MOZ, Nummer 58
Dezember
1990
Film

Die Schweizermacherinnen

Einen repräsentativen Querschnitt über weibliches Filmschaffen in der Schweiz zeigte die von Linda Christanell zusammengestellte Filmreihe „Erotische Symbole — Weiblicher Blick“. Da sich die Mehrzahl der Filme in keinem Verleih befindet, bot die Präsentation vom 9.-15. November im Wiener Votiv-Kino eine einmalige Gelegenheit, sich mit dem Filmschaffen von vier Schweizer Filmemacherinnen auseinanderzusetzen.

So unterschiedlich die einzelnen Beiträge sein mögen, eines ist ihnen gemeinsam: Sie thematisieren alle eine — jeweils individuell gefärbte — neuartige Filmsprache über Erotik mit Symbolen. Diese Visualisierung von Erotik und sexueller Phantasien jenseits einer plumpen Abbildungstechnik, wie sie das herkömmliche Männerkino gern praktiziert, war für Linda Christanell ausschlaggebender Impetus zur Organisation dieser Filmreihe:

Für mich ist Erotik, da sie bis jetzt männlich determiniert war, von Frauen nur durch Verschleierungsfaktoren darstellbar, durch Rhythmus, Lichtblinken, Blitzen der Gegenstände kann eine erotische Situation in ihrem Aufbau gezeigt werden. Der Aufbau der erotischen Situation ist für mich das einzig interessante und gesellschaftskritische, da wir in einer Leistungsgesellschaft leben, in der es immer nur um den Endpunkt geht, bei Telefonsex, Heimvideo, wo du nur zu Hause sitzt und wichst. Dort ist die Einsamkeit, aber auch in der gefesselten Frau im SM-Film.

Die Darstellung eines nackten Körpers — speziell eines weiblichen — ist bereits so mit Bildern behaftet, die wir alle aus Gebieten wie der kommerziellen Werbung oder der Pornographie kennen, daß sich Linda Christanell nur mehr eine „Vermeidungstaktik der üblichen Bilder zur Visualisierung von Erotik“ vorstellen kann.

Die in China geborene Literaturwissenschaftlerin und Filmemacherin Christine Noll Brinckmann führte in ihrem Vortrag „Zur Sexualität der Farbe im Experimentalfilm“ einen anderen Code jenseits gängiger Parameter für weibliche Sexualität im Experimentalfilm an, indem sie anhand der Verwendung von Farbe eine weibliche Ästhetik zu entwickeln versucht. Sie verweist auf den möglichen Zusammenhang zwischen dem nicht-binären Wesen der Farben, deren Vielfältigkeit und nicht-hierarchische Verzweigung und der damit korrespondierenden weiblichen Erfahrung:

Viele Gedichte oder Experimentalfilme lassen sich am besten anhand ihrer rhythmischen Entwicklung beschreiben: Sie entfalten sich in fliessenden, atmenden, sich wiederholenden, beschleunigenden, verschmelzenden, hektischen, abrupten, zähen, aggressiven oder sanften Kurven. Innerhalb solcher Strukturen brauchen keine sexuellen Szenen vorzukommen, um das Sexuelle zu beschwören. Es geht nicht um Simulation, sondern um Analogie. Weniger die Gegenstände, die im Bild erscheinen, stiften eine libidinöse Haltung zu allem, was gezeigt wird: Der intensive, obsessive Umgang mit sinnlichem Material erzeugt eine Steigerung und Akzentuierung bestimmter Eigenschaften, löst sie von der Realität und verbindet sie zu neuen physischen und formalen Systemen. All dies ist dem Sexuellen eng verwandt.

Dementsprechend sind die Filme von Christine Noll Brinckmann — Inhaberin des ersten Lehrstuhls für Filmwissenschaft an der Universität Zürich — durch eine durchstrukturierte Farbkomposition gekennzeichnet. „Stief“ ist ein weitgehend abstrakter Film über die Energie der Farbe, dargestellt am Beispiel von Gartenblumen (hauptsächlich Stiefmütterchen). Diese werden mit diversen Objekten zu künstlichen Tableaus arrangiert, um den Gegensatz zur botanischen Realität zu zeigen. Fotografischer Abbild-Realismus versus kontrollierte Komposition. „Die verschiedenen Formen und Farben der Pflanzen sind nach den Gesetzen der Komplementarität kombiniert und scheinen einer Bedürfnisstruktur zu folgen, sich geradezu gegenseitig herbeizuwünschen.“

In den beiden thematisch zusammengehörenden Filmen „Dress Rehearsal & Karola 2“ nähert sich Brinckmann der kinematographi- schen Abbildung weiblicher Sexualität auf ironisch-narzißtischer Ebene: „Dress rehearsal & Karola 2“ sind „Versuche zu einer lesbischen Kultur, oder zu einer nicht mehr durch die Männer bestimmten Frauenrolle“, schreibt die Filmtheoretikerin und „Frauen und Film“- Herausgeberin Heide Schlüpmann. Übrigens spielt in beiden Filmen eine Mitherausgeberin von FUF und ihres Zeichens ebenfalls hochkarätige Filmwissenschaftlerin — Karola Gramann — die Hauptrolle. In beiden Filmen geht es um Kleidung und Selbstdarstellung, kreativen Narzißmus und seine emotionale und formale Verarbeitung im Film.

aus Linda Christanells Film „Aline Carola“, 1990
Foto: Linda Christanell

„Der Fater“ ist eine Bestandsaufnahme einer autobiographischen, libidinösen Vater-Tochter-Beziehung anhand einer filmischen Collage. (Noll Brinckmann hat sich den Familiennamen ihres Vaters — Dr. Noll — als zweiten Vornamen einverleibt.)

Sie bearbeitet in diesem Stummfilm vorgefundenes Material: Authentisches SW-Material, das ihr Vater als Arzt in China, als Forscher und Amateurfilmer in den 30er Jahren drehte. Der Vater tritt selber als Akteur auf, hat neben der Inszenierung seiner Sicht von der Welt immer wieder auch sich in Szene gesetzt. Das von der Filmemacherin hinzugefügte, neu gedrehte Material ist farbig. Auf diese Weise hat „die Tochter die väterliche Inszenierung uminszeniert. Dabei verweigert sich der Film dem Entweder/Oder, Abrechnung mit dem Vater oder Hommage an ihn zu sein. Er kritisiert die patriarchalen Verhaltensweisen vehement, macht das Maskuline als Struktur sichtbar und ist gleichzeitig Ausdruck größter Zärtlichkeit der Vater-Gestalt gegenüber“.

Christanells Kurzfilm „Fingerflächer“ erzählt von Dingen als Obsessionsträgern und Fetischen und ist die filmische Aufbereitung einer Performance in den 70er Jahren auf der Kunstmesse in Bologna. Damals fertigte Christanell in einer Kooperative mit Renate Bertimann taktile Kunstwerke“ aus Latex an, die zum Drücken, Angreifen oder Anziehen anregen sollten. Die von der Kunstrichtung der Malerei kommende Linda Christanell zeigte weiters ihren neuesten, soeben bei den Welser Filmtagen gezeigten Film „Aline Carola“; die Kamera und ein Paar edle Schuhe aus den 20er Jahren, Marke „Paradies“, finden sich zu einem flotten Tango, während des vom Tango-Rhythmus getragenen Films sprengen die Schuhe den Bildrahmen und treten gegen die Zuschauerin.

Die Filmemacherin und Fotografin Cléo Übelmann war in dieser Filmreihe mit dem Schwarz/Weiß-Film „Mano Destra“ vertreten. In „Mano Destra“ werden zwei bewußt stilisierte Frauenfiguren in einem durch Machtsymbolik dominierten Raum situiert. Die Darstellung der S/M- Beziehung vermittelt nicht die Illusion eines belebten, sondern die Wirklichkeit eines zu belebenden Körpers.

Die vierte im Bunde ist die in Zürich lebende Filme- und Videokünstlerin Isa Hesse-Rabinovitch. Von ihr liefen insgesamt vier Streifen in der Filmreihe. „Sirenen-Eiland“ vermengt Bilder der vier Elemente Feuer, Erde, Luft und Wasser mit Spielszenen von Frauen aus dem Pariser und New Yorker Nachtleben. Im Mittelpunkt steht die Schlangentänzerin Rosita Rayas, die noch vor Beendigung des Filmes unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Hier setzt der nächste Film, „Schlangenzauber“, an. Er beschäftigt sich mit psychoanalytisch interpretierbaren Symbolen wie etwa dem sinnbildlich verwendeten Schlangensymbol. Beendet wurde die informativ zusammengestellte Filmreihe mit dem musikalisch-poetischen Zeitdokument Hesse-Rabinovitchs: „Geister und Gäste“ — Szenerie: Die Ruine des „Grand Hotel Brissago“ ...