Weg und Ziel, Heft 4/1995
Oktober
1995

Ein Werk geballter Kälte

Helmut Rizy, Hasenjagd im Mühlviertel. Roman einer Gegend; Bibliothek der Pro­vinz, Wien-Linz-Weitra 1995, 406 Seiten, 398 Schil­ling.

Die berüchtigte „Mühlviertler Hasenjagd“, bei der im Februar 1945 von rund 500 aus dem Konzentrationslager Mauthausen ausgebrochenen sowjetischen kriegsgefangenen Offizieren nur 17 mit dem Leben davongekommen sind (sogar diese Zahl dürfte eher zu hoch als zu niedrig angesetzt sein), hat heuer, zum 50. Jahrestag des Grauens, einige wuchtige künstlerische Manifestationen gefunden. Der Film von Andreas Gruber „Aus lauter Feigheit gibt es kein Erbarmen“ hat in seiner schockierenden Wahrhaftigkeit tiefen Eindruck hinterlassen. Von den literarischen Versuchen, diese Mordtage und -nächte zu gestalten, gehört der „Roman einer Gegend“ von Helmut Rizy mit dem „sachlichen“ Titel „Hasenjagd im Mühlviertel“ als ein Wurf besonderer Art wohl zu den stärksten Werken. Das Bedrückende dieser Hasenjagd, bei der die geflohenen Offiziere erschossen, erhängt und erschlagen wurden, ist die massenhafte Beteiligung der Bevölkerung an den Greueltaten. Nur wenige verhielten sich „neutral“ und nur ganz wenige stellten die Menschlichkeit höher als alle Blutbefehle und wirkten unter eigener Todesgefahr mutig dem schier unfaßbaren Geschehen entgegen. Bei der „Mühlviertler Hasenjagd“ handelte es sich keineswegs um die Bekämpfung einer „Häftlingsrevolte“, wie es in einem Leserbrief in einer oberösterreichischen Zeitung zynisch geheißen hat, sondern um die kaltblütige Ermordung von Offizieren, die sich geweigert hatten, durch Eintritt in die Hitler-Wehrmacht ihr Land zu verraten.

Um die geballten Greueltaten dieser Tage und Nächte vor fünfzig Jahren einigermaßen künstlerisch darstellen zu können, bedarf es großer Behutsamkeit. Die bloße Aneinanderreihung von Missetaten würde sich der künstlerischen Durchdringung entziehen.

Rizy wählt für seine Darstellung eine Art Panorama-Roman, wie er in der amerikanischen Literatur der zwanziger Jahre, etwa von John dos Passos geschaffen wurde. Die Begebenheiten werden kühl nebeneinander gestellt, die handelnden und mißhandelnden Personen nüchtern und sachlich vorgestellt. Erst alle 22 Kapitel zusammengenommen ergeben den Gesamteindruck. Die Spannung liegt im ganzen Panorama und weniger im einzelnen. Diese Gestaltungsart ermöglicht, gleichsam flächendeckend, wirklich einen „Roman der Gegend“ auszubreiten. Die Methode des Verzichts auf eine durchgehende „Geschichte“ birgt jedoch auch die Gefahr, daß der künstlerische Schwerpunkt zu dünn werden kann, daß das grausige Geschehen zu einer Fotografie wird und da und dort der Plastizität entbehrt. Es wird meist in direkter Rede gesprochen und das begünstigt den Trend, daß diese Dialoge und Monologe mehr von dem heutigen Wissens- und Gemütsstand gespeist werden, als von dem damaligen. Dies scheint am meisten bei jenen Figuren der Fall zu sein, die „positiv“ wirken sollen, also mehr bei den ganzen und halben Antinazi als bei den Nazi. Der eifrige Teilhaber und Teilnehmer an dem Mordtreiben hat natürlich sein eigenes brutales Vokabular. Jener, der gegen die Entfesselung der Mordlust- und -instinkte wirken will, sollte wohl vorsichtiger, lauernder und oft nur in halben Andeutungen reden. Das sind jedoch Fragen, die gar nicht so leicht zu entscheiden sind. Immerhin leben wir 50 Jahre später. Die wenigen Tapferen, die wahre (aber stille, nicht lärmende) Heldentaten bei der Rettung von Opfern vollbrachten, müßten stärker in den Vordergrund gerückt werden.

Am stärksten ist das Gefühl der Kälte, das in diesem Roman greifbare Formen annimmt. Es ist nicht nur die wettermäßige Kälte der Tage und Nächte nach diesem grausigen Mariä Lichtmeß-Feiertag, es ist vor allem die Kälte der Menschen, die einem bei den schrecklichen Szenen förmlich an der Gurgel packt. Das ist eine Wirkung, welche die Kraft des epischen Flusses unterstreicht.

Helmut Rizy stellt mit dieser „Hasenjagd im Mühlviertel“ einen überzeugenden und kantigen Erstling vor, der zeigt, daß der Autor seinen Figuren aufs Maul geschaut und es verstanden hat, ein beklemmendes Stück Zeitgeschichte auch in eine beklommen und betroffen machende Form zu gießen.

In einer Nachbemerkung zeichnet der Autor die historischen Ereignisse, ihre Hintergründe und den späteren Umgang mit dem Unfaßbaren nach. Er zeigt, daß diese „Hasenjagd“ bis zum heutigen Tag ein Stück unbewältigte Vergangenheit geblieben ist.

Der Verlag sorgt für eine gediegene und solide Ausstattung des Werkes.

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