Grundrisse, Nummer 18
Juni
2006

Marx revisited

Geschichte und immanente Probleme der neoklassischen bzw. neoricardianischen Marx-Interpretation

Die Diskussion um das Marxsche „Kapital“ war von Anbeginn an sehr kontrovers, spitzte sich dann aber in den siebziger Jahren im Gefolge der neoricardianischen Kritik der Marxschen Wert-Preis-Rechnung derart zu, dass selbst kritische ÖkonomInnen sich veranlasst sahen, die Marxsche Werttheorie aufzugeben. Im Folgenden werde ich aufzeigen, wie diese Diskussion entstand und auf welchen methodischen Prämissen ihre Interpretation der Marxschen Werttheorie basiert. Dabei ist diese Interpretation längst selbst aufgrund ihrer vollkommen undialektischen und dualistischen Interpretation der Marxschen Werttheorie Gegenstand marxistischer Kritik geworden. Die Diskussion im Anschluss an das Verdikt der „Redundanz der Werttheorie“ hat hierbei zunächst im Ansatz des „Temporal Single Systems“ (TSS) der angloamerikanischen „International Working Group on Value Theory“ (IWGVT) eine Alternative zur neoricardianischen Marx-Interpretation hervorgebracht, die sich vom neoklassischen Referenz-System der Allgemeinen Gleichgewichtstheorie gelöst hat. Es wird somit durch die IWGVT eine Rekonstruktion der Marxschen Werttheorie vorgelegt, die Marx nicht in die Kategorien der bürgerlichen Gleichgewichtslehre hineinpresst. Dieser Ansatz ist leider hierzulande noch weitgehend unbekannt. Zuletzt hat die Diskussion der neunziger Jahre im deutschsprachigen Raum gezeigt, dass aber selbst die neoricardianische Kritik nicht hinreichend war zur Falsifizierung der Marxschen Werttheorie – es existieren selbst bei Akzeptanz dieser Kritik konsistente Lösungsverfahren – und, dass Modelle, die Produktionspreise ohne Rekurs auf Werte berechnen nicht nur erkenntnistheoretisch fragwürdig sind, sondern auch selbst über große, immanente Probleme verfügen.

1.

Als sich Friedrich Engels in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts an die Herausgabe des dritten Bandes des „Kapital“ von Karl Marx machte, ging es neben der ungeheuren editorischen Arbeit vor allem um die endgültige Beantwortung der zentralen Frage, wie sich die Marxsche Arbeitswerttheorie mit der Existenz einer Durchschnittsprofitrate aller Kapitalien vereinbaren ließe. Im ersten Band hatte Marx nämlich noch herausgestellt, dass der Mehrwert dadurch entsteht, dass der Kapitalist dem Arbeiter den am Markt üblichen Lohnsatz bezahlt für sein Recht, die Arbeitskraft des Arbeiters nutzbringend anzuwenden. Am Ende dieser Anwendung steht bekanntlich eine Ware, die durch Arbeit im Wert gesteigert wurde. Diese Wertsteigerung übertrifft aber jene Summe, welche dem Arbeiter für das Zur- Verfügung-Stellen seiner Arbeitskraft entgolten wurde. Mit anderen Worten, der Lohnarbeiter wird vom Unternehmer für die Vernutzung seiner Arbeitskraft entsprechend des derzeit üblichen Marktwertes der Arbeitskraft bezahlt, da das Arbeitsprodukt aber Eigentum des Unternehmers ist, ist auch die gesamte Wertschöpfung, welche der Arbeiter im Arbeitsprozess geleistet hat, Eigentum des Kapitalisten. Der Mehrwert entsteht also durch die Differenz zwischen Wert und Wertschöpfung der Arbeitskraft und die Mehrwertrate [1] misst das Verhältnis des Mehrwerts zu der Lohnsumme des variablen Kapitals (m’ = m/v). Marx nimmt an, dass eine allgemeine Mehrwertrate existiert, da unter der notwendigen Bedingung freier Konkurrenz nicht nur die Unternehmen ihren Profit maximieren – was zu einer allgemeinen Profitrate führt –, sondern auch die Arbeiter den bestmöglichen Lohn für ihre Arbeit anstreben. [2] Die Mehrwertrate kann erhöht werden erstens durch Verlängerung des Arbeitstages ohne Lohnausgleich, zweitens durch direkte Senkung der Reallöhne oder drittens durch eine (nicht mittels Lohnerhöhungen an die Arbeiterklasse weitergegebene) Steigerung der Arbeitsproduktivität. Während Punkt eins eine Erhöhung des absoluten Mehrwerts bedeutet, führen Punkt zwei und drei zur Erhöhung des relativen Mehrwerts. [3] Die Arbeitsmaterialien und technischen Gegenstände des Arbeitsprozesses nennt Marx hingegen „konstantes Kapital“, denn sie schaffen keinen Wert, sondern übertragen ihren Wert nur auf das Produkt und bestimmen als technologische Produktionsinstrumente den Produktivitätsgrad der Arbeit. Entsprechend haben Kapitalien, die viel konstantes Kapital anwenden, das ja selber keinen Profit abwirft, bei gleicher Mehrwertrate einen Nachteil gegenüber arbeitsintensiven Branchen, denn dort wird mehr Gewinn im Vergleich zu den „toten Kosten“ gemacht. Ein Kapitalist wäre folglich dumm, wenn er in einer „kapitalintensiven“ Branche produzieren würde. Die klassische Nationalökonomie ging deshalb stets von der notwendigen Existenz oder doch wenigstens Tendenz hin zu einer Durchschnittsprofitrate für alle Kapitalien aus und auch Marx verwirft dieses Konzept nicht. [4] Da sich aber augenscheinlich die Aussagen des ersten Bandes des „Kapital“ nicht mit der Existenz einer durchschnittlichen Verwertung aller Kapitalien vertragen, musste hier eine zufrieden stellende Lösung gefunden werden wenn das Paradoxon vermieden werden sollte, dass bestimmte Kapitalien dauerhaft weniger profitabel produzieren sollten als andere — womit der Anreiz zur Produktion dieser Waren für rendite-orientierte Kapitalisten hinfällig wäre.

2.

Die qualitative Lösung dieses Problems lag nach Marxens 1894 von Engels als dritter Band des „Kapital“ veröffentlichten Manuskripten bekanntlich darin, dass unter den Bedingungen der Konkurrenz der einzelnen Kapitalien sich der Mehrwert zwischen den Kapitalien umverteilt. Erzielt z.B. Sektor A eine unterdurchschnittliche und Sektor B eine überdurchschnittliche Rendite, dann fließt Kapital weg von Sektor A und hin zu Sektor B. Somit steigt das Warenangebot in Sektor B und in der Folge fallen dort die Preise während in Sektor A der umgekehrte Effekt eintritt. Durch die Konkurrenz der Kapitalien um den Profit stellen sich Kapitalbewegungen zwischen den Sektoren ein und im Verlaufe dieser Bewegungen verändert sich das Preisgefüge selbst. Nur derjenige Preis erweist sich als für die konkurrierenden Kapitalien realisierbar, der nach Angebot und Nachfrage nach Kapital selbst eine allgemeine Verwertungsrate ermöglicht. Das Preissystem stellt somit über die Durchschnittsprofitrate bestimmte Anforderungen an die Werttheorie, denn der Wert tritt unter kapitalistischen Produktionsverhältnissen nur als Kapital auf, als sich verwertender Wert. [5] Die durchschnittliche Profitrate ergibt sich hierbei aus der Summe aller Mehrwerte im Verhältnis zur Summe aller konstanten und variablen Kapitale: Sm/(Sc+Sv). Die Durchschnitts-Profitrate ist für Marx somit eine makroökonomisch sich konstituierende Größe, die sich aus der Interdependenz der einzelnen, konkurrierenden Kapitale ergibt. Das Kapital bildet somit in der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie eine dialektische, makroökonomische Einheit bzw. Totalität in seiner mikroökonomischen Zersplitterung.

Während auf der Ebene der Werttheorie also die Wertschöpfung der ProduzentInnen mittels Arbeit betrachtet wird, untersucht die Marxsche Preistheorie die Wertschöpfung als Wertschöpfung konkurrierender Kapitalien, welche unter der Bedingung einer einheitlichen, über die Konkurrenz vermittelten Profitrate stattfindet. Die Marxsche Behandlung des Verhältnisses der Wertanalyse zur Preisebene besteht also in einer ausschließlichen Umverteilung des Mehrwerts durch die Konkurrenz. Ausgangspunkt ist hierbei das zu Beginn einer Verwertungsbewegung von Marx als „Voraussetzung“ [6] der Produktion bezeichnete konstante und das variable Kapital (also die Gesamtheit der Produktionsmittel sowie der Arbeitskraft). In der produktiven Anwendung und Kombination beider im Produktionsprozess ergibt sich, wie gesehen, ein Mehrwert, der aber unter der Bedingung konkurrierender Kapitalien in der Form des Profits erscheint, als „Resultat“ [7] (Marx) der Bewegung. Auf der Makro-Ebene hat sich hier durch die Umverteilung nichts verändert, die Summe der Werte und die Summe der Preise sind ebenso gleich geblieben wie die Summe der Mehrwerte und der Profite. Lediglich das relative Preisgefüge hat sich verändert und markiert den unter Konkurrenzbedingungen realisierbaren, aliquoten Anteil des Einzelkapitals am gesamten Mehrwert. Diese beiden notwendigen Klammern zwischen Wert- und Preisebene wurden später wegen ihrer Zentralität „Invarianzpostulate“ genannt. [8]

3.

Diese Auffassung Marxens traf allerdings bald auf Widerspruch. Der sozialdemokratische Student Wolfgang Mühlpfordt hat 1893 (in seiner Dissertation) und 1895 (in einem Aufsatz in verbesserter Darstellung) die Marxsche Werttheorie als erster mittels eines simultanen Gleichungssystems dargestellt. [9] Mühlpfordt hat bereits 1895 Marxens „Kostpreis-Irrtum“ aus Sicht der simultanistischen Gleichgewichtsökonomie formuliert wenn er konstatierte: „Weicht nicht, wie der Warenpreis, so auch der Preis des Kapitals, der Kostpreis von dem in ihm enthaltenen Werte ab? Die Frage ist ohne Zweifel zu bejahen“. [10]

Es trat somit die Frage auf, ob Marx einen Fehler beging als er feststellte, dass mit der Herausbildung einer Durchschnittsprofitrate lediglich Mehrwert umverteilt wird und in den Aggregaten alles gleich bleibt. Der Preußische Statistiker und Nationalökonom Ladislaus von Bortkiewicz [11] hat dann 10 Jahre nach Mühlpfordt eben nicht als erster, aber am einflussreichsten aufzuzeigen versucht, dass in Marxens Verfahren die Bestandteile des konstanten und des variablen Kapitals gar nicht transformiert werden in Preisgrößen und somit Marxens Transformation „unvollständig“ sei. [12] Sein Ansatz wurde von Paul M. Sweezy in dessen berühmter Monographie zur Marxschen Theorie [13] als konsistente und immanente „Korrektur“ Marxens anerkannt und international bekannt gemacht. Bortkiewicz „berichtigte“ Marxens Fehler mittels eines bis heute vielfach untersuchten linearen Gleichungssystems, in welchem er ein einfaches Modell mit drei Sektoren konstruierte, in dem die wertförmigen Inputs und Outputs mit den jeweiligen „Transformationskoeffizienten“ der drei Abteilungen multipliziert werden (jedem Sektor bzw. Kapital ist also ein Umrechnungs-Koeffizient zugeordnet), um so zu Preisausdrücken zu werden. Der erste Sektor produziert hierbei die Produktionsmittel (also das konstante Kapital), der zweite Sektor die Konsumgüter der ArbeiterInnen (also das variable Kapital) und der dritte Sektor die Luxusgüter der KapitaleignerInnen (hier werden also die Güter hergestellt, die mit dem Mehrwert bezahlt werden). Wachstum findet nicht statt, die KapitalistInnen verkonsumieren den gesamten Mehrwert. Die unbekannten Variablen in Bortkiewicz’ Algorithmus sind die drei Transformations-Koeffizienten sowie die Durchschnittsprofitrate. Da drei Gleichungen bei vier Unbekannten nicht zu lösen sind, schlug Bortkiewicz eine Goldwährung vor, d.h. in Sektor drei sollte der Koeffizient auf „Eins“ normiert werden. Ist dieser Koeffizient gegeben, kann das Gleichungssystem gelöst werden. In Sektor III sind dann Wert- und Preissumme aufgrund der Multiplikation mit 1 identisch, und diese Abteilung dient somit gleichzeitig als Maßstab der anderen Abteilungen. Bortkiewicz rechtfertigte dieses Verfahren damit, dass die Luxusgüter von Sektor III ohnehin nicht in die Produktion anderer Waren eingingen und deshalb keine Auswirkung auf die Durchschnittsprofitrate hätten (diese Auffassung hat sich im späteren Verlauf der Debatte als unhaltbar erwiesen). Im Ergebnis läuft Bortkiewicz’ Lösung allerdings darauf hinaus, dass zwar die Summe der Mehrwerte und der Profite gleich bleibt nach der Transformation – Wertsumme und Preissumme weichen aber nun voneinander ab. Wie ist das möglich?

4.

Dass Mehrwertsumme und Profitsumme bei Bortkiewicz übereinstimmen ist unmittelbar einsichtig wenn wir bedenken, dass Sektor III mit seiner Festlegung auf einen Transformationskoeffizienten von „Eins“ gar nicht transformiert, sondern lediglich normiert wird. Die berühmte Abweichung der Wertsumme von der Preissumme in Bortkiewicz’ Algorithmus entsteht erst aufgrund der Messung von Sektor I und II durch den Gold-Standard von Sektor III. Besteht z.B. in Sektor III eine unterdurchschnittliche organische Zusammensetzung des Kapitals, müsste ja nach Herausbildung der Durchschnittsprofitrate der Produktionspreis von Sektor III fallen gegenüber seiner Wertsumme. Weil aber in Sektor III Wertsumme gleich Preissumme besteht (bzw. der Preiskoeffizient z auf „1“ normiert wird), kann hier keine Transformation stattfinden. Da die organische Zusammensetzung von Sektor III in aller Regel von Sektor II und III abweicht, muss der auf „1“ normierte Maßstab (der auch „Numéraire“ genannt wird in der ökonomischen Theorie) dazu führen, dass der Goldpreis relativ zu den anderen Preisen sinkt und somit die Preissumme sich gegenüber der Wertsumme erhöht. In Preisen ausgedrückt muss sich also das Gesamtsystem gegenüber dem Wertsystem verschieben (und folglich auch die Preisprofitrate gegenüber der Wertprofitrate), da Sektor III als Numéraire zwar nicht in den Ausgleich der Profitrate eingeht, aber dennoch je nach seiner eigenen organischen Zusammensetzung wie gesehen das System der relativen Preise und die Summe der Preise beeinflusst. Genauso würde umgekehrt bei einer höheren organischen Zusammensetzung des Sektorenkapitals von Abteilung III die Preissumme kleiner als die Wertsumme ausfallen. Man kann auch sagen, dass die preisförmige Kaufkraft des Goldes je nach Varianz der organischen Zusammensetzung des Kapitals im dritten Sektor variiert und somit im Transformationsverfahren nicht „neutral“ bleibt.

5.

Spätere Verfeinerungen des Bortkiewiczschen Modells z.B. durch die neoricardianische Schule Pierro Sraffas haben dann ergeben, dass bei einer kompletten Transformation (was eben den dritten Sektor und seine Bestandteile einschließt) auch die Identität von Mehrwert- und Profitsumme zerstört wird. Es ergeben sich dann im Ergebnis zwei vollkommen voneinander getrennte Bewertungssysteme: Eines in Arbeitswerten und eines in Produktionspreisen, und zwischen beiden gibt es keine sinnvolle oder für die Analyse der kapitalistischen Produktionsweise fruchtbar zu machende Beziehung mehr. Zwar können Arbeitswerte als „Nebenprodukt“ aus dem neoricardianisch modifizierten Gleichungssystem [14] abgeleitet werden, doch können sie bei einer „Warenproduktion mittels Waren“ auch ohne Erkenntnisverlust aus dem Gleichungssystem herausgestrichen werden. Dies wusste auch bereits Bortkiewicz, der ausdrücklich erwähnt, dass es möglich ist, Preise auf ihren „korrekten mathematischen Ausdruck zu bringen, ohne dass man von den entsprechenden Wert- und Mehrwertgrößen auszugehen brauchte, sondern letztere Größen kommen in der Rechnung gar nicht zum Vorschein, wenn man sich der exakten Formeln bedient“. [15] Weil die Wertebene im neoricardianischen Modell selber erst aus den physischen Mengendaten der Produktionsmittel abgeleitet wird (und somit ein zur Ermittlung der Gleichgewichtspreise nicht notwendiges „Nebenprodukt“ darstellt), kann sie nicht zur Grundlegung und Ableitung eines Produktionspreissystems dienen und ist folglich „redundant“. Auf marxistischer Seite wurde die tiefere Problematik der Eingemeindung Sraffas [16] und Walras’ [17] bzw. der von diesen Ökonomen praktizierten undialektischen Methode nicht weiter reflektiert und so begann die Verwandlung der“Kritik der Politischen Ökonomie„in die modernen“Marxian Economics„. Michio Morishima versuchte seit Anfang der siebziger Jahre entsprechend Marx“im Lichte der modernen ökonomischen Theorie„ [18] zu rekonstruieren und dergestalt die Marxsche Ausbeutungstheorie als „Marxsches Fundamentaltheorem“ (MFT) zu reformulieren. [19] Das MFT besagt nur noch in allgemeinster Form, dass dort wo positive Profite gemacht werden, auch Mehrarbeit (also Ausbeutung) vorliegen muss, ganz unabhängig davon wie sehr Wert- und Preisprofitrate bzw. Mehrwert und Profit nach der Wert-Preis-Transformation divergieren. Für Morishima war das MFT“Herz und Seele der Marxschen Philosophie weil es impliziert, dass Ausbeutung notwendig für die fortgesetzte Existenz einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung ist, denn sie kann nicht existieren, wenn die allgemeine Profitrate nicht positiv ist„. [20] Auch nach dem kompletten Fall der von Marx noch vorausgesetzten Invarianzpostulate zur Identität von Wert- und Preis- bzw. Mehrwert- und Profitsumme sollte also der vermeintlich entscheidende Gehalt der Marxschen Ökonomiekritik – die Ausbeutungstheorie als solche jenseits besonderer Quantifizierungsversuche – verteidigt werden als fundamentale Grundaussage zum Ursprung des Kapitalprofits bzw. als objektive Schranke der Profitbewegungen. Allerdings präsentierte der Neoricardianer Ian Steedman 1975 prompt ein Zahlenbeispiel, [21] bei dem rein rechnerisch trotz negativer Werte positive Profite möglich seien (womit das MFT natürlich widerlegt wäre [22]) und verwies auf das Problem der „Kuppelproduktion“ in Morishimas Modell des MFT. „Kuppelproduktion“ tritt dann auf, wenn ein und der Selbe Produktionsprozess (z.B. die Schafzucht) zwei verschiedene Produkte hervorbringt (z.B. Schafswolle und Schafsmilch) und wurde bis dato von marxistischer Seite weitgehend ausgeklammert. Steedmans Beispiel wiederum wurde von marxistischer Seite kritisiert, weil es auf“speziellen arithmetischen Anomalien„ [23] beruht die z.B. darauf hinaus laufen, dass ineffiziente Produktionsprozesse gleichzeitig mit effizienteren benutzt werden. [24] Die Gleichungen Steedmans wurden somit als fehlerhaft und gar nicht mit dem Morishima-Marxschen Wert-Begriff vereinbar kritisiert. [25] Der kluge Morishima präsentierte nun in seiner Replik auf Steedman eine Lösung für dieses Problem mittels Ungleichungen, in denen „wahre“, minimale Werte (“true values„) einzelner Waren ermittelt werden können und somit das MFT zum Generellen Marxschen Fundamentaltheorem GMFT unter Berücksichtigung von Kuppelproduktion erweitert wurde. Die Debatte hatte also durchaus nicht zwingend bewiesen, dass die Morishima-Marxsche Werttheorie und die Ausbeutungslehre bzw. das Fundamentaltheorem unhaltbar sind, auch wenn die Diskussion immer spezialisierter und abstrakt-formaler wurde in ihrem Verlauf. [26] Allerdings war die große Marx-Renaissance längst vorbei Ende der siebziger Jahre und das „Transformationsproblem“ eignete sich nun für viele müde gewordene linke Ökonomen gut zur Verabschiedung von der Marxschen Kritik der Politischen Ökonomie und zur Laufbahn im herrschenden Wissenschaftsbetrieb. Auch Morishimas Interesse an den“Marxian Economics" erlosch weitgehend.

6.

Was bisher selbst von nahezu sämtlichen Verteidigern der Marxschen Werttheorie seit Bortkiewicz und Sweezy bis Morishima nicht hinreichend bedacht wurde ist die Frage nach dem methodischen Vorgehen der angeblich „immanenten“, von Bortkiewicz populär gemachten Kritik gegenüber der Marxschen Wert-Preis-Rechnung. Die Frage des wissenschaftslogischen Status’ der Marxschen Werttheorie sowie ihr Verhältnis zur „Erscheinungsebene“ der Preislehre wurde interessanterweise kaum gestellt. Von Bortkiewicz bis Morishima wurde Marx umstandslos unter den Bedingungen neoklassischer Wirtschaftsanalytik rekonstruiert. Diese Sichtweise steht längst nicht mehr allein da, sondern gerät zunehmend in die Kritik. Seit Anfang der 80er Jahre haben sich in den USA eine Reihe — seit etwa einem Jahrzehnt in der „International Working Group on Value Theory“ (IWGVT) vereinigter — marxistisch orientierter Ökonomen daran gemacht, eine vollkommen alternative Lesart der Marxschen Werttheorie zu formulieren, welche die schweren Bürden der in Bortkiewiczscher Tradition rekonstruierten Werttheorie komplett vermeidet und einer gesonderten Kritik unterzieht. Ausgangspunkt dieser Gegenkritik ist die Vorstellung, dass Marx keineswegs ein dualistisches, simultanes Gleichgewichtsmodell seiner Werttheorie akzeptiert hätte und diese seinem dialektischen Denken gänzlich fremde Idee ganz willkürlich und ohne jegliches Problembewusstsein an die Marxsche Werttheorie herangetragen wurde. Ohne die Marxsche Argumentationsstruktur genau zu bedenken, haben marxistisch orientierte Politökonomen spätestens seit Paul M. Sweezy die Bortkiewiczsche bzw. Mühlpfordtsche Kritik übernommen. Bortkiewicz selbst aber war ein Anhänger der „Lausanner Schule“ der Politischen Ökonomie des „Papstes“ der bürgerlichen Gleichgewichtsökonomik, Leon Walras, dessen Modell noch heute der herrschenden neoklassischen Lehre zugrunde liegt. Bortkiewicz feierte die „Leistungen“ des Neoklassikers Walras überschwänglich:

Die moderne Theorie der Volkswirtschaft fängt an, sich allmählich von dem succesivistischen Vorurteil zu befreien, wobei in dieser Beziehung der mathematischen Schule mit Léon Walras an der Spitze der Hauptverdienst gebührt. Die mathematische, speziell algebraische, Darstellung erscheint eben als der adäquateste Ausdruck dieses überlegenen, der Eigenart der ökonomischen Zusammenhänge Rechnung tragenden Standpunktes. [27]

Mit dem „succesivistischen Vorurteil“ meinte Bortkiewicz nun gerade die Marxsche Theorie, welche statt von einer zeitlosen, geldlosen Gleichgewichtswelt wie die Neoklassik von einer kausal-zeitförmigen Struktur des ökonomischen Gegenstandes ausgeht. Für Bortkiewicz war also noch klar, „dass die Wertkonzeption des ‚Kapital‘ sukzessivistisch oder zeitförmig statt simultan“ [28] angelegt ist. Zahlreiche Marxisten haben dies aber vollkommen übersehen und so einen in das Korsett bürgerlicher Gleichgewichtsökonomie gezwängten Marx vertreten. Dass diese unkritische Verbindung von Marxscher Theorie und bürgerlicher Gleichgewichtsökonomie (Marx hätte wohl eher den Terminus „Vulgärökonomie“ benutzt) nicht gut gehen konnte, zeigt die Forschung der IWGVT. [29]

7.

Wird das Verfahren der Wert-Preis-Transformation an der (dem neoklassischen Denken vollkommen fremden) Marxschen Zirkulationsformel des zweiten Bandes des „Kapital“ orientiert, eröffnet sich die Möglichkeit einer konsistenten Rekonstruktion des Marxschen Verfahrens. Die Elemente des konstanten Kapitals werden dann zuerst für Geld erworben, daraufhin mittels des ebenfalls in Geldform erworbenen variablen Kapitals im Wert gesteigert und am Ende der Verwertungsbewegung wird die Ware gegen Geld getauscht. Die Wertform-Analyse ist hier also insofern zentral, als dass der Wert nicht unabhängig von seiner entwickelten Erscheinungsform in der Geldform getrennt wird. Statt in Gestalt prämonetärer, heterogener Warenmengen, die einzeln summiert werden [30] erscheinen bei Marx konstantes und variables Kapital wertförmig und somit monetär. Alejandro Ramos-Matrínez und Adolfo Rodríguez-Herrera bringen diesen Zusammenhang so auf den Punkt:

Wert ist nicht (...) eine Größe, die getrennt von Preisen und der Warenzirkulation gegeben ist. Wert und Preis sind dialektisch verbunden und bilden die widersprüchliche Einheit von Wert und Wertform. [31]

Die Marxsche Methode kann somit nur dann angemessen rekonstruiert werden, wenn Wert und Preis nicht dualistisch und somit undialektisch-äußerlich aufeinander bezogen werden, [32] sondern als prozessierende Einheit. „Wert und Preis sind ein und das Selbe in verschiedenen Phasen der Existenz des Kapitals“, [33] fasst Alan Freeman diesen Standpunkt zusammen. Das Marxsche Verfahren arbeitet in dieser Interpretation also „succesivistisch“ statt simultan, denn die Voraussetzungen des Produktionsprozesses sind nicht identisch mit ihrem Resultat. Das Produktionsergebnis kann nicht simultan mit dem Produktionsprozess und seinen Voraussetzungen vorliegen, vielmehr findet ein kausal-zeitförmiger Produktionsprozess statt, in dessen Verlauf neben Produktions- auch Verteilungsprozesse stattfinden. Der Produktionspreis markiert dann am Ende der Verwertungsbewegung den für die jeweiligen Produzenten realisierbaren „Gleichgewichtspreis“. [34] Das Geld kommt hier an zwei Stellen der Kausalkette ins Spiel: Erstens beim Erwerb des konstanten bzw. des variablen Kapitals und zweitens bei der Realisierung des Produktionspreises in der Zirkulationssphäre. Ein „Kostpreis-Irrtum“ ist hier also schlichtweg unmöglich, denn der „Wert“ der Elemente des konstanten und variablen Kapitals ist der monetäre Wert, der mit dem Erwerb der Produktions-Inputs (bzw. -Voraussetzungen) abgegolten wird. Dass diese Inputs de facto preisförmig vorliegen, betrifft aber nach Marx nur die vorhergehende Produktionsperiode und nicht die gegenwärtige. In der laufenden Periode hat aber ein „vergangener Irrtum“ keinen Rückkoppelungseffekt – dies ist lediglich ein der bürgerlichen Neoklassik entlehnter Gedanke. Marx hat eine neoklassische Interpretation seiner Werttheorie aber ausdrücklich abgelehnt:

Denn wie auch der Kostpreis der Ware von dem Wert der in ihr konsumierten Produktionsmittel abweichen mag, für den Kapitalisten ist dieser vergangene(!) Irrtum gleichgültig. Der Kostpreis der Ware ist ein gegebener, eine von seiner, des Kapitalisten, Produktion unabhängige Voraussetzung(!), während das Resultat (!) seiner Produktion eine Ware ist, die Mehrwert enthält, also einen Wertüberschuss über ihren Kostpreis. [35]

Ein „Kostpreis-Irrtum“ ist also aus Marxens Sicht gar nicht möglich, da „Voraussetzung“ und „Resultat“ der Verwertungsbewegung des Kapitals nicht in eins fallen. Marx wies selber im zweiten Band des „Kapital“ in seiner Kritik an dem subjektiven Werttheoretiker Bailey explizit darauf hin,

dass Wert nur als Kapitalwert oder Kapital fungiert, sofern er in den verschiedenen Phasen seines Kreislaufs, die keineswegs contemporary sind (!!!), sondern nacheinander (!!!) fallen, mit sich selbst identisch bleibt und mit sich selbst verglichen wird. [36]

Wird der „Wert“ bzw. „Kapitalwert“ simultanistisch oder „contemporary“ gefasst, verflüchtigt er sich logischerweise, denn mit den „verschiedenen Phasen seines Kreislaufs“ zerbricht die Identität und gleichzeitige Differenz von Wert- und Preisebene. Statt Wert und Preis als Momente eines dialektischen, kausal-zeitförmigen Kreislaufprozesses zu betrachten, werden sie durch einen bewegungslosen, undialektischen Dualismus auseinander gerissen.

Die Problemstellung und Methode Bortkiewicz’ (bzw. Morishimas und Steedmans) ist also mit der Marxschen Analyse des Produktions- und Zirkulationsprozesses überhaupt nicht vereinbar und stellt folglich auch keine immanente Kritik, sondern eine radikale, neoklassische Umformulierung Marxens dar. Im Rahmen einer kausal-zeitförmigen Betrachtung kann es keine zwei streng getrennten Bewertungssysteme „Wertebene“ bzw. „Preisebene“ geben, denn der Unterschied zwischen Wert und Preis bezieht sich hier auf die jeweilige Stellung im Verwertungsprozess. „Werte“ sind hier Voraussetzungen des Produktionsprozesses, welche selber quantitativ determiniert sind zu Beginn der Verwertungsbewegung und die im Verlaufe des Produktionsprozesses keiner Umbewertung unterliegen. „Preise“ sind Resultate des Produktionsprozesses und können erst am Beginn der nächsten Produktionsperiode als Voraussetzung gelten. Weil hier statt eines dualen Wert-Preis-Systems wie im zeitlosen Simultanmodell ein zeitförmig-kausales Verständnis vorherrscht, welches an jedem Punkt der Kapitalzirkulation die innere Verzahnung von Wert- und Preisebene aufweist, wurde dieses Modell „Temporal Single System“ (TSS) genannt.

8.

Für eine wertkritische Politische Ökonomie geht also mit dem alten, neoklassisch deformierten Marxismus ein ohnehin wenig erfolgreiches Paradigma verloren, das für keine der zentralen werttheoretischen Kategorien Marxens eine sinnvolle Verwendung hat. Da die im neoricardianischen Modell Werte (also Mengen abstrakter Arbeit) aus physischen Gebrauchswerten (also „Mengen“ angewandter konkreter Arbeit) abgeleitet werden, stellt sich neben der sich schon aus der Prozedur selbst ergebenden Redundanz der Wertlehre auch die Frage nach der sozialökonomischen Logik, die hinter diesen mathematischen Fingerübungen steckt. Die Marxsche Werttheorie macht nämlich erst über die Wertform die Tatsache zum Thema, dass „physische Mengen“ Arbeitsprodukte sind, in welchen sich über den Tausch die Einheit der gesellschaftlichen Arbeit Geltung verschafft. In einer kapitalistischen Tauschökonomie sind reine interdependente Gebrauchswertstrukturen insofern Größen ohne Wert- und Geldform, an denen die Formbestimmungen des kapitalistischen Produktionsprozesses komplett vorbeigehen. Die über diese physischen Mengen abgeleiteten „Arbeitswerte“ sind folglich auch keine „Werte“ im Marxschen Sinne, da sie ja technologisch bestimmte Mengen „konkreter“ Arbeit darstellen, und nicht abstrakte Arbeit im Marxschen Sinne der Realabstraktion des Tausches. Die Marxsche Werttheorie wurde somit im Gefolge einer Interpretation, die sich seit Bortkiewicz immer weiter von Marxens Methode und seinem Erkenntnisinteresse entfernte, als „redundant“ erklärt. Der „Redundanz“-Vorwurf bezieht sich aber auf nichts anderes als den neoklassisch interpretierten und entstellten Marx.

9.

Dabei hat die Diskussion um Sraffa und den neoricardianisch interpretierten Marxismus durchaus einige interessante Ergebnisse zu Tage gefördert. So konnte Hans-Georg Sprotte bereits 1978 in einem kaum rezipierten Beitrag aufzeigen, dass selbst der Bortkiewicz- und der Sraffa-Algorithmus mit Marxens Verfahren quantitativ übereinstimmen, wenn die Profitrate mit der Wachstumsrate gekoppelt wird. [37] Bei vollständigem Wachstum aller Kapitale sind nämlich Wachstums- und Profitrate identisch. Wenn dies der Fall ist, verteilt sich der Mehrwert automatisch proportional auf die Systemkomponenten, so dass er in seiner Zusammensetzung mit der Zusammensetzung des Gesamtkapitals identisch ist. Das „Normierungsproblem“ wäre dann gelöst, denn wenn Mehrprodukt und Gesamtprodukt in ihrer Struktur identisch sind, kann die oben beschriebene Mess-Abweichung, die in Bortkliewicz’ Modell einfacher Reproduktion auftritt, für den wachstumstheoretischen Fall (der für Marx im Rahmen kapitalistischer Produktion ohnehin der einzig diskutable ist, wie Sprotte herausstellt) nicht bestätigt werden. Abweichungen der Wertsumme von der Preissumme sind also nur möglich, wenn Profitrate und Wachstumsrate divergieren. Diesen Abweichungen sind aber, wie Sprotte zeigt, Grenzen gesetzt, die vom Fall vollständigen Wachstums aus quantitativ bestimmt werden können. Der Marxsche Algorithmus kann somit wachstumstheoretisch nachhaltig gestützt werden. Für den Fall der einfachen Reproduktion hat Reinhard Schaupeter 1995 ein werttheoretisch fundiertes Verfahren der Wert-Preis-Rechnung vorgelegt, das die quantitativen Proportionalitäten zwischen den sektoralen Kapitalen und dem Gesamtkapital, die sich bei Existenz einer Durchschnittsprofitrate zwangsläufig ergeben, zur Formulierung eines neuen Transformations-Algorithmus nutzt. [38] Bei Schaupeter sind sämtliche Invarianzpostulate erfüllt und auch Sektor 3 wird – anders als bei Bortkiewicz – in den Profitraten-Ausgleich einbezogen. Schaupeters Algorithmus ist somit Bortkiewicz’ Verfahren weit überlegen. [39]

Fritz Helmedag konnte 1992 in seiner Studie „Warenproduktion mittels Arbeit“ (und einer im Anschluss daran in den „Jahrbüchern für Nationalökonomie und Statistik“ entbrannten Debatte) nachweisen, dass die gesamte simultane Produktionspreisrechnung neoricardianischer Provenienz in Frage gestellt ist, wenn wir das Preissystem daraufhin überprüfen, ob es überhaupt sinnvoll mit gesellschaftlicher Arbeitsteilung in Einklang zu bringen ist oder ob nicht Anreize zur vertikalen Integration der Fertigung von Vorprodukten entstehen. Mit der gewinnbringenden Möglichkeit des partiellen Ausstiegs aus der Arbeitsteilung wäre der arbeitsteilige Gegenstand der (simultanen) Produktionspreistheorie dann komplett verfehlt. Lediglich die reine Arbeitswertrechnung des ersten Bandes des „Kapital“ und die Existenz einer einheitlichen Mehrwertrate wären als Konkurrenz zu den neoricardainischen Modellen uneingeschränkt vereinbar mit gesellschaftlicher Arbeitsteilung. Auch die nicht-simultane Wert-Preis-Rechnung der IWGVT fällt interessanterweise nicht unter die Paradoxien der Bortkiewicz-Sraffa-Modelle. Somit kann aus Helmedags Sicht unter der strengen Voraussetzung eines Anreizes zu gesellschaftlicher Arbeitsteilung konsistent die Redundanz der simultanen Produktionspreisrechnung und somit Bortkiewicz’ und Sraffas aufgezeigt werden – ohne dass davon das originäre, kausal-zeitförmige Marxsche Verfahren betroffen wäre. Die neoricardianische Kritik an der Werttheorie kann somit ihrerseits der Redundanz und Inkonsistenz überführt werden im Rahmen des von ihr selbst postulierten simultanen Paradigmas. Auch die von Ian Steedman aufgezeigten Paradoxien bei Kuppelproduktion sind nicht mehr als Produkte der Bortkiewicz-Sraffa-Werttheorie, die bei Marxens kausal-zeitförmigem Verfahren nicht auftreten (während, wie Helmedag zeigt, das neoricardianische Verfahren voll ungelöster Probleme für diesen Fall ist).

Für die weitere Ausarbeitung einer wertkritischen Politischen Ökonomie dürfte die Forschung der IWGVT also eine Menge wichtiger Anregungen geben. Die werttheoretische Kritik an den methodischen Zwillingen Neoklassik und Neoricardianismus kann aus Sicht der kausal-zeitförmigen Methode weiter vorangetrieben und radikalisiert werden. Der Walrasianische Wahn dürfte erst vor dem Hintergrund einer solchen Ökonomiekritik in seiner ganzen Dimension sichtbar werden. Das 21. Jahrhundert hätte dann gute Chancen, eine Renaissance der Aufklärung auf ökonomietheoretischem Gebiet zu erleben.

[1Die Mehrwertrate wird auch „Ausbeutungsrate“ bzw. „Exploitationsrate“ genannt.

[2Nach Marx können wir deshalb von „einer Konkurrenz unter den Arbeitern (...) und Ausgleichung durch ihre beständige Auswanderung aus einer Produktionssphäre in die andere“ („Das Kapital“ Band III, MEW 25, S. 100) sprechen. Über die Durchschnittsprofitrate und die einheitliche Mehrwertrate wird somit der mikroökonomischen Rationalität der Marktsubjekte unter den Bedingungen der Konkurrenz Rechnung getragen.

[3Der absolute Mehrwert wird also dann erhöht, wenn direkt unentgeltlich die absolute Mehrarbeit ausgeweitet wird, während der relative Mehrwert bei konstanter Arbeitszeit über die inverse Verlängerung der Mehrarbeit erreicht wird.

[4Selbst Marxens großer, neoklassischer Kontrahent Eugen v. Böhm-Bawerk (1973, S. 38) konstatierte, dass „sich die wirkliche Welt (...) auf das deutlichste von dem Gesetz beherrscht zeigt, dass Kapitale von gleicher Größe ohne Rücksicht auf ihre etwaige verschiedene organische Zusammensetzung, gleichen Profit abwerfen“.

[5Nach Michael Heinrich (2004, S. 148) kommt folglich im kapitalistischen Warentausch zum Ausdruck, „dass es beim Tausch nicht allein um die Vergesellschaftung von Warenproduzenten geht, sondern um die Vergesellschaftung von kapitalistischen Warenproduzenten“.

[6MEW 25, S. 175.

[7Ebd. Ich werde die Bedeutung dieser Unterscheidung noch unter Punkt 7 erörtern.

[8Weitere „Invarianzpostulate“ wurden im Verlauf der weiteren Debatte aufgestellt mit den Forderungen, dass (a) das Schema in Werten reproduktiv sein muss (d.h., alle im Produktionsprozess verbrauchten Kapitalgüter und Lohngüter (Inputs) müssen mit den Produktionsergebnissen (Outputs) so übereinstimmen, dass mit dem Output der verbrauchte Input komplett ersetzt wird), (b) in Preisen reproduktiv sein muss und dass eben (c) eine (wenn möglich in Wert- und Preisausdrücken identische) einheitliche Profitrate vorliegen muss (sh. dazu Hans-Jörg Schimmel (2000), S. 97).

[9Zur genauen Analyse des Mühlpfordtschen Algorithmus sh. Friedrun Quaas (1992), S. 67 ff.

[10Wolfgang Mühlpfordt (1895), S. 95. Fast gleichzeitig (1897) formulierte der Grenznutzentheoretiker Johann von Komorzynski (1974, S. 258 ff.) den gleichen Vorwurf, erweitert um die an Böhm-Bawerk angelehnte Bemerkung, dass mit der Kategorie des Produktionspreises „der auf den Arbeitsinhalt der Produkte gestützte Tauschwert die reale Geltung eingebüßt hat. Er kann nur in der Phantasie ein Scheindasein fortfristen“ (ebd., S. 260). Komorzynski ist also noch ganz der Idee verhaftet, dass es einen logischen Widerspruch zwischen Werten und Produktionspreisen gibt. Im Gegensatz zu Mühlpfordt und Bortkiewicz interessieren ihn folglich nicht alternative Transformations-Verfahren.

[11Wegen der formalen Ähnlichkeit seines Ansatzes mit dem entwickelten Sraffa-Modell und Bortkiewicz’ positiver Besprechung der frühen neoricardianischen Arbeiten des russischen Nationalökonomen Dimitrieff (Bortkiewicz 1974a, S. 100 ff.) gilt er als einer der „Urväter“ des Neoricardianismus.

[12Ladislaus v. Bortkiewicz (1976a) und (1976b).

[13Paul M. Sweezy (1971): Theorie der kapitalistischen Entwicklung. Die Erstausgabe dieses Buches erschien 1942.

[14Dieses Gleichungssystem ist somit ein zu Ende gedachtes, komplett disaggregiertes Bortkiewicz-System, welches eine Durchschnittsprofitrate auf jede einzelne Ware berechnet und nicht auf zusammengefasste Produktionssektoren.

[15Ladislaus von Bortkiewicz (1976a), S. 146.

[16Auch in der DDR wurde Sraffas Hauptwerk zunächst euphorisch begrüßt. Auf deutsch erschien 1968 eine Übersetzung von Kohlmey und Behr von der Akademie der Wissenschaften der DDR. Im Vorwort erklärten Kohlmey und Behr, Sraffa sei „eine markante Persönlichkeit in dem großen internationalen Kreis marxistischer Wissenschaftler“ (S. 11), welcher „das berühmt gewordene Transformationsproblem“ (S. 12) behandle und es „mit der von ihm so bezeichneten Standardware“ (S. 13) lösen wolle. Als dann in den siebziger Jahren die große Kontroverse zwischen NeoricardianerInnen und MarxistInnen begann, war die Euphorie schnell verflogen. Zur Kritik des Neoricardianismus aus Sicht des DDR-Marxismus sh. zusammenfassend Hilmar Sachse (1979).

[17Für Morishima sollten Walras und Marx sogar gemeinsam (!!!) geehrt werden als Eltern der modernen, dynamischen Theorie des allgemeinen ökonomischen Gleichgewichts„Morishima (1973), S. 2. Hervorh. von mir. (Alle verwendeten Zitate englischer Originaltexte wurden vom Autor ins Deutsche übersetzt)

[18“Marx’s Economics in the Light of Modern Economic Theory„(1974 veröffentlicht in der Zeitschrift“Econometrica„) war der Titel eines der Aufsätze von Morishima aus den siebziger Jahren.

[19Die erste Formulierung des MFT fand Anfang der sechziger durch Morishima und Seton (1961) und unabhängig davon durch Nobuo Okishio (1963) statt (sh. Morishima/Cataphores (1978), S. 30, Fußn. 15). Raúl Rojas (1989, S. 229, Fußnote 103) verweist darauf, dass der Begriff“Fundamentaltheorem„darauf verweist, dass Mathematiker dieses Theorem aufgestellt haben, denn auch in der Arithmetik, der Algebra usw. gibt es“Fundamentaltheoreme„, aus denen grundlegende Schlussfolgerungen abgeleitet werden können.

[20Morishima (1973), S. 6.

[21Sh. Ian Steedman (1977), S. 150ff. Aus neoricardianischer Sicht hat Eberhard Feess-Dörr (1989, S. 87 ff.) Steedmans Kritik zustimmend besprochen.

[22Den Versuch einer ökonomietheoretisch sinnvollen Interpretation negativer Werte aus Sicht der Arbeitswerttheorie – und somit einer Verteidigung der Arbeitswerttheorie unter prinzipieller Akzeptanz der Möglichkeit negativer Werte — hat Georg Quaas (2001), S. 186 ff. vorgelegt.

[23Meghnad Desay (1979), S. 135.

[24Sh. ebd., S. 136 ff.

[25“Es überrascht nicht, dass Steedman negative Werte erhalten hat bei Verwendung dieser Methode für eine Kuppelproduktions-Ökonomie, ganz einfach deswegen, weil eine inadäquate Methode immer inadäquate Resultate hervorbringt„(Morishima/Cataphores (1978), S. 55). Sh. zur Kritik an Steedmans Zahlenbeispiel und seinen ökonomietheoretischen Voraussetzungen und Implikationen aus marxistischer Sicht auch J. Hengstenberg /M A. Fay (1980).

[26Es ist auch klar, dass von der ursprünglichen Marxschen Konzeption in Morishimas Rekonstruktion nicht mehr viel übrig blieb und das“Fundamentaltheorem„nur ein kümmerlicher Rest der Mehrwertlehre ist, der einen eher trivialen bzw. tautologischen Charakter hat. Das MFT bzw. das GMFT besagen ja nur, dass wo ein Profit entsteht diesem Profit eine (nicht entgoltene) Arbeitsleistung zugrunde liegt bzw. dass dort, wo ein Teil des physischen Nettoproduktes von den Kapitalisten angeeignet wird, sowohl Mehrwertrate als auch Profitrate positiv sein müssen. Zur Problematik des GMFT sh. Mario Cogoy (1979), S. 132 ff. und Friedrich Eberle (1979), S. 149.

[27Ladislaus von Bortkiewicz (1976a), S. 104.

[28Andrew Kliman (2000), S. 102.

[29Sh. die Aufsatzsammlungen der IWGVT in Alan Freeman (1996) und (2004) sowie Andrew Kliman (2000).

[30Genau dieses Verfahren zeichnet ja die simultane Standard-Arbeitswertlehre aus, wenn sie mittels physischer Input-Output-Matrizen Produktionspreise aus Gebrauchswertstrukturen ableitet und dann als redundantes „Nebenprodukt“ Arbeitswerte berechnet. Zur Kritik dieses Verfahrens von einem wissenschaftslogischen Standpunkt aus sh. Heiner Ganßmann (1983).

[31Alejandro Ramos-Matrínez/Adolfo Rodríguez-Herrera (1996), S. 60.

[32Paul A. Samuelson (1974, S. 239) hat diese dualistische Sichtweise erfrischend offenherzig formuliert: „Betrachte zwei alternative, widersprüchliche Systeme. Schreibe das eine hin. Zur Transformation nimm einen Radiergummi und radiere es aus. Schreib dann stattdessen das andere hin. Voilà! Damit ist der Transformationsalgorithmus beendet“.

[33Alan Feeman (1996), S. 17.

[34Es zeigt sich hier, dass der Marxsche Begriff des „Gleichgewichts“ sich ausschließlich auf die Existenz einer einheitlichen Mehrwert- bzw. Profitrate und allgemeine Konkurrenz bezieht und so gut wie nichts mit Walras’ „Allgemeiner Gleichgewichtstheorie“ zu tun hat. Im Gegensatz zu Walras finden bei Marx Zeit und Kausalität statt und es wird das Geld zentral in die Analyse des Verwertungsprozesses integriert.

[35MEW 25, S. 174/175.

[36MEW 24, S. 110. Hervorh. d.A.

[37Hans-Georg Sprotte (1978), S. 79 ff.

[38Reinhard Schaupeter (1995). Begründet sind diese Proportionalitäten in der Tatsache, dass die Durchschnittsprofitrate ja makroökonomisch begründet ist als das Verhältnis gesellschaftlicher Gesamtgrößen zueinander, nämlich M/C+V. Dieses Grundverhältnis taucht nun in jedem einzelnen Zweig auf als das Verhältnis der jeweiligen sektoralen Kostpreise zu dem dort nun anteilig auftretenden Durchschnittsprofit.

[39Auf den wachstumstheoretischen Fall angewandt hat Schaupeter sein Verfahren in seinem Aufsatz Schaupeter (2000).

Literatur

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  • Wolfgang Mühlpfordt (1895): Karl Marx und die Durchschnittsprofitrate. In: Jahrbücher für Nationalökonomie und Statistik, 3. Folge, Band 10, Jena.
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  • Alejandro Ramos-Matrínez/Adolfo Rodríguez-Herrera (1996): The transformation of values into prices of production: a different reading of Marx’s Text. In: Alan Freeman/Andrew Kliman (1996): Marx and Non-Equilibrium Economics, Cheltenham, UK.
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  • Reinhard Schaupeter (1995): Zur Verifikation der Wert-Preis-Rechnung von Marx. In: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung, Nr. 21, März 1995, Frankfurt.
  • ders. (2000): Zur Wert-Preis-Rechnung in der erweiterten Reproduktion: die Akkumulationsfonds. In: Carl-Erich Vollgraf u.a. (Hg., 2000): Beiträge zur Marx-Engels-Forschung, Neue Folge 1999: Marx‘ Ökonomiekritik im Kapital, Hamburg.
  • Hans-Jörg Schimmel (2000): Der Entwicklungsgang des Werts. Marx’ historisch-kritische Darstellung und Varianten ihrer Interpretation. In: Z. Zeitschrift marxistische Erneuerung, Nr. 43, September 2000, Frankfurt.
  • Hans-Georg Sprotte (1978): Quantitative Aspekte der Marxschen Theorie. In: FHW-Forschung Bd. 1/1978 der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, Berlin.
  • Pierro Sraffa (1976): Warenproduktion mittels Waren (engl. Original 1960), Frankfurt.
  • Ian Steedman (1977): Marx after Sraffa.
  • Paul M. Sweezy (1971): Theorie der kapitalistischen Entwicklung, Frankfurt.
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