Grundrisse, Nummer 9
März
2004
Vorstellung und Diskussion von

Beverly J. Silver: Forces of labor – Workers’ Movements and Globalization since 1870

Das Fernand Braudel Center der Binghampton University, bekannt durch die Arbeiten von Immanuel Wallerstein über die Entwicklung des Kapitalismus als Weltsystem, startete in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein kollektives Forschungsprojekt über ArbeiterInnenkämpfe (genaugenommen über die Kämpfe aller Lohnabhängigen) von 1870 bis 1990.

Resultat dieses Forschungsprojektes ist die „World Labor Group“ (WLG) Datenbank über Arbeitskämpfe. [1]

Berverly Silvers Buch versucht — basierend auf gesammeltes Datenmaterial — die zur Zeit weltweit vorsichgehenden Entwicklungen einzuschätzen und in einen historischen Kontext zu stellen. Auf diese Art und Weise hofft sie, die neuen und nicht so neuen Aspekte der Globalisierung besser verstehen zu können.
Im Folgenden werde ich vorerst das konzeptionelle Vorgehen der Autorin beschreiben und danach ihre zeitlich und geografisch sortierten Untersuchungsergebnisse vorstellen. Danach möchte ich versuchen, die Grenzen der Vorgehensweise von Silver zu skizzieren und die sich daraus ergebenden Fragestellungen anzureißen.

Der konzeptionelle Rahmen

Beverly Silver’s Arbeit hat zwei theoretische Wurzeln:

  • Die Theorie des Kapitalismus als Weltsystem – vor allem repräsentiert in den Arbeiten von Wallerstein [2] – die davon ausgeht , dass die Entwicklung des Kapitalismus nur als Weltsystem richtig verstanden werden kann.
  • Die Sichtweise des italienischen Operaismus, welcher die Entwicklung des Kapitalismus durch der Kämpfe der ArbeiterInnenklasse gegen die Ausbeutung durch die Kapitalistenklasse bestimmt sieht.

Zur Charakterisierung von Arbeitskämpfen und zur Begründung ihrer Stärke / Schwäche und ihres Erfolgs / Misserfolgs führt Silver folgende Begriffe ein:

Bargaining Power

Bargaining power (der deutsche Ausdruck „Verhandlungsmacht“ trifft diesen Begriff nicht ganz, ich werde daher den englischen Ausdruck verwenden, bezeichnet die Machtposition der ArbeiterInnenklasse in einer bestimmten Industrie, historischen Situation und konkreten Auseinandersetzung. Die bargaining power wird von Silver in eine Komponente, die sich aus der Organisationsstärke der ArbeiterInnen ergibt, und in eine die sich aus den strukturellen Gegebenheiten ergibt, geteilt. Erstere nennt sie die „associational bargaining power“. Bei der strukturellen bargaining power macht sie noch eine weitere Unterteilung in die „marketplace bargaining power“ und die „workplace bargaining power“. Während erstere die Position der ArbeiterInnen am Arbeitsmarkt beschreibt, beurteilt zweitere die sich aus der technischen Struktur des Arbeitsprozesses in der Fabrik ergebende Verhandlungsmacht der ArbeiterInnen.

Diese drei Aspekte sind nicht unabhängig voneinander. Dennoch zeigt das Buch, dass diese Unterscheidungen ganz gut gestatten, Kräfteverhältnisse in Arbeitskämpfen zu analysieren.

Die Arbeitskraft ist keine Ware wie jede andere – „Polanyi- und Marx- ArbeiterInnenunruhen“

In der Beschreibung historischer Prozesse versucht Silver zwei Sichtweisen zu verwenden, und sie bestimmten Phasen von Klassenkämpfen zuzuordnen. Sie nennt sie die „Polanyi Sichtweise“ und die „Marx Sichtweise“.

Beide betrachten laut Silver die Ware Arbeitskraft als eine fiktive Ware. Marx siedle den Punkt, an dem sich der fiktive Charakter der Ware Arbeitskraft zeigt, in der Fabrik an. Am Markt herrsche beim gelungenen Verkauf der Arbeitskraft zu ihren vollen Wert: „Gleichheit, Eigentum und Freiheit“, [3] am Arbeitsplatz aber zeige sich der fiktive Charakter der Warenform im Widerstand der Arbeitskraft, falls diese zu lang, zu hart und zu schnell angetrieben werde. [4]

Für Polanyi wiederum zeige sich der fiktive Charakter der Ware Arbeitskraft schon am Arbeitsmarkt selber, da Land und Arbeitskraft entweder überhaupt nicht – wie das Land – oder nicht für den Arbeitsmarkt produziert würden – wie die Arbeitskraft. Arbeit und Land seien nichts anderes als die Menschen und ihre natürliche Umgebung selber, wie sie in jeder Gesellschaft existieren müssen.

Für Polanyi erzeugt daher der unregulierte Markt notwendigerweise eine Gegenbewegung in der Gesellschaft in Form von Sozialgesetzgebung, Fabrikgesetzen, Arbeitslosen­versicherung und Gewerkschaften, die zu einer relativen Reduzierung des Warencharakters der Arbeitskraft führe und zeitweise die Profitinteressen den Interessen der Erhaltung der lebendigen Arbeit unterordne. Diese Reaktion erzeuge aber wiederum Versuche zu einer neuerlichen Ausdehnung der Warenform der Arbeitskraft, um die Profitabilität zu verbessern. [5]
Auf diese Weise, meint Silver, könne die Pendelbewegung zwischen relativer Verringerung der Marktförmigkeit als Reaktion auf die steigende revolutionäre Entschlossenheit der ArbeiterInnen und die Wirtschaftskrise in der Zwischenkriegszeit erklärt werden, wie auch die Gegenbewegung des Pendels in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts.

Für Marx dagegen sei eine phasenförmige Entwicklung des Verhältnisses zwischen Proletariat und Kapitalistenklasse kennzeichnend. Der Kapitalismus produziere gleichzeitig zunehmendes Elend und zunehmende proletarische Macht. „Der Fortschritt der Industrie, dessen willenloser und widerstandsloser Träger die Bourgeoisie ist, setzt an die Stelle der Isolierung der Arbeiter durch die Konkurrenz ihre revolutionäre Vereinigung durch die Assoziation“ (Marx: Kommunistisches Manifest).

Für Silver verschlechtere daher die Zunahme der Reservearmee, die marketplace bargaining power, die Entwicklung der Technologie und die Konzentration der Arbeit in Fabriken verbessere aber die associational und workplace bargaining power des Proletariats.

Diese Entwicklung müsse aber nicht notwendig linear interpretiert werden, sondern das Marxsche „Kapital“ könne gelesen werden als die Geschichte der Dialektik zwischen dem Widerstand gegen die Ausbeutung am Ort der Produktion und den Versuchen des Kapitals, diesen Widerstand durch ständige Revolutionierung der Produktion zu überwinden. Diese Dialektik bewirke eine ständige Veränderung der ArbeiterInnenklasse selber und der Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit.

In der Analyse der Langzeitbeziehungen zwischen Kapital und Arbeit versucht nun Silver auf eine Kombination von Pendelbewegung und Phasenentwicklung zu achten. Den Abwehrkampf der ArbeiterInnen gegen den sich ausdehnenden Markt sowie neue und geänderte Produktionsformen, die „von oben“ eingeführt werden, bezeichnet sie als „Polanyi-ArbeiterInnenunruhen“ (labor unrest). Als „Marx–ArbeiterInnenunruhen“ bezeichnet sie den Kampf der sich neu bildende ArbeiterInnenschichten, welche durch die historische Entwicklung der Produktionsformen des Kapitalismus entstehen.

Der Einfluss von Rasse, Ethnie, [6] Geschlecht und Nationalität auf die Klassenbildung

Ein weiteres Element des konzeptionellen Rahmen der Studie stellt die Berücksichtigung von Rasse, Ethnie, Geschlecht und Nationalität auf die Klassenbildung dar. Im Gegensatz zu Marx, der meinte, dass der Proletarisierungsprozess mit der Zeit eine zunehmend homogenisierte ArbeiterInnenklasse mit gemeinsamen Erfahrungen, Interessen und Bewusstsein hervorbringen werde, stellt sie die historischen Erfahrungen des 19. und 20. Jahrhunderts, die zeigen würden, dass diese lineare Entwicklung so nicht stattfindet.

Sie unterscheidet dabei zwei Situation: Die eine wird durch das Faktum bestimmt, dass für das Kapital jede Arbeitskraft unabhängig von Alter, Geschlecht, Rasse und Nationalität als Ausbeutungsobjekt gleich viel zählt, oder besser so viel zählt wie sie Profit bringt. Dass sich aber die Objekte dieses Prozesses keinesfalls so sehen. Die ArbeiterInnen selber sind keinesfalls bereit, auf ihre Identität außerhalb der Klassenbeziehung zu verzichten. Gerade der Druck des auf sie lastenden Kapitals bringt sie dazu auf Nationalität, Rasse und Geschlecht zu achten, um — wie sie meinen — der alles zersetzenden Ausbeutung Grenzen zu ziehen.

Wie aus dem vorhergehenden ersichtlich ist, wird diese Situation in den Polanyi’schen ArbeiterInnenunruhen eine große Bedeutung spielen und bewirken, dass Nationalismus, Rassismus und Patriarchat integraler Teil der ArbeiterInnenbewegung war und ist.

Die zweite Situation trifft dann zu, wenn sich durch die technische Umwälzung neu bildende ArbeiterInnenschichten auf Ausgrenzungen und Barrieren stoßen, die vom Staat und der Kapitalistenklasse – oft unter Mithilfe der bessergestellten ArbeiterInnen — aufrechterhalten werden, um diesen neuen Schichten die Errungenschaften der „alten“ ArbeiterInnen­schichten zu verwehren, letztlich um so besser alle beiden Schichten ausbeuten zu können. Diese Situation trifft neben den Auseinandersetzungen in Kolonien und Halbkolonien auch auf die Migrationsströme innerhalb und nach Europa sowohl Anfang wie Ende des zwanzigsten Jahrhunderts zu.

Die Kämpfe dieser Schichten für gleiche Rechte für alle fallen oft mit den oben bezeichneten „Marx-ArbeiterInnenunruhen“ zusammen.

Pendeln zwischen Profit und Legitimationsproblemen

Die Gesamtsicht des Systems „Welt“ zeichnet für Silver ein einfacher Widerspruch aus. Es ist das „system level problem“, wie es auch Wallerstein beschreibt, dass nämlich über einen längeren Zeitraum betrachtet, entweder die geringe Profitabilität des Kapitals ein Problem darstellt oder die Legitimität des kapitalistischen Systems. Diese Legitimität werde nämlich durch die Zweifel an der Fähigkeit des Kapitalismus, ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen, untergraben.

Diese allgemeine Tendenz wird allerdings durch andere Prozesse überlagert, wie die empirischen Untersuchungen zeigen.

Die Datenquellen

Bevor wir uns den empirischen Daten und ihrer Interpretation zuwenden noch ein Wort über den Aufbau und die Erstellung der Datenbank.

Ein Projekt, wie das von Silver, steht vor dem Problem, dass über ArbeiterInnenunruhen und Klassenkämpfe keine oder ungenügende Statistiken gibt. Streikstatistiken erfassen eben nur diese, und es gibt sie auch nur für einen kleinen Teil der Länder.

Der Weg, der daher eingeschlagen wurde, war, zwei große Tageszeitungen The Times (London) und die New York Times von 1870 bis 1996 anhand des Index durchzusehen und jeden berichteten Fall von ArbeiterInnenunruhe in ein standardisiertes Formular einzutragen. Diese Vorgehensweise gründete auf der Überlegung, dass die großen Zeitungen der Bourgeoisie in den zwei dominanten kapitalistischen Mächten einen guten, weltweiten Überblick über Auseinandersetzungen aller Art zwischen Arbeit und Kapital liefern.
Die dabei ermittelten Ergebnisse wurden danach mit anderen Quellen – soweit welche zur Verfügung standen – verglichen. Dabei konnte gezeigt werden, dass die WLG Datenbank eine qualitativ gute Landkarte der Arbeitskämpfe in der ganzen Welt zu zeichnen gestattet.

Die Arbeitskämpfe in der Autoindustrie und in der Textilindustrie

Um geographische und zeitliche Muster der Klassenauseinandersetzungen feststellen zu können, konzentriert sich Silver vorerst auf die führenden Industrien des 19. und des 20. Jahrhunderts, nämlich die Textil- und die Autoindustrie.

Die geographische / zeitliche Entwicklung der Kämpfe in der Autoindustrie

Abbildung 1: Geografische Verteilung der Erwähnung von ArbeiterInnenunruhen in der Automobilindustrie
Silver Seite 43

Die Grafik zeigt ein interessantes Muster: während in den 30er und 40 Jahren des 20. Jahrhunderts sich die Kämpfe vorwiegend auf die USA und Kanada konzentrierten, verschob sich das Zentrum der Kämpfe in den 50er und 60er Jahren nach UK, Frankreich und Deutschland, um danach Italien, Spanien und Argentinien und zuletzt in Brasilien, Südafrika, Mexiko vor allem aber auch Südkorea stark zu werden.

Dieser durch die Welt wandernde Welle von ArbeiterInnen­kämpfen gibt Silver folgende Interpretation:

Am Anfang steht eine produktionstechnische Lösung (product fix), die erlaubt, die Produktion weniger abhängig von der Arbeitskraft und ihrer Qualifikation zu machen. Konkret die Einführung der Fließbandproduktion für Autos. Diese gestattete es, weniger qualifizierte ArbeiterInnen einzusetzen.

Neue Schichten treten in den kapitalistischen Produktionsprozess ein und beginnen sich langsam gegen die Ausbeutung zur Wehr zu setzten. („Marx ArbeiterInnenunruhen“) In den USA führte das zur siegreichen Besetzung der General Motors Werke in Flint am 30. Dezember 1936. Trotz Wirtschaftskrise gelang es den ArbeiterInnen am 12. März 1937 die Unterzeichnung eines Vertrages mit den United Auto Workers (der bis dahin nicht zugelassenen Gewerkschaft) zu erzwingen. Dieser Erfolg bewirkte, dass in einer ganzen Welle von Streiks die Gewerkschaften in den meisten Industrien der USA mit Massenproduktion Fuß fassen konnten.

Ein wesentliches Faktum war die starke workplace bargaining power der AutoarbeiterInnen. Die hierarchische Struktur der Fließbandproduktion ermöglichte einer relativ kleinen Gruppe von entschlossenen ArbeiterInnen, die gesamte Produktion stillzulegen. Die starke workplace bargaining power ist ein wesentliches Kennzeichen der Autoindustrie. (Im Gegensatz zur führenden Industrie des 19. Jahrhunderts der Textilindustrie, die wesentlich weniger hierarchisch organisiert war – siehe dazu die Anmerkungen weiter unten.)

Für Silver bewirkte die erstarkende Stellung der AutomobilarbeiterInnen in den USA steigende Löhne und abhängig von der Situation im Produktzyklus – siehe dazu weiter unten – mehr oder weniger sinkende Profitraten. Das Automobilkapital reagiert darauf mit weiteren Versuchen, die Produktion zu rationalisieren und die Bedeutung der Arbeitskraft in Bezug auf Kosten zu verringern. In den 60er Jahren schließlich begann sie mit Verlagerungen der Produktion. Im Fall der USA zuerst in den gewerkschaftlich unorganisierten Süden mit seinem geringen Lohnniveau. Nachdem sich die UAW auch dort durchsetzen konnte, verringerte sich die Investitionsbereitschaft in den USA selber zunehmend. Die neuen Märkte Europa und Südamerika wurden bevorzugtes Ziel der Investitionen der großen Autokonzerne General Motors und Ford, Produktionsstätten für die USA wurden nach Mexiko verlegt (spatial fix).

Die Investitionen der US-Autokonzerne in Europa führten zu einer von Staaten und europäischen Kapital geförderten Gegenoffensive im expandierenden Automarkt in den 50er, 60er und 70erjahren. Diese Übernahme der fordistischen Produktionsweise in der europäischen Autoindustrie führte, ähnlich wie in den USA vorerst zu einer Verringerung der Bedeutung qualifizierter Arbeit, zu einem massiven Zustrom wenig qualifizierter ArbeiterInnen aus dem Süden in die Autofabriken des Nordens und zu einer Neuauflage der Kämpfe der AutomobilarbeiterInnen der USA um höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen in Europa.

Wie die Grafik zeigt, waren zuerst England, Frankreich und Deutschland und kurz darauf Italien, Spanien und Argentinien Zentrum der Kämpfe, um sich dann in den 80er, 90er Jahren nach Brasilien, Südafrika, Mexiko und vor allem Korea zu verlagern. In allen diesen Ländern kam es zu ähnlichen Entwicklungen mit einem zeitweiligen Sieg der ArbeiterInnen und der nachfolgenden Schwächung der Position der Beschäftigten durch Produktionsumstellungen und Produktionsverlagerungen.

Für Silver stellt diese durch die Welt wandernde Welle von Arbeitskämpfen die Grundstruktur der Klassenauseinandersetzungen dar. Folgerichtig erwartet sie die nächste Welle von Arbeitskämpfen in der Autoindustrie in China und Mexiko, wo sich in wenigen Jahren die Autoproduktion auf ca. 2 Millionen produzierten Autos im Jahre 2002 vervielfacht hat.

Modifizierender Faktor: Technologisch – organisatorische Restrukturierung

Auffallend an den Tabellen ist eine bemerkenswerte Ausnahme in Bezug auf Arbeitskämpfe in der Automobilindustrie: Japan. Im allgemeinen wird die japanische Sonderstellung auf die Einführung des postfordistischen, toyotistischen Produktionsmodell der „lean and mean production“ zurückgeführt. Diese Produktionsform mit der Auflösung der klassischen, zentralistischen Strukturen des Fordismus, der Auslagerung eines Großteils der Zulieferproduktion in eigene Firmen, einer flachen Hierarchie, der Einführung der „just in time Produktion“, Gruppenarbeit und Qualitätszirkeln solle dieses Ausbleiben von Arbeitskämpfen in Japan erklären.

In der Darstellung von Silver muss dieses Bild aber modifiziert werden. Laut ihrer Einschätzung muss man die Vorgeschichte des Toyotismus betrachten. Die japanische Automobilindustrie begann ihren Aufstieg in den 50er Jahren in einer Zeit, die von Massenkämpfen japanischer ArbeiterInnen in vielen Industrien und gescheiterten Versuchen mit fordistischen Modellen geprägt war. Das japanische Modell verringerte nun die Zahl der in den eigentlichen Autofirmen beschäftigten ArbeiterInnen bedeutend und verringerte vor allem ihre Zunahme in den Zeiten des Booms. Diesen an den zentralen Schaltstellen der Produktion sitzenden ArbeiterInnen wurden nicht nur relativ gute Löhne bezahlt, sie erhielten auch die Garantie auf einen „lebenslangen“ Arbeitsplatz. Durch die geringen Auswirkungen von Krise und Boom auf die Anzahl der benötigten ArbeiterInnen war diese Garantie möglich geworden. Diese (spalterische) Sonderstellung erreichte nun tatsächlich das Ziel großer Produktivität und geringer Arbeitsunruhe. [7]

Die Übernahme der organisatorischen Methoden des Toyotismus in anderen Ländern ging aber ohne diese Beschäftigungsgarantie einher. Diese sei aber entscheidend für das Ausbleiben des Kampfzyklus in Japan gewesen. In anderen Ländern bewirkte der Toyotismus daher keine Abnahme der Arbeitskämpfe und es zeigt sich auch, dass die „Just in Time“ Produktion die workplace bargaining power nicht nur nicht verringert sondern sogar erhöht hatte.

Modifizierende Faktoren: Der Produktzyklus

Ganz offensichtlich ist diese durch die Welt gehende Welle von Arbeitskämpfen nicht die Wiederholung des Immergleichen. Diese Grundstruktur wird auf technologischer Ebene erst einmal überlagert durch einen Produktzyklus.

Abbildung 2: Der Automobil Produkt Lebenszyklus und die ArbeiterInnenunruhen
(Silver S 78) — “Diffusion of Labor unrest“ meint Ausbreitung der ArbeiterInnenproteste und Unruhen

Als Produktzyklus wird hier die Entwicklung des Produktes Autos und der Formen der Produktion dieses Produktes insgesamt betrachtet. Die Annahme ist dabei, dass in der Innovationsphase die Möglichkeit, Extraprofite zu machen, besonders groß ist. [8]

Die Sonderstellung der US-Autoindustrie, die in den 30er Jahren begann und durch die Weltwirtschaftskrise und den zweiten Weltkrieg bis in die 60er Jahre verlängert wurde, gestattete es den ArbeiterInnen trotz eines geringen Organisationsgrades (associational bargaining power) ganz wesentliche Verbesserungen ihrer Situation zu erringen. Ähnliche Kämpfe in Europa und noch viel mehr in Südamerika und Korea mussten mit mehr Härte und Konsequenz geführt werden und führten auch viel schneller zu Gegenmaßnahmen der Kapitalisten.

Schließlich führt die Entwicklung zu einer zunehmenden Verlagerung des Kapitals in andere Produktionssphären (product fix). Ein Produktbereich verliert seine Sonderstellung und das Kapital flieht in andere Anlagesphären, die Extraprofite versprechen.

Die Textilindustrie

In einem Vergleich der Hauptindustrie des 19. Jahrhunderts der Textilindustrie mit der Hauptindustrie des 20. Jahrhunderts der Automobilindustrie zeigen sich – wie Silver meint – viele Ähnlichkeiten. Beide lösen eine Welle von ArbeiterInnenunruhen aus, die sich durch die Welt fortpflanzt. Beide führen erst einmal zur Zurückdrängung der qualifizierten Arbeit zugunsten weniger qualifizierter ArbeiterInnen, inklusive Kinder und Jugendliche. In jeweils führenden Ländern in beiden Industrien gelang es der ArbeiterInnenbewegung sich nach der Niederlage der qualifizierten Arbeit zu Beginn des Produktzyklus neu zu organisieren und nach harten Kämpfen ein relativ stabiles Verhältnis zwischen Kapital und Arbeit zu erreichen.

Ähnlich wie die UAW in den USA gelang es in England der ArbeiterInnenbewegung in den Lancashire Streiks von 1870 zu garantierten Verträgen über die Löhne zu gelangen, die mehrere Jahrzehnte hielten.

Allerdings bewirkten die Geschichte und Struktur dieser Industrie doch bedeutende Unterschiede: Die Textilindustrie war schon vor dem Aufkommen des industriellen Kapitals in vielen Ländern der Welt verbreitet. Die Eintrittshöhe für eine neue Produktion war wesentlich geringer. Beides führte dazu, dass die Ausbreitung der Textilindustrie nicht nur auf die Länder des Zentrums plus einiger Schwellenländer, wie bei der Automobilindustrie, beschränkt blieb.

Ein weiterer Unterschied war die weit geringere workplace bargaining power der TextilarbeiterInnen. Die Struktur der Textilindustrie macht Streiks in einem Teilbereich der Industrie weniger wirksam. Diese geringeren Möglichkeiten am Arbeitsplatz wurden zum Teil durch die größere Breite der Bewegungen ausgeglichen. Dennoch zeigt die Statistik der Arbeitskämpfe, dass insgesamt gesehen, die Erfolge der TextilarbeiterInnen seltener und Niederlagen häufiger waren.

Abbildung: Textilprodukt Lebenszyklus und die ArbeiterInnenunruhen
(Silver S 84) — „number of high point waves in decade” meint Anzahl der ArbeiterInnenunruhe-Maxima im ganzen Jahrzehnt.

Was ist die nächste führende Industrie des Weltkapitalismus?

In der Interpretation von Silver ergibt sich die Struktur der Arbeitskämpfe aus der Überlagerung zweier Zyklen. Einerseits der geographischen Verlagerung der Produktion in Länder mit (noch) höherer Ausbeutungsrate, andererseits der Ablösung eines führenden Produktes durch ein anderes und der Verlagerung des Kapitals von einer Industrie in eine andere. Die führende Industrie des 19. Jahrhunderts, die Textilindustrie, wurde so durch die führende Industrie des 20. Jahrhunderts, die Automobilindustrie, abgelöst.

Silver stellt sich die Frage, welche Industrie im 21. Jahrhundert die Rolle von Textil und Auto übernehmen könnte und muss diese Frage offen lassen. Zwar sieht sie Südostasien und insbesondere China als den Ort, an dem ein Kandidat für die führende Industrie, nämlich die Halbleiterindustrie und Elektronikindustrie ihre wichtigsten Auswirkungen auf neue Proletarisierungstendenzen hat, und erwartet daher dort steigende „Marx ArbeiterInnenunruhen“ neben den zur Zeit vorherrschenden Abwehrkämpfen in den staatlichen Betrieben. Eine neue führende Industrie sei aber damit nicht gefunden.

Auch bei weiteren Kandidaten für die „führende Industrie des 21. Jahrhunderts“ deren Beschäftigung sich in den letzten Jahrzehnten ausgedehnt hat: den Dienstleistungen, persönlichen Services und dem Ausbildungsbereich stellt sie zwar eine steigende Anzahl von Arbeitskämpfen fest, muss aber die Frage nach den dabei führenden Industriebereichen offen lassen.

Übersicht über ArbeiterInnenunruhen von 1870 bis 1990

Wenn die Zeitreihen aller Arbeitskämpfe von 1870 bis 1990 verfolgt werden, ergibt sich folgendes Muster:
Vor den Weltkriegen häufen sich die Arbeitskämpfe um dann während des Krieges fast zu verschwinden. Mit dem Ende des Krieges explodiert die Anzahl der Arbeitskämpfe, nach dem zweiten Weltkrieg zwar etwas schwächer als nach dem ersten aber dafür länger auf hohen Niveau verbleibend.

Silver versucht nun, getrennt in Peripherie (Kolonien und beherrschte Länder) und Zentren, sowohl die Entwicklung zu beschreiben als auch die Verbindung zwischen Revolutionen, nationalen Befreiungskämpfen und Auseinandersetzungen zwischen Kapital und Arbeit nachzuzeichnen.

Abbildung 4: Weltweite ArbeiterInnenunruhen 1870 – 1996
(Silver S 126)

Bemerkenswert dabei ist, dass sich sowohl die expansive imperialistische Politik der Staaten vor dem ersten Weltkrieg und zweiten Weltkrieg in Zusammenhang mit den zunehmenden ArbeiterInnenunruhen sehen lässt, wie auch das fast vollständige Verschwinden der Auseinandersetzungen in den ersten Kriegsjahren mit dem relativ erfolgreichen Einbinden der ArbeiterInnenbewegung und Gewerkschaften in das „nationale Projekt“.

Diese Einbindung geht im ersten Weltkrieg einher mit der Anerkennung der Gewerkschaften sowie einer Reihe ihrer Forderungen in Deutschland, England, den USA und anderswo.

Der Krieg selbst wiederum führt nach anfänglicher — mehr oder weniger gelungener — Einbindung der ArbeiterInnen zu revolutionären Aufständen und dem explosiven Ansteigen der Arbeitskämpfe nach dem Krieg.

Weiters zeigen die weltweiten Zeitreihen ein bedeutendes Abklingen der Arbeitskämpfe seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts an. Ein Faktum, das Silver als die Krise der Arbeit und der ArbeiterInnenbewegung des späten 20. Jahrhunderts bezeichnet und deren Ursache herauszufinden, eines der Ziele der Untersuchung ist.

Einschätzung der derzeitigen Entwicklung

Abschließend versucht Silver im Lichte der Berichte über die zwei führenden Industrien der vergangenen beiden Jahrhunderte und dem Einfluss von Staat und Krieg die derzeitigen Entwicklungen der Klassen­auseinander­setzungen und Arbeitskämpfe einzuschätzen.

Aus ihren Beschreibungen der Verschiebung der Auseinandersetzungen in Textil- und Autoindustrie meint Silver schlussfolgern zu können, dass der globale Wettbewerb zu immer schlechteren Lebensbedingungen („the race to the bottom“) – wie er mancherorts befürchtet wird — so nicht stattfindet. Eine Verlagerung des Kapitals verursache in der Regel eine damit im Zusammenhang stehende Verlagerung der Kämpfe. Wie schon oben erwähnt, erwartet sie daher die nächste Welle von Arbeitskämpfen mit eventuellen Rückwirkungen auf den Rest der Welt in China.

Allerdings wirken dieser, die Unterschiede zwischen Zentrum und Peripherie einebnenden, Kräfte andere Tendenzen entgegen:

  • Der voranschreitende Produktzyklus gibt dem Kapital in den Ländern der Peripherie weniger Spielraum als den Ländern des Zentrums. Nur in der ersten Phase des Produktzyklus sind die Extraprofite vorhanden, die es auch den noch nicht so gut organisierten ArbeiterInnen gestattet, Verbesserungen ihrer Situation zu erkämpfen.
  • Die workplace bargaining power, die im Laufe des 20. Jahrhunderts sich zu erhöhen schien, scheint seit den 80er Jahren wieder abzunehmen, trotz der Ausnahmen in den Transportindustrien. Die Situation erinnere mehr an die Zeiten der Neunziger Jahre des 19. Jahrhunderts in der Textilindustrie.

Insgesamt meint Silver, dass die Durchsetzungsfähigkeit der ArbeiterInnenklasse wieder mehr von ihrer associational bargaining power und von möglichen Bündnissen mit anderen Schichten, oft innerhalb ihrer Community, [9] abhinge und es gäbe auch Anzeichen dafür, dass die Thatcher Phrase TINA („there is no alternative“) zunehmend in Frage gestellt würde.

Letztlich lässt sie die Frage offen, ob ein neuerlicher Aufschwung der ArbeiterInnenkämpfe zu erwarten sei, der das Pendel wieder in Richtung bessere Lebensbedingungen schwingen lasse.

Was können wir aus dieser Darstellung lernen?

Obwohl die Autorin das Bild des Operaismus aufnimmt, dass der Klassenkampf und nicht einfach die Selbstbewegung des Kapitals der Motor der Geschichte ist, überwiegt nach der Lektüre des Buches der Eindruck, dass der Klassenkampf, so wie ihn Silver begreift, den Charakter einer Kreis- oder Spiralbewegung hat, aus der es kein Entrinnen gibt.

Aus dieser Sicht, weitgehend absehend von revolutionären Versuchen, den Kapitalismus abzuschaffen, scheint der Klassenkampf ein Kampf auf dem Feld „bargaining power“ zu sein und dieses Feld erinnert, trotz aller Bezüge Silver’s auf Kooperation und politische Einflüsse, an marktförmige Konkurrenz.

Das Buch zeigt plastisch, dass der Kapitalismus ein Weltsystem war und ist und dass man die Entwicklungen aus der Sicht eines Landes nicht verstehen konnte und jetzt erst recht nicht verstehen kann. Es zeigt aber auch, dass diese Prozesse der kämpfenden Bewegung selbst weitgehend unbekannt geblieben sind. Dieses den vor sich gehenden Prozessen Ausgeliefertsein ergibt dann eben jenen Eindruck der hoffnungslosen Tretmühle der Klassenkämpfe.

Trotz der an verschiedenen Stellen erwähnten Bedeutung revolutionärer Strömungen für die Kampfkraft der ArbeiterInnenbewegung wird der Bedeutung der Versuche, nicht nur die bargaining power zu verbessern, sondern das ganze kapitalistische System zu stürzen, unterschätzt. Wenn man in der Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts von den Revolutionen und ihren Zielen absieht, dann scheinen diese Kämpfe den Charakter einer Sisyphusarbeit zu bekommen.

Nur wenn wir die Geschichte der Klassenkämpfe als eine Geschichte der (bisher gescheiterten) Versuche Kapitalismus und Unterdrückung abzuschütteln begreifen, können wir erfolgreich die Frage stellen, was die gegenwärtige Situation auszeichnet und was aus den fehlgeschlagenen Versuchen, eine kommunistische Gesellschaft zu errichten, gelernt werden kann.

Die große Bedeutung des Empire-Buches von Negri und Hardt liegt genau in diesem Versuch, die Tradition der kommunistischen Revolution wieder aufzunehmen. Genau das macht Silver nicht. Sie meint die Klassenkämpfe weitgehend unabhängig von politischen Kämpfen und ideologischen Auseinandersetzungen betrachten zu können.

Nach der Lektüre vieler theoretischer Dokumente der deutschsprachigen Linken, welche die Klassenkämpfe und die bisherigen Versuche des Sturzes des Kapitalismus als eine Geschichte des falschen Denkens behandeln, so als ob es quasi genügt hätte, damals den richtigen Durchblick zu haben, um erfolgreich den Kapitalismus überwinden zu können, bringt einem Silver’s Buch auf den harten Boden der Arbeitskämpfe zurück. Es konfrontiert die LeserInnen mit der Tatsache der Krise der Arbeiterbewegung und der Verringerung der Arbeitskämpfe, wie sie im 20. Jahrhundert sonst nur in Zeiten des Krieges stattfand.
Dennoch meine ich, dass für eine Einschätzung der aktuellen Situation der Blickwinkel der Autorin ungenügend ist: Es fehlt dafür der Zusammenhang mit den antikapitalistischen revolutionären Bewegungen und ihren Theorien.

[1Resultate dieser Datenerhebung sind (unter anderen) veröffentlicht in „World-Scale Patterns of Labor-Capital Conflict: Labor Unrest, Long Waves, and Cycles of World Hegemony.” Review (Fernand Braudel Center), 18(1), Winter 1995, 155-92 und in „Turning Points of Workers’ Militancy in the World Automobile Industry, 1930s-1990s.“ Research in the Sociology of Work, 6, 43-71, 1997.

[2Wichtige Arbeiten sind: „The Modern World System I. Capitalist Agriculture and the Origins of the European World-Economy in the Sixteenth Century.“ New York: Acadmic Press, 1974 und “The Capitalist World-Economy.” Cambridge: Cambridge University Press, 1979

[3Marx macht sich über den Vulgärekonomen und Apologeten des Kapitalismus Bentham lustig und schreibt: „Gleichheit, Eigentum und Bentham. Freiheit“ „Das Kapital“, MEW 23, Seite 189

[4Silver beschäftigt sich nicht mit der Wert und Mehrwert produzierenden Seite des Arbeitsprozesses sondern betrachtet nur die Auswirkungen dieses Prozesses auf die Beziehungen zwischen den Klassen.

[5Laut Silver lässt Polanyi die Frage aus, welches die Kräfte der Gesellschaft sind, die dieses Pendeln zwischen Verringerung und Verstärkung der Warenform der Arbeitskraft erzeugen und warum sie das tun.

[6Da der Begriff „Rasse“ in den letzten Jahren als unwissenschaftlich und als ohne jede Basis in den biologischen Wissenschaften gebrandmarkt wurde, ersetzt seit einiger Zeit der Begriff der „Ethnie“, der sich nicht festlegt, ob der „Unterschied“ biologisch oder kulturell begründet wird, den Platz der „Rasse“.

[7Die Energiekrise in den 70er Jahren bestärkte das japanische Management in der Entscheidung, den (wenigen) Arbeitern in den Zentralen den Arbeitsplatz zu garantieren, da sie auf diese Weise leichter Zugeständnisse auf der Lohnseite in Krisenjahren erreichen konnten.

[8Natürlich gibt es auch innerhalb jeder dieser Phasen Innovation, Reifung und Standardisierung auf Basis technologischer Entwicklungen. Dennoch lässt sich sowohl in der Textilindustrie wie auch in der Automobilindustrie ein historischer Trend zur Verflachung dieser Innovationszyklen feststellen. Innovationen z.B. in der Textilindustrie haben heute eine wesentlich geringere Bedeutung als im 19. Jahrhundert.

[9Ein wesentlicher Teil der neuen Arbeiter rekrutiert sich aus Immigranten. Die zum Teil ethnische Gemeinschaft spiele daher oft eine wichtige Rolle, wie die erfolgreichen Kämpfe der Reinigungsarbeiter mexikanischer Abstammung in Kalifornien – the Janitors — zeige.

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