Grundrisse, Nummer 6
Juni
2003

„Ein Turnschuh ist kein Symbol für Revolte ...“

Naomi Klein: Über Zäune und Mauern

Berichte von der Globalisierungsfront, Campus Verlag 2003

Das Buch ist keine Fortsetzung ihres Bestsellers „No Logo”, sondern eine Sammlung von kürzeren und längeren Artikeln, die Naomi Klein zwischen 2000 und 2002 in verschiedenen internationalen Zeitschriften veröffentlicht hat. Obwohl es sich also größtenteils um journalistische Berichte handelt, blitzen doch immer wieder auch durchaus erfrischende analytische Brocken hervor. In den siebziger Jahren hieß das wohl „teilnehmende Beobachtung”. Klein bereiste in den letzten Jahren mehr oder weniger sämtliche Schauplätze von „Globalisierung” und deren Kritik. So gibt es wohl kaum ein Phänomen, kaum eine Weltgegend, die fehlt: von Nike-AbeiterInnen in Mexiko über kanadische Anti-Riot-Strategien bis zu den Problemen der neuen wirtschaftlichen Apartheid in Südafrika spannt sich der Bogen der Beiträge, die mitunter so erfrischende Titel tragen wie: „Herr Premierminister, wir sind keine Globalisierungsgegner, sondern echte Internationalisten” oder „Die Polizei lässt Demonstrationen bewusst abschreckend wirken, wer will da noch demonstrieren?”. Manchmal sind die Artikel leider sehr kurz geraten, für den Strand jedenfalls (und da wollen wir doch alle hin, oder?) höchst kompatibel!

Genauer unter die Lupe genommen werden die Veränderungen, die sich für die globale Protestbewegung durch die Anschläge vom 11. September und die Kriegspolitik der Bush-Administration ergeben. Mit ihrer oft nahezu naiv anmutenden unvoreingenommenen Art schafft es Naomi Klein dennoch (oder gerade deshalb?) immer wieder, Selbstverständlichkeiten (ja, auch scheinbare Selbstverständlichkeiten linker Besserwisser) zu hinterfragen, den Blick auf das Wesentliche zu richten. Wie gesagt: „Über Zäune und Mauern” ist kein „wissenschaftliches” Buch, wohl aber eine lesenswerter Streifzug sowohl durch die Welt des heutigen Kapitalismus als auch seiner GegnerInnen, „Postkarten von dramatischen Ereignissen”. Womit wir beim Titel wären: der bildet nämlich so etwas wie einen Angelpunkt, um den sich die Aussagen Kleins immer wieder drehen: Beim Amerikagipfel 2001 in Quebec wurde die gesamte Innenstadt durch einen meterhohen Zaun abgeriegelt. Bilder, die auch aus Genua bekannt sein dürften. Diese Zäune, diese Mauern finden sich heute überall auf der Welt, selten jedoch (aber immer öfter) so sichtbar. Es sind ökonomische Zäune (unerschwingliches, weil „privatisiertes” Wasser, Schulgeld und Studiengebühren, ...), Anti-Migrations-Zäune, errichtet von einer Welt, die uns in ihren Werbebotschaften zu allererst eines verspricht, nämlich Freiheit. „Wann immer ich den Begriff „Freihandel” höre, fallen mir unwillkürlich die eingezäunten Fabriken ein, die ich auf den Philipinen und in Indonesien besucht habe.”

Diese Zäune gilt es zu überwinden, in diese Mauern gilt es Fenster zu schlagen. Ob dabei Fair-Trade-Kaffee, besserer Zivilschutz, oder eine linkere bzw. basisdemokratischere Sozialdemokratie tatsächlich Schritte in diese Richtung darstellen, wie es die Autorin verkündet, sei dahingestellt. Hervorzuheben ist jedoch, dass Naomi Klein immer wieder auf die tatsächlichen Probleme der „Bewegung der Bewegungen” zurückkommt: Auflösung oder zumindest radikale Dezentralisierung von Macht, Vertrauen in die eigenen „Vermögen” statt Vertrauen in RepräsentantInnen und eine Absage an die Trennung in „gute” (=systemkonforme, brave, friedliche) und „böse” (=antikapitalistische, schlimme, gewaltbereite) AktivistInnen. Die Vielfalt der Proteste als unhintergehbares Novum dieser „echten sozialen Bewegung” (anderwärts heißt das Multitude ...), für die „kein Zaun zu hoch ist” um sie „in Schach zu halten, denn sie ist überall”. Das sind die Momente, in denen auch Naomi Klein sich nicht mehr mit Fair-Trade-Kaffee und Anti-Nike-Kampagnen zufrieden gibt: „... die Symbole waren nie der wirkliche Gegner; sie waren nur Hebel und Griffe. Die Symbole waren immer nur Fenster. Es ist Zeit, durch diese Fenster zu steigen.” Dem ist nichts hinzuzufügen. Oder doch: Feine Strandlektüre!

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