Grundrisse, Nummer 39
September
2011
Marianne Pieper / Thomas Atzert / Serhat Karakayali / Vassilis Tsianos:

Biopolitik in der Debatte

Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011, 343 Seiten, Euro 39,95

Dieses Buch ist die Fortsetzung von „Empire und die biopolitische Wende“ von denselben Herausgeber_innen und ebenso ein Ergebnis der Tagung „Zukunft und Visionen des Sozialen“ des Research Centre for Feminist, Gender and Queer Studies am Institut für Soziologie der Universität Hamburg im Dezember 2003. Ergänzt wird es durch neue Beiträge und solche, die früher entstanden sind. Die Tagung war als Auseinandersetzung mit der Theorie von „Empire“ gedacht, wie sie von Michael Hardt und Toni Negri vorgeschlagen wird. [1] Auf Verschiebungen in der Diskussion, etwa die Bevorzugung des Begriffs „biopolitische Produktion“ statt immaterieller und affektiver in „Common Wealth“ konnte noch nicht eingegangen werden. Gerade aus feministischer Perspektive wurde die „Aufteilung“ in tendenziell „männlicher“ immaterieller Arbeit und der „weiblichen“ affektiven Arbeit kritisiert (vgl. Schultz im besprochenen Band).

In der Diskussion um Biopolitik wird das „ganze Leben“ einbezogen, darum soll hier kurz die „biopolitische Wende“ angesprochen werden. Nach seiner Einführung durch Michel Foucault wurde der Begriff Biopolitik mit Verzögerung populär gemacht: Er beschreibt bestimmte Logiken und Technologien der Machtausübungen über die Bevölkerungen. Immer mehr Einzeluntersuchungen wurden durchgeführt, zuerst als Analyse der Umgang mit dem Leben wie etwa in der Medizinethik oder allgemein philosophisch wie etwa durch Agambens „Homo Sacer“, schließlich in einer Reihe von Untersuchungen über liberale „Regierungsformen“ (Gouvernementalität). In „Empire“ wurde der Blickwinkel verändert, neben der Machtausübung von oben als „Biomacht“, wurde „Biopolitik“ als Widerständigkeit gesehen. Schon Foucault spricht davon, dass sich auch die Widerstand leistenden Kräfte auf das Leben und den Menschen als Lebewesen berufen (vgl. Lemke im besprochenen Band). Die Zeit, in der die Biopolitik in die Diskussionen eingeht, ist nicht zufällig mit dem Auftreten vielfältiger Bewegungen verbunden, der Ökologiebewegung, der Zweiten Frauenbewegung, der Antipsychiatrie und Anti-Gefängnisbewegung, der Kämpfe gegen Medikalisierung sowie der Schwulen- und Lesbenbewegung (S. 11). Diese Widerständigkeiten richten sich gegen die Biopolitik als Kontrolle der Bevölkerungen, und machen dadurch die Körper und das Leben produktiv, die vorher diszipliniert wurden. Jetzt versucht der Kapitalismus diese Produktivität wieder auszunützen, als Förderung von Selbstverantwortung und Autonomie, durch die Akzeptanz der Selbstbestimmung der Körper, aber auch der Ausgrenzung des nicht Verwertbaren.

Der Blickwinkel des Produktiv-Machens der Unterdrückung und der Widerstand dagegen sind ein Ansatzpunkt in „Empire“. Dieser wird von drei Beiträgen kritisiert. Thomas Lemke (S. 109ff: Imperiale Herrschaft, immaterielle Arbeit und die Militanz der Multitude) kritisiert an „Empire“, dass sich Multitude („produktiv-kreative Biopolitik“) und Empire („parasitär-abschöpfende Biomacht“, S. 124) praktisch unversöhnlich gegenüber stünden. So konnten zwar ein wichtiger Reflexionsprozess ausgelöst werden, aber es würden keine konkreten Konzepte angeboten, wie „eine demokratische und autonome Selbstproduktion möglich“ sei (S. 125). Susanne Schultz (S. 129ff: Gegen theoretische Strategien der Ganzheitlichkeit: Eine feministische Kritik an „Empire“) meint, dass Hardt und Negri einen Beitrag zur feministischen Theoriebildung versprechen, tatsächlich aber kein Instrumentarium anbieten, um das sich verändernde Verhältnis von Produktion und Reproduktion zu beschreiben. Neben der Kritik des Begriffs der „affektiven Arbeit“ als einer (vielleicht unbewussten) Festschreibung der geschlechtlichen Verhältnisse werden die „imperialen Subjektivitäten“ als hybride Strukturen bereits jenseits der Ausbeutung und Unterdrückung verortet, was noch einmal die geschlechtlichen Herrschaftsverhältnisse verschleiert. Stefanie Graefe (S. 263ff: Zwischen Wertschöpfung, Rebellion und „Lebenswert“: Leben und Biopolitik in „Empire“) sieht in der positiven Sichtweise der „Produktivität von Leben“ sowohl im sozialen Kollektivkörper wie in der individuellen Kreativität der Subjekte (S. 269) eine Idealisierung der biopolitischen Produktivität, die die Destruktion des herrschenden Empire nicht adäquat erfasst. Zu einer Verteidigung des Konzepts von Empire und Multititude setzen no spoon an (S. 181ff: Das Unbehagen an der Biopolitik), eine „Kooperation von Leuten, die neben der Freundschaft die gemeinsame Erfahrung in linken Projekten verbindet“ (S. 341). Sie finden gerade in dieser Theorie die Ansätze zu einer Politik, die sich nicht mehr an Formen der Souveränität oder an Identitäten klammert.

Weniger mit „Empire“, sondern mit Biopolitik im Allgemeinen, mit dem Blick auf Foucault setzen sich weitere Beiträge auseinander. Maurizio Lazzarato (S. 97ff: Biopolitik / Bioökonomie: Eine Politik der Multiplizität) beschreibt die Verschiebung der herkömmlichen Subjekte von Arbeit und Politik in Richtung vielfältiger minoritärer Subjekte, die durch die Biopolitik „regiert“ werden. Stephan Adolphs (S. 141ff: Biopolitik und die anti-passive Revolution der Multitude) konfrontiert Foucaults Konzept der Biopolitik mit der Staatstheorie von Nicos Poulantzas und kann dadurch die marxistischen Fragestellungen mit der Subjektkritik des Poststrukturalismus verknüpfen.

Eine historische Untersuchung aus biopolitischem Blickwinkel ist der Beitrag von Tobias Mulot (S. 227ff: Sie schreiben einen Namen in den Himmel. Historische Überlegungen zur Politik der Multitude bei Michel Foucault, Pierre-Simon Ballanche und Jacques Rancière), der den Auszug der Plebejer aus dem antiken Rom als Auftauchen einer nicht repräsentierten Vielstimmigkeit der Multitude erkennt. Astrid Kusser (S. 275ff: Körper in Schieflage. Skizzen einer Genealogie von Tanzen und Arbeiten im Black Atlantic) untersucht „afrikanischen Tanz“ und dessen Rezeption im kolonialen Kontext als widersprüchliche Form der Disziplinierung, Aneignung durch die Weißen und Möglichkeiten der Subversion.

Rassistische Strukturen analysieren Marianne Pieper, Efthimia Panagiotidis und Vassilis Tsianos (S. 193ff: Konjunkturen der egalitären Exklusion: Postliberaler Rassismus und verkörperte Erfahrung in der Prekarität), indem sie die biopolitische Produktivität im Kontext von Rassismus und Prekarität sowohl als Unterwerfung, als auch als dissidentes Potential eines Ermächtigungsprozesses sehen. William Walters (S. 305ff: Mapping Schengenland. Die Grenze denaturalisieren) analysiert die Verschiebung der Kontrolle weg von den historischen Grenzen hin zu einem biopolitischen Raum, der sich über das Territorium der EU und darüber hinaus erstreckt.

Ergänzt wird dieses Buch noch durch philosophische Diskussionen. So wird erstmals ein Aufsatz von Achille Mbembe (S. 63ff: Nekropolitik) ins Deutsche übersetzt. Darin wird das Foucault´sche Konzept der Biomacht an Hand kolonialer und postkolonialer Grausamkeiten, etwa in der Plantagen der Kolonien, als Macht des Todes über das Leben analysiert und der Begriff der „Nekropolitik“ eingeführt. Damit wird der eurozentristische Blick der Biopolitik korrigiert. Thomas Seibert (S. 163ff: Die Abenteuer der Ontologie. Zwischenbilanz einer laufenden Auseinandersetzung um das biopolitische Sein) ist auf der Suche nach einer „materialistischen Teleologie“, die er in der nicht-dialektischen Form des Exodus findet wie auch im Militanten, der am Ende von „Empire“ auftaucht: zielgerichtet aktiv als Antwort auf das „zufällige“ (aleatorische) Auftauchen der Revolte. Der erste Beitrag ist von Antonio Negri (S. 29ff: Konstituierende Macht), der in den Kämpfen um die Konstitutionen in der frühen Neuzeit, der englischen und amerikanischen sowie der französischen und der russischen Revolution die die subversiven Elemente der Konstituierung herausarbeitet, die sich dort erschöpft haben (konstituierte Macht wurden), aber in Zukunft wieder als Möglichkeit (potentia) der Multitude auftauchen.

Die Übersetzung von Beiträgen der internationalen Diskussion ist von unschätzbarem Wert für die Weiterentwicklung der Debatte im deutschsprachigen Raum, die sonst an einer eigenen Nabelschau leidet und viele internationale Diskurse reflexartig ablehnt. Obwohl „Biopolitik – in der Debatte“ ein bisschen zusammengewürfelt wirkt, bieten die unterschiedlichen Beiträge brauchbare Ansätze, die es erlauben, in aktuelle Bewegungen zu intervenieren. Der Bezug auf die Widerständigkeit, die Wendung der pessimistischen Sichtweise Foucault´s ins positive bei „Empire“ bietet Ansätze für Bewegungen, auch wenn dadurch wieder die Gefahr der Beliebigkeit entsteht. Der Sammelband beschäftigt sich sowohl mit den Möglichkeiten der Revolte wie auch mit den Fallstricken einer zu optimistischen Sichtweise. Der Preis von fast 40 Euro ist ein Hindernis und könnte die Sichtweise provozieren, dass sich dieses Buch auf den akademischen Bereich beschränken soll.

[1Die Diskussion bezieht sich meistens auf “Empire”, die Grundthesen werden aber auch in „Multitude“ und „Common Wealth“ vertreten: Hardt, Michael / Negri, Antonio (2000): Empire. Cambridge (Mass): Harvard University Press. Hardt, Michael / Negri, Antonio (2004): Multitude. War and Democracy in the Age of Empire. New York: The Penguin Press. Hardt, Michael / Negri, Antonio (2009), Commonwealth. Cambridge (MA): Harvard University Press. Statt Hardt und Negri wird aus diesem Grund immer “Empire” verwendet.

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