Heft 4-5/2004
Juni
2004

Das Ibero-Amerikanische Institut (IAI) und sein General

Ein letztes Jahr erschienener Sammelband beleuchtet in acht Beiträgen die Geschichte jenes Institutes, das am 12. Oktober 1930, dem „Día de la Raza“ („Tag der Rasse“), [1] in Berlin als zentrale Einrichtung des „Kulturaustauschs“ zwischen Deutschland, Spanien und Lateinamerika gegründet wurde. Die Institutsgeschichte liest sich streckenweise wie ein Krimi und bietet trotz der mangelhaften Quellenlage — ein Großteil der Bestände des Instituts ist nach 1945 verschwunden, Akten über dessen Präsidenten sind gezielt vernichtet worden - eine informative und umfangreiche Annäherung. Den ersten seriösen Anlauf in der Recherche der Geschichte des IAI unternahm Oliver Gliech in seiner bis heute unveröffentlichten Diplomarbeit, auf die sich die meisten der Beiträge beziehen. Vor ihm tat dies Anfang der 1970er Jahre, jedoch weniger in aufklärerischer als propagandistischer Absicht, das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR. Gliech (S. 525-570) beschreibt dieses „Forschungsprojekt“ als klaren Fehlschlag, denn das MfS saß dabei nicht nur den Fälschungen des von ihnen selbst observierten Heinrich Jürgens (Günter Vollmer S. 409-524) auf, sondern erreichte trotz des großangelegten Forschungsauftrags auch nicht das Ziel, politisch brisantes Material gegen die deutsch-iberoamerikanischen Verbände der BRD zu finden oder etwa den Unionspolitiker und Bundesminister Hans-Joachim von Merkatz, ehemaliger Generalsekretär des IAI (1938 - 1945), nachhaltig zu diskreditieren.

Silke Nagel (S. 281-350) kommt in ihrer Einschätzung der Arbeit des IAI zwischen 1930 und 1945 zum Schluss, dass das Institut sich in seinen Arbeitsbereichen den Anforderungen des NS-Staates vollends unterordnete und von Propagandaaufgaben bis hin zur Zusammenarbeit mit den diversen Geheimdiensten repräsentative und werbende Funktionen übernahm.

Ein weiterer hervorragender Beitrag über „Rassismus als politische Inszenierung“ (S. 67-130) von Dawid Danilo Bartelt beleuchtet das IAI im Geflecht zum Teil widerstreitender ideologischer und politischer Prozesse: zwischen „Hispanidad“ und Panamerikanismus, „Deutschtum“ und Außenhandel, Rassenideologie und Interessenpolitik. Er verortet den „Día de la Raza“ darin als Widerspiegelung deutscher Kulturpolitik und Propaganda in und nach Lateinamerika. Das rassistische Konstrukt der „Hispanidad“ beinhaltete von Anfang an eine politische Frontstellung gegen den politischen Einfluss der USA und deckte sich mit den nationalsozialistischen Zielen des Generals Wilhelm Faupel.

Aus dessen biografischen Daten (Gliech S. 131-280) werden Verbindungslinien ersichtlich, die den Anstoß zur Beantwortung wichtiger Fragen im Verhältnis Lateinamerikas zu Deutschland geben und hier nur in aller Kürze skizziert werden: Sein Handwerk lernte der General 1900 bei der Niederschlagung des Boxeraufstands in China und 1904 beim ersten deutschen Völkermord des 20. Jahrhunderts, der Vernichtung der Herero und Nama in Südwestafrika. Im 1. Weltkrieg beteiligte er sich am Einsatz von Giftgas gegen französische Truppen und wurde als Kriegsheld gefeiert. In Lateinamerika diente er sich diversen Armeen als Militärberater und Lobbyist der deutschen Waffenindustrie an, suchte Kontakte zu Teilen der antiUSamerikanischen Linken, deren inhaltliche Parallelen zum NS Kooperationsmöglichkeiten versprachen, [2] übernahm 1934 bis 1945 die Präsidentschaft des IAI in Deutschland und fungierte 1936-1938 als Hitlers Botschafter bei Franco.

Als ihr Traum ausgeträumt war, sollen der General und seine Frau, deren Rolle im IAI im vorliegenden Sammelband ebenfalls rekonstruiert wird, im Mai 1945 Selbstmord begannen haben. Das Institut verschleierte und verniedlichte gekonnt seine Partizipation im NS und rettete die verbleibende Bibliothek. 1962 wurde in Hamburg das „Ibero-Amerika-Institut“ wiedergegründet, am 12. Oktober, dem „Tag der Rasse“.

[1Am 12. Oktober 1492 landete Cristóbal Colón bei der Insel Guanahani, die er auf San Salvador taufte und heute unter dem Namen Watling Teil der Bahamas ist, und „entdeckte“ damit aus europäischer Sicht Amerika. Von den KolonisatorInnen bis heute als „Tag der (spanischen) Rasse“ gefeiert, stellt dieser Tag für die arme Bevölkerung Lateinamerikas ein Symbol für fünf Jahrhunderte der Unterdrückung dar und wird von oppositionellen Gruppen jedes Jahr zum Anlass für Proteste genommen.

[2So reiste etwa Aristides Holguín, ein Arbeiterführer der peruanischen APRA, im Mai 1940 nach Deutschland, um dort soziale Einrichtungen und Arbeitslager zu besichtigen. (Gliech: 173)

Ein Institut und sein General. Wilhelm Faupel und das Ibero-Amerikanische Institut in der Zeit des Nationalsozialismus. Reinhard Liehr, Günther Maihold und Günter Vollmer (Hrsg.)
Frankfurt am Main: Vervuert 2003, 615 Seiten, Euro 48,—

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