Grundrisse, Nummer 13
März
2005
Angelika Ebbinghaus, Karl-Heinz Roth (Hg.):

Rote Kapellen – Kreisauer Kreise – Schwarze Kapellen

Neue Sichtweisen auf den Widerstand gegen die NS-Diktatur 1938-1945

Hamburg: VSA-Verlag 2005, 296 Seiten, € 19,80

Karl Heinz Roth und Angelika Ebbinghaus als die HerausgeberInnen und MitautorInnen des Buches zeigen wie vermittels der SfS (Stiftung für Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts) bisher verfemte Bereiche des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus ins Licht der Aufmerksamkeit gerückt werden können. Auch werden Teile des so genannten bürgerlichen Widerstandes, d.h. vor allem auch desjenigen der akademisch-administrativen und der militärischen Funktionseliten aus neueren wissenschaftlichen Gründen heraus relativiert, so dass ihrer Instrumentalisierung für die Konstruktion und vor allem Legitimation nationaler Geschichtsmythen entgegengewirkt werden kann.

Das Buch gliedert sich in drei Teile. Schon der Untertitel des ersten Teiles „Der lange Weg zum bürgerlichen Widerstand“ weist auf die Friktionen in der Konstitution des Widerstandes der so genannten „Schwarzen Kapellen“ hin. Karl Heinz Roth expliziert hier in einem durchaus lesenswerten und allgemeinverständlichen Schreibstil die langsame Entfremdung wichtiger militärischer und ziviler Funktionsträger des NS-Regimes von Hitlers Plan der Eroberung von „Lebensraum“ im Osten. Gab es von der Machtergreifung Hitlers im Jahre 1933 bis 1937 in weiten Teilen Übereinstimmung der politischen Zielsetzungen (Revitalisierung der nationalen Ehre durch die Revision der Versailler Verträge und Eroberung von „Lebensraum“ im Osten d.h. Aufrüstung der Reichswehr – später Wehrmacht – als außenpolitische Ziele sowie die Eliminierung der jüdischen Bevölkerung aus sämtlichen Bereichen gesellschaftlichen Lebens, die Gleichschaltung aller gesellschaftlichen Organisationen und die Zerschlagung aller linken Parteien zur Eindämmung der Gefahr klassenkämpferischer Auseinandersetzungen als primär innenpolitische Ziele) zwischen dem NS Regime und den bestehenden Funktionsträgern des Staates, so kam es in den Jahren 1937/38 zum strategischen Dissens. Nach dem ersten Kriegsjahr bildeten sich die ersten konspirativen Treffen, welche allerdings trotz unterschiedlicher Meinungen der einzelnen Kreise – wie der Popitz-Hassell Kreis und später die Gruppe um Goerdeler – entschieden autoritär verfasst blieben, d.h. die Selbst- und Mitbestimmung der BürgerInnen verhindern wollten. Ein eigenes Kapitel widmet Roth der Entwicklung „der Offiziersopposition zur Aktionsgruppe des 20. Juli 1944“ um Stauffenberg, während Angelika Ebbinghaus die Widerstandsbewegung des „Kreisauer Kreises“ um Helmuth und Freya von Moltke untersucht. Im Gegensatz zur inneren Opposition der Funktionsträger arbeiteten hier prinzipiell regimekritische Menschen, teils der zerschlagenen Sozialdemokratie verbunden, gegen die Zielsetzungen der nationalsozialistischen Diktatur. So gelang es ihnen beispielsweise durch Kontakte zum dänischen Untergrund die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Dänemark weitgehend zu verhindern.

Teil zwei, „die Geschichte des Widerstands als Erinnerung: Angehörige und Zeitzeugen“, beinhaltet Interviews mit Hartmut Schulze-Boysen, dem Bruder von Harro Schulze-Boysen sowie Freya von Moltke. Die so genannten „roten Kapellen“ um Schulze-Boysen, welche 1942 von den Nazis zerschlagen wurden, kamen aus unterschiedlichen Milieus und hingen verschiedenen Weltanschauungen an; so arbeiteten hier KommunistInnen, ChristInnen und PazifistInnen gegen das Naziregime zusammen und nützten ihre Positionen im Wirtschafts- bzw. Wehrmachtsapparat für Sabotage und Spionagetätigkeit. So wurde beispielsweise Stalin vom Angriffsplan Hitlers auf die Sowjetunion bereits im Vorhinein durch Widerständige der „roten Kapellen“ informiert. Stefan Roloffs Verdienst ist es, die vielfältigen Formen und unterschiedlichen Netzwerke des „roten“ Widerstandes zu beleuchten und den Nachweis zu führen, dass die „rote Kapelle“ – als einheitliche und von Stalin geführte Organisation – ein Konstrukt der NS-Geheimdienste war, welches ins öffentliche Bewusstsein Nachkriegsdeutschlands übernommen wurde und dazu führte, dass das offizielle Deutschland sich bis zum heutigen Tage weigert, den Widerstand des „roten Kreises“ anzuerkennen.

Der dritte und letzte Teil „Der Widerstand von unten“, geschrieben von dem Historiker Ludwig Eiber setzt sich mit dem am wenigsten bekannten und erforschten Teil der Widerständigkeit gegen das NS-Regime auseinander. Eiber beschreibt den kommunistisch-aktivistischen Widerstand aus dem ArbeiterInnenmilieu, welcher noch vor Kriegsbeginn durch die Knechte des Regimes in seinen Strukturen zerschlagen wurde, die innere Emigration der Sozialdemokratie, wodurch deren formelle Strukturen großteils außer kraft gesetzt und nach dem Krieg reaktiviert werden konnten sowie die individuellen Verweigerungshaltungen wie Desertion und Kriegsdienstverweigerung oder die misslungenen Attentate des Georg Elser. Nicht zu vergessen ist das Kapitel über die Widerstandsmöglichkeiten von Frauen, welche sich den Zumutungen des NS-Frauenbildes zu widersetzten versuchten, der Jugendwiderstand sowie der Widerstand von Jüdinnen und Juden vor allem kommunistischer Gesinnung, welche z.B. einen Brandanschlag gegen die NS-Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“ durchführten. Auch die Zeugen Jehovas, welche aus Glaubensgründen den Kriegsdienst verweigerten, finden hier Erwähnung.

Ausgeklammert bleibt allein eine Dimension, die darzustellen wohl noch weiteren Forschungsprojekten verbleibt: Formen und Möglichkeiten von Widerständigkeit in polnischen Ghettos und in den Konzentrationslagern, eingerichtet von der selbsternannten „Herrenrasse“ für die Segregation der jüdischen Bevölkerung, welche letztlich in der „Endlösung“ der Vernichtung des europäischen Judentums endete. Diese Dimension betreffend bleibt auch das Thema Widerstand gegen die zur Vernichtung bestimmten Roma und Sinti offen. Dies allerdings tut der Brauchbarkeit und Wichtigkeit des vorliegenden Buches keinen Abbruch.

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