Grundrisse, Nummer 29
März
2009

Kassensturz

Interviews mit Laura Castellanos

Hamburg: Edition Nautilus, 2008, 160 Seiten, 14.30 Euro

Die mexikanische Journalistin Laura Castellanos und der Fotograf Ricardo Trabulsi bieten dem Subcomandante Marcos, dem „Sub“, wie ihn seine Freunde nennen, in dem neu bei Nautilus erschienenen Buch „Kassensturz“ ein Forum zur Darstellung seiner Reflexionen über den Werdegang der EZLN und der zapatistischen Bewegung. Neben dem zentralen Interview wird der Blick auf die Zapatisten abgerundet durch eine kurzes vorausgegangenes Interview und dann auch die „Sechste Erklärung des EZLN aus dem lakandonischen Urwald“ von 2005.

Mindestens drei Lesarten machen das Buch höchst interessant.

Zum ersten ist da die Geschichte der Zapatisten selbst, die seit 10 Jahren fast in Vergessenheit geraten istich in ihrer relativen und teils bewusst gewählten Isolation vom öffentlichen Diskurs [1] aber klar weiter entwickelten. Zum zweiten bieten die selbstkritischen Blicke von Marcos und der EZLN in ihrer 6. Erklärung Ansatzpunkte für unsere eigenen Reflexionen auf eine Bewegung, die durch ihre subjektbezogenen Sichtweise sich so sehr unterscheidet von allen traditionellen staatsbezogenen Ansätzen. Und zum dritten gelingt es Laura C. durch ihre hartnäckigen, gelegentlich impertinenten Fragen an Marcos, diese Person in einer bisher einmaligen Weise in seiner inneren Widersprüchlichkeit zu skizzieren: einerseits als Mythos, anfangs eher unbewusst und dann zunehmend bewusst als strategische Person benutzt und andererseits als ein fast normaler Mensch. Warum „fast“? Seine hohe Gefährdung als „Staatsfeind Nummer 1“ macht ihn auch zu einem ewig gehetzten, ohne ein festes Zuhause, neben einigen wenigen Klamotten nur ein paar ihm besonders lieb gewordene Bücher im Gepäck. Vertraute Beziehungen bleiben somit größtenteils auf der Strecke bis hin zur Liebe.

Die Geschichte der Zapatisten verkommt damit nicht zu einem Scharz-Weiß-Gemälde, das stehen bliebt in der Mystifizierung einer Bewegung, die uns damit heute nur noch wenig zu sagen hätte: für die einen zu einem für uns unerreichbaren Ideal hochstilisiert, von den anderen als eine gescheiterte und damit nicht mehr interessante Episode in der Revolutionsgeschichte abgetan.

Gerade die selbstkritischen Reflexionen, zu denen Laura Castellanos Marcos verleitet, regen die Leser zu eigenen Gedanken an. Die Spannweite seiner Gedanken machen die beiden Interviews sehr lebendig: einerseits der Traum von der Organisation eines gemeinsamen mexikanischen Widerstands, hinter dem für mich ein eher traditioneller Hintergrund eines Linksintelektuellen hervorschimmert und andererseits der schlichten, aber sehr ehrlichen Bemerkung : „Kann sein, dass sich hinter dieser Ungewissheit“...“nichts verbirgt“. (s.S.98). Hier spricht nicht ein weiser Revolutionär, der uns sagen könnte, wohin der Weg geht. Es berichtet uns ein ewig Lernender über sein Leben in einer für ihn vor mehr als 20 Jahren weitgehende fremden indigenen Gemeinschaft und ein Beobachter, der in der „Otra Campaña“ (Andere Kampagne, 2006) als Zuhörender versuchte, die Realität des derzeitigen Mexikos zu erfassen.

Gegen Ende des Interviews spricht er mehr vom Aufbau eines neuen Netzwerks all der Rebellischen und unter unmenschlichen Bedingungen Lebenden, die er auf seiner Reise durch Mexiko kennen gelernt hatte (s.S. 98).Und doch betont er an anderer Stelle immer wieder die Autonomie der Bewegung, die regionalen und kulturellen Unterschiede, die es nicht erlauben, übertragbare Modelle zu entwickeln. Der auch für uns täglich quälende und doch unauflösbare Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit zieht sich durch das ganze Buch. Dennoch geben die Interviews einen Einblick in das Besondere der zapatistischen Bewegung, wie die Autorin es in der Einleitung formuliert: „Ricardo und ich sind der Ansicht, dass der Zapatismus eine Lehre für die Menschheit ist“ ...“Nach unserem Dafürhalten verbindet der Zapatismus universelle Sehnsüchte mit konkreten Praktiken (s.S.18).

Genau darin sehe ich auch die Einmaligkeit dieser Bewegung, war sie doch von Anfang an ein Traum [2] und zugleich eine Strategie, ganz konkret verbunden mit praktischen Schritten in ein anderes Leben in Würde schon jetzt, heraus aus einer Existenz in permanenter Demütigung, Armut und Entrechtung. Weit entfernt ist auch heute das Leben in den indigenen Gemeinden vom revolutionären Paradies. Manche fragen: Was hat das alles gebracht? Die zapatistischen Gemeinden sind heute mindestens so bedroht wie vor dem 12tägigen bewaffneten Aufstand im Januar 1994. Marcos berichtet, dass die indigenen Bauern gerade in letzter Zeit wieder verstärkt von Großgrundbesitzern und ihren Paramilitärs mit dem Tode bedroht werden, um sie von ihrem Land zu vertreiben. Und noch lange nicht beerdigt ist der Plan Puebla Panama, der das wunderschöne Natur- und Kulturerbe von Chiapas in eine profitträchtige Ressource für Wasserprivatisierer und Tourismuskonzerne verwandeln möchte.

In „Kassensturz“ wird all das nicht beschönigt und doch gelingt es Marcos und seiner Interviewpartnerin uns einen Blick werfen zu lassen in das andere, lebenswertere und damit auch für uns attraktive Leben. Ich meine damit diese von der orthodoxen Linken so weit entfernte Sichtweise auf eine andere Welt, die es nach den Worten der Zaptististen nicht zu verändern, sondern neu zu erschaffen gilt. „Dass es ihnen über die Räte der guten Regierung gelungen sei, die Machtbeziehungen umzukehren“, bezeichnete Marcos in dem zusammengefassten ersten Interview in Rincon Zapatista „als ein weltweit richtungsweisendes Beispiel. Denn sie hätten damit bewiesen, dass eine Gesellschaft ohne politische Parteien lebensfähig ist und dass es möglich ist, eine horizontale, einschließende und nicht-korrrupte Politik zu betreiben“(s.S.105). Einen wichtigen Schritt in diese andere Welt bedeutet auch die vom mexikanischen statistischen Bundesamt festgestellte Tatsache, dass es heute in den zapatistischen Gemeinden weit weniger Alkoholismus, weniger Vergewaltigungen und Missbrauch von Frauen und weniger Schulabbrecher gibt als unter den Nicht-Zapatistischen (s.S. 106). Dieser Erfolg spricht gleichzeitig Bände über die veränderte, wenn auch noch lange nicht befriedigende Stellung der Frauen im zapatistischen Alltag. Und nicht zuletzt sei darauf hingewiesen, dass inzwischen viele Indigene aus nichtzapatistischen Gemeinden in Konfliktfällen lieber zur Schlichtungsstelle der Räte der guten Regierung gehen, da sie sich dort gerechter behandelt fühlen als von einem normalen mexikanischen Gericht ( s. S.106).

Zeugnisse des anderen Denkens finden sich auch in der den beiden Interviews angehängten „Sechsten Erklärung der EZLN aus dem lakandonischen Urwald“ vom Juni 2005 (S.121 ff). Wie sie selbst immer wieder an Hand ihrer Geschichte hervorheben, haben sie einen langen Weg auf der Suche nach gesetzlicher Anerkennung im Rahmen einer mehr oder weniger funktionierenden parlamentarischen Demokratie [3] hinter sich. Höhepunkt in der öffentlichen Sympathie und Anerkennung auf ihrem langen Weg in Richtung Parlament war 2001 ihre Ankunft in Mexiko Stadt nach dem „Langen Marsch der Farbe der Erde“ (s. S. 45 +55). Damals wurden sie und ihr Mythos Marcos von den Medien überrollt, Linksintellektuelle wie z.B. Danielle Mitterand, Manu Chao oder Chomsky suchten den direkten Kontakt zur Bewegung. Und doch endete dieser lange Marsch in Richtung Legalität und die unendlich vielen Dialogversuche mit VertreterInnen der politischen Eliten mit einer totalen Enttäuschung! 2003 strichen alle im Parlament vertretenen politischen Parteien [4] aus dem in langen Jahren in San Andrés ausgehandelten Verfassungsentwurf alle wesentlichen Punkte, welche die gesetzliche Gleichstellung der Indigenen in der mexikanischen Gesellschaft beinhaltetet hätten.

„Damals ist uns also klar geworden“, so in der 6. Erklärung festgehalten, „dass der Dialog und die Verhandlung mit den schlechten Regierungen Mexikos umsonst gewesen sind...... Denkt daran, damit ihr aus unserer Erfahrung lernt“ (S. 126) und auch Marcos fragt selbst zweifelnd in dem Interview, ob sie damit nicht wertvolle Zeit verloren haben (s.S.70). Als Reaktion darauf folgte ein zweijähriger totaler Rückzug in die Caracoles, wie sie von da an ihre Gemeinden nannten. Sie nutzten die Zeit zum Ausbau ihrer autonomen Verwaltungen in den „Räten der guten Regierungen“ . Von außen betrachtet führte diese Konzentration auf ein bessere Leben in Würde zu einer gewissen Isolation aus dem öffentlichen linken Diskurs, kaum ein linker „Promi“ reiste mehr nach Chiapas, der Medienrummel endete im Desinteresse, „wir sind medial nicht mehr verkaufsträchtig“ sagt Marcos (s.S.96 + Fußnote 1).

„Kassensturz“ ist als ein Versuch zu lesen, die Erfahrungen der zapatistischen Bewegung wieder in den öffentlichen Diskurs zurückzubringen, einen subjektbezogenen Ansatz einer Politik nachzuzeichnen, umgesetzt von Menschen, die nicht die Macht der politischen Eliten erobern wollen, sondern diese Machtstrukturen an sich in Frage stellen. Dazu ein Zitat aus der 6. Erklärung: „Hier stellte sich das Problem, dass der politisch-militärische Teil der EZLN nicht demokratisch ist, denn er ist eine Armee, und wir haben gesehen, dass es nicht gut ist, dass an der Spitze das Militärische steht und unten das Demokratische , denn das Demokratische darf nicht militärisch entschieden werden, sondern umgekehrt:...deswegen sind die Zapatisten ja auch Soldaten, damit es keine Soldaten mehr gibt“ ( s.S.128). Im Alltag versuchen sie interne Machtstrukturen zu verändern und erste Schritte zu gehen in Richtung auf ein selbstbestimmtes Leben in Würde. Das mag für manche Politstrategen ein total unspektakulärer Vorgang und damit uninteressant sein. Für andere, die auch nicht werden wollen wie „die da oben“ , die Welt dieser politischen Eliten nicht erobern wollen, sondern eine neue Welt, ein Leben in Würde und in Respekt schon jetzt zu leben versuchen, bleiben die von Marcos hier vorgetragenen Erfahrungen ein „außerordentlicher Beitrag zu den libertären Kämpfen“ unserer Zeit (s.S.18), wie Laura C. es in ihrer Einleitung ausrückt.

Gerne hätte ich bei diesem Interview mit am Tisch gesessen, um einige Fragen an alle am Buch Beteiligten, aber auch an uns selbst zu stellen. Hier nur das mir am meisten unter den Nägel Brennende. Laura Castellanos und Marcos selbst hinterfragen immer wieder seine besondere, hervorgehobene Rolle, obwohl er doch immer wieder die Horizontalität betont und Machtstrukturen hinterfragt. Welche Überlegungen führten dazu, hier dennoch den Subcomandante alleine zu interviewen, anstatt ihn im Kreis einer Gemeinde gemeinsam mit anderen ZapatistInnen zu Wort kommen zu lassen?

Der Fotograf Ricadro Trabulsi ließ Marcos sich einige Fotos auswählen, die der Fotograf in den zapatistischen Gemeinden gemacht hatte( s.S.99) Gerne hätte ich auch einige gesehen. Warum finden wir in dem Buch nur den Subcomandante in allen möglichen Posen? Laura C. fragt Marcos nach seiner Einschätzung über andere öffentlichen Persönlichkeiten wie Chavez, Castro oder Morales. Widerspricht das nicht dem eigenen Anspruch nach Abbau von Avantgardedenken? Die Antworten scheinen mir meine Zweifel zu bestätigen. Und warum sollte ein Mensch wie Marcos, der so bewusst in der Autonomie der indigenen Gemeinden lebt und dies immer wieder hervorheben, besonders viel wissen über eine Organisation wie ETA, die so meilenweit vom lakandonischen Urwald entfernt ist wie von seinem horizontalen, nicht militaristischen und selbstbestimmten politischen Ansatz?

Aber auch an uns stellt sich für mich nach der Lektüre dieses Buches erneut eine sehr grundlegende Frage: Ist unser Interesse an dieser so anderen Befreiungsbewegung verblasst, weil wir noch immer viel zu sehr auf die bestehenden Machtstrukturen starren in der Hoffnung, doch selbst am Rad der politischen Eliten mit drehen zu können? Und auch wenn wir zu der Einsicht gekommen sind, dass hierarchische Strukturen sich immer in Machtstrukturen verwandeln, die sich irgendwann gegen uns wenden, wie kann es uns gelingen, Erfahrungen zwischen horizontal orientierten Bewegungen wahrzunehmen, auszutauschen, also Horizontalität zu leben und über Grenzen hinweg voneinander zu lernen? Das Buch fordert uns damit aufs Neue zum „Preguntando caminamos“ (Fragend schreiten wir voran) heraus, es macht Mut zu eigenen Reflexionen und zu neuem Tun.

[1Für Mexiko trifft das weniger zu und ein neuer Aufbruch scheint zum Jahresende 2008/9 mit dem „1.weltweiten Festival der würdigen Wut“ gemacht zu sein.

[2„Rebellion ist wie dieser Schmetterling, der auf das Meer ohne Insel oder Felsen zuhält. Er weiß, dass er keinen Platz zum landen hat. Doch zögert er nicht zu fliegen. Und nein, weder der Schmetterling noch die Rebellion sind dumm oder selbstmörderisch. Es ist nur so, dass sie wissen, dass sie doch etwas haben werden, wo sie landen können, weil es in dieser Richtung eine kleine Insel gibt, die noch kein Satellit entdeckt hat.“ Subcomandante Marcos im Dezember 2002

[3Wohl unnötig zu erklären, dass in 70 Jahren Herrschaft der PRI (Partido Revolucionario Institucional) elementare formaldemokratische Regeln verloren gingen. Die Ablösung der PRI 2000 durch die konservative, noch neoliberalere PAN (Partido de Acción Nacional) brachte keine Veränderungen.

[4Bis hin zur PDR (Partido de Revolución Democrática), die lange Zeit Sympathie für die Zapatisten bekundete.

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