Grundrisse, Nummer 48
Dezember
2013
Jonathan Sperber:

Karl Marx

Sein Leben und sein Jahrhundert

München: C.H. Beck 2013, 634 Seiten, Euro 29,95

Dieses Jahr ist eine neue Marx-Biographie erschienen, wobei sich sofort die Frage erhebt: was soll ein weiteres Buch über Marxens Leben Neues bringen? J. Sperber erhebt den Anspruch, uns das Jahrhundert, in dem Marx lebte und wirkte, näher zu bringen und ihn sogar aus dieser Zeit heraus zu erklären. «Jonathan Sperbers exzellenter Biographie gelingt es glänzend, unser Bild von Karl Marx neu zu gewichten, indem er ihn und sein Denken direkt in die gesellschaftlichen und intellektuellen Strömungen des 19. Jahrhunderts hineinstellt, statt ihn nur im Licht des 20. Jahrhunderts zu interpretieren.» So steht es im Klappentext, aber wird Sperber dem Versprechen auch gerecht?

Seine Biographie gliedert Marxens Leben in drei Abschnitte: „Prägung“, „Kampf“ und „Vermächtnis“. Diesen Abschnitten sind 14 Kapitel untergeordnet, welche sich chronologisch orientieren und einzelne Lebensabschnitte romanhaft überschreiben mit „der Emigrant“, „der Revolutionär“, „der Umstürzler“ usw. So erhalten wir Beschreibungen verschiedener Personifikationen, die natürlich darunter leiden, daß sie sich in einem Zeitabschnitt einpassen müssen, wenngleich gegen Ende deutlich wird, insbesondere wo er sich dem „Ökonomen“ nähert, daß Sperber dieses Konzept nicht durchhalten kann. Jede Biographie leidet darunter, das Leben möglichst chronologisch darstellen zu wollen, dabei aber auch den inneren Entwicklungsgang des Denkens und Schaffens ihres lebendigen Gegenstandes zu erfassen. Sperber verfolgt Marx über sein gesamtes Leben, gibt uns hier und da einige interessante zum Teil auch neue Details. Die gute Lesbarkeit seines Buches macht die Lektüre verführerisch.

Sicher, mit einer Biographie den Geschmack aller Leserinnen und Leser zu treffen, ist kaum möglich. Auch erwartet die Leserschaft nicht eine alle Aspekte behandelnde und über jede Kritik erhabene Ausführung. Sperber zugute gehalten werden ihm seine Informiertheit angesichts des Studiums der inzwischen veröffentlichten Ausgaben der Marx-Engels-Gesamtausgabe. Und löblich ist auch der Versuch, Marx aus der Gedankenwelt des 19. Jahrhunderts heraus zu verstehen. So gesehen mag diese Biografie als Einführung in Leben und Werk von Marx betrachtet und benutzt werden, wenn hier nicht jene Vorgefaßtheit der Urteile wäre, jene Marx unterstellte „Rückwärtsgewandtheit“, wie sich Gerhard Koenen in der Frankfurter Allgmeinen ausdrückt. [1] Dies relativiert auch den an sich lohnenswerten Versuch, Marx in seine Zeit zu setzen, um ihn so besser zu verstehen. Gerade dies gelingt Sperber nur bedingt. Selten geht er über das hinaus, was sich nicht bereits bei anderen Biographien findet. Wenn wir erwarten, daß er uns in das geistige Klima des 19. Jahrhunderts führe, dessen Lebenshauch spüren läßt und die geistigen Diskurse vor unseren Augen zu Leben erwachen lasse, dann erwarten wir zu viel. Zweifelsfrei erfahren wir einige interessante Begebenheiten aus Marxens Leben, seiner Familie und seiner Freunde. Und auch werden hier und da historische Begebenheiten erzählt, die für alle, welche sich mit dieser Lektüre einen ersten Einblick verschaffen wollen, interessant und erhellend wirken. Selbst unter der selbstgestellten Voraussetzung, Marx in die Grenzen des 19. Jahrhunderts zu setzen, erfahren wir nur zu bruchstückhaft von den inneren Dynamiken dieser Zeit, die nicht zu fern, aber uns doch sehr fremd geworden ist.

Nehmen wir beispielsweise den italienischen Krieg 1859, um den auch eine heftige Kontroverse zwischen Marx und Lassalle rankte. Wer von den heutigen Lesern weiß, daß zu dieser Zeit Norditalien, eingeschlossen Städte wie Mailand, Teil der Habsburger Monarchie war, geschweige denn kennt allein die politischen Verwicklungen, die diese Sache mit sich brachte? Den Kampf um die italienische Einheit erwähnt Sperber zwar, läßt aber weitere Aufklärung vermissen, präsentiert dafür aber die falsche Unterstellung, Marx und Engels hätten aus ihrer Gegnerschaft zu Napoleon III. ein militärisches Eingreifen der deutschen Staaten auf Seiten Österreichs befürwortet. (336) [2]

Als ein weiteres Beispiel mag die für Marx sehr fundamentale Einschätzung Rußlands gelten. Bekannt ist, daß Marx aufgrund umfangreicher Recherchen zu dem Schluß gelangte, der Führer der Whigs im englischen Unterhaus, Lord Palmerston, sei ein bezahlter Agent des Zarismus gewesen. Ein abschließendes Urteil über diese Einschätzung ist hier nicht zu fällen, nur Sperber zieht, anstelle dieser Sache wirklich nachzugehen, Marxens Untersuchungen ins Lächerliche. Die „Phobie gegen das Zarenreich“ war „schon vor und nach der Revolution von 1848 ein zentrales Element des marxschen Denkens gewesen“. (315) Marx las u.a. die „vergilbten politischen Pamphlete aus dem 18. Jahrhundert“. Möglicherweise hat sich Marx in Bezug auf Palmerston geirrt, seine Analysen, die der englischen Rußlandpolitik vorwarfen letztlich zaristischen Interessen zu dienen, sind damit nicht vom Tisch. Auch nicht, wenn Personen, auf die sich Marx stellenweise stützte, in ein eigenartiges Licht gestellt werden, wie es mit der „merkwürdigen und irgendwie faszinierenden Persönlichkeit“ David Urquhart geschieht. (313) Diese „merkwürdige“ Persönlichkeit war mehrere Jahre Mitglied des Unterhauses und repräsentierte das Königreich als Gesandtschaftssekretär in Konstantinopel. (MEGA IV, 12, 1609)

Auf den ersten Blick wirkt sehr angenehm, daß Sperber nicht Feuer und Blut über Marx verschüttet, und in ihm und seinem Denken die Ursache des Stalinschen Terrors ausmacht. Stattdessen wird er gönnerhaft zurechtgestutzt auf eine obgleich interessante Persönlichkeit, der es jedoch nicht vergönnt war, über die Grenzen seiner Zeit hinauszugehen. „Das Bild von Marx“, das seine Ideen für die „moderne Welt“ prägend hält, sei „überholt“ und solle „einem neuen Verständnis weichen, das ihn als Gestalt einer verflossenen historischen Epoche sieht“, wobei natürlich zu fragen wäre, inwieweit vom 19. Jahrhundert als von einer in sich abgeschlossenen Epoche gesprochen werden kann. Diese Darstellung gehöre zu den „Prämissen“, schreibt Sperber weiter „die dieser Marx-Biographie zugrunde liegen“, also, sie sind eine Voraussetzung, mit der er sich ans Werk gesetzt, diese Marx-Biographie zu schreiben. Wir sollten aber nicht undankbar für diese Offenherzigkeit sein, erlaubt sie dem Publikum die Lektüre mit einer kritischen Distanz zu beginnen. Es ist dieses Wechselspiel von freier Interpretation und tendenziöser Darstellung, die uns durch das Buch begleitet und uns so auch eine ganze Menge über Sperber selbst erzählt.

Auch was die theoretischen Diskurse betrifft, wie diejenigen mit Sozialisten wie Proudhon, Lassalle, Blanqui, oder Mitstreitern im Bund der Kommunisten, hätten wir uns eine gründlichere Beschäftigung mit deren Gedankenentwürfen gewünscht. Sie und ihre Ideen und Taten erscheinen nicht in verdecktem Licht, werden nur kaum erläutert und so bleiben die Diskurse oft kursorisch behandelt. Dies hat nicht selten zur Folge, daß Marxens Verhalten unverstanden bleibt und als persönliche Anwandlung abgetan wird. So fällt es beispielsweise Sperber in Bezug auf Lassalle nicht auf, daß Marx in dem Augenblick, die ihm geneigte Haltung revidierte, als er sich der autoritären und elitären Einstellungen Lassalles gegenüber der Arbeiterklasse bewußt wurde. Als dieser Marx in London besuchte, mußte er sich den Vorwurf eines „aufgeklärten Bonarpartisten“ gefallen lassen. Dabei hat Sperber erkannt, wie eng verzahnt demokratische Verfassung und proletarische Selbstemanzipation bei Marx sind. Daß Marx Lassalle nicht offen kritisierte, was sich Sperber nicht erklären kann, findet seinen Grund in der Solidarität, zu der sich Marx verpflichtet fühlt, weil mit Lassalle die Entstehung einer Arbeiterpartei unabhängig vom und außerhalb der bürgerlichen Organisationen (der Fortschrittspartei) verbunden ist. Andrerseits gelingt es Sperber im Zusammenhang mit Bakunin und dessen Rolle in der 1. Internationale mit sicherer Feder Partei der „föderalistischen und dezentralen Ordnung“ Marxens gegenüber Bakunin zu ergreifen, der „von seinen Anhängern bedingungslosen Gehorsam“ einforderte, „was“, wie er zu recht findet „nicht wirklich antiautoritär anmutet“.(380) Zeit seines Lebens führte Marx einen intellektuellen und politischen Kampf gegen jegliche Art politischer Diktatur einer revolutionären Regierung, sei es bei Blanqui, Lassalle oder Bakunin, um einige Beispiele zu nennen, was ihn aber andrerseits nicht davon abgehalten hat, sich in Einzelfragen solidarisch zu zeigen.

Über all dies möchte der Leser oder die Leserin gerne hinwegsehen, geht es doch bei einer Biographie primär darum, sich einen ersten Eindruck zu verschaffen, wo nicht jedes Wort gleich in die Waagschale geworfen wird. Aber was das Lebenswerk eines Menschen betrifft, so ist doch gewünscht, daß dieses wenigstens in Umrissen greifbar gemacht wird. Doch hier versagt Sperbers Buch gänzlich, zeigt er wie wenig er die Diskussionen selbst kennt, bzw. deren Gegenstände wirklich erfaßt hat. Marxens Analyse der Ökonomie sei „im Wesentlichen hegelianisch“ und Hegels ’Phänomenologie des Geistes’ nachempfunden, (426-27) Ricardos ökonomische Theorien habe er nicht verworfen, sondern diese weiterentwickelt, in eine „hegelianisiserte Variante“ gebracht. (461) Tausch setze Marx gleich Preis (430), um sich letztlich in der „Tautologie“ des „Werts der Arbeit“ zu verlieren. Sperber ist der Unterschied zwischen den Kosten der Reproduktion der Arbeitskraft und deren Wertbildung im Produktionsprozeß unergründlich. (431)

Interessant fand ich Herangehensweise des Autors zu Marx, welche mir einiges über die bürgerliche Sichtweise und ihre Argumentation gegen den Kommunismus zu Beginn des 21. Jahrhunderts verraten hat. Ich finde es daher aufschlussreich, das Buch von dieser Warte aus zu lesen.

[1FAZ 27.5. 2013. Gerhard Koenen.

[2Vgl. hierzu Engels, Friedrich: Po und Rhein, MEW 13, 268.

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