MOZ, Nummer 54
Juli
1990
6. Österreichische Frauensommeruniversität:

Jede für sich und Gott gegen alle?

Der begehrteste und gleichsam verachtetste Begriff der Gesellschaft im allgemeinen und von manchen Frauen im besonderen ist derjenige der Autonomie. Einen erneuten Anlauf zur Klärung — nicht Festsetzung, denn das wäre schon ein Widerspruch in sich — hat sich die kurz vor der Tür stehende 6. FSU zur Aufgabe gemacht.

Fotos: MOZ-Archiv

Das vorliegende Exposé versucht nichts weiter als eine vorsichtige in gewisser Weise auch nachsichtige Anreizung im vorab; auch unter Berufung auf die inhaltlichen Auseinandersetzungen innerhalb des Vorbereitungsteams, das im übrigen, wen nimmt es noch Wunder, sich ‚nur‘ aus Frauen der Autonomen Frauenbewegung und des BDF zusammensetzt.

Die Vielstimmigkeit ist insofern wichtig zu erwähnen, damit nicht eine der involvierten Stimmen für alle spricht. Womit wir schon inmitten eines der Probleme der Thematik selbst sind: das der Stellvertretung, der Delegation — ohne die, als Dilemma per se, allerdings auch nichts an die Öffentlichkeit dringen würde. Die Autonome Frauenbewegung war angetreten — und bei ihrem Antritt gab es genau genommen keine andere — mit dem neuen und bis heute revolutionären, weil in keinster Weise gesellschaftspolitisch eingelösten Anspruch, daß ihr niemand mehr das Bürgerrecht der Selbstrepräsentation zu nehmen hat. Dies hieß, in einer noch radikaleren Wendung, daß jede einzelne Frau ein Recht auf sich selbst als je eigenes Sprachrohr hat sowie sie umgekehrt nicht für alle anderen sprechen kann und darf. Das bedeutet/e eine fundamentale Kritik an den herrschenden politischen Strukturen, denn Frauen hatten bisher durch ihre (Ehe-)Männer Teilnahmerecht am öffentlichen Raum. In politischen Organisationen, in Institutionen überhaupt, ja selbst in den spezifischen Frauenkörperschaften standen sie unter männlicher Bevormundung.
Dies implizierte einen grundsätzlichen Verzicht auf eigene Interessen, insofern sie als solche überhaupt bewußt artikuliert werden konnten und den Rahmen von ‚Kinder, Küche, Kirche‘ überschritten, neu also war und ist immer wieder die weibliche Behauptbarkeit des Selbstbestimmungsrechtes auf und für alle privaten und politischen Bereiche: von der ‚hohen‘ Politik bis zum ‚niederen‘ Körper.

Nun hat jede Gesellschaft den offenbar unwiderstehlichen Drang nach der ‚Widerspenstigen Zähmung‘, was auf seiten vieler frauenbewegter Frauen nicht nur die Zähmung zur Folge hatte und hat, sondern auch einen Effekt der Lähmung. Zähmung sei hier verstanden als ein Prozeß — im Sinne des psychischen wie physischen Überlebens — des zunehmenden Integrationsbedürfnisses in vorhandenen Institutionen, in die durch die Frauenbewegung optierten Frauensektoren, um von dort aus sog. Frauengleichheitspolitik zu machen; oder eben auch nicht — mehr. Wenn also Zähmung eine Art aktiver Anpassung meint, so wäre Lähmung zu verstehen als un/bewußte Ablehnung von feministischen Optionen überhaupt.

Und als innerer Effekt der Bewegung verhindert die Permanenz der Anstrengung einer weiblichen Kulturbildung gegen (was auch immer ‚mit‘ heißt) das Große, das Ganze so etwas wie eine solidarische Auseinandersetzungsfähigkeit, die jenseits der Selbstdestruktivität liegen könnte. Dieser doppelte Mangel einer fehlenden Anerkennung von Aussen und einer dadurch bedingten Regellosigkeit von Artikulations- und Akzeptanzbedürfnissen im Inneren erheischt manchmal geradezu spastische Erscheinungsweisen. So rettet sich die draußen und die drinnen — wer kann — das Leben in der Wahl diversester Lebensweisen, um doch irgendwie annehmbar und annehmlich das Leben zu ‚verbringen‘.

Wo bin ich Ich?

Es wäre natürlich perfid, jemandem seine/ihre Glückserwartungen absprechen zu wollen. Doch steht nach wie vor und immer wieder zur Frage, wie dieses Glück als (etymologisch logisch übersetzbar mit) ‚gelungenes Leben‘ aussehen könnte — und zwar ohne daß es zum permanenten Verrat an sich selbst und an politischen Erwartungen, die eine Bereitschaft zum Handeln ermöglichen, degeneriert. Und bloß noch auf anempfohlene Rezepte zurückgegriffen werden kann — und dann vermeintlich gewollt wird. Das Problem liegt in der Differenzierungsmöglichkeit von Selbst- und Fremdbestimmtheit, denn wenige werden die Fragestellung der Freiwilligkeit ihrer Lebenswahlen und -entscheidungen auf Dauer negativ beantworten (können).

Doch scheint diese Frage nach der Selbstgesetzgebung (Autonomie) so alt zu sein wie die Menschheitsgeschichte soweit sie als Schrifttum verfolgbar ist; folglich so alt wie die Geschichte der Unterdrückung der Frauen im übrigen.

Das bedeutet, daß diese ‚Urproblematik‘, des „Wo bin ich Ich, wo darf ich’s sein“ im Grunde genommen immer schon männlich konnotiert war und den Frauen — bis vor historisch kurzem Seele und Geist und damit die Fähigkeit zur Selbstsetzung abgesprochen wurde. Denn Schrift und damit unsere Tradition der Dialektik von Denk- und politischer Organisationsgeschichte, die den Autonomiebegriff überhaupt erst entwickelt hat, war — man erinnere nur die griechische Polis — eine Sache von (homosexuellen) Männern. (Politische) Philosophie und kodifiziertes Recht sind so gesehen ‚Sprößlinge‘ männlicher Leidenschaften und männliche Produktivpotenzen.

Welche weibliche — und in politischer Programmatik feministische — Konzeption von Autonomie als ein Begreifen von Differenz — und in dieser — läßt sich da entwickeln? Ohne auf Muster und Utopien zu verfallen, die immer nur unter der Voraussetzung der subsumierten Weiblichkeit funktioniert haben?

Deshalb scheint es für Frauen geradezu irr-sinnig schwierig zu sein, sich einerseits in den gesellschaftlichen Strukturen aufrecht zu erhalten, d.h. sie können Selbstbehauptung, was immer dieses zu behauptende Selbst auch sei, bisher nur als jeweils neue Probe aufs Exempel ‚statuieren‘.

Andererseits ist dieses Grenzgängerinnentum zwischen individuell-politischer Autonomie und Heteronomie in Frauenräumen selbst derart prekär, daß die Tendenz zur Zerstörungswut größer denn die zu Bewegungsmut zu sein scheint.

Autonomie setzt, um nicht zu Autarkie zu gerinnen, auch immer ein Gemeinwesen voraus; Heteronomie scheint als ‚gemeines‘ Wesen nur noch als Abgrenzung positiv erlebbar zu sein oder in positivistischen Integrationssehnsüchten. Wenn auch der „Schein dem Wesen wesentlich ist“, so mag er doch trügerisch sein. Dies zu debattieren ist die Frauensommeruniversität angetreten.

Verweigere doch, du bist so ...

Was den einen zuviel an Verweigerung, Aussteigen, Selbstbehauptung, Rückzug in die sog. Subkultur ist, ist für die anderen ein Zuviel an Karriere, Elitarismus, Anerkennungsbedürfnis von der falschen Seite. So geriet und geriert das, was positiv bestimmbar unter kollektiver Selbstorganisation benennbar wäre, zum Sand des Getriebes, der doch selbst inszeniert wurde und ständig wird: vom Auseinanderklaffen weiblicher Theoriebildung und feministischer Praxis bis zu den Fluchten in große und kleine Heime und Höfe.

Versuchte Gegensetzung wird zur Vereinnahmung und Vereinzelung in vorgegebenen und per se legitimierten (politischen) Handlungs- und Entscheidungsstrukturen.

Fraglich geworden sind also die jeweiligen Selbstverständlichkeiten — wie man sie bettet, so liegt frau? —, und diese sollen diskutiert werden, möglichst ohne Selbstvergewisserungen und Schuldzuweisungen, sondern in konzentrierter Selbst- und Fremdreflexion, um den Konflikten des/von Außen und des/von Innen wenigstens auf die Spuren zu kommen.

Um sich der Dynamik der Wider- aber auch der Wiedersprüche nähern zu können, bedarf es vorab einer möglichen Begriffsklärung, die sich hier bewußt auf der Ebene des Fragens (zurück) hält. Autonomie bloß ein Satz, vielleicht ein Schatz — doch niemals Platz?

In einer Gesellschaft, die in zunehmend pluralistischen Spielfeldern vorgibt, jeder ihren weitmöglichsten Selbst-be/s/tätigungsraum zu bieten, äußert sich dies zumeist im ‚freien‘ Autoverkehr und in einem sich freikaufenden Supermarkt der Angebote. Wie ließe sich weibliche Autonomie frei davon differenzieren? Wie läßt sich für eine autonome Frauenbewegung optieren, die für viele (die Vielen) anarchisch, adoleszent, anachronistisch ist und die sich vice versa nach wie vor als das ‚Fähnchen der wackerne Sieben‘ oder gar als ‚Speerspitze‘ und für die Avantgarde des Frauen-selbst-Bewußtseins hält? Wie läßt sich von Autonomie sprechen, wenn es Theorien gibt, die behaupten, daß es in komplexen Gesellschaften selbstbestimmte Subjektivität gar nicht gibt, sondern die Individuen nichts anderes als Träger und Vermittler von Strukturen sind, quasi funktionierend nach kybernetischen Vernetzungsmodellen? Und wenn umgekehrt gegenläufige Theorien der Ansicht sind, daß gerade in pluralverdichteten Gesellschaften sich Indidvidualität und damit Autonomie — als Projekt der Moderne — endlich ausbilden kann. Wenn die Leute es nur wollen mögen können. Zu guter Letzt läßt sich auch noch sagen, daß erst in diesem Jahrhundert für noch nie dagewesene Viele noch nie dagewesene Freizeit und Freiraum produziert worden ist, jedenfalls was kapitalistische Gesellschaften betrifft.

Dieser historischen Tatsache verdankt sich immerhin auch die Genese der Frauenbewegungen, im Sinne eines geschichtlichen Bewußtwerdungsprozesses der Geschlechterdifferenz, der einen gewissen Luxus, d.h. Unabhängigkeit von ‚ora et labora‘ zur Voraussetzung hat/te. Nicht zufällig wurde der Titel der FSU „Autonomie in Bewegung“ gewählt, kann doch bei all diesen Konzepten der Begriff der Autonomie nur als fluktuierendes Begreifen wie Angreifen konzipiert und immer wieder neu errungen werden. Die Möglichkeiten der Spannungsbögen mögen sich im folgenden Stimmengewirr des Organisationsteams spiegeln.

Spiegelgewirr

  • Autos: Selbst; Nomos: Gesetz, Setzung, Übereinkunft, Institution, Instituiertheit. Kommt von nemo: ver-teilen, zuteilen. (Damit ist nomos immer auch schon das Gesetz des Verteilens, Zuteilens.)
  • Selbständig heißt nicht unabhängig; ein Auto ist auch kein Perpetuum mobile und muß gewartet und gepflegt und repariert werden.
  • Nicht andere definieren für mich/über mich, wer/was ich bin, sondern ich selbst benenne mich.
  • Gratwanderung zwischen Authentizität und Ornament — ein kreativer Akt zeigt bestimmte Er-scheinungsart — wirft Schatten!
  • Die Austauschverhältnisse der Unvergleichbarkeit procedieren; Handelbarkeit in Phantasie.
  • Unabhängigkeit von politischen Parteien, Verbänden, Organisationen, da Staat, Wirtschaft, Parteien und Medien keine geschlechtsneutralen Institutionen sind.
  • Seit jeher hat die Frauenbewegung Integration zum Ziel, immer wieder ging es um die Teilnahme der Frauen an der gesellschaftlichen Macht, um Wahlrecht, Recht auf Ausbildung und Beruf, um Aufstiegschancen — kurzum: um Geld und Macht. Und so bezeichnet die Emanzipation letztlich doch nichts weiter als den Einund Aufsteig der Frauen in patriarchalkapitalistische-bürgerliche Denkstrukturen.
  • Ein stetes Im-Fluß-Bleiben der Positionen von ‚Randgängerinnen und Mitläuferinnen‘.
  • Ingangsetzung eines Selbstverständnisses, das die Opposition von „Homo Politicus“ und „Femina Privata“ unwiederbringlich verwirft.

Wie läßt sich Freiheit organisieren, wenn wir alle Bedürfnisse nach Abhängigkeiten sowie auch nach Macht haben?

Die Polyphonie dieser Aussagen ist beredt: Es geht ums Ich, ums Gesetz, um den Namen, ums Auto, um den Abklatsch, um Unvergleichbares, um Integration, um Abgrenzung, um Verabschiedungen, um Bedürfnisse, um. ... Anders formuliert, es geht um die Begriffe von Individuum und Subjekt und ihre Nicht/Dynamik der/zur Kollektivierbarkeit im Sinne eines politischen Bildungsprozesses.

Dieser definiert und reflektiert sich selbst und die Option des Privaten als die des Politischen und nicht umgekehrt als ins historische Nachtkästchen gelegtes Souvenir aus Jugendsündentagen.

Doch die Reflexion mit dem Insgesamt ihrer Utopien darf ihre Herkunft aus dem abendländischen Diskurs nicht unterschlagen; gibt es doch Kulturen, die das Wort ‚Ich‘ nicht einmal kennen, was bedeuten könnte, daß unsere Emanzipationsbestrebungen bereits einer bestimmten historischen ‚Heils‘erwartung obliegen.

Es ginge also nicht um totale Perspektiven oder die Perspektive einer Totalen, welche Ent-würfe klammheimlich zu End-würfen verkommen läßt. Damit wir nicht eines Tages erschreckt feststellen müssen: jede gegen sich — und Gott für alle.

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