Grundrisse, Nummer 19
März
2006

Anfang und Ende des nietzscheanischen Linksradikalismus

Bataille und Negri im Vergleich

I. Äpfel und Birnen? Einleitung

George Bataille und Antonio Negri? Was hat der französische „unmögliche Theoretiker“ des Potlatch und der Überschreitung mit dem italienischen Post-Operaisten gemeinsam? Äußerte sich Negri je ausführlich zum Irrationalen, der Erotik und dem Heiligen, den wichtigsten Themen, denen sich Bataille ausführlich gewidmet hat? Und hat Bataille irgendetwas mit dem Konzept der Arbeiterwissenschaft (Operaismo), der Klassenuntersuchung am Hut?

So absurd erscheint ein Vergleich der beiden nicht. Wir finden beispielsweise bereits bei Bataille den Begriff der Multitude. Bataille bezeichnete eine Demonstration von 500.000 ArbeiterInnen nach der versuchten Ermordung des französischen Volksfront-Ministerpräsidenten Leon Blum im Jahre 1936 als „Multitude“, die die Welt „vom Alptraum der Ohnmacht und des Blutbades erlösen“ kann. Diese Aussage fällt in seine Agitationsphase bei Contre-Attaque, einer revolutionären Intellektuellengruppe, die den Volksfront-Antifaschismus in Frankreich kritisierte und attackierte, sich für eine „militante Volksfront der Strasse“ einsetzte und für die Entfaltung des Klassenkampfs gegen Faschismus und bürgerliche Demokratie gleichermaßen aussprach. [1] Bataille ist wie Negri ein links von der KP angesiedelter Theoretiker. Desweiteren – und hier kommen wir schon eher auf den Kern der zu diskutierenden Frage zu sprechen – beziehen sich sowohl Negri als auch Bataille auf Friedrich Nietzsche, den sie für eine linksradikale, subversive Agitation benutzen wollen. Bataille dürfte als der Gründervater des französischen Linksnietzscheanismus [2] gelten, viele spätere französische Denker wie Deleuze, Guattari und Foucault haben auch immer wieder betont, dass sie ihm vieles verdanken. Negri hat in seinem französischen Exil über seinen Kontakt mit Deleuze und Guattari nietzscheanische Gedanken adaptiert und kann als letzter Vertreter des Linksradikalismus gelten, für den Motive eines Linksnietzscheanismus eine wichtige Rolle spielen.

Zu guter Letzt sind die Versuche, Nietzsches Philosophie weiter zu denken, stets auf heftigen Widerspruch gestoßen. Dieser Widerspruch kommt zum einen von bürgerlicher Seite. Zu nennen wären hier Denker wie Jürgen Habermas, der in seinen prominenten Vorlesungen zum philosophischen Diskurs der Moderne Bataille scharf kritisierte. [3] Wobei kaum zu übersehen ist, dass Habermas, der ansonsten Verstand und Vernunft zu unterscheiden bemüht ist, solche Berührungsängte mit dem Irrationalen hat, dass er auf Ausgrenzung setzt und eine mit dem herrschaftsfreien Diskurs scheinbar verbürgte allgemeine Rationalität hochzuhalten pflegt, die sich kaum von der herrschenden zu unterscheiden weiss. Dass er damit jenseits einer Tradition der Kritischen Theorie von Bloch bis Adorno angesiedelt ist, muss nicht extra erwähnt werden. Er strebt eine Distanz zur alten Kritischen Theorie explizit an, indem er diese genauso wie postmodernes Denken des Irrationalismus und radikaler Ideologiekritik bezichtigt, die eine normative Erdung vermissen lasse. Nicht nur der Nietzsche-Bezug, auch die Intention, mit Hilfe dieser Bezüge eine radikale Subversion des Bestehenden anzustreben, scheint ihm hochgradig suspekt zu sein. Der 1968 gegen die Studentenbewegung gerichtete Vorwurf des „Linksfaschismus“ wird abermals philosophisch veredelt gegen Bataille, Foucault und Derrida gerichtet, denen er eine „jungkonservative“ Position unterstellt. Wundern sollte man sich darüber nicht. Bataille provoziert in der Tat mit seiner schonungslosen Kritik der liberalen Agonie angesichts des Faschismus - jeder Verteidiger der bürgerlichen Ordnung wird damit vor den Kopf gestoßen. Bataille sprach sehr früh eine Wahrheit aus, die immer wieder dazu führte, dass bürgerliche Kritiker den Linksradikalismus in die Nähe des Faschismus gerückt haben. Bataille hat 1933 und 1934 in der kommunistischen Zeitschrift „La Critique sociale“ einen Aufsatz über die psychologische Struktur des Faschismus geschrieben. [4] Diese Schrift geht in weiten Teilen über die damalige marxistische Faschismustheorie weit hinaus, düpiert aber auch die liberalen Analysen des Faschismus. Ihm gelingt dies, indem er Bezug nimmt auf die für seine Theorie wichtigen Basisbegriffe von „Heterogenität“ und „Homogenität“. Er beschreibt den Faschismus weitgehend als eine Ordnung des Homogenen, des Geordneten, der großen hierarchischen Organisation, er nimmt aber auch zur Kenntnis, dass in den Faschismus Momente des Heterogenen, der Revolte, des Lumpenproletarischen, des Chaos, der Erregung, des Hasses aufs Bürgertum eingegangen sind, die er im Gegensatz zu den orthodoxen Marxisten seiner Theorie der Subversion wiederum zuführen mag. So will er diese Momente des Heterogenen – auch die Gewalt, die Unterwerfungslust usw. - seinem Projekt einer gegen-faschistischen Subversion fruchtbar machen. Dabei hat Bataille festgehalten, dass die Faschisten völlig zu Recht – wenn auch mit total falschen Argumenten und mit einer regressiven Perspektive – die bürgerliche Welt, deren Homogenität Bataille ein Graus ist, hassen. Und Bataille lässt sich auf das gefährliche Denken ein, dass der Linksradikalismus genauso wie die Faschistenbewegung sich auf das zur bürgerlichen Ordnung quer stehende „Heterogene“ beziehen muss, den Hass auf bürgerliche Moral und Ordnung den Faschisten nicht überlassen darf.

Zum anderen wurden auch innerhalb der radikalen Linken Nietzsche-Bezüge – jüngst vor allem in Empire von Negri und Hardt – scharf zurückgewiesen und skandalisiert, wie von dem sozialrevolutionären Theoretiker Detlef Hartmann. [5] Hier wäre zu klären, worin sich Hartmanns Kommunismuskonzeption von der nietzscheanisch inspirierten von Negri und Hardt unterscheidet. Denn mit einer bloß ausgrenzenden Kritik, die in Negri und Hardts nietzscheanisch inspirierten Versuchen, Kommunismus neu zu entwerfen, nur eine „Reise nach rechts“ oder eine konservative (Denk)revolution beklagt, kann man sich nicht zufrieden geben. Eine derart gelagerte ausgrenzende „Diskursstrategie“ sollte innerhalb einer auf Subversion und Kommunismus abzielenden Diskussion vermieden werden.

II. Nietzsches Position

Nietzsche hat nicht zu Unrecht einen schlechten Ruf. Er gilt zuweilen als Philosoph des Nazismus, denn hauptsächlich seine Schriften zum Willen zur Macht wurden von den Nationalsozialisten benutzt, um eine rassistische Herrenmenschen-Ideologie und eine Politik der Ausmerzung alles Schwachen philosophisch zu unterfüttern. [6] George Lukacs fasste die „Philosophie“ von Nietzsche schlicht als „Zerstörung der Vernunft“ zusammen. Doch Nietzsche hat auch andere Seiten. So wurde er von Adorno und Horkheimer als zynischer Ideologiekritiker in ihrer Schrift Dialektik der Aufklärung herangezogen, der die Wahrheit über die Gesellschaft jenseits ihrer idealisierten Mythen und Gedankenformen auf den Punkt bringt. In einer frühen Reflexion Horkheimers wird sogar Nietzsches Kritik der Moral als eine mögliche Komponente in einer Politik der Subversion angesprochen. Unter dem Pseudonym Regenius hat sich Horkheimer folgende Gedanken über „Nietzsche und das Proletariat“ gemacht, die es lohnen, ausführlich zitiert zu werden, weil ähnliche Gedanken in anderer Form von den französischen Linksnietzscheanern und von Negri und Hardt aufgeworfen werden, jedoch wurde die Kritik an Nietzsche, die Horkheimer deutlich formuliert, vergessen gemacht:

Nietzsche hat das Christentum verhöhnt, weil seine Ideale aus der Ohnmacht stammten. Menschenliebe, Gerechtigkeit, Milde, das alles sollen die Schwachen in Tugenden umgelogen haben, weil sie sich nicht rächen konnten, besser noch, weil sie zu feige gewesen seien, sich zu rächen. Er verachtet die Massen, aber er will sie doch als Massen erhalten. Er will Schwäche, Feigheit, Gehorsam konservieren, um für die Züchtigung seiner utopischen Aristokratie Raum zu gewinnen. Denen müssen natürlich andere die Toga nähen, damit sie nicht als Landstreicher herumgehen, denn könnten sie nicht vom Schweiß der Massen leben, müssten sie ja selbst an den Maschinen stehen. Die Dionysos-Dithyramben verstummen da von selbst. In der Tat ist Nietzsche höchst befriedigt, dass es die Massen gibt, nirgends erscheint er als wirklicher Gegner des Systems, das auf Ausbeutung und Elend beruht. Nach ihm ist es daher ebenso recht wie nützlich, dass die Anlagen der Menschen unter miserablen Bedingungen verkümmern, sosehr er für ihre Entfaltung beim ’Übermenschen’ eintritt. Nietzsches Ziele sind nicht die des Proletariats. Aber es kann sich merken, dass die Moral, welche ihm anempfiehlt, verträglich zu sein, nach diesem Philosophen der herrschenden Klasse nur Irrführung ist. Er selbst prägt den Massen ein, dass nur die Furcht sie abhält, diesen Apparat zu zerbrechen. Wenn sie dies wirklich verstehen, kann sogar Nietzsche dazu beitragen, den Sklavenaufstand in der Moral in proletarische Praxis zu verwandeln. [7]

Im französischen Linksnietzscheanismus ist die klare Klassenposition Nietzsches, seine aristokratische Kritik an bürgerlicher, christlicher wie proletarischer Welt, nicht mehr beachtet worden. Nicht so beim Marxisten Horkheimer. Er formuliert, dass sogar der Feind der Klasse, der Nietzsche zweifelsohne war, [8] in seiner Kritik an der Moral ein positiver Bezugspunkt sein könnte. Für die französischen Linksnietzscheaner kann nur eine an Nietzsche geschulte Haltung Dissidenz erzeugen. Auf den Standpunkt von Nietzsche, das hat Horkheimer deutlich gemacht, kann sich ein kommunistischer Kritiker freilich nicht stellen. Dass diese Einsicht im poststrukturalistischen links-nietzscheanischen Denken perdu gegangen ist, hat sicherlich mit einer Verschiebung der zentralen Fragen von Klassen, Ausbeutung und Produktionsbedingungen auf das Terrain der Moral(diskurse) und der Kultur zu tun. Zuweilen wird Nietzsche sogar gegen Marx ins Feld geführt. Hier zeigt sich die Nietzsche-beflissene Postmoderne ein weiteres Mal als „Strategie des Vergessens“ (Burghart Schmidt).

III. Batailles Nietzsche

Als sich Georges Bataille fasziniert von Nietzsches Philosophie daran versucht hat, nietzscheanische Gedanken einer linkskommunistischen Debatte zuzuführen, ging er noch aus von einer Krise des Marxismus (und damit ergeben sich tatsächlich einige Überschneidungen mit der frühen Kritischen Theorie). Die Zentralbegriff des Marxismus, vor allem ein Begreifen von gesellschaftlichen Entwicklungen in den Termini von Klassenauseinandersetzung hatte Bataille in den 30er und 40er Jahren nicht aufgegeben, als er sich Nietzsche widmete. Seine wichtige Schrift Nietzsche im Lichte des Marxismus entstammt dem Jahre 1951 und Bataille hat sich hier noch klar zur kommunistischen, wenn auch dissidenten Strömung gezählt. Er konstatiert zwischen Nietzsche und dem Marxismus ein Missverhältnis, dem er auf den Grund gehen will. Gleichwohl hält Bataille fest, dass in der „heutigen Welt keine Einstellung außer der des Kommunismus und der Nietzsches annehmbar ist“. [9] Man kann aber auch eine versteckte Kritik am dogmatischen-staatsoffiziellen Marxismus dem Text entnehmen: Der Mensch wird zwar durch den Marxismus nicht auf den Zustand eines Tieres reduziert (eine eher für den Nationalsozialismus und Faschismus geltende Betrachtungsweise), dafür aber „auf den eines Mittels des Mittels“. [10] Hier kommt nun Nietzsche ins Spiel, um das Individuelle, die Souveränität zu verkörpern. Die „Vernachlässigung des souveränen Teils des Menschen“ [11] scheint mit Nietzsche behoben werden zu können. Bataille strebte so mit Hilfe von Nietzsche die Ablehnung instrumenteller Verhältnisse und der Frage der Zwecke, die auch und gerade im Kommunismus groß geschrieben wurden, an. Souveränität ist für Bataille das Leben für den Augenblick jenseits des Nutzwerts. Für Bataille liegt im Kommunismus eine radikale Vernachlässigung dieses souveränen Teils des Menschen vor. [12]

Bataille zieht gerade Nietzsches Kritik des dienenden Arbeitens heran. Wo sich die meisten Menschen in die Arbeit und den Dienst flüchten, hat sich Nietzsche dem verweigert. Diese arbeitskritische Position, möglicherweise auch ein Erbe des französischen Surrealismus, taucht auch bei anderen linksnietzscheanischen Theoretikern auf, wie beispielsweise bei Michel Foucault, bei ihm allerdings in radikaler Abkehr von Marx. [13]

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges versucht Bataille leidenschaftlich und in einer selten bei ihm anzutreffenden Klarheit, Nietzsche den Nazis und den Reaktionären zu entreißen. Nietzsche wird von ihm als Verächter alles Deutschen, als „zuverlässigste(r) Zeuge gegen Deutschland“ herbeizitiert. Hier zeigt sich auch, wie sehr Bataille in den damaligen linksradikalen Debatten engagiert war, die allesamt den Ausgang des Spanischen Bürgerkriegs als entscheidend für Niederlage oder Siegeszug des Faschismus in Europa werteten: „Zu Beginn des Spanischen Bürgerkriegs verkauften sich in Barcelona, der damaligen Hauptstadt des militanten Anarchismus, die Volksausgaben Nietzsches neben denen von Lenin und Marx an den Kiosken.“ [14]

Ein Hauptargument von Bataille, dass sich Nietzsche jeder Vereinnahmung durch die Faschisten versperren würde, ist, dass Nietzsche ein Philosoph der Zukunft sei, nicht der Vergangenheit. Jenseits einer klassisch marxistischen und kommunistischen Emanzipationsperspektive ginge es bei Nietzsche um die Emanzipation des Lebens: „die Emanzipation, die er anstrebte, war nicht die einer Klasse im Verhältnis zu anderen, sondern die des menschlichen Lebens, und hier in seinen besten Repräsentanten, im Verhältnis zur moralischen Knechtschaft der Vergangenheit“ [15] Doch auch die Nietzsche zitierenden Nazis wollten zuweilen eine neue Zukunft schaffen und Bataille verkennt die zukunftszugewandte Modernisierungsfunktion des Faschismus. Ein weiteres Hauptargument, das auch auf recht wackeligen Beinen steht, ist, dass Nietzsche die Antisemiten seiner Zeit verachtet hat. [16] Zentral ist für Bataille weiterhin, dass die Nazis mit dem Prinzip der individuellen Freiheit aufgeräumt haben, und hier praktisch mit Nietzsche als angeblichem Verfechter individueller Emanzipation und Souveränität brechen mussten. Doch hier verkennt Bataille, dass Nietzsches Philosophie keineswegs individualistisch interpretiert werden kann. Nietzsche ist nicht Max Stirner. „Nietzsches Moralkritik ... hat nicht zum Ziel, dass alle Fesseln zerrissen werden, sondern nur jene moralischen Fesseln, die die Entfaltung der Starken beeinträchtigen. Allein die ’Tyrannei’ über die Gesunden und Lebenskräftigen ... soll beendet werden.“ [17]

Doch wenden wir uns weiter dem linksradikal gewendeten Nietzsche zu: Im ersten, sechs Punkte umfassenden Manifest von Contre-Attaque vom 7.10.1935 wird revolutionär-nietzscheanisch festgehalten: „Die Zeit ist gekommen, uns alle wie Herren zu verhalten und die Knechte des Kapitalismus physisch zu vernichten.“ [18] Während der spätere postmoderne Linksnietzscheanismus von Guattari bis Negri die Vernichtungswünsche, die aus Nietzsches Texten klar hervorgehen, unterschlägt und Nietzsche in einer entbrutalisierten, mit Spinoza irrtümlich und fälschlich zusammengeführten und gezähmten Form vorstellt, nimmt Bataille Nietzsches Gewaltphantasien und Vernichtungsdrohungen auf, um sie gegen die Kapitalisten und Herrschenden zu wenden. Damit stellt er freilich Nietzsche vom Kopf auf die Füße, weil Nietzsche die Schwachen treffen wollte, doch Bataille versucht sich an einer radikalen Umpolung, in der keine Unterschlagungen vorkommen. So könnte man Batailles Ausführungen zum revolutionären Herren-Aufstand vergleichen mit ähnlich gelagerten Ausführungen von Ernst Jünger in Der Arbeiter – Bataille wollte hier auf dem gleichen Terrain den gewalttätigen Herrenanspruch der Nazis und Faschisten beantworten. Ähnlich wie mit dem Herren-Anspruch verhält es sich mit der Macht und der Machtausübung, während seit Foucault Macht als omipräsente und allgegenwärtige Struktur gedacht wird, ist bei Bataille noch der Versuch gegenwärtig, einen neuen Klassenbegriff zu entwickeln, der mit der Kategorie der Machtausübung angereichert wird. Laut Bataille geht es nicht mehr darum, die Ausgebeuteten als Ausgebeutete zu vereinen, sondern als und in Form von Machtausübung. [19]

Bataille durchschaute, dass die liberalen Vertragstheorien angesichts des auf eine ursprünglichere Herrschaftsform zurückgehenden Faschismus versagten. Mit Nietzsche erkannte er, dass Recht ursprünglich Herrenrecht ist und stellte heraus, dass die bürgerlich-liberalen Kategorien die Herrschaftsform des Faschismus nicht zu erfassen vermögen. [20] Aber auch der offizielle Marxismus und Kommunismus war unfähig, die Gefahr des Faschismus adäquat zu begreifen, besonders frühe marxistische Faschismusanalysen zeichneten sich durch eine geschichtsphilosophisch verbürgte Siegesgewissheit aus, die Bataille zu recht ein Gräuel war. Er benutzte die von Heidegger bekannte Kategorie der Angst – um für eine bessere Gesellschaft zu kämpfen. Gegen die Sieges- und die quasi naturwissenschaftlich verbürgte Zukunftsgewissheit des offiziellen Marxismus sollte ein Kampf aufgrund der Angst, an der Schwelle zum Untergang geführt werden. Rückblickend ist diese Aufforderung weitaus realistischer als die wissenschaftlich daherkommenden orthodox-marxistischen Faschismusanalysen mitsamt ihrer leicht zu durchschauenden Propagandafunktion. Für Bataille sollte es keine menschliche Zukunft geben, wenn sie nicht aus der revolutionär-gewalttätig überwundenen Angst der Proletarier geboren ist. Dies war natürlich gegen die wissenschaftliche oder idealistische Zukunftsgewissheit Hegels und Marx gerichtet und ist ganz im Geiste des Nietzsche aus der fröhlichen Wissenschaft gehalten: „Ich liebe die Ungewissheit um die Zukunft.“ [21]

Die Entdeckung und Umpolung Nietzsches wird im Zeitschriftenprojekt Acéphale vertieft, das Bataille 1936 mit Pierre Klossowski und André Masson ins Leben rief, nachdem sich Contre-Attaque aufgelöst hatte. Hier wird ganz deutlich, welche Figur, welches Subjekt Nietzsche verkörpern soll: „Universelle Existenz: unbegrenzt, ruhelos, das Leben eröffnend und in die Unsicherheit des Unendlichen stürzend, ewig, unvollendet, azephalisch, vergleichbar einer blutenden Wunde, endliche Einzelwesen schaffend und zerstörend.“ [22] Hier scheint nochmals die Figur des Einzelwesens auf, das gegen das falsche Kollektiv, gegen die Volksgemeinschaft in Anschlag gebracht wird. Doch damit taucht abermals das große Missverständnis über die Philosophie Nietzsches auf: sie ist nach eigenem Bekunden „auf Rangordnung gerichtet: nicht auf eine individualistische Moral“. [23] Damit zeigt sich aber auch, dass die faschistische Volksgemeinschaft, die sich zuweilen auch als neue Rang- und Ständegesellschaft präsentierte, nicht in einem antagonistischen Verhältnis zum nietzscheanischen Denken steht.

Dass Bataille ein Feind und Gegner des Faschismus war (ohne freilich einem bürgerlichen oder Volksfront-Antifaschismus das Wort zu Reden) steht ausser Zweifel. Seine Versuche und Vorschläge, Methoden der Faschisten zum Zwecke der revolutionären Erregung der Massen zu übernehmen, mögen problematisch sein, sie lassen sich wie ähnlich gelagerte Überlegungen von Ernst Bloch in der Schrift Erbschaft dieser Zeit einordnen in die Reihe ambivalenter Versuche, einen objektivistischen, starren und geschichtsteleologischen Marxismus zu überwinden, um die faschistische Gefahr abzuwenden.

Bernhard Taurek hat Batailles Bemerkung, „Niemand kann Nietzsche authentisch lesen, ohne Nietzsche zu ’sein’“, so auch als Praktik des Antifaschismus gedeutet. [24] Dennoch hält er Batailles Verteidigung Nietzsches für haltlos: „Wie – das wäre die Frage an Bataille und den gesamten französischen Nietzscheanismus – kann ein Konzept von individueller Souveränität bei Nietzsche gegen seine politischen Bedrohungsthesen und politisch-überpolitischen Endlösungsphantasien gesichert werden?“ [25] Taurek vergisst, dass Bataille in einer Zeit schrieb, als Gewalt und Vernichtung nicht bloß Phantasiegestalten waren, sondern mit dem bedrohlichen Anwachsen der Faschistenbewegungen ganz konkret zu fassen waren. Bataille hätte angesichts dieser Situation nichts (ab)sichern können und wollen. Angesichts einer in Agonie befindlichen bürgerlichen Gesellschaft, deren Ideologien halb durchschaut waren, eines stalinistischen, starr-marxistischen Blocks und der offensichtlichen Fähigkeit des Faschismus, die Massen in seinen Bann zu ziehen, blieb Bataille nichts anderes übrig, als sich auf das ungesicherte Terrain des gefährlichen Denkens und der gefährlichen Agitation zu begeben. Dazu ist auch der Versuch zu zählen, Nietzsche als Gegen-Faschist zu inszenieren, seine Gewaltdrohung aufzunehmen und gegen die „Herren“, die bloße Knechte des Kapitalismus sind, zu wenden. Bataille wollte in der Tat „den Nazismus auf seinem eigenen Terrain“ schlagen. [26] Benutzten die Faschisten einen Sorelschen Mythos der Volksgemeinschaft um die Massen in ihren Bann zu ziehen, so wollte Bataille an einem nietzscheanischen Gegenmythos bauen, der die Massen gegen Kapitalisten wie Faschisten gleichermaßen losschlagen lässt. Aufgrund der klaren Abscheu und Agitation gegen Nationalismus und Patriotismus hat sich der nietzscheanische Linksradikalismus von Contre-Attaque und Bataille im Gegensatz zu den kommunistischen Parteien nicht daran beteiligt, die Arbeiter zu Nazis zu erziehen, wie es zu Recht einige Rätekommunisten an dem nationalistischen Schlageter-Kurs der KPD kritisierten. Auch im Herzen der kommunistischen Bewegung hat die „Zerstörung der Vernunft“ um sich gegriffen, indem man sich nur noch auf stets wechselnde taktische Bündnisse einließ, die schließlich jede eigenständige Kampfinitiative des Proletariats untergruben.

IV. Nietzsche bei Negri

Bei Negri und Hardt ist das etwas anders gelagert, der Faschismus und Nazismus spielt in ihrer Theorie keine Rolle, sie wollen vielmehr die kapitalistische Globalisierung auf ihrem eigenen Terrain schlagen. Es verwundert nicht, dass in einem hochgradig eklektizistischen Buch wie Empire auch Friedrich Nietzsche als Bezugsperson auftaucht – welche Geistesgröße taucht in dem 450 Seiten dicken Werk des ehemaligen italienischen Professors für Philosophie und Politikwissenschaft und seines literaturwissenschaftlichen Kollegen nicht auf, könnte man fragen. Insgesamt ist Empire kein nietzscheanisch-aphoristisches Werk, es folgt auch nicht der postmodernen Mode, den „großen Erzählungen“ eine radikale Absage erteilen zu wollen. Vielmehr ist Empire selbst eine große Erzählung. Und obwohl Hegel als Philosoph der Reaktion in Empire dargestellt wird, hat nicht zu Unrecht die althusserianische Marxistin Maria Turchetto das Bonmot benutzt, wonach es sich bei Empire um eine „Phänomenologie des Geistes für Nordamerikaner“ handelt. [27] Empire bietet in der Tat eine Entfaltungsgeschichte, die mit Nietzsches Geschichtsbild nicht zu tun hat – die widersprüchliche Rolle, die die Nietzschebezüge für eine Ablehnung einer Hegelianischen Entfaltungsphilosophie spielen, soll im zweiten Teil dieses Artikels behandelt werden. Nietzsche ist für Negri und Hardt nicht unbedeutend.1979 war Nietzsche für Antonio Negri eine symbolhafte, neue Herrschaftsgestalt, die den Wegfall von Mystifikationen der Unterdrückung andeutet. [28] In Empire wird er nun in einer entscheidenden Passage eingeführt, in der es gerade um den Ausblick auf Subversion und Kommunismus geht. Jetzt tritt Nietzsche als Gewährsmann auf, als positiver Stichwortgeber der Multitude. Nietzsche wird mit folgender Bemerkung zitiert: „wo sind die Barbaren des zwanzigsten Jahrhunderts? Offenbar werden sie erst nach ungeheuren sozialistischen Krisen sichtbar werden und sich konsolidieren.“ [29] Die Barbaren sind eine positive Figur, es kann kein Zweifel bestehen, dass hier die Multitude gemeint ist. Das hat scharfe Kritiken auf den Plan gerufen. Detlef Hartmann beruft sich zurecht auf die interessierten Unterschlagungen durch Negri und Hardt, wo bei Nietzsche von einer „herrschaftlichen Rasse der Barbaren“ die Rede ist, verschwindet das klare Bekenntnis zur Herrschaft – in bester linksnietzscheanisch-poststrukturalistischer Art.

Hartmann versucht außerdem, mit Foucault gegen Negri und Hardt zu argumentieren. Dabei gelingt es ihm, nachvollziehbar herauszustellen, dass Negri/Hardt den Begriff von Biopolitik, der bei Foucault kritisch gemeint ist, positiv umwerten – mit dieser Umkehrung wird der Begriff der Biopolitik, der unmittelbar den souveränen und staatlichen Zugriff auf das Leben, bezeichnen soll, zu einem kommunistisch-utopischen Begriff, der das Vermögen der Multitude darstellt. [30] Dennoch mag es nicht ganz zu überzeugen, wenn Hartmann Foucault als Gegen-Nietzscheaner darstellt und seine Nietzsche-Bezüge als Ausdrucksformen eines adäquaten Antagonismuskonzepts vorstellt, dagegen aber die Nietzsche-Adaption von Negri und Hardt skandalisiert. Hartmann sieht in Foucault einen linksradikalen Agitator, einen Philosophen des Widerstands, und bei Negri/Hardt lediglich eine Absage an Widerstand gegen den Kapitalismus. Es ist eine überzogene Unterstellung zu behaupten, Negri und Hardt würden der Aufgabe von Widerstand das Wort reden. Ist mit „Gebt den Widerstand auf, baut mit am Gesellschaftskörper!“ [31] die Position von Hardt und Negri richtig auf den Punkt gebracht? Ja und nein, bereits John Holloway hat darauf aufmerksam gemacht, dass das negative Denken bei Negri/Hardt suspendiert ist. [32] Was sich aber in Empire durchzieht ist der Versuch, das Fortschrittliche, Vorwärtsgewandte mit einer Perspektive des Widerstands zu verknüpfen. Negri/Hardt lehnen die bloß reaktive Verweigerung, das sich Einbunkern, den Bezug auf feste Größen ab. Widerstand als bloß reagierende Größe dürfte deshalb tatsächlich nicht das sein, was Negri/Hardt anstreben [33] – es geht ihnen vielmehr um die Schaffung von etwas Neuem, das allerdings als Immanenzbewegung in Form der Kooperation, der neuen Technologien usw. vorliegt. Kommunismus wird von ihnen als Fortwärtsbewegung, als Durchlaufen des Empire definiert, nicht als Rückgang oder Rückbezug. Vor allem keynesianische Nostalgie, Links-Protektionismus und der Bezug auf den Nationalstaat werden von ihnen verworfen. Nicht umsonst provozieren sie so auch die letzten stalinistischen und antiimperialistischen Philosophen, die ausgerechnet in den anti-nationalistischen Ausführungen von Negri und Hardt lediglich neoliberale Ideologie erkennen mögen. [34]

Negri und Hardt können sich auf Marx berufen, der sich leidenschaftlich für den Freihandel als Bedingung der Möglichkeit eines globalen vereinheitlichten Kampfes beziehen wollte. [35] Ebenso schärfte Marx an der Entwicklung der Produktivkräfte und der Mehrung des capital fixe sein Kommunismus-Verständnis. Marx hat tatsächlich in Ablehnung der Frühsozialisten, der Maschinenstürmer und der Anarchisten an einem Konzept der Übernahme der kapitalen Vergesellschaftung festgehalten. Besonders das von den Operaisten breit diskutierte Maschinenfragment von Marx in den Grundrissen und der Begriff des General Intellect deuten an, dass sich für Marx in und mit der Entwicklung der Produktivkräfte ein Reich der Freiheit auftut, das einen anderen Reichtumsbegriff als den der kapitalistischen Waren- und Lohnarbeitsgesellschaft hervorbringt. In diesem Sinn sind Negri und Hardt marxistischer, als der in einer sozialrevolutionären Tradition stehende Detlef Hartmann, der recht einseitig die Technologie als bloße Gewaltmittel verwirft.

Zusammenfassend scheinen mit Detlef Hartmann und Negri/Hardt zwei unterschiedliche Kommunismuskonzeptionen gegeneinander zu stehen: Klassenkampf als Selbstermächtigungsprinzip oder Klassenkampf als Radikalisierung einer „moral economy“, die in einem Außerhalb der kapitalistischen Gesellschaft angesiedelt sein soll. Eine radikale Vereinseitigung ist beiden Kommunismus-Konzeptionen zu eigen. Negri und Hardt vergessen den revolutionären Bruch als streng geschichtlich gefasste Bewegung der Transzendenz und Hartmann vergisst, dass kommunistische Veränderung auch den tatsächlichen Bedürfnissen der vorhandenen Klasse in den fortgeschrittenen Industriegesellschaften entsprechen muss. Der Begriff der „moral economy“ wurde aber von E.P. Thompson eingeführt, um die Entstehung der Arbeiterklasse im England des 16. Jahrhunderts nicht-objektivistisch, sondern als Selbstkonstitutions- und Lernprozess zu erklären.

Detlef Hartmann weist historisch zu recht hin auf die „mit den barbarischen tayloristischen Offensiven konfrontierten ’Massenarbeiter’, die mit Schwüren auf ihren christlichen und jüdischen Gott die Seelenlosigkeit der Maschinerie bekämpften“. [36] Dieser sozialhistorisch dokumentierte Klassenkampf hatte tatsächlich Vertreter einer herrschaftlichen Anti-Moral als Gegner, die von ihrem Herrenstandpunkt aus das Schwache verachteten. Nietzsche baut auf einen neu-aristokratischen „Instinkt des Sonderrechts“ gegen den kollektiven Kampfwert der Unterdrückten. Nur um den Preis einer Aufgabe der in sozialhistorischen Untersuchungen erfolgten Erkenntnisse über die Geschichte der Konstitutionsmomente des Proletariats als Klasse, mitsamt ihren Werten, ihrer Moral, lässt sich Nietzsche mit der Klasse und ihren historischen Kämpfen versöhnen.

Am problematischsten sind die mit dem nietzscheanischen Barbarenbild einhergehenden Bemerkungen Negri/Hardts zu den posthumanen Körpern der Multitude, die ein Körperbild erahnen lassen, das nicht weit entfernt ist vom Ernst Jüngerschen Körperbild eines gestählten Arbeiter-Soldaten. [37] Das ist eine Erbschaft, die Negri/Hardt meines Erachtens von den poststrukturalistischen Debatten, den sich subversiv dünkenden Theorien von Deleuze/Guattari übernommen haben. Eine kluge Kritik an Deleuze/Guattari verfasste Rüdiger Hentschel. [38] Er diagnostiziert bei den beiden letztgenannten Autoren einen militanten Gestus der Kulturkritik, die sich dem Klassenkampf an Radikalität überlegen fühlt – und macht hier auf die Parallelen zu Nietzsche aufmerksam. „Nietzsches ’Krieger kehren als ’Arbeiter’ (bei Jünger, G.H.), die ’wilden frei schweifenden Menschen’ (bei Nietzsche) kehren als ’Schizos’ (bei Deleuze/Guattari) wieder. Ihre übermenschliche, genauer: ihre überbürgerliche Qualität, die ein Jenseits von ’gut oder böse, schön oder hässlich, richtig oder falsch’ suggeriert, will glauben machen, die Negativität des bloß antibürgerlichen Protestes sei schon in Richtung neuer Positivität überwunden.“ [39]

Bei Negri und Hardt muss auch nichts mehr revolutionär transzendiert werden, die Positivität wurde bereits vom Empire selbst geschafft: zum einen liegt sie in der neuen Klassenzusammensetzung der immateriellen Arbeit vor, zum anderen soll sich die neue Gesellschaft über eine Konstitution neu gründen – eine Vorstellung, die dem nietzscheanischen Sonderrecht der Herren allerdings diametral entgegensteht. Empire ist ambivalent, das Buch wurde zurecht als eine „hybride Kombination von Hegelianismus und Postmodernismus“ bezeichnet. [40] Hat die Unentschlossenheit, das hochgradig Widersprüchliche vielleicht Methode? Einerseits wird die postmoderne Feier der Hybridität als leere Geste, im schlimmsten Fall eine Geste, die die imperiale Macht stärkt, entlarvt und die interessantesten Teile von Empire sind auch jene, in denen die Autoren den Hype um Hybridität als postmodern-akademische Spielerei kritisieren. [41] Andererseits lassen sich in Empire alberne Cyborg-Phantasien finden, die der Science Fiction-Literatur entstammen könnten, aber keineswegs einem humanistischen Bild des Menschen und seiner verletzlichen Körperlichkeit entsprechen. In der Apologetik gestählter Körper kommt eine neue „Verhaltenslehre der Kälte“ (Helmuth Lethen) zum Ausdruck, die die Körper der Menge dazu prädestinieren soll, durch das Empire hindurch zu schreiten. Nur so scheint die Konzentration der produktiven Arbeit auf das formbare und fließende Terrain der neuen kommunikativen, biologischen und mechanischen Technologien und ihrer Zumutungen vorstellbar. Hier taucht auch wieder die von Hentschel für Deleuze/Guattari diagnostizierte „Mimesis ans Kapital“ auf, die damit beginnt, gar keinen Naturbegriff mehr haben zu wollen. [42] Bei Deleuze/Guattari steht am Anfang die Mimesis, um dann — List der Subversion — durch Übertreffen und Übertrumpfen des Kapitals dieses aus den Angeln zu heben. Bei Negri/Hardt ist es eine Feier des Atavismus und des entindividualisierten Funktionierens, das sie sich bei Deleuze/Guattari abgeguckt haben und in der Forderung gipfelt, uns zu betrachten „als die Affen und Cyborgs, die wir sind“. [43] Das hat mit dem vielbeschworenen Tod des Menschen nichts zu tun, sondern mit dem von Negri/Hardt verordneten Tod der Ideologiekritik. Man darf nichts mehr unterscheiden können. Marx diagnostizierte noch einen zur zweiten Natur gewordenen Gesellschaftszustand und diese Diagnose war Kritik. Bei Deleuze/Guattari/Negri und Hardt dagegen herrscht heitere Unempfindlichkeit.

In Wahrheit sind wir die Herren dieser Welt, weil unsere Begehren und unsere Arbeit sie fortwährend neu erschaffen.“ [44] Man kann diesen Satz marxistisch oder nietzscheanisch lesen. Marxisten würden sich auf den zweiten Teil des Satzes beziehen, und im Sinne einer Ideologiekritik die eigentlichen Akteure, die eigentlichen ProduzentInnen des Reichtums und allgemein gesprochen: die ProduzentInnen dieser Welt in den Mittelpunkt stellen. Nichts anderes hat Marx am Ende des dritten Bandes des Kapitals versucht. Doch der erste Teil dieses Satzes ist nietzscheanisch: wir – die Herren dieser Welt. Das ist eine groteske Konstruktion, die allerdings mit der Strategie von Empire zusammenhängt. Das Buch ist wirklichkeitsfremd und stellt mitsamt seiner Multitude-Euphorie eine Spielart der „neuen Hybrid-Religionen“ dar. [45] Diese findet ihr Glaubensbekenntnis im imaginären Bild einer allumfassenden Multitude als eigentlichem Herren dieser Welt. Im Vergleich mit Bataille könnte man zusammenfassen, dass Negri/Hardt nicht Nietzsche den Faschisten entreißen, sondern einen voll auf dem Boden des globalisierten Kapitalismus stehenden Nietzsche der Selbstermächtigung und des Willens zur Macht einem kommunistischen Projekt der Multitude zuführen wollen. Spinoza dient ihnen dazu als humanistische Resozialisierungsinstanz. Dieses interessierte Zusammengepantsche von nietzscheanischer Herrschaftsmacht und spinozistischer Handlungsmacht geht auch zurück auf Guattari und Deleuze, hat aber auch seinen Grund darin, dass Nietzsche sich mit Spinoza auseinandersetzte und seinen Entwurf eines vernünftigen Lebens zu adaptieren versuchte. Der Wille zur Macht wird so auf die von Spinoza herausgestellte Fähigkeit der Körper, sich auf viele Weisen affizieren zu lassen, bezogen, was nach Spinoza ein Kennzeichen menschlicher Handlungsmacht darstellt. [46] Der Multitude, die über dieses Vermögen verfügt, will Nietzsche jedoch gerade mit seinem Einsamkeits- und Ermächtigungskult entgegentreten. „Nietzsche hat Spinozas Handlungsvermögen überwältigt und in seine Herrschaftsmacht einverleibt, die er konsequent bis zum Zugrund-Gehen der ’Schwachen’ weiterspinnt. Was in den pluralen und postmodernen Konstruktionen einer homogenen Spinoza-Nietzsche-Linie ausgeblendet wird, ist letztlich nicht weniger als die ’Differenz’ zwischen gesellschaftlicher Kooperation und projizierter Massenvernichtung. [47]

Die Bezüge auf Nietzsche sind für Negri und Hardt wichtig, weil entgegen dem Propagieren eines neuen Humanismus eine antihumanistische Stählung des einzelnen zum Durchschreiten des Empire nötig zu sein scheint. Außerdem ist die Philosophie Nietzsches mittlerweile kompatibel mit einer neoliberalen Ideologie, die Negri und Hardt nicht einfach bekämpfen und ablehnen, sondern deren Energien sie ihrem „kommunistischen“ Projekt zuführen wollen. Man könnte im Hinblick auf Empire von einem neo-populistischen Werk sprechen, es spricht jeden an, hält für jeden ein Versprechen bereit. Gerade die Nietzsche-Bezüge sind ein klares Angebot, die neuen Pseudo-Eliten, die mental auf eine Gewinner- und Herrenperspektive verpflichteten Schichten des Neoliberalismus mit ins Boot der breiten Multitude zu nehmen. Angesichts eines Kapitalismus, der alte Klassenstrukturen längst hinter sich gelassen hat und angesichts der Tatsache, dass auch diejenigen, die sich selbst als neue Eliten imaginieren und erfinden wollen, einem rasanten Proletarisierungsschub ausgesetzt sind, [48] soll mittels dieser linksnietzscheanischen Ausführungen auch der immateriell Arbeitende, der junge Börsenbroker, die neue Medienarbeiterin angesprochen werden, deren mentale Dispositionen längst auf einer Wellenlänge mit der Anti-Moral eines Nietzsche liegen. [49] Was sich Negri und Hardt verbieten, ist eine Ideologiekritik falscher Denkformen.

Dass Negri und Hardt rund um das Auftreten Nietzsches auf ihrer Theoriebühne unkontrollierte Migrationsbewegungen, die Geschichte der IWW, sowie eine Affirmation der Produktionsintelligenz zusammenziehen, kann nur ihrem Wunsch geschuldet sein, ein möglichst umfassendes Kampfsubjekt jenseits der Wirklichkeit in der Theorie zu generieren. Dass dieses in einem Nirgendwo angesiedelt ist, mag dem ideologischen Projekt von Negri und Hardt geschuldet sein. Dieses Projekt ist genauso misslungen, wie Batailles Behauptung, Nietzsche sei organischer Antifaschist und seine Versuche, das im Faschismus erkannte „Heteronome“ einer subversiven Bewegung zuzuführen. Doch die Intention müsste kritisch gewürdigt werden. Sie als „proto-faschistisch“ oder als Teil einer neuen konservativen Revolution hinzustellen, wie es Detlef Hartmann tut, käme nicht nur einem Kanonenschießen auf Spatzen gleich, es verkennt auch, dass Negri und Hardt in der Traditionslinie von Deleuze/Guattaris Deterritorialisierungstheorie gerade näher an der neoliberalen Feier der „schöpferischen Zerstörung“ (Schumpeter) gebaut sind, als an klassisch reaktionären Vorstellungen. Auch der Nietzsche, den sie ihrem Produktionsintelligenz-Kommunismus als philosophischen Gewährsmann angedeihen lassen wollen, ist ein mittlerweile ent-faschisierter, neoliberaler Egoman, der sich auf nichts Festes mehr zu beziehen weiss und eine spät-foucaultianische, individual-nietzscheanische „Sorge um Sich“ pflegt. [50]

Vielmehr könnte man das Programm von der nietzscheanischen Postmoderne und des daran anschließenden Negri als Gegenbewegung zur reaktionären Vorstellungswelt der konservativen Revolution deuten, das zwischen linksradikaler Subversion und individualistischem Neoliberalismus pendelt. [51] Mit Deleuze und Guattari wenden sich nämlich Negri und Hardt gegen heideggerianische, reaktionäre Kritikformen des Kapitalismus. Philosophie wird nicht zum Antipoden des Kapitalismus, sondern zu seinem subversiven Begleiter. Nach Deleuze und Guattari muss die Philosophie den Kapitalismus rechtfertigen, seine revolutionären Potenziale entfalten helfen [52] – nichts anderes bedeutet der positiv eingeführte Begriff der Deterritorialisierung. Nichts anderes meinen Hardt und Negri, wenn sie verkünden, dass man durch das Empire hindurch müsse. Zugespitzt gesagt, sind dies die affirmativen, pro-kapitalistischen Spitzen, die Empire als Theorieereignis benötigt, um auch jene Schichten zu treffen und anzurufen, die sich einer Perspektive der Selbstermächtigung im globalisierten Kapitalismus verpflichtet sehen.

[1Vgl. hierzu Stefan Moebius, Contre Attaque. Eine politische Initiative französischer Intellektueller in den 30er Jahren, in: Sozial.Geschichte. Zeitschrift für historische Analyse des 20. und 21. Jahrhunderts Heft 2/2003

[2Leider findet sich in der sehr durchdachten und materialreichen Kritik von Jan Rehmann keine ausführliche Darstellung und Kritik dieses Gründervaters des postmodernen Denkens. Vgl.: Jan Rehmann, Postmoderner Links-Nietzscheanismus. Deleuze & Foucault. Eine Dekonstruktion, Hamburg 2004

[3Jürgen Habermas, Der philosophische Diskurs der Moderne, Zwölf Vorlesungen, darin: Zwischen Erotismus und Allgemeiner Ökonomie: Bataille, Frankfurt am Main 1989, S 248-278

[4George Bataille, Die psychologische Struktur des Faschismus, München 1978

[5Detlef Hartmann, „Empire“ - linkes Ticket für die Reise nach rechts. Umbrüche der Philosophiepolitik, Berlin 2002, vgl. aber auch die in analyse und kritik dokumentierte Nietzsche-Diskussion zwischen Hartmann und Thomas Seibert: ak Nr. 445 (21.Dez. 2000) und 448 (15. März 2001). Eine von mir verfasste kurze Kritik an Hartmanns Buch erschien in der Wildcat Nr. 66, http://www.wildcat-www.de/wildcat/66/w66hartm.htm

[6Vgl.: Martha Zapata Galindo, Triumph des Willens zur Macht. Zur Nietzsche-Rezeption im NS-Staat, Hamburg 1995

[7Max Horkheimer, Nietzsche und das Proletariat, aus: Notizen 1950-1969 und Dämmerung. Notizen in Deutschland, Frankfurt am Main 1974, S.248

[8Man sehe sich nur die folgenden Bemerkungen Nietzsches an: „Das gleiche gilt beinahe für ganz Europa: im wesentlichen hat die unterworfne Rasse schließlich daselbst wieder die Oberhand bekommen, in Farbe, Kürze des Schädels, vielleicht sogar in den intellektuellen und sozialen Instinkten: wer steht uns dafür, ob nicht die moderne Demokratie, der noch modernere Anarchismus und namentlich jener Hang zur »commune«, zur primitivsten Gesellschafts-Form, der allen Sozialisten Europas jetzt gemeinsam ist, in der Hauptsache einen ungeheuren Nachschlag zu bedeuten hat - und daß die Eroberer- und Herren-Rasse, die der Arier, auch physiologisch im Unterliegen ist?...“ Friedrich Nietzsche: Werke und Briefe: Erste Abhandlung: »Gut und Böse«, »Gut und Schlecht«, vgl. Nietzsche-Werke Bd. 2, S. 776-777

[9George Bataille, Nietzsche im Lichte des Marxismus, in: Werner Hamacher (Hg.), Nietzsche aus Frankreich, Berlin/Wien 2003,S.24

[10a.a.O., S. 26

[11a.a.O., S. 25

[12Tatsächlich beschreibt Bataille in seinem Hauptwerk Die Aufhebung der Ökonomie vollkommen korrekt, wenn auch zuweilen zu apologetisch den Zweck des Stalinismus als Steigerung der Produktivkräfte. George Bataille, Die Aufhebung der Ökonomie, München 1985, S. 182-207

[13Foucault brachte bekanntlich „jenem berühmten Nach-Hegelianer“, der nur meine, das Leben sei Arbeiten, eine gute Portion Skepsis entgegen. Hier scheint jedoch eher ein KPF-Marx Pate gestanden zu haben, als der Marx, wie er vom westlichen Marxismus entdeckt und interpretiert wurde.

[14George Bataille, Nietzsche und der Nationalsozialismus, in: Nietzsche und der Wille zur Chance, Berlin 2005, S.223

[15a.a.O., S.224 Hieran schließt sich die Frage an, welchen Begriff von klassischem Marxismus und Kommunismus Bataille hatte. Er scheint in dieser Diagnose doch sehr stark den (philosophischen) Stalinismus vor Augen gehabt zu haben, der die Erkenntnisse des frühen Marx, besonders der Feuerbach-Thesen, verdrängt hatte. In diesen Schriften ging es sehr wohl um die Befreiung des Individuums.

[16Bei Nietzsche finden sich dezidiert antisemitische, anti-antisemitische und philosemitische Aussagen, die aber allesamt ein homogenisierendes Bild vom „Juden“ entwerfen. Die Ablehnung der deutschen Antisemitenbewegung durch Nietzsche schöpft sich aus seinem Elitedenken, das im Antisemiten einen lächerlichen Zu-kurz-Gekommenen voller Ressentiments sieht, der sich nicht zum aktivistischen Übermenschen eignet. Die armen Ostjuden trifft der Antisemitismus Nietzsches dafür um so stärker. Der Philosoph Nietzsche stellt so einen ambivalenten Meister der Krise dar, wie ich es in meinem Buch zu antisemitischen Krisenlösungsmechanismen dargestellt habe, vgl.: Gerhard Hanloser, Krise und Antisemitismus, Münster 2003

[17Winfried Schröder, Moralischer Nihillismus. Radikale Moralkritik von den Sophisten bis Nietzsche, Stuttgart 2005, S.56

[18Nach Mattheus, a.a.O. S.296

[19Nach: Mattheus, a.a.O., S.308

[20Gut zusammengefasst bei Rita Bischof, Souveränität und Subversion, München, 1984, S.275ff.

[21Nach: Mattheus, a.a.O. S.307

[22Bernd Mattheus, George Bataille. Eine Thanatographie I, München 1984, S.357

[23Nach: Schröder, a.a.O. S. 52

[24Bernhard H.F. Taureck, Nietzsche und der Faschismus. Ein Politikum, Leipzig 2000, S.249

[25a.a.O., S.250

[26Jacques Le Rider, Nietzsche in Frankreich, München S.97

[27Maria Turchetto, Das Empire schlägt zurück, http://www.wildcat-www.de/zirkular/65/z65turch.htm

[28Toni Negri, Sabotage, München 1979, S.58

[29Negri/Hardt, Empire

[30Hartmann, a.a.O. S. 109-132

[31a.a.O., S. 47

[32John Holloway, Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen, Münster 2002, zur „Positivierung des Operaismus“ durch Negri vgl.: 192ff.

[33Obwohl der Begriff des Widerstands mehrere Male als positiver Begriff in Empire auftaucht.

[34Vgl. z.B.: „Wer ist heute das revolutionäre Subjekt?“ Gespräch mit Constanzo Preve, in: junge Welt, 15.1.2003

[35Ob diese Hoffnung, der ein gewisser Automatismus anhaftet, heutzutage oder jemals Geltung beanspruchen darf, wäre eine andere, aber sicherlich lohnenswerte Debatte.

[36Hartmann, a.a.O. S.34

[37Vgl.: Helmuth Lethen, Verhaltenslehre der Kälte. Lebensversuche zwischen den Kriegen, Frankfurt am Main 1994, S. 187ff.

[38Rüdiger Hentschel, Exekution der Moderne. Zu E.Jüngers ’Der Arbeiter’ und G.Deleuze/F.Guattaris ’Anti-Ödipus’, in: Horst Kurnitsky (Hrsg.), Notizbuch: Psychoanalyse und Theorie der Gesellschaft. Berlin 1979. 53-77

[39Ders. S.54f.

[40Gilbert Achcar, Der Schock der Barbarei. Der 11. September und die „neue Weltordnung“. Köln 2002, S.129 Fuß.20

[41Vgl.: Hardt/Negri, S. 150ff.

[42In den Worten von Deleuze und Guattari aus dem Antiödipus: „Nicht Mensch noch Natur sind mehr vorhanden, sondern einzig Prozesse, die das eine im andern erzeugen und die Maschinen auseinanderkoppeln“

[43Hardt/Negri, S. 106

[44Hardt/Negri, S. 394

[45So H.D.Kittsteiner in einer ansonst sehr bürgerlich-reformistisch gestimmten Kritik von Empire, H.D.Kittsteiner, EMPIRE. Über Antonio Negris und Michael Hardts revolutionäre Phantasien, in: Ders., Out of Control. Über die Unverfügbarkeit des historischen Prozesses, Berlin/Wien 2004, S.307

[46Dies wurde sehr gut dargelegt von Rehmann, a.a.O., S. 52ff.

[47Rehmann, a.a.O. S.59

[48Sergio Bologna führt aus, dass in der Krise der New Economy, also kurz nachdem Empire geschrieben wurde, diese Schicht ein klares Gesicht bekam : „Es handelt sich um junge Frauen und Männer, die Cappuccino trinkend vor ihren drahtlos mit dem Internet verbundenen Laptop in den New Yorker Cafes sitzen, wo die arbeitslos gewordenen WissensarbeiterInnen sich versammeln, damit beschäftigt, Lebensläufe zu verschicken, Internetseiten mit Arbeitsangeboten zu durchforsten, die Kreditzahlungen für die Wohnung oder für das geleaste Auto neu zu verhandeln und - vielleicht das erste Mal in ihrem Leben – Beziehungen zu Leuten knüpfen , die sich in derselben Situation befinden.“ Sergio Bologna, Die Zerstörung der Mittelschichten. Thesen zur neuen Selbständigkeit, Wien 2006, S.

[49Über Zynismus und andere mentale Verhaltensweisen der „Multitude“ bietet Virno einige kluge Bemerkungen, Paolo Virno, Grammatik der Multitude, Wien 2005

[50Zu dieser bedenkenswerten Interpretation des späten Foucault siehe: Tilman Reitz, Die Sorge um sich und niemand anderen. Foucault als Vordenker neoliberaler Vergesellschaftung, in: Das Argument 249/2003, S.82ff.

[51Negris vehemente Ablehnung des Denkens Heideggers lässt an seiner Abscheu gegenüber dem Philosoph des Nazismus, der Heidegger gerne gewesen wäre, keinen Zweifel aufkommen, vgl.: Antonio Negri, Rückkehr. Alphabet eines bewegten Lebens, Frankfurt/New York 2003, H wie Heidegger, S. 92 ff.

[52Sehr schön zusammengefasst ist diese Option bei Friedrich Balke, Gilles Deleuze, Frankfurt am Main/New York 1998, S.149

Ich bedanke mich bei der grundrisse-Redaktion für Kritik, Hinweise und Vorschläge – auch wenn der Dissens, vor allem was den Abschnitt über „Empire“ anbelangt, weiterhin besteht.

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