alten und die Momente seiner Durchsetzung benennen. Woraus folgt, daß Zukunft nicht die verlängerte Gegenwart sein kann, auch sie wird ihre grundsätzlichen Brüche und Unterscheidungen vom Heute, von ihr aus gesehen, dem Gestrigen, vornehmen. Das Ende der Geschichte, sooft es auch ausgerufen werden mag, ist eine Eskamotierung der Zukunft und somit Herrschaftsideologie par excellence. Nur die Abschaffung der Menschheit würde ein Ende der Geschichte garantieren, alles andere ist Quatsch.
Die Aufgabe, objektive Geschichte aus der Wirkung in die Erinnerung zu holen, ist Anspruch und Überforderung in einem. Niemand kann wiedergeben, was vorbei ist. Was einmal war, wird nie wieder sein. Das Gewesene ist in seiner spezifischen Wirklichkeit nicht mehr rückhol- bar. Die Herausforderung liegt vielmehr darin, angereicherte und vollständige, in sich stimmige Geschichtsbilder zu entwerfen. Das Publikum soll sich etwas vorstellen können, das dem Wesen des Gegenstandes gerecht wird.
Rekonstruktion und Bearbeitung
Geschichtsschreibung ist Rekonstruktion von Vergangenem. Niederschreiben (Filmen, Ordnen, Aufnehmen, Archivieren etc.) kann man nur eine Vorstellung von Vergangenem, niemals das Vergangene selbst, das ja stofflich durch seine (gewesene) Realität einen ganz anderen Charakter haben muß als das Geschriebene (Dokumentierte) in der Wiedergabe. Die Wiedergabe mag originell und den Ansprüchen adäquat sein, sie kann jedoch nie original sein. Original ist nur die Wirklichkeit. Die Vergangenheit ist weder haltbar, noch behaltbar. Nicht das Vergangene an sich ist über die Geschichtsforschung vermittelbar, sondern bloß ein Bild des Vergangenen. Diese Imagination bedarf des Planes, der Hypothese, der Konstruktion, kurzum entobjektivierender Beigaben. Diese verwirklichen sich unabhängig irgendwelcher Vorsätze.
Geschichte muß wie jedes Geschichterl erklärenden Charakter haben. Sie hat mehr zu sein als eine Chronik, sie ist mehr als bürokratisches Vermerken, mehr als unkontrolliertes und zufälliges Archivieren von Gestrigem. Geschichte meint Bearbeitung der Vergangenheit. Sie ist keine Nacherzählung, sondern eine Inhaltsangabe, eine spezifische Aufbereitung des Geschehens. In ihr wird ein Ablauf rekonstruiert, wie er für den Historiker relevant ist, strenggenommen aber nicht, wie er wirklich gewesen ist. Das ist übrigens kein Nachteil. Die Realität als tatsächliche Konkretion des Daseins bleibt in ihrem allumfassenden Sinn immer in dieser selbst verborgen. Was uns interessiert ist auch vielmehr das Wesen, der Sinn dieser oder jener Wirklichkeit. [10]
Der realen Wirklichkeit folgt keine reale Wahrheit, sondern eine möglichst konstruktive Vorstellung, eine die die Substanz erkennt, nicht diese destruiert. Ein apologetisches Verhalten zu vergangenen Realitäten ist nicht nur unsinnig, es ist auch unmöglich. Es gibt kein Faktum, das für sich spricht. Man lebt in der Wirklichkeit, aber man spricht von der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit ist nicht zu sprechen. Wirklichkeit kann in Wirklichkeit nicht wiedergegeben werden. Kurzum: „Nichtig ist Denken, welches das Gedachte mit Wirklichem verwechselt.“ [11] Zwei dialektische Brechungen müssen hier berücksichtigt werden:
- Jede Sache, jeder Gegenstand meint Materie in Bewegung (objektive Brechung: Dialektik der Natur bzw. der Gesellschaft).
- In der Betrachtung erfahren Gegenstand und Sache eine zweite Brechung, da das Subjekt in sie Eingang findet (subjektive Brechung: Dialektik zwischen Objekt und Subjekt).
Nur die Wirklichkeit selbst ist in ihrer Gesamtheit wahr. In dieser Totalität läßt sie sich nicht darstellen, es geht daher um spezifische Inhalte und Formen, um Wesen und um Substanz des gesellschaftlichen Prozesses. Einzelne Aspekte sind diesem untergeordnet.
Besonderes und Allgemeines
Was der Historiker erforscht, ist alles schon gewesen. Aber das Wesen des Gewesenen wirkte und wirkt nach, seine Substanz ist für das Morgen des Gestern, also auch für das Heute von Bedeutung. Geschichte ist die Zusammenfassung und Ordnung der Spezifika einer Zeit, jener, die hervorragend eingewirkt haben und/oder nachwirken. Geschichte ist nicht Geschichte des Alltäglichen. Geschichte soll sein das Spezifische, das das Allgemeine prägt.
„Die Wahrheit des Seins ist das Wesen.“ [12] Dieses zu entdecken ist die Aufgabe der Wissenschaft. Sie darf sich also nicht mit den Erscheinungsformen begnügen, sondern hat stets den „verborgenen Hintergrund“ [13] zu suchen: „Die ersteren reproduzieren sich unmittelbar spontan, als gang und gäbe Denkformen, der andre muß durch die Wissenschaft erst entdeckt werden.“ [14]
Wäre es mit dem Wissen allein getan, bräuchte man ja gar keine Wissenschaft. Denn nicht — wie das Wort irrtümlich suggeriert — Wissen schafft Wissenschaft, sondern erst die systematische Ordnung und Theoretisierung desselben. Wissenschaft kann nicht einfach aus der Wirklichkeit deduziert werden. Sie bedarf des theoretischen Zusatzes, eines Treibmittels, um überhaupt keimen zu können.
Die Herausforderung der Geschichtswissenschaft besteht also darin, das Wesentliche des Besonderen als auch des Allgemeinen in ihrer Dialektik im historischen Prozeß zu erkennen und zu benennen, auszuwerten und zu bewerten. Es geht um das Besondere im Allgemeinen und um das Allgemeine im Besonderen, nicht jedoch um das Allgemeine und um das Besondere an sich. Erst in der Beziehung von Allgemeinem zu Besonderem entsteht Erkenntnis, deren Systematisierung sich die Wissenschaft zur Aufgabe gemacht hat. Das Besondere zeichnet sich dadurch aus, daß es fest im Allgemeinen verankert, eben sein besonderer Ausdruck ist. Es ist so zu unterscheiden vom Absonderlichen bzw. Sonderbaren, das sich eben abgesondert hat und sich in seiner Gegensetzung zur Welt gefällt. Es trägt sektiererischen Charakter, ist Auswurf und hat keinen Bestand.
„Der Historiker interessiert sich nicht wirklich für das Einmalige, sondern für das Allgemeine im Einmaligen.“ [15] Er hat mehr zu sein als ein Chronist der Geschehnisse, seine Qualitäten lassen sich nicht vom Material, das er zusammengetragen hat und das er in einem fehlgeleiteten Glauben gar auf sein Publikum — falls er dann noch eines hat — losläßt, ableiten, sondern aus der spezifischen Verknüpfung der geschichtsträchtigen Momente in seinem Werk. Dem Historiker hat es nur sekundär um Wissensvermittlung zu gehen, primär geht es um Erkenntniserweiterung.
Ob er das Neue anhand von neuem Material sagt, ist da nicht so wichtig. Natürlich ist Erkenntnis ohne Wissen unmöglich, doch ist nicht davon auszugehen, daß sich aus dem Wissen an sich schon Erkenntnis ableiten läßt. Nicht bloß was war, hat zu interessieren, sondern vor allem, warum es war, wie es gewesen ist. Der Historiker hat zu wägen. Nichts was war, sollte ihm selbstverständlich sein, sondern von ihm immer nur als eine — wenn auch in den meisten Fällen die wahrscheinlichste — Variante der Verknüpfung verschiedenster Faktoren des gesellschaftlichen Prozesses vorgestellt werden.
Moment und Dasein
Gegenwart ist die Zukunft, die soeben Vergangenheit geworden ist. Als eigenständige Zeit ist sie eine Fiktion, und doch hat sie für den Menschen den — sofern dieser Superlativ zugelassen wird — realsten Bezug: nur in ihr findet das Leben statt. Das wirkliche Leben ist für den Menschen der Moment, den er nach hinten und nach vorne in die Länge zieht. Gegenwart ist die Zeit, die noch ist und schon ist. So streckt sie sich vom Moment zu einem eigenständigen Kontinuum. Sie bestiehlt Vergangenheit und Zukunft um das ihr Nahekommende.
Als gedankliche Konstruktion macht die Gegenwart durchaus einen Sinn. Walter Benjamin schreibt: „Auf den Begriff einer Gegenwart, die nicht Übergang ist sondern in der Zeit einsteht und zum Stillstand gekommen ist, kann der historische Materialist nicht verzichten. Denn dieser Begriff definiert eben die Gegenwart, in der er für seine Person Geschichte schreibt.“ [16] In dieser Betrachtung ist jene mehr als ein Zeitpunkt, wird Zeit, kennt Dauer, wird Jetztzeit, die Zeit, die immer ist. Die Gegenwart oszilliert zwischen einem tatsächlichen Augenblick des Umschlags und einer imaginären Unendlichsetzung.
Für die Menschheit ist der Moment eine vernachlässigbare und unsichtbare Größe. Für den einzelnen Menschen jedoch hat gerade dieser die allergrößte Bedeutung. Nie lebt er woanders, obwohl er immer woanders gelebt hat und immer woanders leben wird. Der Moment hat sozusagen einen hervorragenden Wert für den Menschen, auch und gerade weil er so beschränkt und unangreifbar, weil ungreifbar ist. Der Moment ist jeden Moment vorbei. Der Augenblick mag noch so schön sein, er ist nicht aufzuhalten. Aber er ist. Und er ist immer und ewig, eben weil ein Moment den anderen ablöst. Am Moment läßt sich auch sehr gut demonstrieren, daß jedes Dasein ein Fortsein (somit Nichtsein) ist, reines Sein und reines Nichts somit identisch sein müssen.
Idealismus und Metaphysik
Jeder Mensch neigt in seiner eigenen Idealisierung zu Idealismus und Metaphysik. Wer ist schon gern ein Staubkorn des Universums? Ist der Mensch nicht mehr (oder noch nicht), kann die Welt ihm nichts bedeuten, sie ist für ihn nur, wenn er da ist. Ihre Wirklichkeit ist ihm an sein Dasein gebunden. Leben heißt, daß das was wird, auch wieder vergeht. Die Zeit auf Erden, die uns gegeben, die nennt man Leben. Nur so ist es zu erklären, warum das Individuum so ungern sein Leben verliert. Außerhalb seines Lebens ist für ihn kein Leben. [17] Außerhalb seiner Existenz existiert für ihn nichts.
Natürlich ist das Sein nicht an sein Sein gebunden, sein Sein aber schon. Sein Sein ist ein Dasein, ein „In-der- Zeit-sein“. [18] Und doch bleibt nichts, wie es ist. Auch dieses Sein ist ein Werden und Vergehen, ein Relatives in Zeit und Raum. Flüchtig wie alles. Sicher wie nichts. Nur im Moment kann man in-der-Zeit-sein, das Gestern ist vorbei und das Morgen noch nicht herbei. Existentielle Sicherheit gibt es nur im Moment. Die Streckung dieses Moments ist ein menschliches Charakteristikum, eine tägliche Aufgabe, die doch scheitern muß. Der Tod beseitigt dann mit dem Individuum die letzten Zweifel über die individuelle Gegenwärtigkeit. Stets.
Auch wenn der Mensch von etwas Vergangenem zehrt oder sich auf etwas Zukünftiges freut, er erlebt und erfährt sich und die Welt immer nur im tatsächlichen Moment des Augenblicks. In der Vergangenheit hat niemand mehr reale Möglichkeiten. Sie ist eine, eins und abgeschlossen, es gibt keine verschiedenen Vergangenheiten. Nichts ist so unumstoßbar wie das Gewesene. Auch Interpretationen ändern nichts mehr am abgelaufenen Geschehen, aber vielleicht am laufenden, für das sie ja eigentlich gedacht sind. Für ersteres sind jene völlig irrelevant, nicht bloß, weil das Gewesene sowieso nicht Subjekt ist, sondern auch weil die Subjekte der Vergangenheit — selbst wenn die Menschen, die da gehandelt haben, noch leben — in die Vergangenheit nicht mehr eingreifen können. Sie mögen Schlüsse für die Zukunft ziehen, aber das ist etwas gänzlich anderes. Was war, war, was ist, ist, nur in was sein wird, können wir uns gestalterisch einbringen.
Bloß die Zukunft ist von uns abhängig. Nur von ihr soll im Plural (Zukünfte) gesprochen werden. Für die Vergangenheit ist die Mehrzahl unangebracht. Auch wenn unzählig viele Vergangenheiten möglich gewesen wären, hat es doch nur eine bestimmte gegeben. Und — das vor allem verhindert jedweden Plural — wir können keine andere mehr herstellen, weil es uns nicht gegeben ist, rückwirkend in die Zeit einzugreifen, aus der Dimension, die nur eine Richtung kennt, nämlich der Zukunft, auszusteigen. Die Vergangenheit ist die geschlossene Zeit, Zukunft ist die offene Zeit, Gegenwart das, wo temporale Geschlossenheit und Offenheit aufeinander treffen.
Relevanz und Relevanzverlust
Geschichte hat nur, was von dem Geschehenen eine besondere Relevanz für dessen Zukunft hat. Diese Relevanz wird mit dem zeitlichen Voranschreiten sich verändern. Im Normalfall mehr ab- als zunehmen. Die Tendenz geht Richtung historischer Relevanzverlust. Als Regel, die selbstverständlich auch ihre Ausnahmen kennt, mag gelten: Je größer die zeitliche Distanz zu einem historischen Ereignis, desto geringer ist seine Relevanz. Die Bedeutung vieler historischer Fakten wird daher abnehmen, sodaß sie früher oder später den Charakter des historischen Faktums verlieren.
Relevanzverlust bedeutet, daß die Relevanz jedes historischen Ereignisses, jedes bedeutenden Entwicklungsprozesses durch die zeitliche Voranschreitung in seiner weltgeschichtlichen Bedeutung gegen Null tendiert. Wenngleich es freilich nie Null werden kann, kann es als historischer Bezugspunkt verschwinden, eben weil es nicht mehr wahrgenommen wird oder wahrgenommen werden braucht.
Neues Material legt sich über ältere Quellen. Neuere Geschichte verdrängt ältere in ihrer Relevanz für die Gegenwart. Sie ist ganz einfach näher, diese Nähe ist deutlicher spürbar. Geschichte ist so ein dynamischer Prozeß, bedarf der laufenden Erneuerung und des stetigen Abgangs. Die Kriterien, nach denen Objekte auf ihren historischen Gehalt geprüft werden, ändern sich ständig. Die zeitliche Distanz zwischen Gegenstand und Gegenwart ist aber das Gewichtigste, das den Relevanzverlust bestimmt. Ereignisse, Theorien, Faktoren, Prozesse können enthistorisiert werden, im Meer der Vergangenheit untergehen. „Geschichte ist nur, insofern sie sich selbst siebt,“ [19] wie Günther Anders einst erklärte. Historia cum tempore fugit.
Geschichte verdünnt sich in der Zeit. Sie verliert, ohne jedoch weniger zu werden, da sie gleichzeitig gewinnt. Geschichte schöpft aus dem Materialienreichtum, den Quellen der Vergangenheit, aber sie geht nicht in diesen auf, ist etwas qualitativ anderes, obwohl sie nur aus diesen Bereichen ihren Rohstoff entnehmen kann. Ihr Produkt ist eine spezifische Transformation, keine bloße Wiedergabe nach dem Motto: wie es wirklich gewesen ist.
Geschichte meint, daß Aspekte der Vergangenheit durch die Gegenwart geschleift werden; angesteckt von den modernsten Erkenntnissen, zerlegt und wieder zusammengefügt, beinhaltet sie Wissen, das in der Zeit des historischen Gegenstands völlig unmöglich gewesen war, während Wissen, das seinerzeit selbstverständlich war, verloren gegangen ist. Wissen (von) der Vergangenheit verliert an Kraft und Ausstrahlung, wenn es nicht in das zeitgenössische Wissen eingebaut werden kann. Alles, was hingegen brauchbar erscheint, wird aufgehoben, auch wenn es in seinen neuen Formen dann nicht mehr an seinen Ursprüngen gemessen werden kann, weil es ein qualitativ Anderes geworden ist.
Geschichte von unten
Die Geschichte ist natürlich primär eine des Siegenden und somit der Sieger, denn gerade in ihnen, durch sie bekommt das Herrschende, das sie verkörpern und darstellen, einen programmatischen und prägenden Ausdruck. Geschichte ist Herrschaftsgeschichte, unabhängig davon, ob wir sie legitimieren oder kritisieren. Es ist ja die Herrschaft, die die herrschenden Verhältnisse bestimmt und prägt, ihnen ihren besonderen Ausdruck verleiht. „Die Beherrschten sind immer nur ,mit-geschichtlich‘.“ [20]
Daher vermögen wir auch mit Schlagwörtern wie „Geschichte von unten“ oder „Geschichte des Alltags“ wenig anfangen. Das „Unten“ und der „Alltag“ kennen im engeren Sinn keine Geschichte, sie sind Beiwerk der gesellschaftlichen Entwicklung. Erst durch ihre Transformation in etwas anderes, zum Beispiel im Aufstieg der Arbeiterklasse zur Arbeiterbewegung werden sie geschichtsträchtig, weil gesellschaftlich mächtig. Was die Maurer taten, als die Chinesische Mauer fertig war, oder ob Caesar im Gallischen Krieg einen Koch mithatte, ist historisch irrelevant, interessiert nicht einmal den lesenden Arbeiter. [21]
Geschichte von unten ist Unsinn. Setzt sie sich durch, ist sie nicht mehr unten durch, sondern geschichtsträchtig, setzt sie sich nicht durch, ist sie geschichtsunwirksam, eben Durchfall. Das Bestimmende ist interessant, gerade auch von emanzipatorischer Perspektive her betrachtet. Das Bestimmte ist nur interessant ob seiner Bestimmung, nicht aufgrund seines einfachen Daseins. Am Allgemeinen interessiert das Besondere, das Für-Sich, nicht das An-Sich. Geschichte ist das substantielle Konzentrat vergangener Geschehnisse von Relevanz.
Universalgeschichte und Telos
Stellvertretend für viele schreibt Kant: „Man kann die Geschichte der Menschengattung im großen als die Vollziehung eines verborgenen Plans der Natur ansehen, um eine innerlich- und, zu diesem Zwecke, auch äußerlich-vollkommene Staatsverfassung zu Stande bringen, als den einzigen Zustand, in welchem sie alle ihre Anlagen in der Menschheit völlig entwickeln kann.“ [22] Und an anderer Stelle: „Ich werde also annehmen dürfen: daß, da das menschliche Geschlecht beständig im Fortrücken in Ansehung der Kultur, als dem Naturzwecke desselben, ist, es auch im Fortschreiten zum Besseren in Ansehung des moralischen Zwecks seines Daseins begriffen sei, und dieses zwar bisweilen unterbrochen, aber nie abgebrochen sein werde.“ [23]
Auch der Marxismus stand unter diesem teleologischen Dogma, das heute — nach den beiden Weltkriegen, nach Ausschwitz und Hiroshima, nach Tschernobyl, AIDS und dem Ozonloch — so nicht mehr zu halten ist. [24] Vorerst einmal möchten wir Adorno zustimmen: „Universalgeschichte ist zu konstruieren und zu leugnen. Die Behauptung eines in der Geschichte sich manifestierenden und zusammenhängenden Weltplans zum Besseren wäre nach den Katastrophen und im Angesicht der künftigen zynisch. Nicht aber ist darum die Einheit zu verleugnen, welche die diskontinuierlichen, chaotisch zersplitterten Momente und Phasen der Geschichte zusammenschweißt, die von Naturbeherrschung, fortschreitend in die Herrschaft über Menschen und schließlich die über inwendige Natur. Keine Universalgeschichte führt vom Wilden zur Humanität, sehr wohl eine von der Steinschleuder zur Megabombe.“ [25]
Es stellt sich aber gleich die Frage, ob mit der Erledigung dieses religiös- abendländisch-aufklärerisch-marxistischen Credos überhaupt ein Eliminieren jedweder teleologischen Ausrichtung ansteht, oder nicht. Ein kategorisches Verwerfen des Telos ist bestenfalls resignativ, schlimmstenfalls wird es offen konservativ, da es die Zustände als eben gegeben hinnimmt, alles andere als schlechte, ja gefährliche Utopien ablehnen und denunzieren muß, außer Modernisierung nichts zulassen kann. [26]
Gerhard Scheit schreibt: „Die Geschichte hat kein Ziel, sie kennt allerdings Wendepunkte. Kein Subjekt namens Menschheit hat den Prozeß der Vergesellschaftung, der ihr zugrunde liegt und den man irrtümlicherweise Fortschritt nennt, geplant, kein Gott und keine Klasse, auch nicht das männliche Geschlecht.“ [27] Jawohl, die Geschichte hat kein Ziel, aber trotzdem gilt es Ziele zu setzen und zu wollen. Man sollte zwar von Endzielen und Endzuständen absehen, sich jedoch nicht Vorhaben und Aufgaben gänzlich abschminken. Auch eine geglückte sozialistische Transformation, die diesen Namen wirklich verdient, vollendet keine Geschichte — besser gesagt: sie ermöglicht diese erst(!) —, verhilft ihr nur zu neuen Kriterien.
Der postmoderne Regreß von der Bestimmung zur Stimmung kann wohl kaum die Alternative sein. Er ersetzt das Ziel bloß durch aktuelles Einerlei, solche Auffassung ist „nur die einfache Umkehrung der Teleologie, nicht deren Kritik.“ [28] Es gibt also zwei Möglichkeiten der Verabschiedung des falschen Telos: Ziellosigkeit durch Zielaufgabe — die postmoderne Variante; oder Zielrelativierung (eben vom abstrakten Ziel zu konkreten Zielen) als neue Zielorientierung — die emanzipatorische Variante.
Das Ziel wird im zweiten Fall seiner ultimativen Metaphysik entkleidet, erfährt durch den notwendigen Paradigmenwechsel seine rettende Transformation. Doch damit verschwindet es nicht, verliert auch nicht die Kraft der Wegsuche. Der kategorische Zwang verfällt, die hypothetische Orientierung verbleibt. Ziel soll eben nicht als metaphysischer Ort mißverstanden werden, als das erreichbare, gar gültige, ja endgültige Dasein.
Möglichkeit und Verunmöglichung
Fortschritt und Geschichte sind nicht zu trennen. Eine der meistzitierten Aussagen Hegels lautet: „Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit — ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben.“ [29] Hegel sagt damit, daß — und das gilt es aufgrund der schlampigen Mißdeutungen zu betonen — die Geschichte nicht Fortschritt der Freiheit, sondern Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit ist.
Was ein bedeutender Unterschied sein kann. Denn: Die Zunahme der menschlichen Möglichkeiten und Fähigkeiten darf nicht verwechselt werden mit der Emanzipation schlechthin, sie ist Bedingung, nicht Erfüllung. Freiheit meint hier objektive Erweiterung des Bewußtseins und Denkens, Freiheit meint weiter die fortschreitende Befreiung des Menschen von der Natur, und daß diese Freiheit des Könnens unumkehrbar ist, da wir das, was wir wissen, nicht mehr verlernen können. [30] Oder skeptisch formuliert: „Wir sind unfähig, das einmal Gekonnte nicht mehr zu können. Nicht an Können fehlt es uns also, sondern an Nichtkönnen.“ [31] (Günther Anders)
Geschichte — und das trifft heute im besonderen, weil beschleunigtem Maße zu — bedeutet Vermehrung im Bereich der menschlichen Möglichkeiten, nicht aber unbedingt im Bereich menschlicher Wirklichkeiten. (Jetzt im positiven Sinne verstanden.) Möglichkeiten und Wirklichkeiten können gerade aufgrund der Fortschritte in der Produktion auseinanderdriften, die neuen Möglichkeiten nicht Chancen eröffnen, sondern alte Sicherheiten zerstören. Möglichkeiten, die keine Wirklichkeiten werden, haben freilich nur imaginäre Potenzen. Oder noch schlimmer: Möglichkeiten, die zu Verunmöglichungen führen, sind nicht nur nicht auszuschließen, sondern decken gegenwärtig den Großteil des Risikopotentials ab.
Daher dürfen diese Möglichkeiten nicht ausschließlich oder primär als willkommene Freiheiten, als Erweiterungen und Erleichterungen, gesehen werden. Sie sind auch Bedrohungen, vor allem sozial und ökologisch ist die Erweiterung der menschlichen Möglichkeiten destruktiv geworden. Immer mehr Möglichkeiten geraten zu Verunmöglichungen. Menschliche Leistung schlägt qualitativ in ihr Gegenteil um, vor allem dann, wenn der neue Inhalt sich im alten Rahmen nicht mehr wie- derfindet, sich aber in ihn zwängen muß.
Historische Determinante
Geschichte meint fortschreiten, ist somit Fortschritt. Der Fortschritt ist das dynamische Prinzip menschlicher Entwicklung. Fortschritt meint immer ein Darüberhinausgehen, ein Überschreiten, ein Weggehen; Modernisierung hingegen bloß ein Weitermachen, ein Adaptieren und Reformieren der alten Substanz. Fortschritt ist also die dialektische Aufhebung der steten Modernisierung, ihr Quantensprung.
Die Menschen betätigen sich nicht in einem Kreislauf, sondern spiralenförmig aus ihm heraus. Leben ist hier — und nur hier! — mehr als biologische Existenz, es ist sozial begründet und ausgelegt, mehr als eine sich eben ereignende Variation des Immergleichen. Hier ist auch der wesentliche Unterschied zwischen erster und zweiter Natur zu verorten, so fließend manche Übergänge im Konkreten auch sein mögen. Die Frage ist also nicht, ob es Fortschritt gibt oder nicht, sondern ob er gestaltbar wird oder nicht. Ob die Menschen weiterhin ihren Geschicken ausgeliefert sind, oder ob sie sich diese unterordnen können.
Fortschritt ist das Prinzip der menschlichen Entwicklungsspirale, die historische Determinante schlechthin. Wenn uns der Fortschritt im Griff hat, ist die Frage, ob wir den Begriff des Fortschritts fallen lassen sollen, hinfällig. Die abstrakte Frage, ob man für oder gegen den Fortschritt sei, ist also geradewegs wie die Frage, ob man für oder gegen die Geschichte sei, oder noch zugespitzter: für oder gegen das Essen. Auf der Ebene der Bekenntnisse ist jedenfalls weder theoretisches noch praktisches Terrain zu gewinnen.
Der hier vorgeschlagene Begriff ist restriktiv, in gewisser Hinsicht dogmatisch. Er mag prinzipiell abgelehnt werden, — vor allem von jenen, die Fortschritt a priori positiv besetzen oder negativ umpolen — in seiner Logik erscheint er aber zwingend. Fortschritt als kulturelle Abstraktion, als anthropologische Konstante der zweiten Natur ist demnach nicht kritisierbar, erst in der jeweiligen Konkretion gilt es den jeweiligen Fortschritt zu überprüfen und zu bewerten.
Fortschritt ist die Form, nicht der Inhalt der historischen Entwicklung. Fortschritt ist Schicksal. Daraus folgt aber keineswegs ein blindes Bekenntnis, daß Fortschritt per se als positiv betrachtet werden kann. Eine sehende Erkenntnis hat vielmehr davon auszugehen, daß Entwicklung Konstruktion und Destruktion in sich birgt, man der Transformation also weder mit Fortschrittsgläubigkeit noch mit Kulturpessimismus gerecht werden kann.
Unsere Fortschrittsdefinition ist eben nicht (gleich dem Hegelschen Weltgeist [32]) zu verwechseln mit einem universellen Fortschrittsglauben, der der Menschheit trotz mancher Widrigkeiten einen geraden Weg zum Schönen und Guten verheißt. Umgekehrt heißt das aber auch, daß man Fortschritt nicht gleich einem Sündenfall betrachten kann, wie etwa Gregory Bateson allen Ernstes zu schreiben: „Es scheint, als sei das System Mensch-Umwelt seit der Einführung von Metallen, des Rades und der Schrift wirklich immer unstabiler geworden.“ [33] Es geht vielmehr darum, eine Position der kritischen Akzeptanz zu gewinnen, die zuguterletzt fragt: Was hier und jetzt tun? Welches Eingreifen folgt dem Begreifen?
Fortschritt ist also nicht gleich Politik und Ökonomie, Demokratie und Recht lediglich ein Formprinzip kapitalistischer Moderne, sondern wird hier quasiontologisch für die gesamte zweite Natur geltend gemacht. Er ist Modus historischer Entwicklung. Auch in vorkapitalistischen Gesellschaften hat es Fortschritt — wenngleich seine qualitativen Bewegungen sich in längeren Zeiträumen bemessen — gegeben, ansonsten bleibt die Herausbildung der Warenwirtschaft und die Durchsetzung des Kapitalismus ja völlig im Dunkeln. Bestimmte Formationen müssen Dynamiken gekannt haben, die über sie hinauswiesen. Wenn die Geschichte bisher eine Geschichte von Fetischformen und somit des Fetischs gewesen ist, muß der Nucleus des Werts in älteren Fetischformen gesucht werden. Wie hätte er sich sonst herausbilden können?
Quantität, Qualität und Maß
Maß des Fortschritts ist die Herstellung eines vergleichbaren qualitativen Produkts in einem kürzeren Zeitquantum. Dies ist auch die quantitative (aber eben nicht: qualitative!) Vorbedingung jedweden gesellschaftlichen Reichtums. Insofern ist der Lehrsatz: „Zeit ist der Weg zum Haben“ [34] (Anders) nicht nur ein kapitalistischer.
Es mag vorerst einmal gänzlich widersprüchlich sein, den Fortschrittsbegriff inhaltlich zu entleeren, um ihn dann hinterrücks durch Einführung eines Maßes wieder aufzuladen. Aber das galt es ja gerade zu sagen: Fortschritt an sich ist richtungslos, betrachten wir ihn von der inhaltlichen Bestimmung, der Qualität her. Fortschritt ist aber nicht frei von Veränderung des Quantums. Das heißt er ist einerseits ungerichtet und ungezielt, andererseits aber nicht resultatslos. Der logische Bruch im Begriff des Fortschritts deutet möglicherweise aber auch auf einen bisher unaufhebbaren Doppelcharakter desselben hin: einmal als abstraktes Prinzip des Fortschreitens, das andere Mal auf die Betrachtung des konkreten Resultats jeden Fortschritts.
Der offensichtliche und stete Zeitgewinn kann jedenfalls heute kaum in allgemeine Zeitsouveränität umgewandelt werden, er wird immer weniger effektiv. Der konkrete Zeitgewinn ist nämlich einer abstrakten Zeitnutzung unterworfen, er hängt an der ökonomischen Rentabilität. Ähnliches gilt für die Reichtumsverteilung, die materiell betrachtet wohl noch nie so absurde Proportionierungen angenommen hat wie am Ende dieses Jahrhunderts. Das grundsätzliche Problem ist: Die Quantität schlägt nicht in die diagnostizierte Qualität um, die stofflichen Möglichkeiten des Reichtums verrecken an den kapitalistischen Bedingungen. Der Quantität sind Grenzen gesetzt durch Quantum und Qualität.
Wir sind hier aber grundsätzlich optimistischer als etwa Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, die behaupten: „Jeder Versuch, den Naturzwang zu brechen, indem Natur gebrochen wird, gerät nur umso tiefer in den Naturzwang hinein.“ [35] Oder: „Der Fluch des unaufhaltsamen Fortschritts ist die unaufhaltsame Regression.“ [36] Konsequent zu Ende gedacht, wäre die Dialektik der Kultur letztlich nichts anderes als eine Mechanik der Natur. Die These kann in dieser apodiktischen Form nicht unterstützt werden. Einen Automatismus, wo auf jede Befreiung vom Naturzwang ein neuer adäquater Naturzwang folgt, können wir nicht ausnehmen. Horkheimer/Adorno verfallen hier geradezu einer fatalistischen Sicht: Plus erzeugt Minus. Ja, die Quanta werden gleichgesetzt: Plus ist gleich Minus.
In Wirklichkeit halten diese sich selten die Waage zum Nullsummenspiel, tätigt die „List der Vernunft“ [37] (Hegel) Konstruktives und Destruktives unterschiedlichen Ausmaßes. Worin die beiden Autoren freilich recht haben, ist, daß jeder Eingriff auch eine destruktive Komponente beinhaltet, jedes Gut ein Böse birgt. Keine Chance, die nicht mit ihrer Gefahr das Licht der Welt erblickt.
Was sich hingegen konkret realisiert oder nicht, hängt nicht von irgendwelchen sachlichen Eigenschaften des Produkts oder des Produzierens ab, sondern von den gesellschaftlichen Bezügen, in denen sie sich entfalten. Jene beherbergen emanzipatorische wie antiemanzipatorische Züge. Welche Züge mehr zum Zug kommen, ist nicht a priori ausgemacht. Die Aufgabe der Menschen besteht in der Auslotung der Grenzen. Doch darauf können sie sich nur konzentrieren, wenn anderweitige Kriterien — der Wert in all seinen Verkleidungen vom Sachzwang bis zur Standortsicherung — überwunden sind.
Zuviel und zuwenig
„Eine Kritik der Grenzen des Menschen, also nicht nur der seiner Vernunft, sondern der Grenzen aller seiner Vermögen (der seiner Phantasie, seines Fühlens, seines Verantwortens usf.), scheint mir heute, da sein Produzieren alle Grenzen gesprengt zu haben scheint, und da diese spezielle Grenzsprengung die noch immer bestehenden Grenzen der anderen Vermögen um so deutlicher sichtbar gemacht hat, geradezu das Desiderat der Philosophie geworden zu sein“, [38] schrieb Günther Anders bereits 1956.
Solche Grenzen sind jedoch nicht als fixe oder absolute Größen zu verstehen, sondern als dynamische Leitlinien. Es gibt nicht nur die Grenzen des Wachstums, es gibt auch ein Wachstum der Grenzen. Was es nicht gibt, ist einerseits eine kategorische Grenze bzw. andererseits prinzipienlose Schrankenlosigkeit.
Noch immer gilt Aristoteles’ Lehrsatz: „Als erste Erkenntnis nun ist festzuhalten die, daß alles was irgendwie einen Wert darstellt, seiner Natur nach durch ein Zuviel und ein Zuwenig zerstört werden kann.“ [39] Dieses Zuviel oder Zuwenig muß aber heute mehr denn je anhand inhaltlicher Gesichtspunkte diskutiert werden, darf sich nicht zwangsläufig aus anderen Prinzipien, zum Beispiel der Wertlogik ergeben. Diese ist nämlich blind gegenüber den Folgen. Deren Ausmaße sind heute dermaßen ins Beträchtliche gestiegen, daß kaum noch ein Prinzip von „trial and error“ (etwa in Form von Großexperimenten in der Atom- oder Gentechnologie) geduldet werden kann.
Es ist die Kapitalverwertung, die heute die letzten Behutsamkeiten zertrümmert und Vorsichten zerstört. Es gibt gegenwärtig keinen materiellen Grund, die technologischen Möglichkeiten der Menschen zu dynamisieren und auszureizen, im Gegenteil, es gilt die Forschung und Produktion zu entschleunigen, sie endgültig aus der Verwertungsmaschinerie zu lösen. Erst dann „wäre es möglich, zwischen verschiedenen Gebrauchswerten, zwischen verschiedenen Techniken zu differenzieren, ehe sie produziert oder angewendet werden; erst wenn die Akkumulation gestoppt ist, könnte die Produktivität — an deren Gefälle täglich Zehntausende zu Grunde gehen — geteilt werden zwischen reichen und armen Gesellschaften.“ [40]
Bremse oder Wendigkeit
„Geschichte verläuft stets so rasch wie die Geschichte der Veränderung der Produkte“, [41] schreibt Günther Anders. Sie ist „ins Rasen geraten“. [42] Das Geschwindigkeitsproblem wird immer offensichtlicher. Und doch ist es nicht zähmbar, sondern nur überwindbar. Es ist deswegen nicht zähmbar, weil die komparative Logik („besser“, „schneller“, „mehr“) der kapitalistischen Logik entspringt, keine von irgendwoher oktroyierte ist. Somit auch nur mit ihr verschwinden kann.
Heikel ist in diesem Zusammenhang daher der Benjaminsche Terminus der Notbremse, den Gerhard Scheit zum Titel eines umfangreichen Beitrages gewählt hat. Zunächst erscheint er einmal problematisch als die regressive Zurechtstutzung des Begriffs der Notwendigkeit: Not wird aufgrund der Evidenz beibehalten, aber die Wendigkeit fällt weg, ist scheinbar nicht zu halten. Dafür haben wir jetzt eine Bremse. Sie soll nun Wunder wirken. [43] Auch inhaltlich greift die Bremse nicht, sie überhitzt bloß. Wird nur die Notbremse gezogen, sind autoritäre und/oder mafiotische Formen der Herrschaft realistischer. Und es ist nachgerade der Kapitalismus, der im Stau schon seine immanente Bremse (weniger Sozialausgaben, weniger Bildung, weniger Mobilität) tritt, sodaß — verlassen wir mal die Engelssche Lokomotive und steigen um ins Auto — davon gesprochen werden kann, daß je mehr das Gaspedal durchgetreten wird, die Bremse sich immer fester anzieht.
Das Problem der Geschwindigkeit ist nicht nur eines der Beschleunigung, sondern zunehmend auch eines des eben erwähnten Staus, der ja nichts anderes ist als die immanente Verunglückung des Komparativs. [44] Eine Kritik, die jedenfalls nur am Tempo ansetzt, bzw. in einer Entschleunigung per se Möglichkeiten sieht, greift zu kurz. Der Wachstumsfetischismus ist nirgendwo Ursache, immer nur Folge, er ist keine Schaffungsinstanz, sondern Realisierungsform.
Künftig sollte gelten: Das Resultat hat dem Ziel zu entsprechen, nicht das Ziel durch das Resultat desavouiert werden. Resultat und Ziel haben sich unter der Dominanz des letzteren zu gestalten. Das nicht zur Gänze beseitigbare Restrisiko, das heißt, daß man nie davon ausgehen kann, daß das Vorgestellte und das Hergestellte gänzlich identisch sind, muß aufgrund der Potenz der Produktivkräfte so gering als möglich gehalten werden.
[1] Wobei freilich auch diese Formulierung prekär ist, da sie Natürliches mit menschlichen Kategorien erklären muß. Doch wie sollte es anders gehen, so es doch nur solche gibt. Strenggenommen wendet die Natur keine Not an, ist ihr alles, was unter menschlichen Modalitäten, den Keiten firmiert, fremd. Wir jedoch müssen es so benennen, ansonsten könnten wir gar nicht darüber sprechen.
[2] Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (1857/58), MEW, Bd. 42, S. 95.
[3] Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte; in: ders.; Gesammelte Schriften, Band I.2. Abhandlungen, Frankfurt am Main 1974, S. 701.
[4] Louis Althusser/Etienne Balibar, Das Kapital lesen I, Reinbek bei Hamburg 1972, S. 162.
[5] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte (1832), Stuttgart 1961, S. 114.
[6] Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II. Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution, München 1980, S. 274. Die etwas eigentümliche Kursivsetzung ist so dem Original entnommen.
[7] Vgl. ebenda, S. 271.
[8] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Phänomenologie des Geistes (1807), Werke 3, Frankfurt am Main 1986, S. 18.
[9] Edward Hallett Carr, Was ist Geschichte? (1961), Stuttgart-Berlin- Köln-Mainz, 5. Aufl. 1977, S. 103.
[10] Zur Kategorisierung der Wirklichkeit siehe: Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik II.,
S. 186ff., 200ff.
[11] Theodor W. Adorno, Negative Dialektik (1966), Frankfurt am Main, 7. Aufl. 1992, S. 385.
[12] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik II. (1816), Werke 6, Frankfurt am Main 1986, S. 13.
[13] Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie, Erster Band: Der Produktionsprozeß des Kapitals (1867), MEW, Bd. 23, S. 564.
[14] Ebenda.
[15] Edward Hallett Carr, Was ist Geschichte?, S. 62.
[16] Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, S. 702.
[17] Die Religionen sind so gesehen Hilfskonstruktionen gegen die Hilflosigkeit der Erkenntnis des einmaligen Daseins. Sie sind Wunschbilder und Trostpflaster gegen das Vergängliche, quasi-ontologische Konstanten der zweiten Natur.
[18] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie I. (1817), Werke 18, Frankfurt am Main 1986, S. 51.
[19] Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band I. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution, München 1956, S. 262.
[20] Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II., S. 273.
[21] Vgl.: Bertolt Brecht, Fragen eines lesenden Arbeiters, Gesammelte Werke 9, Gedichte 2, Frankfurt am Main 1967, S. 656.
[22] Immanuel Kant, Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, Werkausgabe Band XI, Frankfurt am Main 1991, S. 45.
[23] Immanuel Kant, Über den Gemeinspruch: Das mag in der Theorie richtig sein, taugt aber nicht für die Praxis (1793), Werkausgabe Band XI, Frankfurt am Main 1991, S. 167.
[24] Die folgenden Passagen können auch als teilweise Revision des eigenen Fortschrittsoptimismus gelesen werden. Vgl. etwa noch: Franz Schandl/Gerhard Schattauer, Die Grünen in Österreich. Entwicklung und Konsolidierung einer politischen Kraft, Wien 1996, S. 57f., S. 464.
[25] Theodor W. Adorno, Negative Dialektik, S. 314.
[26] Auf der subjektiven Seite spiegeln das genau jene konvertierten Linken wieder, die heute Loblieder auf Demokratie und Freiheit, Rechtsstaat und Marktwirtschaft, EU und NATO absingen. Die schlimmsten Eiferer sind immer die Ehemaligen.
[27] Gerhard Scheit, Notbremse (II). Die Vertreibung aus dem Paradies der Produktivkräfte. Von Karl Marx zu Günther Anders, FORVM, Nummer 458/459, 18. März 1992, S. 31.
[28] Gerhard Scheit, Dramaturgie der Geschlechter. Über die gemeinsame Geschichte von Drama und Oper, Frankfurt am Main 1995, S. 30.
[29] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte, S. 61.
[30] Günther Anders, Der Mann auf der Brücke. Tagebuch aus Hiroshima und Nagasaki (1958); in: ders., Hiroshima ist überall, München 1982, S. 23.
[31] Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II., S. 395.
[32] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts (1821), Werke 7, Frankfurt am Main 1986, S. 504.
[33] Gregory Bateson, Ökologie des Geistes. Anthropologische, psychologische, biologische und epistemologische Perspektiven (1972), Frankfurt am Main, 3. Aufl. 1990, S. 634.
[34] Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band II., S. 343.
[35] Max Horkheimer/Theodor W. Adorno, Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (1947), Frankfurt am Main 1971, S. 15.
[36] Ebenda, S. 35.
[37] Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik II., S. 452.
[38] Günther Anders, Die Antiquiertheit des Menschen, Band I., S. 18.
[39] Aristoteles, Nikomachische Ethik, Buch II, Stuttgart 1983, S. 36-37 [1103b 26 — 11041 12].
[40] Gerhard Scheit, Notbremse [III]. Theorie der Gebrauchswerte, »Sinn und Form«, 45. Jg. (1993), Nr. 2, S. 332-333.
[41] Günther Anders, Einleitung in: ders., Hiroshima ist überall, München 1982, S. XXIX.
[42] Ebenda.
[43] Vgl. Gerhard Scheit, Notbremse (I). Zur Aktualität einer Metapher Walter Benjamins. Von Benjamin zu Marx, »FORVM«, Nummer 452-454, Juli 1991, S. 53.
[44] Vgl. dazu Franz Schandl, Der gesellschaftliche Stau, »Streifzüge« Nr. 1/1996, S.1; bzw. unter dem Titel: Wenn Fortschritt Heimsuchung wird, »Neues Deutschland«, 6./7. Jänner 1996, S. 1.


