Grundrisse, Nummer 2
Juni
2002
Michael Rosecker:

Zwischen Provinz und Internationale

Die frühe Arbeitervereinswelt am Beispiel Wiener Neustadt Vom Vormärz bis 1879

Wiener Neustadt: Verein Alltag Verlag 2002, 255 Seiten, € 19,90

Neugründungen kleiner Verlage sind, vor allem auf der „linken Reichshälfte“, selten geworden. Nach dem Boom der 60er und 70er Jahre sind ganz im Gegenteil die meisten linken Kleinverlage im deutschsprachigen Raum entweder gänzlich verschwunden oder in grösseren Verlagsgruppen aufgegangen. Da dies für Österreich besonders zutrifft, ist es umso erfreulicher, dass mit dem Verein Alltag Verlag ein neuer Verlag – noch dazu in der Provinz, mit welcher sich der Autor dieser Zeilen trotz „Emigration“ nach Wien verbunden fühlt - das Licht der Welt erblickt hat.

Die erste Publikation des Verlags ist die historische Abhandlung „Zwischen Provinz und Internationale“ von Michael Rosecker, der auch im Verlag eine zentrale Rolle einnimmt. Sie beschäftigt sich – wie der Untertitel bereits verrät - mit der Konstitution des Proletariats als Klasse und legt dabei einen besonderen Schwerpunkt auf ökonomische und soziokulturelle Zusammenhänge einer Provinzstadt, eben Wiener Neustadt. Bezugnehmend auf die Besprechung von Castels „Die Metamorphosen der sozialen Frage“ in diesem Heft kann das Buch von Rosecker als historisches, geographisches und methodisches (d.h. auf die Geschichtswissenschaft begrenztes) Destillat, eben keine „Chronik der Lohnarbeit“, sondern eine „Chronik der Herausbildung der Lohnarbeit(erInnenklasse) in einer niederösterreichischen Provinzstadt zwischen 1800 und 1879“, gelesen werden. Dennoch tauchen auch in „Zwischen Provinz und Internationale“ Situationsbeschreibungen auf, welche erstaunliche Parallelen zu heutigen „postfordistischen“ Beschäftigungsverhältnissen aufweisen.

Die Trennung der bäuerlichen bzw. handwerklichen ProduzentInnen von ihren Produktionsmitteln, die Aufsprengung des rückwärtsgewandten mittelalterlichen Wiener Neustadt durch die Entstehung der ersten Industriebetriebe werden mit reichlich Quellenmaterial anschaulich dargestellt, ebenso die Verknüpfung der Alltagswelt der Menschen mit den zentralen Ereignissen von 1848 und die (Un-)Möglichkeit sozialdemokratischer Aktivitäten unter den „Sozialistengesetzen“

Interessanter Weise waren die Wiener Neustäder ArbeiterInnen in der Frühphase der ArbeiterInnenbewegung meist radikaler als das Wiener Proletariat, welches offensichtlich noch stärker mit dem ihnen „wohlgesonnenen“ liberalen Teilen des Wiener Bürgertums verbunden war. Spätestens mit der massiven Konzentration der Industrie und somit des Proletariats im südlichen Wiener Becken Ende des 19. Jahrhunderts muss wohl die Bezeichnung „Provinz“ für Wiener Neustadt verabschiedet werden (dieser Zeitraum wird in Roseckers Buch jedoch nicht mehr beschrieben) So ging selbst der Anstoß zum kriegsverkürzenden Jännerstreik 1918 von ArbeiterInnen der Wiener Neustädter Industriebetriebe aus, ebenso entstanden in und um Wiener Neustadt die ersten österreichischen ArbeiterInnenräte. Temporär war also Wiener Neustadt sowohl von ökonomischer Konzentration als auch vom Vorbildcharakter der Klassenkämpfe her eigentlich alles andere als Provinz. Mittlerweile ist die Stadt selbstredend dahin zurückgekehrt.

Detailliert geht der Autor auch auf die Flügelkämpfe der frühen ArbeiterInnenbewegung ein: „Eisenacher“ gegen „Lasallianer“, „Selbsthilfe“ versus „Staatshilfe“, Anarchismus gegen marxistisch Orientierte. Der Kampf um die Loslösung der ArbeiterInnenklasse aus dem politischen Feld der liberalen Bourgeoisie diente hierbei all den Richtungsstreitigkeiten als Basis. Neben diesem organisatorischen Bruch wurden jedoch bald die Divergenzen sichtbar, welche zwischen dem späteren reformistischen und dem revolutionären Flügel aufbrachen. Weiters kristallisieren sich auch die Auseinandersetzungen mit deutschnationalen Positionen sowohl außerhalb als auch innerhalb der Arbeiterinnenbewegung ebenso heraus, wie die zunehmend brisanter werdende „Nationalitätenfrage“ in der k.&k. Monarchie. In den Konflikten über die Organisationsfrage jedenfalls schimmert ständig der Widerspruch zwischen Selbstorganisation der ArbeiterInnenklasse und repräsentativer Politik im bürgerlichen Rahmen durch, ein Antagonismus, der sich in der österreichischen Sozialdemokratie schon bald zu Gunsten letzterer entscheiden sollte ...

Leider geht Rosecker nicht auf die Auseinandersetzung Marxens mit dem Gothaer Programm bzw. mit dem sogenannten ehernen Lohngesetz Lasalles ein, obwohl gerade aus marxistischer Sicht diese Auseinandersetzung mit ihren politischen Implikationen von höchstem Interesse gewesen ist. Generell fällt an manchen Stellen die allzu sehr bemühte „Objektivität“ des Autors auf: wenn das Interesse des Wr. Neustädter Marxisten Ludwig Theodor Neumayr an der I. Internationale als „beinahe fanatisch“, der konsequente Revolutionär Neumayer als idealistischer, „rühriger Arbeiterführer“ beschrieben wird, andererseits aber ausgerechnet dezidiert rechte, dem deutschnationalen Lager zurechenbare Historiker wie Wilhelm Brauneder oder Lothar Höbelt - wenn auch mit „unverfänglichen„ Stellen - zitiert werden, ist das zumindest ärgerlich. Trotz diesen Wermutstropfen gibt das Buch nicht nur für „ProvinzlerInnen“ einen interessanten Überblick über die Entstehungsphase der ArbeiterInnenbewegung, laut Rosecker´s Einleitung damals noch ohne „Innen“. Auf weitere Veröffentlichungen des Verein Alltag Verlag darf gespannt gewartet werden.

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