Grundrisse, Nummer 35
September
2010

Imperialismus und Geopolitik

Rezensionsessay
Tobias ten Brink: Geopolitik. Geschichte und Gegenwart kapitalistischer Staatenkonkurrenz Münster, Westfälisches Dampfboot, 2008, 307 Seiten, 27,90 €

Tobias ten Brink versucht sich mit seinem Buch „Geopolitik“ an einem mehr als schwierigen Thema. Es geht um nichts weniger, als einen „analytischen Rahmen zur Erklärung von Geopolitik“ (S. 49) zu finden. Diesem komplexen Vorhaben folgt ein ebenso umfassendes Buch, das von der profunden Sachkenntnis des Autors zeugt. Besonders gut gelungen ist die Darstellung und Verbindung der vielen Ansätze, die sich meist auf einer intermediären, analytischen Ebene bewegen, dabei aber keiner reduktionistischen Weltsicht, etwa im Sinne der einseitig ökonomischen Imperialismustheorien, anhängen. Mit und Fug und Recht kann „Geopolitik“ diesbezüglich den Titel eines Überblicks- und Einführungsbuches beanspruchen – wenn auch die Präsentation und Methodik sicherlich alles andere als voraussetzungslos ist. Vor allem geeignet ist die deskriptive wie auch umfangreiche Darstellung der verschiedenen linken Positionen für LeserInnen, die sich bereits mit dem Thema beschäftigt haben. Der (gesellschafts-)theoretische Zugang ten Brinks tritt im Aufbau des Buches nicht umfassend bzw. explizit hervor: Anders als die meisten Überlegungen, die sich „analytisch“ nennen, ist das Werk tatsächlich in einer relativ „unentschiedenen“ Diskursform gehalten, die es verschiedenen Standpunkten leichter macht, die präsentierten Fakten und mesotheoretischen Ansätze als solche zu akzeptieren. Gleichwohl lässt diese Herangehensweise aber auch viel Platz für weiter führende Diskussionen, ist aber umgekehrt betrachtet hinsichtlich ihres Anspruches, auch eine umfassende „Erklärung“ zu liefern, nur beschränkt dienlich: Es drängt sich nicht nur generell die Frage nach dem Warum auf, auch wirkt die eher analytische Haltung oft bodenlos, da die theoretische Positionierung ausbleibt bzw. ungenügend auf metatheoretische Prämissen verweist. Dies beeinträchtigt schlussendlich auch die Abgeschlossenheit des Elaborats, mithin den Gesamteindruck, der nach der Lektüre bleibt. In der Folge möchte ich die inhaltlichen Schwerpunkte des Buches vorstellen. Ich werde dabei besonderes Gewicht auf die Darstellung der ungefähren Gestalt des Analyserahmens legen – was ob der gebotenen Breite bereits ein längeres Unterfangen ist –, dabei aber auch auf theoretische Probleme hinweisen. Am Schluss werde ich mögliche Kritikpunkte nochmals kurz resümieren.

Imperialismus und Geopolitik

Am Anfang der Ausführungen werden das Thema Imperialismus und die damit verbundenen marxistischen Theorien behandelt. Dies ist ideengeschichtlich sinnvoll, da viele frühere Überlegungen sich bei ihrer Einordnung der diskutierten Problemstellungen auf das Konzept eines imperialistischen Kapitalismus verließen. Ten Brink definiert Imperialismus als vornehmlich gewaltsame Praxis, die der Festigung und Expansion staatlicher Macht im internationalen Rahmen dient (S. 16). Er distanziert sich mit dieser engeren Definition klar von früheren Vorstellungen, die jenen als zentralen kausalen Faktor (einer Stufe) des Kapitalismus betrachteten. Der Autor bettet seine Vorstellung von Imperialismus vielmehr ein in das weitere Konzept der Geopolitik, welches für ihn nicht nur gewaltsame Aspekte umfasst, sondern generell von „horizontalen“ Konkurrenzverhältnissen zwischen den Staaten ausgeht, darüber hinaus jedoch auch „vertikale“ Klassenverhältnisse, Geldverhältnisse und die Besonderung des Staatlichen berücksichtigt (S. 17). Damit wird eine monokausale Erklärungsperspektive zu Gunsten eines vielschichtigen Erklärungshorizonts aufgegeben. Dies wird auch raumtheoretisch argumentiert, mit einem Plädoyer gegen „glatte Räume“ wie Hardt/Negris „Empire“, in dem von einem unilokalen Machtzentrum ausgegangen wird (S. 35). Ten Brink arbeitet sich vor allem darstellend an marxistischen, liberalen und neo-weberianischen Ansätzen zum Thema ab und behandelt gesondert auch den Neorealismus im universitären Diskurs der Fachrichtung Internationale Beziehungen. Allen diesen Ansätzen ist gemein, dass sie sich gegen ein harmonisierendes Bild des Internationalen wenden, welches normativ-idealistische Vorstellungen einer „geglückten Globalisierung“ – z.B. im Rahmen der internationalen Organisationen – zum Ausgangspunkt weiterer Überlegungen macht. Der Neorealismus tut dies als affirmative und auch machtpolitisch missbrauchte Theorie freilich nur beschreibend und spiegelt so eher unmittelbar den real existierenden Raum der Außenpolitik(en) wider, als ihn kritisch zu erklären (S. 44). Die verschiedenen kritischen Ansätze sind allerdings ebenfalls in einigen Hinsichten defizient. Sie betonen den Kapitalexport und somit die externen Faktoren quasi-kolonialistischer Bestrebungen in einem analytisch nicht haltbaren Maß; die Vorstellung des Monopolkapitalismus geistert (z. B. in Gestalt der transnationalen Konzerne) immer noch allzu stark durch die Erklärungsmuster; damit verbunden wäre eine Überbewertung des Finanzkapitals, das als eigenständiger Agent erscheint; Staatlichkeit kommt – wie in den orthodoxen marxistischen Theorien – eine eher instrumentalistische Rolle zu; und letztlich meint der Autor auch, dass Krisentendenzen nicht mehr im Sinne des Realisierungsproblems (der produzierten Waren) erklärt werden sollten, sondern Klassenverhältnissen ein größerer Wert beigemessen werden sollte. En gros werden die Ansätze vor allem für ihre Einseitigkeit kritisiert, die „ableitungschoreographisch“ (S. 47) komplexe Verhältnisse vereinfacht, um sie in den eigenen Theorierahmen zu pressen.

Dem Abhilfe zu schaffen, ist das Ziel von „Geopolitik“ – Tobias ten Brink plädiert für eine differenzierte Analyse des Kapitalismus bzw. seiner Geopolitik, die empirische Faktoren bzw. mesotheoretische Ergebnisse dementsprechend mehr berücksichtigt und zu einem Ensemble zusammenführt. Am Anfang dieser – v. a. synthetischen – Aufgabe steht die Abklärung der Basics dessen, was eigentlich Kapitalismus ausmacht.

Grundlagen der Kapitalismusanalyse

Eine wichtige Grundbestimmung – deren tatsächliche Umsetzung in den weiteren Argumentationen des Werks noch zur Debatte stehen wird – ist die Unterscheidung zwischen kapitalistischer Gesellschaft und kapitalistischer Produktionsweise (S. 52). Während die zweite Bezeichnung die ökonomischen Aspekte im engeren Sinn umfasst, ist mit „kapitalistischer Gesellschaft“ der viel umfassendere Rahmen gemeint, der aus einer anderen Perspektive auch als „kapitalistische Totalität“ verstanden werden könnte – also soziokulturelle, soziopsychologische und soziopolitische Aspekte ebenso berücksichtigt. Grundsätzlich schließt sich Tobias ten Brink bei der Analyse der Warenproduktion Michael Heinrichs Lesart der Kritik der Politischen Ökonomie an (S. 53). Diese gerät jedoch in Folge mit seiner eigenen Positionierung bezüglich der Klassenfrage in Konflikt, so bleibt z. B. der Widerspruch zwischen Kapital als prozessierendem Geld und sozialem Verhältnis zwischen den Klassen einfach unaufgelöst stehen. Die verschiedenen Abstraktionsebenen treten nicht klar hervor und überhaupt hält sich der Autor ungenügend lange mit diesen Fragen auf. Es bleibt so etwas unklar, wie er in der Folge die grundlegenden Strukturmerkmale fundieren will. Auch auf dieser Ebene geht er zuerst von „sozialen Formen“ aus, die bestimmend sein sollen, will diese jedoch dann nicht als etwas Abgeleitetes gelten lassen, sondern meint, sie könnten auch als Institutionen verstanden werden (S.57). Wie und wieso es zu dieser Gleichsetzung kommen mag, bleibt schleierhaft. Warum also die politische Form nicht einfach dasselbe wie der Staat ist und jener selbst der Ökonomie gegenüber steht, geht hieraus ebenfalls nicht hervor – dennoch wird diese Frontstellung (richtigerweise) postuliert und teilweise über die Rechtsform (Eigentum etc.) erklärt. Etwas mehr Beschäftigung mit der „Ableiterei“ wäre hier mehr als nur von Vorteil gewesen, nicht zu letzt da ten Brink offensichtlich über diese Fragen nachgedacht hat.

Von einer dergestalt recht verwirrenden Behandlung der Formen geht es unvermittelt weiter zu vier „Strukturmerkmalen“, die in der Folge der bestimmende Analyserahmen sein werden. Zuerst stehen hier die beiden Seiten der Sozialkonflikte, die „vertikale“ Achse der Lohnverhältnisse und die „horizontale“ Achse der kapitalistischen Konkurrenzverhältnisse. Daneben sitzen die Geldverhältnisse und die Besonderung des Politischen. Abgesehen von grundsätzlich Bekanntem zu den ersten drei Strukturmerkmalen bietet Letzteres eine interessante Synthese aus der an Paschukanis angelehnten Ableitung des Staates aus der Rechtsform und einer institutionellen Argumentation: So sei der Staat nicht nur „formell“, als Garant der Gleichheit der Marktsubjekte, von Nöten, sondern auch „materiell“, als Agent der rechtlichen, ökonomischen und politischen Stabilität überhaupt (S. 70ff). So wird der Staat als conditio sine qua non des Kapitalismus positioniert und mit einer Eigenlogik versehen, die jener des Kapitals zu Gunsten der (national-)staatlichen Raison durchaus entgegenwirken kann. Gewissermaßen liest sich dieser Abschnitt wie eine poulantzistische Überlegung zur „Verdichtung der Kräfteverhältnisse“, ist jedoch anders als diese nicht (ausschließlich) auf das Kräfteverhältnis zwischen den Klassen fixiert. Dieser interessante Teil bleibt leider sehr kurz gehalten und hängt letztlich ebenfalls etwas in der Luft. Als Konsequenz bleibt jedoch die Notwendigkeit eines inter-nationalen Staatensystems und dies ist wiederum Anschlusspunkt für geopolitische Überlegungen.

Raum und Zeit – Kapitalismus

Der folgende Abschnitt ist Raum und Zeit gewidmet, setzt sich jedoch nicht – wie im vorigen Kapitel geschehen – zuerst allgemein mit dem Thema auseinander. Obwohl „Raumtheorie“, verbreitet durch die „Radical Geography“, gerade en vogue ist, bleibt der Fokus hier eher ein angewandter. Ten Brink will vermitteln, dass es ein disparates räumliches System konkurrierender kapitalistischen Staaten gibt, in dem einzelne einen bevorzugten Entwicklungsstatus haben. Die ökonomische Perspektive ist strikt transnational, es wird also von der einen Weltwirtschaft unter dem Primat der Kapitalakkumulation ausgegangen (S. 78), dem jedoch politisch ein Vielstaatensystem gegenüber steht. Bei dieser Trennung belässt es der Autor allerdings nicht, denn die spezifische Dynamik der Geopolitik erschließe sich in der Sphäre des „Inter-Gesellschaftlichen“ (ebd.). Wichtig hierfür ist das Konzept der „ungleichen und kombinierten Entwicklung“ (S. 81), welches nicht nur die Ungleichheit (zeitliche Achse) der Entwicklung, sondern auch die Interaktion verschieden entwickelter Gesellschaften (räumliche Achse) berücksichtigt. Hier wirken also die gesellschaftliche und inter-gesellschaftliche Ebene ineinander. Zur Frage steht an dieser Stelle freilich der Gesellschaftsbegriff selbst, denn rein logisch, im Sinne der ihm inhärenten Abgeschlossenheit, ist er so nicht mehr haltbar. Dies erkennt der Autor zwar, akzeptiert es aber hinsichtlich des Internationalen auf wissenschaftstheoretisch fragwürdige Art und Weise: „Das Internationale ist nicht einfach nur die größtmögliche ,Analyse-Einheit‘, sondern eine ,differenzierte Totalität‘, die die dynamischen Prozesse der Artikulation von Konkurrenz und Kooperation zwischen Gesellschaften umfasst.“ (S. 85) Jene Ausführung löst nicht das Problem der Bestimmung von „Gesellschaft“ (im Verhältnis zu „[National-]Staat“). Sie schafft mit der althusserianischen Figur der „Artikulation“ im Gegenteil neue Fragen rund um den Nexus „Analyse-Kritik, Totalität-strukturiertes Ganzes, Gesellschaft-Staat“. Allerdings muss gesagt werden, dass diese Fragestellungen – wie wichtig ihre Klärung auch wäre – im weiteren Argumentationsgang durch dessen vornehmlich inhaltlich-analytische Ausrichtung wieder etwas an Dringlichkeit einbüßen.

Als nächstes geht es vorerst um die Raumproduktion im Kapitalismus. Im Rekurs auf David Harvey wird der Widerspruch zwischen Raum-Zeit-Vernichtung des „maß- und ziellosen“ Kapitalregimes und der Notwendigkeit, diesen „flüssigen“ Prozess der Wertverwertung physisch-infrastrukturell zu fixieren, benannt. Hier kommt erneut der Nationalstaat als notwendiger Akteur ins Spiel, was nicht zuletzt auch dessen Rolle in nachholenden Modernisierungen unterstreicht. Analog lässt sich – mit Harvey – auch die internationale Tendenz der Kapitalakkumulation verstehen: Ihre expansive, transnationale Dynamik steht im Widerspruch zur Notwendigkeit der räumlichen Fixierung, insbesondere auch des fixen Kapitals. Im Kontext der Theorie des tendenziellen Falls der Profitrate ist dieser Widerspruch als Krisenfaktor eine interessante Perspektive, weil er über die „räumlich-empirische Fixierung“ des Kapitals verschiedene Bewältigungsstrategien nach „innen“ und „außen“ impliziert bzw. diese theoretisch fundiert (S. 97).

Zwischenstaatlichkeit und Konkurrenz

Quasi angewandt wird diese etwas abstrakter gefasste Passage nun auf die empirische Realität der Vielstaatlichkeit. Nochmals und genauer beschäftigt sich der Autor mit der Notwendigkeit des Nationalen. Die hier lancierten ideologietheoretischen Ausführungen lenken vor allem in die Richtung einer klassenzentrierten Perspektive, die soziale Kohäsionen (bzw. die Funktionen von nationalen Ideologien) rein diesbezüglich betrachtet (S. 101). Der hier bemühte Joachim Hirsch zeigt sich dabei von seiner schwächeren Seite und stellt eigentlich auch einen Bruch in der bisherigen Argumentation dar, heißt es doch mit ihm plötzlich, dass „das Staatensystem (…) ein struktureller Ausdruck der kapitalistischen Klassen- und Konkurrenzverhältnisse“ ist (ebd.). Diese starke Klassenperspektive wirkt unverhofft und aufgezwungen, wie ten Brink auch implizit zugibt, da er meint, Harveys eher „horizontale“ machttheoretische Positionierung mit Hirschs „vertikaler“ vermitteln zu müssen (S. 102) – was er allerdings nicht wirklich tut. Er schreitet dennoch wacker voran und verhandelt das Verhältnis von ungesteuerter Globalisierung im Sinne der „internationalen Anarchie“ und institutioneller Verdichtung in den internationalen Organisationen. Während dies bei der ersten Seite rechtstheoretisch, mit der Gleichheit der souveränen Staaten, geschieht, wird für die Institutionen das Theorem der „Verdichtung von Kräfteverhältnissen zweiter Ordnung“ (Ulrich Brand) bedient. Im Wesentlichen ist dieses allerdings eine wenig kreative Weiterführung des poulantzistischen klassentheoretischen Reduktionismus, der den Staat als „bourgeoisen“ definieren will, aber sich des Problems seiner relativen Unabhängigkeit von Klassenstrategien bewusst ist. Die angeblich strategische Rolle der Klasse (prinzipiell geht es hier ohnehin nur um die Bourgeoisie) wirkt hier mehr als aufgesetzt. Im Übrigen trägt dieser kurze und wenig passende Einwurf der Klassenfrage eben auch kaum zu den folgenden machtstrategischen und regulationstheoretischen Analysen auf internationaler Ebene bei, die aufschlussreich bleiben (S. 108ff). Ähnliches kann auch für die Konkurrenz gesagt werden, denn hier entscheidet sich ten Brink wieder für einen Rahmen, der Kapitalismus als Totalität zu fassen versucht (S. 113). Als solchen grenzt er dessen geopolitische Spezifika klar von vorkapitalistischen Imperialismen ab, die höchstens von einer „politischen Akkumulation“ (Robert Brenner) zur Stabilisierung der eigenen (direkten) Herrschaftsverhältnisse getrieben wurden. Der kapitalistische Imperialismus ist demgegenüber von geopolitischer wie auch ökonomischer Konkurrenz geprägt und die politische Seite ist nicht mehr den unmittelbaren Herrschaftsinteressen, sondern der „subjektlosen Gewalt“ der wettbewerbsgetriebenen Akkumulation des Kapitals unterworfen (S. 121). Dies heißt u. a. auch, dass politisch-militärische Konfliktaustragung direkt mit der Entwicklung der kapitalistischen Produktivkräfte vermittelt ist. Zur geopolitischen und ökonomischen Konkurrenz gesellt sich also noch eine, auf den „militärisch-industriellen Komplex“ bezogene, Rüstungskonkurrenz (S. 134). Die Geopolitik ist aber umgekehrt nicht einfach von „Kapitalinteressen“ getrieben, sondern verschiedenartig begründet. Folgende Dimensionen wären zu berücksichtigen: eine geo-ökonomische, auf die Weltwirtschaft bezogene; eine ideologische (hier verkürzt ungefähr im Sinne der Gramsci’schen Hegemoniekonzeption); eine militärische; eine der politischen Institutionen und Allianzen; und schließlich eine der Notwendigkeiten der politischen Führerschaft und Entscheidungslogik. Zudem kann von einer mehr oder weniger „harten“ bzw. „weichen“ Geopolitik gesprochen werden, deren empirische Gestalt vielfältig sein kann. Ihr grundlegendes Merkmal bleibt jedoch der Fokus auf (politische) Macht, der dem reinen Kapitalinteresse gegenübersteht.

Phasen und Periodisierungen …

Nach diesem Abriss der vielfältigen Dimensionen der Konkurrenz bleibt also das binäre Analysepaar „Wirtschaft“ und „Geo-Politik“ in seiner Grundgestalt unangetastet. Für eine rein analytische Betrachtung ist dies auch nicht unbedingt schädlich, allerdings kann auch nicht davon gesprochen werden, dass das Problem der Vermittlung bisher gelöst worden wäre. Ansatzweise bemerkt dies der Autor wohl, denn bevor er zur eigentlichen historischen Empirie kommt, mit welcher er sich in der Folge vor allem einteilend beschäftigt, versucht er, nochmals allgemein das Verhältnis von kapitalistischen Strukturmerkmalen und historischer Empirie, mithin von (notwendiger) Struktur und den Möglichkeiten von Handeln aufzugreifen (S. 137ff). Dies geschieht jedoch bloß mit einem Verweis auf den Bedarf historischer Aktualisierung allgemeiner Strukturmerkmale und einer erneuten Absage an „Ableitungen“ von einer vorgegebenen Logik. Des Widerspruchs, der hierin liegt, ist er sich trotz der eben noch klar formulierten Strukturmerkmale scheinbar nicht bewusst – in der diffizilen Struktur-Handlung-Problematik ist sein Fokus letztlich eher akteurszentriert und verbleibt auf einer intermediären Ebene. Die diesbezüglich erste Analyseachse zielt auf die Hegemonialität einer Weltordnung, also ob und wie sich eine hegemoniale Macht durchsetzen konnte. Die Phase von 1870-1945 ist demnach als jene des klassischen Imperialismus eine der Erosion (britischer) Hegemonie; von 1945-1989 herrschte ein „Supermacht-Imperialismus“ vor, der von den beiden Hegemonialreichen USA und UdSSR beherrscht wurde; seit 1989 ist die Welt erneut mit einer nichthegemonialen Phase der „neuen Weltunordnung“ konfrontiert. Dabei wird Hegemonie mit Robert Cox vor allem als gefestigtes und „berechenbares“ Herrschaftsverhältnis verstanden, welches im internationalen Kapitalismus nicht notwendigerweise vorherrschend ist (S. 145). Dieser Frage im eigentlichen Zusammenhang des Imperialismuskonzepts folgt nun eine spezifischere Untersuchung getreu dem binären Analyseraster.

… sozio-ökonomischer Kräfteverhältnisse …

Mit einer methodisch an die Regulationstheorie angelehnten Herangehensweise wird nun versucht, verschiedene Akkumulationsrhythmen auszumachen. Die grobe Periodisierung ähnelt dabei jener der Hegemonialphasen, mit dem Unterschied, dass für die Zeit zwischen den Weltkriegen eine eigene Phase eingeführt wird und die letzte bereits 1973 endet. Dabei wechseln Aufschwung (1870-1914; 1945-1973) und Krise (1914-1945; 1973-) einander ab. Inwieweit diese Einteilung eine sinnvolle ist, kann hier nicht erörtert werden, allerdings steht die Vermittlung mit der Regulationstheorie auf eher wackeligen Beinen bzw. wird durch die im Buch stattfindende Argumentation alleine kaum einsichtig. Empirisch abgesichert präsentiert sich demgegenüber die analoge Untersuchung der Transnationalisierung, die von einer Tendenz zur Globalisierung ausgeht, welche nur in der zweiten (1914-1945) Phase absolut rückläufig war. Gleichwohl will der Autor allzu umfassende Globalisierungsthesen nicht gelten lassen, sondern geht eher von einer Internationalisierung des Ökonomischen aus, die auch eine „Makro-Regionalisierung“ ist (S. 155), sich innerhalb der „Triadenstruktur“ Nordamerika-Westeuropa-Ostasien entwickelt. Dabei wird allerdings nicht von einer „einfachen“ Beziehung zwischen mikroökonomischen Akteuren (Unternehmen) und der volkswirtschaftlichen Makroebene ausgegangen (S. 164): Als wiederkehrendes Motiv erscheint erneut das Insistieren auf eine bleibende Wichtigkeit der Nationalstaatlichkeit. In diesem komplexen Zusammenhang werden zahlreiche empirische Daten geliefert und Subtheoreme eingeführt. Es wird allerdings vom Finanzkapital abgesehen, was wohl eine der relevantesten Auslassungen im analytisch sonst so inklusiven Werk markiert. Dafür wird die Frage nach der Transnationalisierung der Klassen gestellt. Ten Brink erteilt hier den allzu vereinfachten (und nur auf eine Klasse bezogenen) Vorstellungen einer „transnationalen Managerklasse“ (Robert Cox) eine Absage und verweist auf die empirische Realität einer vielschichtigen und durchaus fragmentierten internationalen Landschaft der Machteliten (S. 166). Ebenfalls zu bedenken gibt er treffenderweise, dass die Vorstellung einer transnationalen Bourgeoisie auch klassentheoretisch kaum haltbar ist, da zu einem Klassenverhältnis immer auch eine andere Seite gehört, welche jedoch räumlich vergleichsmäßig immobil ist (S. 167) und somit nicht als international gelten kann. Schließlich macht er auch den Unterschied zwischen „Kapitalfraktion“ und „politischer Klasse“ klar (S. 169). Zu guter letzt wird noch eine Periodisierung der Währungsregime als „monetärer Arm der Hegemonie“ (S. 175) vorgenommen. Die erste Phase in der nun bereits vertrauten Einteilung ist hinsichtlich der Geldpolitik von einem Monopol des Goldstandards und des britischen Pfunds geprägt gewesen, die zweite von einer Oligopolkonstellation, während nach dem zweiten Weltkrieg der US-Dollar zur hegemonialen Währung wurde. Seit den 1970ern existiert nun erneut ein Oligopol, wobei die konkurrierenden „Währungsräume“ bzw. die dahinterstehenden Nationalstaaten durchaus weiterhin zu umfassenden (angebotsseitigen) geldpolitischen Eingriffen im Stande sind (S. 177).

… und geopolitischer Kräfteverhältnisse

Nach der Abarbeitung an der ökonomischen Seite steht nun die Geopolitik im eigentlichen Sinn im Fokus der Analyse, wobei dieser Teil unter „Phasen der Staatlichkeit“ firmiert. Dies beweist noch mal den großen Wert, den der Autor auf die Rolle des Staates und der Politik legt. Folglich werden zuerst die verschiedenen Einflussmöglichkeiten des Staates auf die Ökonomie sondiert, wobei der eigendynamische „Selbsterhaltungstrieb“ der Staatsapparate skizziert wird (S. 183). Richtig streicht ten Brink hier hervor, dass „Staatsintervention“ mitnichten dem Kapitalismus entgegenläuft, sondern zu einem gewissen Grad stets Teil der Ökonomie ist, die ihrerseits umgekehrt natürlich auch auf den Staat einwirkt. Trotzdem lässt sich der Grad des Eingreifens tendenziell periodisieren, wobei hier von 1870-1929 eine Ausweitung, von 1929-1973 eine Hochphase „staatskapitalistischer“ Regulierung und seit 1973 eine Phase des veränderten „marktliberalen Etatismus“ konstatiert wird. Auch beim rezenten, oft mit dem „Neoliberalismus“ in Verbindung gebrachten Regulationsregime interveniert der Staat weiterhin, erodiert also nicht, wie viele andere Positionen vermeinen. Er reorganisiert sich bloß hin zu einem „schumpeterianischen Wettbewerbsstaat“ (Bob Jessop), indem sich u. a. Staatlichkeit selbst dem Wettbewerbsdispositiv unterwirft, Sicherheitspolitik (nach innen und außen) mehr Gewicht bekommt und sich nationale immer mehr hin zu supranationalen Regulierungssystemen entwickeln (S. 188f). Dies würde zu einer Art „Supra-Staatskapitalismus“ führen, dessen Fähigkeit zur Herstellung der gesellschaftlichen Integration der Autor jedoch bezweifelt (S. 187). An diesem Punkt stellt sich die Frage, ob eine derartige Integration (hinter dem regulationistischen Konzept geistert wohl immer noch das „Idealbild“ der fordistisch-wohlfahrtsstaatlichen Regulation herum) überhaupt zum „idealen Durchschnitt“ des Kapitalismus gehört bzw. nicht ein historisches Unikum darstellt, das schlicht überholt ist. Die krisentheoretischen Überlegungen gehen allerdings nicht so weit, denn nach einer relativ banalen Einteilung der Staaten gemäß ihrer Durchsetzungsstärke wird nach Phasen der harten und weichen Geopolitik gefragt. Hier kommt erneut die schon zuvor bei der Hegemonialität verwendete Periodisierung zum Einsatz. Die Zeit von 1870-1945 ist so von harter Geopolitik einer „formellen imperialistischen Expansion“ geprägt; ab 1945 und bis 1989 hätten eher weiche Formen vorgeherrscht, während nach dem Systemzusammenbruch die harte Geopolitik wieder am Vormarsch wäre (S. 192). Spätestens an diesem Punkt stellt sich die Frage, inwiefern hier nicht Probleme, die eigentlich eher auf der Mikroebene angesiedelt sind, durch einen zu weit reichenden, intermediären Analyserahmen betrachtet werden. Die historischen Ausführungen des Autors legen dies teilweise selbst nahe (S. 193ff), da sie die multikausalen Beweggründe strategischer Entscheidungen hervorstreichen. Die „Anwendung“ des Analyserasters auf die Rüstungskonkurrenz und genereller auf die „Systemkonkurrenz“ zwischen Ostblock und Westen ist innovativ, da sie von der These der Konkurrenz zweier Weltordnungsmodelle innerhalb des kapitalistischen Weltsystems ausgeht. Dabei vertritt er (abgesehen vom ewig wiedergekauten aber – auch immanent-klassentheoretisch – nicht richtiger werdenden Theorem der ausbeutenden „Bürokratenklasse“) Positionen, die in vieler Hinsicht stark an jene von Robert Kurz in Kollaps der Modernisierung erinnern bzw. produktiv an diese anschließen könnten. So wird von einer „nachholenden Modernisierung“ (S. 207), dem „Zwang zur Akkumulation“ (S. 205) und einer „Art Kriegswirtschaft“ (S. 206) gesprochen. Weiters wird die Rüstungskonkurrenz als eine Art sekundäre Bewältigungsstrategie der (mangelnden) Marktkonkurrenz (S. 208) verstanden. Als Schranke der staatskapitalistischen nachholenden Modernisierung im Osten wie auch des „Supermachtsimperialismus“ auf globaler Ebene wird schließlich die „mikrotechnologische Revolution“ (S. 209) und die mangelnde Adaptionsfähigkeit in Zeiten der Globalisierung (S. 210) genannt.

Markliberaler Etatismus

Die letzten 50 Seiten des Buches sind nochmals genauer der gegenwärtigen geopolitischen Situation gewidmet. Wie bereits erwähnt geht ten Brink hier von einer Mischung harter und weicher geopolitischer Durchsetzungsmodi bzw. modi operandi aus. Der Hintergrund ist die Rolle der letzten Weltmacht USA, die um ihre Vorherrschaft kämpft. Ihr „hegemonistisches“, bereits mehr auf Zwang als auf Konsens beruhendes Vorgehen wäre Zeichen für die Krise der US-Hegemonie (S. 223). Dazu passt auch die fragliche Weltsicherheitslage mit „asymmetrischen Kriegen“ und dem permanenten Ausnahmezustand des „Kriegs gegen den Terror“ (S. 227). Abgesehen von diesen recht landläufigen Feststellungen geht Tobias ten Brink auf das Phänomen der „demokratischen Kriege“ im Allgemeinen ein (S. 230ff) und fasst kurz einige Basics des Völkerrechts zusammen (S. 232ff). Hierbei liefert er allerdings – auch schematisch – wenig Neues. Die geopolitischen und ökonomischen Konkurrenzverhältnisse des „marktliberalen Etatismus“ werden an Hand des Machtanspruchs der USA und hinsichtlich der Beziehungen dieser zur EU und zu China erörtert. Dieser Teil ist zwar informativ, geht jedoch analytisch kaum über ähnliche Erörterungen im Mainstream des Fachs Internationale Beziehungen hinaus.

Fazit und Kritik

Im Fazit des Werks werden schließlich drei (Selbst-)Ansprüche an das Buch gestellt, anhand derer auch ich es nochmals bewerten möchte. Tobias ten Brink beansprucht geleistet zu haben: erstens die Untersuchung der „horizontalen“ Dimensionen der Geopolitik im Rahmen einer breit gefassten Kapitalismusanalyse, zweitens die Periodisierung kapitalistischer Entwicklung in Raum und Zeit und schließlich die Pluralität der geopolitischen Zusammenhänge aufzuzeigen.

Den letzten beiden Punkten wird das Buch über weite Strecken gerecht. Periodisierungen sind zwar, wie auch ten Brink weiß, stets relativ und hängen von der jeweiligen Fragestellung ab; hier könnte sicher einiges an den gewählten Umsetzungen bemängelt werden. Dennoch konnte die Vielschichtigkeit historischer Entwicklungen angesprochen und dabei durchaus auch ein gewisser Erkenntnisgewinn gegenüber anderen Schemata erzielt werden. Die räumliche Dimension wurde dabei weniger umfassend abgedeckt als die zeitliche, bei diesen Fragen handelt es sich jedoch auch um eine ungleich schwierigere Thematik. Auf jeden Fall gut gelungen ist die Darlegung der Pluralität und Komplexität geopolitischer Zusammenhänge. Hier unterscheidet sich das Werk spürbar von den meisten anderen und wird dem breiten analytischen Ansatz umfassend gerecht. „Geopolitik“ liefert schlicht eine ungemein tief gehende und vielschichtige Darstellung verschiedener intermediärer Ansätze, Erkenntnisse und Perspektiven. Diese sind zwar nicht immer leicht zugänglich, aber nichts desto weniger erhellend – auch wenn eins mit anderen theoretischen Schwerpunkten arbeitet.

Der einzige gravierende Kritikpunkt bleibt also die Frage der „theoretischen Kapitalismusanalyse“, des ursprünglichen Anspruchs der Erklärung kapitalistischer Geopolitik, mit welcher ten Brink seine aufschlussreiche Darstellung „horizontaler“ Kräfteverhältnisse untermauert haben will. Der Autor kann sich hier offensichtlich nicht für einen konsistenten Zugang entscheiden, macht einen solchen jedenfalls in seinen einführenden theoretischen Erörterungen auch nicht deutlich genug kenntlich. Diesbezüglich wirkt das Werk eklektisch bis unentschieden und schwankt im Wesentlichen zwischen der Offenheit für eine weiter gehende gesellschaftstheoretische Metatheorie, welche den Kitt für seine oft elaborierten Überlegungen liefern könnte, und einer „intermediären“ Perspektive, die mit dem vermeintlichen Anspruch, bloß Analyse zu betreiben, allzu oft die Rückständigkeit der eigenen kritischen Theorie kaschiert, welche voll ist von klassentheoretischen und anderen wissenschaftstheoretisch verflachenden Reduktionismen. Deutlich wird dies insbesondere, wenn es um die Behandlung von Gesellschaft als solcher geht. Eine rein analytische Ausrichtung stößt hier an ihre Grenzen und so bleibt das Verhältnis von „Staat“, „Gesellschaft“, „kapitalistischer Gesellschaft“ und „kapitalistischer Produktion“ ungeklärt – es kann nicht zwischen „Form“ und (hier v. a. institutionellem) „Inhalt“ differenziert werden. Auf dieser Basis lässt sich die „Geopolitik“ gar nicht sinnvoll erörtern. Es müsste hier das (normative) Telos einer Kapitalismuskritik eingeführt werden, welches die notwendige Syntheseleistung zwischen den widersprüchlichen, real-abstrakten Kategorien des warenproduzierenden Systems bewerkstelligen könnte. Ten Brinks theoretische Einordnung steht dem entgegen: Die neuere staatstheoretische Schule (Bob Jessop, Joachim Hirsch, Ulrich Brand, u. a. m.), die stark vom strikt anti-dialektischen Zugang Poulantzas und Gramscis geprägt ist, stößt hier an ihre eigenen Grenzen, die wissenschaftstheoretisch mit dem „strukturalen Marxismus“ Althussers abgesteckt sind. Das Denken im letztlich kontingenten „strukturierten Ganzen“ verbaut den Weg zur synthetischen Erfassung der kapitalistischen Totalität und der ihr immanenten (analytischen) Widerspruchspaare.

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