Grundrisse, Nummer 17
März
2006
Paolo Virno:

Grammatik der Multitude

Mit einem Anhang: Die Engel und der General Intellect

Wien: Turia & Kant, 2005, 188 Seiten, 14 Euro, übersetzt von Klaus Neundlinger

Paolo Virnos „Grammatik der Multitude“ untersucht Existenzweisen im Postfordismus

Seit einigen Jahren gibt es den Versuch, mit dem Begriff der Multitude — ein Ausdruck, der zunächst einfach „die Menge“ oder „die Vielen“ bedeutet -, die gegenwärtigen Veränderungen der Arbeits- und Lebenswelt und der Erfahrungen kollektiver Subjektivität zu erfassen. Jene AutorInnen, die diesen Ausdruck verwenden, verbinden damit zugleich ein politisches Projekt: Emanzipation kann nicht delegiert werden, die gesellschaftliche Transformation muss sozusagen in den Poren der Gesellschaft selbst stattfinden — und die Staatsmacht kann dafür nur sehr bedingt Mittel oder Adressatin sein. Und: Die Unterschiedlichkeit der Vielen kann in diesem Projekt nicht aufgehoben, sondern muss, im Gegenteil, akzeptiert, bejaht und politisch handlungsfähig gemacht werden.

Was dieser Begriff Multitude tatsächlich meint, warum er nötig ist, was er thematisiert und was nicht, das bleibt dabei jedoch oft vage und unbestimmt. Nun ist endlich die sozialphilosophische Arbeit von Paolo Virno „Grammatik der Multitude“, von Klaus Neundlinger sehr behutsam und sorgfältig übersetzt, in deutscher Sprache erschienen. Die Schrift geht auf ein dreitägiges Seminar zurück, das Virno 2001 am Institut für Soziologie der Universität Kalabrien gehalten hat. Das gesprochene Wort ist im Text noch präsent: Der Duktus ist knapp, schlicht und angesichts der komplexen Materie sehr verständlich. Zugleich ist die Thematik alles andere als einfach, geht es doch um nicht weniger als um eine philosophische Bestimmung der aktuellen Form unserer sozialen Existenzweise: „Die Multitude ist eine Seinsweise, die heute vorherrschende Seinsweise.“ (S. 33)

Diese Seinsweise, so Virno, ist keinesfalls einfach zu bestimmen. Ganz explizit wendet er sich gegen leider durchaus verbreitete Abkürzungen, so gegen „eigenartige postmoderne Gesänge“ à la „das Vielfältige ist das Gute, die Einheit ist das Übel, vor dem man sich in Acht nehmen muss“. (S. 31) Ebenso wäre es ein grobes „Missverständnis“ zu meinen, „das Auftauchen der Multitude falle mit dem Ende der ArbeiterInnenklasse zusammen.“ (S. 58)

Entscheidend für die Argumentation von Virno ist, dass er das Auftauchen von „Multitude“ explizit mit den gegenwärtigen postfordistischen Arbeits- und Lebensformen verknüpft. Um jedoch die sozialphilosophische Tiefendimension der aktuellen Transformationsprozesse — die eben den Begriff der Multitude notwendig machen — zu verstehen, thematisiert Virno diesen Begriff im Zusammenhang mit verschiedenen philosophischen Fragstellungen, wobei er auf Konzeptionen von Hobbes, Spinoza, Aristoteles, Heidegger, Arendt, Debord, Benjamin, Duns Scotus, Simondon, Rousseau und durchgehend auf Marx zurückgreift.

Nicht Einheit, nicht Volk, nicht Masse: die „Multitude“

Ausgangspunkt seiner Reflexion ist der Gegensatz von „Volk“ und „Multitude“. Während das Volk eine Einheit bildet, die zudem eines Staates als seiner Repräsentation bedarf, „verweist die multitudo auf eine Vielheit, die als solche im öffentlichen Raum fortbesteht.“ (S. 26) Allerdings beruht die Vielheit der Multitude, die Individuation der Einzelnen, dennoch auf einem Gemeinsamen. Das Thema der Individualität im Gegensatz zum Gemeinsamen ist Virno sehr wichtig. Mit dem Marxschen Ausdruck „General Intellect“ sei ein wesentliches Merkmal der Gemeinsamkeit der Multitude angesprochen: Das Gemeinsame der Vielen liegt in ihrem Vermögen zu sprechen, Sprache(n) zu schaffen, im kollektiven Denken und Wissen. Virno war nie ein poststrukturalistischer Denker im engen Sinne, und deshalb zögert er nicht, hier so etwas wie eine „Essenz“ (von der auch Spinoza spricht) des Menschen anzunehmen. Entscheidend ist: Sprache und Kommunikation werden im Postfordismus zu den zentralen Produktivkräften der Arbeit.

Vielfalt als Herausforderung, nicht als Glücksversprechen

Anders als Antonio Negri und sein Mitautor Michael Hardt in dem viel diskutierten Buch „Empire“ gibt sich aus Virnos Sicht hier ein Merkmal der gegenwärtigen Multitude zu erkennen, das ihn weniger euphorisch, als vielmehr sehr nachdenklich, fast defensiv stimmt: Wir werden sozusagen auf die allgemeinsten Vermögen zurückgeworfen und damit eben auch reduziert. Während bei Negri und Hardt öfters der Eindruck entsteht, die Multitude würde die Herrschaft von Staat, Kapital und Empire unbeschadet überstehen, schlägt Virno andere Töne an. Nicht, dass er den Bedeutungsverlust herkömmlicher Gemeinschaften oder Identitäten beklagen würde. Dem Unsichtbarwerden der je besonderen Sprech- und Denkweisen korrespondiert jedoch auf der anderen Seite die Allgegenwart der Gemeinplätze, der „topoi koinoi“ (S. 43) — und eben dies zeigt, so Virno, wie fremd die Welt der Multitude bleibt: „Die Vielen als Viele sind diejenigen, denen das Un-Zuhause gemeinsam ist, und die diese Erfahrung in den Mittelpunkt ihrer sozialen und politischen Praxis stellen.“ (S. 42)

Virno verwendet nirgendwo den Ausdruck „Blockade“ für die aktuelle Seinsweise der Multitude. Dennoch scheint dieser Begriff gut geeignet, einen ganz spezifischen Befund Virnos auszudrücken: Politische Herrschaft, das gegenwärtige, auf Repräsentation basierende System politischer Macht bleibt der Multitude letztlich fremd; sie kann ihre produktiven Potenzen deshalb im Rahmen dieses Systems kaum politisch wirksam werden lassen, ist in diesem Sinne „unpolitisch“. Die der Multitude entsprechende „nicht-repräsentative Demokratie“ (S. 30) harrt andererseits weiter der Verwirklichung. Das hat jedoch problematische Folgen: „Ein Öffentlichsein ohne Öffentlichkeit, darin besteht die negative Seite — das Schlimme, wenn man so will — in der Erfahrung der Multitude. (...) Wenn der General Intellect oder ,öffentliche Intellekt` nicht zur Republik, zur Öffentlichkeit, zur politischen Gemeinschaft wird, vervielfältigt er ungebremst Formen der Unterdrückung.“ (S. 51) Virno beharrt darauf, dass Emanzipation nicht delegierbar ist — und darauf, dass das global hegemoniale repräsentative politische System, der Parlamentarismus, mitnichten die entscheidende Sphäre der sozialen Auseinandersetzung darstellt: Es seien vielmehr die vermeintlich unpolitischen, oftmals gar nicht wahrgenommenen Veränderungen unseres Alltags, die für emanzipatorische Prozesse entscheidend sind. Das „Unpolitischsein“ der Multitude ist demnach zugleich eine Erweiterung, eine Überschreitung der engen Grenzen des Politischen, wie es im Rahmen des Parlamentarismus gedacht wird.

Die gegenwärtige Transformation von Seinsweisen zeigt sich nach Virno vor allem im spezifischen Charakter der postfordistischen Arbeit. Dass die Trennungen des Fordismus, etwa zwischen Arbeit und Freizeit oder zwischen privat und öffentlich, zunehmend aufgelöst werden, ist in sozialwissenschaftlichen Diskursen mittlerweile weitgehend Konsens. Virnos sozialphilosophischer Zugang belegt jedoch, dass die Aufhebung dieser ehemals klar getrennten Bereiche weiter geht und tief greifender ist, als es der soziologische Befund anzeigt. Dabei knüpft er einerseits an Hannah Arendts Bestimmung des Politischen im Sinne eines sich öffentlich Begegnen mit Worten und Werken an und entwirft andererseits einen eigenen Begriff von „Virtuosität“. Seine These lautet: „Nicht die Politik hat sich der Arbeit angepasst, sondern die Arbeit hat die traditionellen Eigenschaften des politischen Handelns angenommen.“ (S. 64) In diesem Sinne gleiche postfordistische immaterielle Arbeit (Arbeit mit Kommunikation, Information, Symbolen, Sprache, Affekten) der Arbeit von KünstlerInnen, von VirtuosInnen: Es handelt sich um ein Sprechen und Handeln ohne direkt greifbares (stoffliches) Resultat, das zugleich die Anwesenheit der anderen voraussetzt. Ebenso wie die Künstlerin auf der Bühne das Publikum braucht und eher eine Situation als ein „Werk“ produziert, produziert auch der postfordistische Arbeiter eher Information, Wissen oder Dienstleistungen für andere und weniger ein autonomes Endprodukt. An eben diesem Punkt aber nimmt postfordistische Arbeit Merkmale dessen an, was traditionell als politisches Handeln gilt: öffentliche, situationsbezogene Arbeit am und mit dem Intellekt und Affekt der anderen. „Wer im Postfordismus Mehrwert produziert, verhält sich — von einem strukturellen Gesichtspunkt aus gesehen, versteht sich — wie ein/e PianistIn, eine TänzerIn usw. und infolgedessen wie ein politischer Mensch.“ (S. 70) Die viel beschworene Krise der repräsentativen Politik resultiert demnach letztlich aus der Aufhebung der Trennungen zwischen „Arbeit (poiesis), politische(m) Handeln (praxis), Intellekt (Leben des Geistes)“ (S. 61), die nun keine getrennten gesellschaftlichen Sphären mit bestimmbarer Eigenlogik mehr konstituieren. „Es steckt schon zu viel Politik in der entlohnten Arbeit (...), als dass die Politik als solche eine sich davon abhebende Würde genießen könnte.“ (S. 65)

Sprache und Kommunikation: Produktivkräfte der Arbeit

Interessant ist auch die Art und Weise, wie Virno den Begriff der Biopolitik interpretiert. Michel Foucault hatte diesen Begriff geprägt um zu zeigen, dass und wie in der Moderne das Leben als biologischer Prozess zum Gegenstand politischer Verwaltung und wissenschaftlich-normierender Zurichtung wird. „Der nicht-mythologische Ursprung des Wissens- und Machtdispositivs, das Foucault Biopolitik nennt, muss ohne Zögern in der Seinsweise der Arbeitskraft gesucht werden“ (S. 115), erklärt Virno. Anders als bei Foucault, der Biopolitik und Arbeit kaum zusammendenkt, ist das Leben (bios), über das politisch verfügt wird, bei Virno also nichts anderes als die Arbeitskraft, als die „Fähigkeit, Potenz, dynamis“. (S. 112) Diese vom Kapital gekaufte Arbeitskraft ist, so Virno weiter, vom Körper der Arbeitenden nicht zu trennen. Verfügung über Arbeitskraft ist deshalb stets auch Verfügung über Körper. Dabei ist diese Verfügung von dem konkreten Gebrauch, von der tatsächlich durchgeführten Arbeit, zu unterscheiden. Denn neben dem Kommando über die tatsächlich ausgeübte Arbeit wird, so seine These, die Befehlsgewalt über das reine Arbeitsvermögen für die Herrschaft des Kapitals immer wichtiger. Und eben weil das Verfügen nicht nur über die konkret geleistete Arbeit, sondern über das Vermögen selbst, über die Potenz, dynamis der Arbeitskraft wesentlich wird, ist Biopolitik möglich: „Die Biopolitik ist nur ein Effekt, eine Nachwirkung oder eben eine Ausformung des vorgängigen — historisch und philosophischen — Umstandes, der darin besteht, dass das Vermögen als Vermögen entäußert und erworben wird.“ (S. 116) Die Herrschaft des Kapitals wird von der bloßen Anwendung der Arbeitskraft (durch die Methoden der relativen wie absoluten Mehrwertproduktion) auf diese selbst ausgeweitet; Produktivität der Arbeitskraft und Biopolitik gehen ineinander über: Die Ich-AG-Unternehmerin versteht ihr Selbst, ihren Körper und ihren Intellekt notwendigerweise als Kapital. Hier zeigt sich zugleich die ganze politische und schöpferische Dimension des Arbeitsvermögens: „Die potenzielle Dimension der Existenz erlangt eben nur in Gestalt der Arbeitskraft die entsprechende Bedeutung.“ (ebd.) Erneut tritt damit ein weit gespannter Arbeitsbegriff ins Zentrum des sozialphilosophischen Denkens.

Die „Grammatik der Multitude“ zählt zu den wichtigsten Arbeiten, die in den letzten Jahren zur Thematik der Multitude erschienen ist, und es ist zu hoffen, dass diese Arbeit auch die Beachtung findet, die sie verdient. Und all jenen, die in der Multitude das neue reine Subjekt vermuten, sei folgender Satz Virnos gewidmet: „Aber wie alle Seinsweisen ist sie ambivalent, sie enthält Verlust und Rettung, Ruhe und Konflikt, Unterwerfung und Freiheit.“ (S. 33)

P.S.: Diese Buchbesprechung erschien auch in der Nr. 502 der Zeitschrift „Analyse & Kritik — zeitung für linke debatte und praxis“. Wir denken dem AK-Team für die behutsame Überarbeitung dieses Artikels.

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