FORVM, Günther Anders Archiv
Juni
2019
Als Juror des Russell-Tribunals 1967

Nürnberg und Vietnam

Synoptisches Mosaik

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„Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammenliegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei ... anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“ (Heinrich Himmler in seiner Rede vor SS-Gruppenführern am 4. Oktober 1943 in Posen)

„Ich würde es begrüßen, wenn sie (die amerikanischen Studenten) ebensoviel Fanatismus für ihr politisches System aufbringen würden wie die jungen Nazis während des Krieges für ihr System aufgebracht haben.“ (Präsident Johnson in einer Rede vor amerikanischen Studenten. New York Times 6. Februar 1965)

I

[linke Spalte:]

DIE GESETZE DER NÜRNBERGER KRIEGSVERBRECHERPROZESSE WERDEN BESTANDTEIL DES RECHTS DER VEREINIGTEN STAATEN VON AMERIKA . . .

8. August 1945: Die Vereinigten Staaten, Groß-Britannien, Frankreich und die Sowjetunion kommen überein, den Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg auf der Basis gegenseitiger Verträge zu errichten. Dessen Hauptaufgabe besteht darin, „die Hauptkriegsverbrecher der europäischen Achsenmächte einer sofortigen und gerechten Untersuchung und Verurteilung“ zuzuführen. Artikel 6 der Charta des IMT lautet: „Folgende Handlungen, einzeln oder in Tateinheit, fallen als Verbrechen, für die die Täter persönlich verantwortlich gemacht werden werden, unter die Rechtsprechung des Tribunals,

a) Verbrechen gegen den Frieden; nämlich Planung, Vorbereitung, Auslösung oder Führung eines Angriffskrieges oder eines Krieges der internationale Verträge verletzt; ferner Zustimmung oder Teilnahme an einem gemeinsamen Plan oder einer Verschwörung, die irgendeine der oben genannten Handlungen ermöglichen soll.

b) Kriegsverbrechen: nämlich Verletzung des Kriegsrechts oder Kriegsbrauchs. Solche Verletzungen schließen ein: Mord, Mißhandlung oder Verschleppung der Zivilbevölkerung besetzter Gebiete in Arbeitslager oder zu irgendeinem anderen Zweck; Mord oder Mißhandlung von Kriegsgefangenen oder Schiffbrüchigen, Plünderung öffentlichen Eigentums, willkürliche Zerstörung von Stadtzentren, Städten oder Dörfern oder nicht durch militärische Erfordernisse gerechtfertigte Verwüstungen, — sind aber nicht auf diese Handlungen beschränkt.

c) Verbrechen gegen die Menschlichkeit, nämlich Mord, Völkermord, Versklavung, Verschleppung und andere unmenschliche Handlungen, die an der Zivilbevölkerung vor dem Krieg oder während des Krieges begangen wurden; Verfolgung aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen, in Ausübung von oder in Verbindung mit Verbrechen, die der Rechtssprechung dieses Tribunals unterliegen, gleichgültig, ob sie das Recht des Landes, wo sie begangen wurden, verletzt haben oder nicht.

Führer, Organisatoren, Anstifter und Beihelfer, die an der Formulierung oder Ausführung eines gemeinsamen Plans oder einer Verschwörung zur Durchführung irgendeines der vorgenannten Verbrechen beteiligt waren, sind für die Handlungen verantwortlich, die von jeder beliebigen Person bei der Durchführung dieses Plans begangen worden sind.“

Der Kern dieser Charta besteht in dem Gedanken, daß jedermann internationalen Verpflichtungen unterworfen ist, die über den bürgerlichen Gehorsam, den jeder einzelne Staat fordert, hinausgehen. (Nürnberg, Meinung und Urteile)

11. Dez. 1946: Auf Antrag der USA werden die Charta und die Urteile des Nürnberger Gerichtshofs und die von ihm aufgestellten Völkerrechtsnormen durch einstimmigen Beschluß der Vollversammlung der Vereinten Nationen bestätigt.

Das Völkerrecht ist Bestandteil unseres Rechts“ (Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten, 1957)

[rechte Spalte daneben:]

FREILICH NUR AUF DEM PAPIER. DENN:

„Eine der infamsten Foltermethoden, die von den (südvietnamesischen) Regierungstruppen angewendet werden, ist die partielle Elektrokution, das „Braten“, wie es ein US-Berater genannt hat. Der Verfasser war einmal zugegen, als diese Folter angewandt wurde. Man legte an die beiden Daumen eines gefangenen Viet-Cong zwei Drähte an. Am anderen Ende der Kabel befand sich ein Feldgenerator, den ein vietnamesischer Soldat anwarf. Der Generator erzeugte einen Stromstoß, der dem Gefangenen Verbrennungen zufügte und ihn schockte.“ (Beverly Deepe in der New York Herald Tribune 25. April 1965)

„Um 12 Uhr flog ein Hubschrauber ein und der Marinesoldat, der ohne Hemd im Zelt saß, sagte, der Hubschrauber wird nach Da Nang fliegen ... Ein junger MG-Schütze saß unter der Tür und kaute an einem Schokoladenbisquit seiner Feldration. Er stieß mit dem Fuß eine kleine Drahtspule aus dem Weg und machte uns Platz. ,Gerad’ eben haben wir Nuongs geflogen, das sehen Sie an dem Draht hier‘, sagte er. ,Wieso?‘ Nuongs sind chinesische Söldner aus Formosa. ,Die wünschen immer solchen Draht für die Gefangenen‘, sagte der Junge. ,Das wissen Sie nicht? Die nehmen sich einen Viet Cong vor und befehlen ihm, die Hände an die Wangen zu legen. Dann bohren sie den Draht durch Hand und Wange, ziehen ihn durch den Mund, bohren ihn dann wieder durch die andere Wange und durch die andere Hand, und befestigen an den Enden des Drahtes Holzstückchen. Haben Sie die noch nie mit so zurechtgemachten Gefangenen gesehn? Oh, das sollten Sie mal sehn, wie still diese Scheißkerlchen (gooks) im Hubschrauber sitzen, wenn wir sie so verpackt haben!“ (Jimmy Breslin in der New York Herald Tribune 29. September 1965)

Man schlägt mit sandgefüllten Seidenstrümpfen auf ihre Schläfen und schließt die Männer an die elektrischen Generatoren der Stabsquartiere an. (London Sunday Mirror 4. April 1965)

„Zu den weiteren üblichen Praktiken gehört es, Gefangene dazu zu zwingen, es mitanzusehen, wie einem ihrer Kameraden Finger, Ohren, Fingernägel oder Geschlechtsteile abgeschnitten werden, um sie dadurch zum Sprechen zu bringen.“ (Beverly Deepe, New York Herald Tribune, 25. April 1965)

„Wenn man erst mal damit anfangen würde, sich was daraus zu machen, daß man Weiber oder Kinder umbringt, dann wäre man schon nach einer Woche reif fürs Irrenhaus.“ (Ein amerikanischer Pilot zu einem Korrespondenten des Daily Mail, 28. Juni 1965)

II

DIE AMERIKANER WERDEN AN DIE CHARTA VON NÜRNBERG GEMAHNT .....

Gegen Ende des Jahres 1961 erhielt David Henry Mitchell, 18, Student an der Brown Universität, wohnhaft in New Canaan, Connecticut, den Musterungs- Fragebogen von dem dafür zuständigen Amt. Zwei Monate später erklärte Mitchell dem Amt in einem Schreiben, daß er es verweigern müsse, mit dieser Stelle irgendetwas zu tun zu haben. Im Verlauf der nächsten zwei Jahre erhielt Mitchell mehrere Bescheide des Inhalts, daß er sich einer Verfehlung schuldig gemacht habe. Diese Benachrichtigungen beantwortete er jeweils mit der Wiederholung seiner Erklärung.

Am 18, Mai. 1964 erhielt Mitchell einen Gestellungsbefehl, die Aufforderung, sich am 10. Juni 1964 zu stellen. Statt einzurücken schrieb Mitchell an das Wehrbereichskommando: „Es ist mir nicht unbekannt, daß es gewisse Mittel gibt, die ich verwenden könnte, um vom Wehrdienst befreit zu werden. Aber das interessiert mich nicht. Was ich beabsichtige, ist nicht etwa von denjenigen Befreiungs-Chancen Gebrauch zu machen, die innerhalb des Systems der Wehrpflicht als solcher bereits vorgesehen sind; sondern dieser Wehrpflicht als solcher Widerstand zu leisten. Nicht deshalb opponiere ich gegen sie, weil ich in ihr etwas gerade für mich persönlich Falsches sähe, sondern deshalb, weil sie etwas für den Frieden und den Fortbestand der Menschheit Falsches darstellt. Der Verbrecher in diesem Falle ist das Einberufungssystem als solches, was aus dem in der ganzen Welt wirksamen amerikanischen Militarismus
ersichtlich ist...Ich weigere mich, dabei mitzumachen, in welcher Form auch immer.“

Am 25. September, am 10. November und am 14. Dezember erhielt Mitchell weitere Gestellungsbefehle. Auch diesen kam er nicht nach.

„Wenn ich mich weigere, mit meiner Regierung zusammenzuarbeiten, so nicht deswegen, weil ich ein Pazifist wäre, oder weil ich an der Welt desinteressiert wäre, sondern im Gegenteil deshalb, weil ich eine unzweideutige Einstellung zur Welt habe und d. h, in diesem speziellen Falle: weil ich die Vereinigten Staaten wegen ihrer Verbrechen gegen den Frieden und ge^ gen die Menschlichkeit verurteile. Ich weigere mich, an weiteren Koreas, an Kuba-Invasionen oder-Blockkaden oder an Vietnams teilzunehmen, oder mich zu identifizieren mit der Arroganz, mit der wir die Welt nuklear in die Luft zu sprengen drohen.“ (David Mitchell, 10. Juni 1964)

Am 14, Juni 1965 wurde Mitchell vorgeladen. Er plädierte für,nicht schuldig1 und verlangte eine Geschworenengerichtsverhandlung.

WEIL SIE DIESE IN VIETNAM VERLETZEN

„Im zentralvietnamesischen Hochland, wo der Verlust der Ernte für die Guerillas Hunger bedeuten könnte, wurden amerikanische Flugzeuge eingesetzt, um Entlaubungschemikalien auf die Bäume und Büsche an der Straße nach Cap Saint-Jacques, einer Seestadt, zu sprühen. In etwa zwei Wochen wird der Wald an den Straßen sein Laub verlieren und dadurch die Guerillas ihrer Verstecke, die sie für ihre Beobachtungen benötigen, berauben. Luftaufklärer haben berichtet, daß sich die Farbe der Bäume bereits verändert habe. Ein Bauer beklagte sich bei den Amerikanern darüber, daß die von ihnen verwendeten Chemikalien seine Gummiplantagen zerstörten.“ (Homer Bigart, New York Times, 24. Januar 1962)

„Wir liefern einen phosphorhaltigen Sprengstoff, der, von Artillerie oder von Kampfflugzeugen abgeschossen, in Form einer weißen Wolke explodiert, und der alles verbrennt, was er berührt.“ (AP aus Saigon, 21. März 1964)

„Angeblich hat man die sog. ,fortified villages‘ deshalb angelegt, um die Viet Congs auszusperren. Aber mit Stacheldraht blockiert man nicht nur den Zugang, sondern auch den Ausgang. Mit vorgehaltenen Gewehren werden die vietnamesischen Bauern in diese ,Dörfer‘, die letztlich nichts anderes als Konzentrationslager sind, hineingezwungen. Ihre Häuser, ihre Habe und ihre Ernte werden verbrannt. In der Provinz Kien-Tuong wurden sieben Dorfbewohner zum Marktplatz geführt. Dort schlitzte man ihnen den Bauch auf, dann riß man ihnen die Leber heraus und stellte diese öffentlich aus. Diese Opfer waren Frauen und Kinder. ln einem anderen Dorf wurde ein Dutzend vor den Augen ihrer Landsleute geköpft. ln einem dritten Dorf wurden werdende Mütter von Regierungstruppen auf den Dorfplatz eingeladen, angeblich um dort Ehrungen entgegen zu nehmen. Ihre Leiber wurden dort aufgeschlitzt und die noch ungeborenen Babies herausgerissen.“ (Dallas Morning News, 1. Januar 1963)

„Ich würde es begrüßen, wenn sie (die amerikanischen Studenten) ebensoviel Fanatismus für ihr politisches System aufbringen würden wie die jungen Nazis während des Krieges für ihr System aufgebracht haben." (Präsident Johnson in einer Rede vor amerikanischen Studenten. New York Times, 6. Februar 1965)

„Es gibt einen neuen Schlag von Amerikanern, von dem die meisten noch nichts wissen, aber es ist hoch an der Zeit, daß wir uns an diesen gewöhnen. Die 18-und 19jährigen, die heute mit dem Modewort ,high-school drop-outs’ bezeichnet werden, die haben Stahl in ihrem Rückgrat, und vielleicht zuviel von dem, was Preisboxer ,killer instinct‘ nennen. Diesen Jungens scheint es Spaß zu machen, die Viet Congs zu killen .,.“ (Warren Rogers, New York Journal American, 16. September 1965)

„ln einer der Deltaprovinzen gibt es eine Frau, die durch Napalm beide Arme verloren hat, und deren Augenlider so furchtbar verbrannt sind, daß sie diese nicht mehr schließen kann. Wenn sie schlafen soll, breitet ihre Familie eine Decke über ihren Kopf. Bei dem Luftangriff, der sie im April vergangenen Jahres verstümmelt hat, hat sie zwei ihrer Kinder eingebüßt, fünf andere Kinder starben vor ihren Augen. Völlig nüchtern erklärte sie einem Amerikaner, daß ,mehr Kinder deshalb getötet wurden, weil diese noch keine Erfahrung haben und nicht wissen, wie sie hinter den Deichen in Deckung zu gehen haben‘.“ (Charles Mohr, New York Times, 5. September 1965)

David Mitchells Prozeß fand vom 13. bis zum 15. September 1965 statt. Mitchell verteidigte sich mit dem Argument, daß die Charta des Internationalen Militärtribunals und der Nürnberger Prozeß unzweideutig festgelegt hätten, daß sich Individuen ungeachtet der Befehle oder Gesetze ihrer eigenen Staaten vor dem international geltenden Völkerrecht und der internationalen Moral zu verantworten haben.

Der Richter bezeichnete Mitchells Verteidigungsargument als ,tommy-rot’ (Quatsch), ,degenerate Subversion’ (entartete Subversion — was immer diese sinnlose Wortzusammenstellung bedeuten mag) und befand, daß die Nürnberg-Gesetze in diesem Prozeß ,irrelevant’ seien. Mitchell wurde zu fünf Jahren Gefängnis und zur Strafzahlung von | 5000 verurteilt.

III

WAS IST IRRELEVANT? RICHTER JACKSONS ARGUMENT? . . .

„Ferner darf man niemandem einen Prozeß machen, wenn man nicht bereit dazu ist, alles Relevante, was der Angeklagte zu seiner Verteidigung und zum Zwecke der Gewinnung von Evidenz von Anderen zu sagen hat, anzuhören.“ (Rede des Richters am Supreme Court Jackson vor der Amerikanischen Gesellschaft für Völkerrecht)

WAS BEWEIST ENTARTUNG? MITCHELLS OPPOSITION? . . .

„Millionen finden es leichter, die Dienstpflicht, sogar einen Atomkrieg und sogar den eigenen Tod zu akzeptieren als sich auf politische Schwierigkeiten einzulassen.“ (David Mitchell)

ODER MENSCHEN?

„In einem bekannten Falle wurden zwei Viet Cong-Gefangene auf dem Flug nach Saigon verhört. Der Erste weigerte sich, Fragen zu beantworten und wurde daraufhin aus dem Flugzeug, das in 1000 m Höhe flog, geworfen.“ (Beverly Depe, New York Herald Tribune, 25. April 1965)

ODER DER STIL DER MILITÄRISCHEN OPERATIONEN DER .LEDERNACKEN1?

„Bei der Durchführung einer verbrannte Erde-Operation zündeten Ledernacken die Ernte an. Die Hütten äscherten sie ein oder sie sprengten diese.“ (NewYork Herald Tribune, 23. Mai 1965)

WAS IST QUATSCH? MITCHELLS ERKLÄRUNG? . .
ODER DAS LEBEN NEUGEBORENER?

„Ich hätte gewiß auch dann nicht in einem Nazi-Konzentrationslager gearbeitet, wenn ich, statt die Ofen und Gaskammern zu bedienen, Wachsoldat oder Verwaltungsbeamter hätte sein dürfen,“ (David Mitchell)

„Könnten Eltern etwas Erbitternderes erleben, als mitanzusehen, wie ihre kleinen Kinder, vergiftet durch das von unseren militärischen Autoritäten eingesetzte ,humane Brechreiz-Gas‘, zu würgen beginnen und dann an Erstickung sterben? Am wenigsten Widerstand können dieser angeblich ,humanen’ Waffe natürlich die Schwächsten, gleich ob jung oder alt, entgegensetzen. Sie werden sich in furchtbaren Krämpfen winden und, unfähig diese körperliche Zumutung auszuhalten, blau oder schwarz anlaufen und sterben.“ (David Hilding, Professor der Medizin an der Yale Universität, New York Times, 26. März 1967)

IV

Das Appellationsgericht hob das Urteil auf und beauftragte das Gericht, das Verfahren von neuem aufzunehmen. Es bestätigte auch Mitchell sein Recht, sich so zu verteidigen, wie es ihm richtig dünkte: Nürnberg war relevant geworden.

GIBT ES NUR EINEN MITCHELL?

Mutter, ich mußte eine Frau töten und ein Baby_Wir durchsuchten die
toten Viet Cong, als die Frau des einen, dessen Kleidung ich gerade durchwühlte, aus einer Höhle herausgerannt kam ... Ich schoß auf sie, und da mein Gewehr automatisch funktioniert, hatte ich sechs mal geschossen, ehe ich nur wußte, was los war. Vier von diesen Schüssen trafen sie, und die anderen schlugen in die Höhle ein, die müssen am Felsen zurückgeprallt sein und dabei das Baby getroffen haben. Mutter, zum ersten male fühlte ich mich wirklich hundeelend. Das Baby war ungefähr zwei Monate alt. Mein Gott, Mutter, das ist schlimmer hier als die Hölle. Warum muß ich Frauen und Kinder umbringen?’ (Marine Korporal Ronnie Wilson, 20jährig, in einem Brief nach Hause)

V

EIN ZWEITER RICHTER ERKLÄRT, DIE CHARTA VON NÜRNBERG SEI IRRELEVANT
Am 15. März 1966 begann der zweite Prozeß. Er schloß am 16. März. Obwohl der Richter Bezugnahme auf Nürnberg zuließ und damit einverstanden war, die in Betracht gezogenen Geschworenen zu fragen, ob sie sich einem Angeklagten gegenüber, der sich auf die Nürnberg Gesetze berufen würde, befangen fühlen werden, verweigerte er doch die Zulassung von Zeugenaussagen und schloß die Prinzipien bzw. Gesetze von Nürnberg selbst als ,irrelevant‘ aus.

IRRELEVANT?

„Die Viet Cong-Kämpfer sind durch die Genfer Konvention genauso geschützt wie die amerikanischen GI’s. Man hätte dramatisch gegen die Verletzungen der Genfer Konvention protestieren müssen, als die ersten Viet Cong-Gefangenen erschossen wurden, als sie gefoltert wurden, und als die amerikanische Armee damit begann, die Viet-Cong-Hospitäler zu zerstören und von der Versorgung mit Medikamenten abzuschneiden.“ (Hans Henle, ehemals Mitglieder der Exekutive des Informationsdienstes des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes in Genf. New York Times, nur internationale Ausgabe, 14. Oktober 1965)

„Als Wissenschaftler und als Vater von fünf Kindern beklage ich aufs tiefste die Pervertierung der Technik, die es den Militärs möglich macht, ein so gut wie wehrloses Volk als ein Laboratorium für die Entwicklung und Erprobung von Anti-Resistance-Waffen zu verwenden. Im Prinzip unterscheidet sich das kaum von den Aktivitäten der Nazi-Ärzte, die an ihren unglückseligen Konzentrationshäftlingen herumexperimentierten. Wenn wir so weitermachen, dann werden wir nicht nur unsere eigene Seele, sondern auch die Welt verlieren, denn wir können nicht Prinzipien verteidigen, wenn wir selbst keine haben.“ (Dr. Tom Stonier, Atomphysiker, New York Times, 25. März 1965)

OFFENBAR IRRELEVANT

„Die Regierung sieht Viet Cong-Hospitäler als legitime Ziele für Attacken von Boden und aus der Luft an. Wenn vietnamesische Kommandeure einen Luftangriff auf eine Sanitätszentrale anordnen, dann wird dieser selbst dann durchgeführt, wenn Amerikaner zur angreifenden Mannschaft angehören. Ein Sprecher der amerikanischen Armee antwortete, als man ihn fragte, ob Amerikaner mit diesen Angriffen einverstanden seien: ,Dafür gibt es noch keine bestimmten Regulationen.1 Flugzeuge der vietnamesischen Luftwaffe werden häufig von amerikanischen Piloten geflogen.“ (New York Times, 25. Juli 1962)

„Gefangene werden zuweilen kastriert oder geblendet. Es ist nicht nur einmal geschehen, daß Vietnamesen, die im Verdacht standen, Viet Congs zu sein, nach ihrem Verhör an einen Panzerwagen angeseilt und durch die Reisfelder geschleift wurden. Was mit den furchtbarsten Qualen verbunden ist und stets einen tödlichen Ausgang nimmt.“ (,The New Farce of the War“, von Malcolm Browne, Bobbs-Merrill Co, 1965)

WER IST SCHULDIG?

„Wir akzeptieren nicht das Paradox, daß Verantwortung vor dem Gesetz dort am geringsten sein sollte, wo die Macht am größten ist... Hand in Hand mit der Doktrin von der Immunität von Staatsoberhäuptern geht gewöhnlich die andere, daß wer die Befehle eines ihm Vorgesetzten befolgt, dadurch der Verantwortung enthoben und geschützt ist. Es ist offensichtlich, daß die Verbindung dieser zwei Doktrinen darauf hinausläuft, daß niemand schuldig ist.“ (Richter am Supreme Court Jackson in einem Bericht an Präsident Truman, 1954)

„Ich würde es begrüßen, wenn sie (die amerikanischen Studenten) ebensoviel Fanatismus für ihr politisches System aufbringen würden wie die jungen Nazis während des Kriegs für ihr System aufgebracht haben.“ (Präsident Johnson in einer Rede vor amerikanischen Studenten, New York Times, 6. Febr. 1965) „Gerne bombardiere ich Dörfer nicht. Schließlich weiß man, daß man dabei auch Frauen und Kinder trifft. Aber man muß sich eben dazu entschließen, zu glauben, daß diese Arbeit nobel ist und daß sie erledigt werden muß.“ (Ein amerikanischer Pilot zu einem Korrespondenten der New York Times, 6. Juli 1965) „Dies durchgehalten zu haben und dabei anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht. Dies ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte.“ (Heinrich Himmler in seiner Rede vor SS-Gruppenführern am 4. Oktober 1943 in Posen)

Der Prozeß der Vereinigten Staaten gegen David Henry Mitchell wird schließlich bis zum Obersten Gerichtshof gehen. Die Entscheidung der Richter vorherzusagen, ist nicht möglich. Soviel freilich ist gewiß: In welchem legalistischen Idiom sie ihre Entscheidung auch immer formulieren mögen, es gibt für sie nur zwei Möglichkeiten:

Entweder werden sie Präsident Johnsons dringliche Mahnung an die amerikanische Jugend, mit dem gleichen Fanatismus zu brennen wie die Nazi-Jugend, bestätigen;

oder sie werden David Henry Mitchells dringliche Mahnung an die amerikanische Jugend, mit brennender Leidenschaft gegen das Verbrennen von Menschen zu protestieren, bestätigen.

TERTIUM NON DATUR.

Günther Anders wurde am 12. Juni 1902 in Breslau geboren. Promovierte 1925 bei Husserl zum Dr. phil. 1933 Ausbürgerung und Flucht nach Frankreich, 1936 nach den USA, wo er die verschiedensten „jobs“ vom Fabrikarbeiter bis zum Dozenten der Philosophie ausfüllte. Kehrte 1950 nach Europa zurück, besuchte 1958 Hiroshima und Nagasaki (Bericht darüber „Der Mann auf der Brücke“ 1959), korrespondierte mit dem Reconnaissance-Flieger von Hiroshima, Claude Eatherly, den er 1962 in Mexico traf. (Briefwechsel: „Off limits für das Gewissen“ 1961) —Anders ist Mitglied des von Lord Russell einberufenen Kriegsverbrechertribunals. — Lebt in Wien.

Voltaire FIugschriften herausgegeben von Bernward Vesper-Triangel im Voltaire Verlag Berlin 15.

Nürnberg und Vietnam. Synoptisches Mosaik von Günther Anders erschien bisher in Frankreich (LesTemps Modernes), Polen (Forum), Holland (Firese Koerier), den Vereinigten Staaten (Downdraft), der Sowjetunion (Fremdsprachige Literatur) und Japan (Asahi Shimbun Magazine). © by Günther Anders Wien-Mauer. © der deutschen Fassung by Voltaire Verlag.

Gesamtausstattung Christian Chruxin, Berlin
(Umschlagzeichnung nach „Kanon der Proportionen“ von da Vinci) Offsetdruck (Umschlag) Druckerei Christian Grützmacher, Berlin Buchdruck (Inhalt) Seitz & Höfling, München

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