Grundrisse, Nummer 7
September
2003
Wolf Wetzel:

Krieg ist Frieden

Münster: Unrast Verlag 2002, 14 Euro, 228 Seiten
(Zahlen in runden Klammern beziehen sich auf die Seiten dieses Buches)

„Nie wieder Auschwitz – Nie wieder Krieg“ diese Parole galt jahrzehntelang als fester Konsens der westdeutschen Linken. Wolf Wetzel zeigt nun in seinem Buch „Krieg ist Frieden“ den langen und folgenreichen Prozeß auf, indem dieses Prinzip auf den Kopf gestellt wurde. Politisch ging es darum, Deutschland nach dem Fall der Berliner Mauer und der Implosion der DDR wieder zu einem normalen, das heißt kriegsbereiten und kriegsführenden Staat zu machen. Das ideologische Muster war einfach und simpel: die Verhinderung eines angeblichen zweiten Auschwitz sollte als Kriegsgrund für stinknormale imperialistische Kriege salonfähig gemacht werden; die politische Durchsetzung dieses Stickmusters ging jedoch nicht so einfach und reibungslos über die Bühne sondern konnte erst in einem langen Prozeß salonfähig gemacht werden. Dieser Prozeß vollzog sich über verschiedene Etappen mit durchaus wechselnden Akteuren. Wetzel legt allerdings kein geschlossenes, durchgehend argumentierendes Buch vor, sondern reiht kaleidoskopartig verschiedene Essays, Chroniken, ironische Parodien und Dokumente aneinander.

Am Beginn steht die Haltung vieler Linker zum ersten Irak-Krieg. Auf einer großen Veranstaltung am 31.1.1991 in Frankfurt deuteten die damaligen Protagonisten der Wende, Dan Diner, Mischa Brumlik sowie Detlef Claussen und Hans Magnus Enzensberger den Irak als das Deutschland von 1939. „In den Millionen von Arabern entdeckte man die Millionen von Deutschen, die Hitler bedingungslos und blind zujubelten. Die republikanischen Garden wurden zur Nachfolgeorganisation der SS/SA und der Überfall auf Kuwait reihte sich schließlich und endlich nahtlos in den deutschen Überfall auf Polen ein.“ (22) Im Gleichklang wurde praktisch über Nacht ein alter Verbündeter des Westens zu einem gefährlichen Diktator und Dämon umstilisiert. „Ab dem 2.8.1990 schien allen klar zu sein: Saddam Hussein ist ein ‚brutaler Diktator’ (G. Bush), ein ‚Feind, der niedergekämpft werden muß’ (Mischa Brumlik), ein ‚Aggressor’ mit einer nie ‚dagewesenen Verachtung für die Schöpfung’ (Richard von Weizäcker), ein ‚orientalischer Despot’, der ‚nichtkalkulierbar, nicht vorhersehbar [...] nicht vertragsfähig’ ist (Dan Diner), ‚Hilters Wiedergänger’ (Hans Magnus Enzensberger), der ‚Irre von Bagdad’ (BILD-Zeitung)“ (20) Keine Frage, die 8 Scud-Raketen, die Hussein auf Israel abfeuern ließ, schlugen nicht nur in Israel real, sondern ebenso in der deutschen Linken imaginär ein. Mußte mensch nicht diesem Mörder und Antisemiten in den Arm fallen? Diese rhetorische Frage in den Raum gestellt diente dazu, das „Wer“ und das „Wie“ zu überspielen und vor allem das Schweigen großer Teile der Linken zum Überfall auf den Iran 1980 vergessen zu machen. „Nicht etwa 1980, als das irakische Militär den Iran überfiel, entdeckten die Enzensbergers ‚Hitlers Wiedergänger’, sondern 1990,als in der ‚freien Welt’ in einer Art synchronisierten Fassung alle Uhren auf 5 vor 12 gestellt wurden.“ (23) Bereits während des ersten Irak-Krieges 1991 sollte sich Auschwitz als ausgezeichneter Kriegsgrund erweisen. Daß gleichzeitig alle Lügen und Propagandamärchen der USA stillschweigend geschluckt werden mußten, die sich Jahre später als reine Fälschungen und Fehlinformationen entpuppten (dieses Mal, beim zweiten Irakkrieg, platze der angebliche Kriegsgrund „Massenvernichtungswaffen“ schon nach wenigen Wochen, ja Tagen) lag in der Logik dieser Position. Erinnern wir uns noch? Damals wurde unverschämt das Märchen vom sauberen Krieg aufgetischt. „Wochenlang flimmerte der US-alliierte Krieg gegen den Irak als Computersimulation über die Bildschirme des freien Westens: Eine schemenhafte, bösartige ‚Metastase’, ein messerscharfes Fadenkreuz, ein chirurgischer Eingriff. Eine Medizin, die dem Menschen dient.“ (40) Tatsächlich wurde die reguläre Irakische Armee regelrecht abgeschlachtet.

Sehr interessant finde ich Wetzels Überlegungen zum „Horror vor den ewigen Verlierern“. Kriegsbegeisterung gab und gibt es selbstverständlich auch in der sogenannten zivilisierten, westlichen Welt. Thatcher brachte ihr Falkland Feldzug einen überwältigenden Wahlsieg ein, amerikanische Flaggen zieren insbesondere nach dem 11. September in großem Maße Häuser, Wohnstuben und T-Shirts, und die Welle des Patriotismus hat in den USA ungeahnte Ausmaße angenommen. Doch, wie Wetzel ausführt, die Kriegsbegeisterung in den USA war Ausdruck von Macht, Herrschaft und Überlegenheit; sie trug keine Züge der Verzweiflung, der Demütigung und der Aussichtslosigkeit. Im Gegensatz dazu ist die Kriegsbegeisterung der „ewigen Verlierer“ durch Perspektivlosigkeit gekennzeichnet. Diese Art der Kriegsbegeisterung macht Angst, da sind nicht die kühlen Strategen des Pentagon am Werk, sondern unberechenbare, vormoderne und oftmals religiös inspirierte Kämpfer. Nein, folgendes Zitat stammt nicht aus einem antideutschen Dutzendartikel, sondern findet sich im „Spiegel“ vom 6/1991, Autor: H.M. Enzensberger: „Ewige Verlierer gibt es in allen Himmelsrichtungen. Unter ihnen nimmt das Gefühl der Demütigungen und die Neigung zum kollektiven Selbstmord mit jedem Jahr zu.“ (30) Kommentar von Wolf Wetzel: „Angst macht ihnen nicht diese imperiale Weltordnung, sondern die Vorstellung, diese könne unkontrollierbar werden und sich gegen die Architekten selbst wenden. Was dieser Weltordnung immanent ist, muß in der dämonischen Gestalt eines Hitlers oder Husseins abgespalten werden, um sie aus der Dutzendware westlich hofierter Diktaturen abzuheben.“ (34)

Den entscheidenden Wendepunkt, so Wetzel, für die Ausbreitung einer bellizistischen, kriegsbejahenden Linken stelle nicht der erste Irak-Krieg, sondern der Krieg gegen Jugoslawien dar. Jetzt ging es unmittelbar um Realpolitik, das heißt die Umfunktionierung der GRÜNEN, mit einem traditionell starken antimilitaristischen und pazifistischen Flügel zu einer offenen NATO Regierungs- und Kriegspartei. Das war nur zu bewerkstelligen, weil der grüne Außenminister Joschka Fischer die Rolle des Friedensengels annahm und gelogen wurde, daß sich die Balken bogen. Und wieder hatte Auschwitz als Begründung zu dienen: „Die Behauptung, in Jugoslawien müsse ein ‚Völkermord’, ein ‚zweites Auschwitz’ mit dem aller letzten Mittel verhindert werden, traf mitten ins Herz pazifistischer und moralischer Begründungen gegen jede Art von Krieg.“ (64) Wetzel verweist auf die großen Probleme, die die Führung um Fischer hatte, diesen Kurs durchsetzten. Schließlich gelang es ihr, eine Mehrheit von 444 zu 318 Stimmen auf einem Sonderparteitag am 13.5.1999 für eine euphemistische Resolution zu erringen, in der de facto der Kriegskurs gebilligt wurde. Die Bedeutung dieser Wende darf nicht unterschätzt werden und Wetzel formuliert die Ausgangsbedingungen dieses historischen Parteitages folgendermaßen: „Wenn es dieser rot-grünen Regierung gelingt, mit Verweis aus die deutsche Geschichte Kriege zu legitimieren, ist der Damm endgültig gebrochen und der nächste Krieg mit deutscher Beteiligung so normal wie weitere Einspaarungen im sozialen Bereich.“ (64)

In weiteren Essays zeichnet der Autor die nachfolgende Entwicklung nach. Der Krieg gegen Afghanistan, die Ereignisse in Genua sowie die Perspektiven und Aktionen einer Antikriegspraxis und die Verbindung von Krieg und Männerrolle werden in kürzeren Artikeln behandelt. Dazwischen finden sich auch ironische Abschnitte, etwa eine fiktive UNO Resolution, in der die USA angesichts ihrer weltweiten terroristischen Aktivitäten verurteilt werden. Der Text beruht auf einer realen, allerdings leicht veränderten Rede des us-amerikanischen Präsidenten. Zwei längere Arbeiten sind noch zu erwähnen: Im Abschnitt „Anthrax-Spuren und Desinformationskrieg“ zeigt der Autor, daß sich die geschürte Hysterie um den Terror mit Anthrax rasch als Bumerang erwies. Diese gefährlichen, als biologische Waffe einsetzbaren Krankheitserreger stammen nämlich mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit aus den offiziellen Labors des größten Herstellers biologischer Massenvernichtungswaffen, den USA. Exakt zu dem Zeitpunkt, als diese Tatsache offenbar wurde, wurde das Thema wie eine heiße Kartoffel fallengelassen. Worum es bei „Antideutsche Kriegsführung“ geht, ist aus dem Titel unmittelbar ersichtlich. Dieser Abschnitt ist auch im Internet unter http://www.unrast-verlag.de/unrast,3,0,6.html abrufbar. Im Zusammenhang mit den anderen Texten Wetzels zeigt es sich, daß das antideutsche Lager gegenwärtig nur das als real phantasiert, was in den Kriegsbegründungen 1991 und 1999 argumentativ vorbereitet wurde. Die konkrete weltpolitische Situation wird umstandslos mit 1939 gleichgesetzt, ein Pendant zu Hitler und den faschistischen Volksmassen findet sich allemal. Neu ist, daß die lineare eins zu eins Identifikation quasi auf die eigene Existenz und die eigene politische Aktivität bezogen wird. Daraus, so Wetzel, erklärt sich der spezifische Pathos ihrer Erklärungen: „Wenn man die neuzeitlichen Bezüge herausnimmt, wähnt man sich mit dieser Stellungnahme (zu Konflikten auf einer Demo in Dortmund K.R.) in die Zeit der NS-Judenpogrome versetzt. Alle schauen zu, alle lassen es geschehen. Selbst die USA als mächtigste Schutzmacht lassen Israel im Stich. Nur einige ‚proisraelische DemonstrantInnen’ zeigen Flagge, umzingelt vom ‚völkischen Mob’, angeführt von einem ‚antiimperialistischen Kämpfer’. (...) Das Ereignis ist nur der Stoff für ein (säkulares) Martyrium, in dem Antideutsche als verfolgtes jüdisches Leben reinkarnieren, in der Diaspora lebend, selbst von ehemaligen GenossInnen verraten und verkauft.“ (174f) Wetzel verweist auch auf die strategische Bedeutung des Antiislamismus in antideutschen Kreisen. Indem diese Strömung die Kriegsbegründungen von 1991und 1999 verallgemeinert und sich um Zwischentöne, die etwa Joschka Fischer seinerzeit noch anschlagen mußte, um die GRÜNEN gegen bedeutende Widerstände auf Kriegskurs zu bringen, nicht mehr kümmert, plädiert sie inzwischen bedingungslos für Gewalt, Bomben und Krieg gegen einen antiamerikanischen und antisemitischen Feind. Allerdings, zählen nicht auch die deutschen Massen dazu, wäre eine zweite Bombardierung Dresdens nicht höchst angebracht? Diese Rolle spielt, so Wetzel, der Islam: „Damit die Bomben auch ideologisch das eigene Zuhause verschonen, mußte etwas gefunden werden, was das ‚deutsche Haus’ von anderen unterscheidet: ein Zusatz, ein Unterscheidungsmerkmal, etwas bewährtes, da ganz sicher nach außen verweist: der Islam.“ (181) Ob sich diese Haltung innerhalb der antideutschen Kreise durch die Weigerung Schröders, mit den USA in den Krieg zu ziehen geändert hat, und tatsächlich einige Wirrköpfe von einem Waffeneinsatz gegen Deutschland schwärmen, möchte ich gar nicht wissen.

„Krieg ist Frieden“ wurde vor dem zweiten Irakkrieg fertig gestellt. Durch diesen Krieg wurden die Konstellationen verschoben, aber nicht grundlegend geändert. Die über Etappen hergestellte Normalität des deutschen Staates erscheint gefestigt, Krieg als Mittel ist salonfähig geworden, auch in linken Kreisen. Nicht ob, sondern wo, wie und wann er zu führen sei, darüber scheiden sich die bellizistischen Geister. Zu recht wendet Wetzel gegen den leider durchaus populären bellizistischen Primitivismus ein: „Es gibt nichts zwingendes, was sich mit Blick auf die Geschichte erschließt. Keiner wie auch gearteten Vergangenheit ist das Gebot zukünftigen Handeln eingeschrieben.“ (104)

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