Internationale Situationniste, Numéro 1
 
1976

Vorbereitende Probleme zur Konstruktion einer Situation

Die Konstruktion von Situationen fängt jenseits des modernen Zusammensturzes des Begriffs des Spektakels an. Wie sehr das Prinzip des Spektakels selbst — und zwar die Nichteinmischung — mit der Entfremdung der alten Welt verbunden ist, ist leicht ersichtlich. Umgekehrt kann man auch sehen, wie die gültigsten unter den revolutionären Experimenten in der Kultur versucht haben, die psychologische Identifizierung des Zuschauers mit dem Helden zu zerbrechen, um jenen zur Tätigkeit anzureizen ... So ist die Situation dazu da, von ihren Schöpfern erlebt zu werden. In ihr muss die wenn nicht passive, so doch wenigstens stumme Rolle des „Publikums“ immer geringer werden, während die Teilnahme derer zunimmt, die nicht Schauspieler sondern in einem neuen Sinn des Wortes „Lebemänner“ genannt werden können.

Bericht über die Konstruktion von Situationen

Unsere Auffassung von einer „konstruierten Situation“ beschränkt sich nicht auf den einheitlichen Gebrauch künstlerischer Mittel, die zur Bildung einer Umgebung zusammenwirken, wie groß die räumlich-zeitliche Ausdehnung und die Kraft dieser Umgebung auch sein mögen. Die Situation ist gleichzeitig eine zeitliche Verhaltenseinheit. Sie besteht aus einer Gestik, die in der Szenerie eines Moments enthalten ist. Diese Gestik ist aus der Szenerie und aus sich selbst entstanden. Sie erzeugt andere Formen der Szenerie und eine andere Gestik. Wie kann man diese Kräfte lenken? Man wird sich mit empirischen Umweltversuchen nicht zufrieden geben, von denen man sich durch eine mechanische Aufreizung Überraschungen erhoffen würde. Die echte experimentelle Richtung der situationistischen Tätigkeit besteht in der Erweckung von mehr oder weniger deutlich erkannten Begierden, die als Ausgangspunkte genommen werden für ein zeitlich begrenztes, diesen Begierden günstiges Tätigkeitsfeld. Nur dadurch können sich die ursprünglichen Begierden erklären lassen, sowie neue verschwommen entstehen, deren materielle Grundlage die neue Wirklichkeit sein wird, die durch die situationistischen Konstruktionen gebildet wird.

Wir müssen also eine Art Psychoanalyse zu situationistischen Zwecken ins Auge fassen, bei der jeder Teilnehmer dieses Abenteuers genaue Wünsche nach Umgebungen finden soll, um sie zu verwirklichen — im Gegensatz zu den Zielen, die die aus der Freudschen Lehre hervorgegangenen Strömungen verfolgen. Jeder soll nach dem suchen, was er liebt und was ihn anzieht — hier kommt es uns auch nicht, im Gegensatz zu gewissen Versuchen der modernen Literatur (vgl. z.B. Leiris) auf unsere individuelle Geistesstruktur noch auf die Erklärung ihrer Bildung an, sondern auf die Möglichkeit der Anwendung des Geistes in den konstruierten Situationen. Durch diese Methode lassen sich Bestandteile der zu konstruierenden Situation aufzählen — Projekte für die Bewegung dieser Elemente.

Eine solche Forschung hat nur für solche Individuen einen Sinn, die in der Richtung einer Konstruktion von Situationen praktisch arbeiten. Darum sind alle, sei es spontan oder auf bewusste und organisierte Weise, Vorsituationisten — d.h. Individuen, denen diese Konstruktion bei demselben Mangelzustand der Kultur und denselben Ausdrücken der unmittelbar vorangehenden experimentellen Sensibilität ein objektives Bedürfnis ist. Eine Spezialisierung sowie ihre Zugehörigkeit zur selben historischen Avantgarde in ihrer Spezialisierung bringt sie zusammen. Wahrscheinlich findet man bei allen viele Themen, die sie mit dem situationistischen Verlangen gemeinsam haben, das immer vielseitiger wird, sobald es in eine Phase wirklicher Aktivität übergeht.

Vorbereitung und Ablauf der konstruierten Situation geschehen zwangsläufig kollektiv. Es sieht jedoch wenigstens für die Periode der Anfangsversuche so aus, als ob ein Individuum eine gewisse Vorrangstellung bei einer bestimmten Situation hat — sozusagen deren Regisseur sein wird. Von einem durch eine Forschergruppe ausgearbeiteten Situationsprojekt ausgehend, das z.B. die aufregende Zusammenkunft einiger Personen für einen Abend kombinieren würde, müsste man vermutlich unterscheiden zwischen 1. dem Direktor bzw. Regisseur, der damit beauftragt wäre, die der Konstruktion der Szenerie vorhergehenden Elemente zu koordinieren und auch gewisse Eingriffe in die Ereignisse vorauszusehen (dieses Verfahren könnte auch mehreren Verantwortlichen anvertraut werden, denen die Eingriffspläne der anderen mehr oder weniger unbekannt bleiben würden); 2. direkten, die Situation erlebenden Mitwirkenden, die an der Ausarbeitung des kollektiven Projekts teilgenommen und bei der praktischen Umgebungszusammensetzung mitgewirkt hätten und 3. einigen passiven, der Konstruktionsarbeit fremden Zuschauern, die man zur Handlung nötigen sollte.

Natürlich kann sich die Beziehung zwischen dem Direktor und den die Situation Erlebenden nicht zu einer Beziehung der Spezialisierung entwickeln. Es handelt sich nur um die vorläufige Unterordnung einer ganzen Situationistengruppe gegenüber dem Verantwortlichen eines einzelnen Experiments. Diese Aussichten bzw. ihre provisorische Terminologie sollen nicht glauben lassen, man hätte es mit einer Fortsetzung des Theaters zu tun. Pirandello und Brecht haben die Zerstörung des Theaterschauspiels, sowie Forderungen aufgezeigt, die darüber hinausgehen. Man kann sagen, dass die Konstruktion der Situationen das Theater nur in demselben Sinne ersetzen wird, in dem die wirkliche Konstruktion des Lebens die Religion immer mehr ersetzt hat. Offensichtlich heißt das Hauptgebiet, das wir ersetzen und vollbringen werden, die Poesie, die sich an der Avantgarde unserer Zeit selbst verbrannt hat und ganz und gar verschwunden ist.

Die wirkliche Vollendung des Individuums — auch in dem von den Situationisten entdeckten Kunsterlebnis — kann unmöglich ohne die kollektive Beherrschung der Welt geschehen: vor ihr gibt es noch keine Individuen, sondern nur Gestalten, die mit den Dingen umgehen, die ihnen von anderen anarchisch gegeben werden. In Zufallssituationen treffen wir getrennte, ziellos herumziehende Individuen. Ihre voneinander abweichenden Gemütsregungen heben sich gegenseitig auf und erhalten ihre feste Umwelt der Langeweile aufrecht. Wir werden diese Bedingungen zugrunderichten, indem wir das Brandzeichen eines höheren Spiels an einigen Punkten erscheinen lassen.

Zu unserer Zeit versucht der Funktionalismus — ein notwendiger Ausdruck des technischen Vorsprungs — das Spiel ganz zu beseitigen und die Anhänger des „industrial design“ beklagen sich über die Zersetzung ihrer Arbeit durch die Neigung des Menschen zum Spiel. Diese durch den Industriehandel gemein ausgenutzte Neigung stellt die nützlichsten Ergebnisse wieder in Frage, indem sie neue Vorstellungsformen verlangt. Wir sind der Meinung, dass man die ständige künstlerische Erneuerung der Kühlschrankform nicht fördern soll. Der moralisierende Funktionalismus kann aber nichts dagegen tun. Der einzige fortschrittliche Ausgang besteht darin, die Neigung zum Spiel anderswo und weiter zu befreien. Bis dahin ist die naive Entrüstung der reinen „industrial design“-Theorie der tiefgreifenden Tatsache nicht hinderlich, dass z.B. der individuelle Wagen hauptsächlich ein idiotisches Spiel und nebensächlich ein Transportmittel ist. Gegen alle rückläufigen Formen des Spiels, die seine Rückkehr zu einer infantilen, immer einer reaktionären Politik verbundenen Entwicklungsstufe darstellen, müssen wir die Experimentalformen eines revolutionären Spiels behaupten.

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