Streifzüge, Jahrgang 2016
Juli
2016

Kleine Philosophie des Fouls

Vielleicht habe ich ja auch irgendetwas überlesen, aber tatsächlich kommt es mir so vor, als würde sich trotz der Allgegenwart des Fußballs so ziemlich niemand Gedanken über den spezifischen Charakter des Fouls machen. Ein unvoreingenommener Beobachter müsste, zwänge man ihn das Spiel zu interpretieren, zuallererst feststellen, dass da Männer ohne Ball Männer mit Ball regelmäßig zu Fall bringen. Alles andere, Tore, Eckbälle, Freistöße, Outs, Dribblings würden ihm als nachrangig erscheinen. Wir hingegen, die routinierten Zuschauer, haben gar kein Gespür mehr für das Foul, eben weil es als obligates Mittel zum Zweck erscheint.

Das Foul schafft eine neue Lage, die ohne es so nicht gewesen wäre. Fouls passieren nicht, sondern werden begangen, die Tätlichkeit ist Absicht. Das Foul ist die vorsätzliche Nichtung eines tatsächlichen oder eines möglichen Spielzugs. Das Foul ist also ein destruktiver Akt, es will kaputt-machen. Aus Rivalität wird Brutalität. Ziel des Fouls ist die Zerstörung des Laufs, es führt nicht nur zur Unterbrechung des Spiels, es ist jeweils ein elementarer Bruch des Spielflusses.

Nicht erst die Zeitlupe offenbart Grausamkeiten am Feld, diese zeigt aber in ihrer Verzögerung überdeutlich an, dass man gelegentlich nicht nur einen Kontrahenten stoppen will, sondern ihm richtig wehtun möchte. Man steigt ihm auf den Fuß, tritt gegen die Waden, versetzt ihm mit dem Ellbogen einen Schlag ins Gesicht u.v.m. In dieser Auseinandersetzung ist der Ballbesitzer fast immer im Nachteil gegenüber dem Nicht-Ballbesitzer. Konzentriert sich ersterer auf das runde Leder, so letzterer auf den Körper eines Feindes. Ihm gilt die Beeinträchtigung. Verletzungen im Fußball rühren fast ausschließlich aus einer bewussten Zufügung, sie sind nicht wie beim Autorennfahren oder beim Schifahren subjektives Risiko (worüber sich freilich auch einiges sagen ließe).

Das Foul ist eherner Bestandteil der Konkurrenz, gehört zum unentbehrlichen Kalkül, wird allseits in Kauf genommen. Wie in der Wirtschaft geht es um Verwertung, eigene Chancen müssen verwertet und die Chancen der Gegner müssen verhindert oder vermindert werden. Das Ergebnis misst sich in verwandelten Möglichkeiten. Wie diese Möglichkeiten verwandelt werden, ist ziemlich egal. Effizient muss es sein. So liegt der bittere Ernst des Marktes in Gestalt nationaler Konkurrenz über Spielfeld und Fanzonen. Wie in der Ökonomie herrscht das Berechnende. Die Konkurrenz ist an den Produkten nur hinsichtlich der gefallenen Tore interessiert und nicht eines gefallenden Matches. Kommerz dominiert in weiten Bereichen. Wie könnte es auch anders sein. Welt- und Europameisterschaften dienen primär nationaler Formierung und Selbstvergewisserung. Das Match im Auftrag der Nation degradiert Fußballkunst. Stets wird das Spiel auf den Boden jener Realität zurückgeholt, soll ja nicht selbsttätige oder gar selbstverliebte Sinnlichkeit werden.

Die Erotik des Spiels verunglückt allzu oft an der Neurotik des Fouls. Das aktuelle Soccer lässt die Körperverletzung als Kollateralschaden durchgehen. Fein ist das nicht und gesund schon gar nicht. Aber zweifellos ist es sehr lebensnah. Und doch ist diese Grobheit keine archaische Größe, kein natürlicher Tatbestand, sondern nur vor einem bestimmten kulturellen Hintergrund entzifferbar. Der gesellschaftliche Trieb der Konkurrenz besagt, dass in ihr alles erlaubt und möglich ist, wenn es irgendwie zum Ziel führt. „Hau ihm nieder!“, schreit der falsche Dativ der Fans, und der schreit oft. Die Gliedmaßen der Spieler sind das, was sie hinhalten, auch wenn ganze Mannschaften gelegentlich Lazaretten gleichen. So folgt das Spiel der scheinbar unvermeidlichen Logik von Opfer und Täter, von Treten und Getreten-Werden.

Die De-facto-Hinnahme von Fouls sollte entschieden problematisiert werden. Wie kommen die Messi und Ronaldo dazu, niedergeschlagen zu werden und gegebenenfalls, schließlich werden sie darauf trainiert, zurückzuschlagen? Oder ganz allgemein: Wie kommt ein Gegenspieler etwa dazu, ein edles Dribbling durch einen Übergriff kaputt zu machen? Diese Selbstverständlichkeit ist nicht so selbstverständlich, sondern demonstriert, wie eines der ansprechendsten Spiele, die je erfunden wurden, im Reißwolf des Marktes seine Begrenzungen findet. Das Foul im Fußball gleicht der rücksichtslosen Durchsetzung der Konkurrenten am Markt – koste es, was es wolle! Wie viele geniale Einfälle und begnadete Spielzüge sind so durch diverse körperliche Attacken zerstört worden! Und wie viele Spieler mussten verletzungsbedingt aufgrund solcher Tritte und Schläge pausieren oder gar ihre Laufbahn vorzeitig beenden!

Ein neuer Kodex sollte auf folgender Grundlage basieren: Fouls sind zu ächten und Gegenspieler sind zu achten. Sie sind kein Material, das im Interesse eines Ergebnisses zu verletzen ist. Niedermähen ist nicht! Wie foule ich richtig?, Wie simuliere ich ein Foul an mir?, Wie verstecke ich mein Foul? – das sind doch alles Unfragen. Körperliche Untergriffe sind nicht einfach zu tolerieren, sie sind als Störfälle zu betrachten. Ein befreites Spiel müsste gewährleisten, dass der Nachteil des Fouls größer ist als sein Vorteil. Heute ist das nicht der Fall. Das Foul ist eines Spielers unwürdig und es ist dem Spiel in jeder Hinsicht abträglich.

Doch das ist wohl Zukunftsmusik bei all dem Lob für die gesunde Härte, die Gewalt und Einsatz verwechselt. Was am Fußball entzückt, das sind doch Eleganz und Originalität der Ballführung, die Staffetten und Kombinationen, die Dribbligns und Schüsse. Nicht geschundene und getretene Körperlichkeit von robusten Recken, sondern das Gefühl und Gespür für Ball und Raum, für Pass und Mitspieler. Fußball soll nicht sein Angst und Foul, auch nicht Überwachen und Strafen, sondern Laufen und Laufen-Lassen.

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Der Ausdruck Foul (englisch foul „schlecht“, „schmutzig“ → protogermanisch von fūlaz = faul, verrottet) bezeichnet im Sport – außer im Baseball – ein regelwidriges Verhalten: Ein Spieler missachtet während des laufenden Spieles eigene Pflichten oder gegnerische Rechte, wirkt auf einen Gegenspieler unsportlich ein und/oder er verhindert auf inkorrekte Weise einen unmittelbar bevorstehenden Erfolg des Gegners. Ein Spieler kann ein Foul absichtlich oder unabsichtlich als Folge einer missglückten regelgerechten Aktion begehen. Auch Fahrlässigkeit ist möglich. Ein Foul hat in den meisten Sportarten eine Spielunterbrechung durch den Schiedsrichter zur Folge.

Je nach Spielregeln und Schwere eines Fouls soll es mit einer Strafe belegt werden. Dies sind je nach Sportart verschiedene Bevorteilungen der durch das Foul benachteiligten Mannschaft, z. B. durch Freistoß, Freiwurf, Raumgewinn oder Strafpunkte sowie zusätzliche optionale oder auch obligatorische Personenstrafen wie Gelbe Karte (Verwarnung), Rote Karte (Ausschluss vom Spiel), Zeitstrafe (zeitweiliger Ausschluss vom Spiel).

Beim Snooker dient ein Foul als strategisches Mittel und ist sogar von zentraler Bedeutung, da das Provozieren eines Fouls meist einen Snooker voraussetzt, wonach das Spiel benannt ist. Dabei werden dem Gegner des Foulbegehenden stets Punkte gutgeschrieben.

Fußball[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Definition in den Regeln[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Nach den Fußballregeln sind sieben Vergehen definiert, die zu einem direkten Freistoß führen, wenn sie gegen einen gegnerischen Spieler ausgeführt werden:[1]

  • Rempeln, d. h. in nicht mehr angemessener Weise den Körper im Zweikampf einsetzen
  • Anspringen
  • Treten oder versuchtes Treten
  • Beinstellen oder Versuch, ein Bein zu stellen
  • Schlagen des Gegners oder Versuch, ihn zu schlagen
  • Stoßen des Gegners
  • Tackling mit dem Fuß oder Angriff mit einem anderen Körperteil

Hierbei genügt der reine Umstand des Vergehens, auf eine Absicht kommt es nicht an. Wird ein solches Vergehen rücksichtslos begangen, ist der Spieler zusätzlich zu verwarnen, ist es übermäßig hart oder gefährdet es die Gesundheit des Gegners, ist neben dem Freistoß ein Feldverweis auszusprechen.

Drei weitere Vergehen führen ebenfalls zu einem direkten Freistoß:

  • Halten
  • Anspucken oder Beißen
  • Sperren ohne Kampf um den Ball, wenn es zu einem Körperkontakt kommt
  • Absichtliches Handspiel (außer im Fall des Torwarts im eigenen Strafraum)

Beim Anspucken oder Beißen ist ebenfalls zusätzlich ein Feldverweis auszusprechen, in den anderen Fällen hängt die Aussprache einer persönlichen Disziplinarstrafe (Verwarnung oder Feldverweis) von weiteren Details ab.

Für alle genannten Fouls gilt, dass, wenn sie im Strafraum der verteidigenden Mannschaft durch einen verteidigenden Spieler oder den verteidigenden Torwart begangen werden, statt des Freistoßes ein Strafstoß verhängt wird.

Arten von Fouls[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Einige Fouls haben besondere Merkmale:

Offensivfoul[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Offensivfoul, oft auch als Stürmerfoul bezeichnet, liegt vor, wenn ein Spieler der angreifenden Mannschaft einen Gegenspieler foult.

Taktisches Foul[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Unter einem taktischen Foul versteht man ein Foul, das ausschließlich aus taktischen Gründen begangen wird. Das Ziel eines taktischen Fouls ist es, eine Spielunterbrechung zu erreichen, wobei ein nachfolgender Ballbesitz des Gegners in Kauf genommen wird. Durch die Unterbrechung gewinnt die eigene Mannschaft Zeit, sich zu formieren und auf die neue Spielsituation einzustellen. Taktische Fouls werden häufig begangen, wenn der Gegner versucht, einen Konter vorzubereiten.

Taktische Fouls unterscheiden sich von gewöhnlichen durch mehrere Merkmale. „Normale“ Fouls werden in der Regel als letztes Mittel, den Gegner aufzuhalten, verwendet oder entstehen versehentlich. Unter anderem spielt häufig auch Aggression und Wut eine Rolle, etwa bei einer Blutgrätsche, was bei taktischen Fouls nicht der Fall ist. Stattdessen erfolgen Griffe an den Arm oder ans Trikot, was keine Gefährdung des Gegners nach sich zieht und den Schiedsrichter trotzdem dazu bewegt, das Spiel zu unterbrechen.

Taktische Fouls sorgen des Öfteren für Diskussionen, da sie das Reglement, das ja eigentlich für Fairness sorgen soll, zum Erreichen eines Vorteils ausnutzen. Unter anderem deshalb gibt es in einigen Sportarten (z. B. Fußball) für den Schiedsrichter die Möglichkeit, auf Vorteil zu entscheiden, wenn der gefoulte Spieler in Ballbesitz bleibt oder der Ball zu einem Mitspieler gelangt. Außerdem wird ein offensichtlich aus taktischen Motiven begangenes Foul im Fußball mit einer Verwarnung bestraft. So erhielt Michael Ballack im WM-Halbfinale 2002 nach einem taktischen Foul die Gelbe Karte und war damit für das Endspiel gesperrt.

Revanchefoul[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Ein Foul, meist als Tätlichkeit ausgeführt, als Reaktion auf ein Foul des Gegners wird auch als Revanchefoul bezeichnet. Revanchefouls gelten immer als mindestens unsportlich und ziehen eine zusätzliche Verwarnung nach sich, sofern die Art des Fouls nicht zu einem Feldverweis führt.

„Notbremse“[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Erkennt der Schiedsrichter, dass mit Foul eine klare Torchance verhindert wurde, verweist er den schuldigen Spieler mit der Roten Karte für die restliche Spieldauer des Feldes. Ein solches Foul wird umgangssprachlich meist als Notbremse bezeichnet.

Einzelnachweise[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

  1. Fußball-Regeln 2019/2020, Regel 12. Fouls und unsportliches Betragen. (PDF, 69 MB) DFB, 6. März 2020, S. 71–86, abgerufen am 6. März 2020.