Grundrisse, Nummer 34
Mai
2010
Angelika Ebbinghaus, Max Henninger, Marcel van der Linden (Hg.):

1968

Ein Blick auf die Protestbewegungen 40 Jahre danach aus globaler Perspektive

Wien: Akademische Verlagsanstalt, 2009, 228 Seiten, 25 Euro

Dieser Sammelband ist aus einer HistorikerInnentagung in Linz im Jubiläumsjahr 2008 hervorgegangen. Er beinhaltet elf Artikel, die thematisch gruppiert sind. Die ersten vier stehen unter dem Vorzeichen von Fallstudien. Anhand der Ereignisse in China, aus der chinesischen Binnenperspektive abgehandelt, dem „Prager Frühling“, den ArbeiterInnenkämpfen im norditalienischen Porto Marghera sowie der Studierendenbewegung in Pakistan wird das Phänomen 68 näher beleuchtet. In einem weiteren Abschnitt werden intellektuelle und aktivistische Netzwerke analysiert. Gegenstand dafür ist die Agitation unter den amerikanischen GIs in Europa im Kontext der Deserteursbewegung, die ArbeiterInnenselbstverwaltung in Jugoslawien sowie die Bedeutung und Ausstrahlung der Kubanischen Revolution. Nachwirkungen und Folgen werden anhand der neuen Frauenbewegung sowie der bewaffneten Gruppen in Deutschland und Italien untersucht. Im letzten Abschnitt soll der Bogen bis zur Gegenwart geschlagen werden. Wir lesen Reflexionen über den Zusammenhang zwischen „May 1968 and the Alternative Globalisation Movenemt“ sowie einen Text von Peter Birke, der gängige Deutungsschemata der 68er Bewegung als „kulturelle Revolution“ oder „Modernisierungsschub“ einer Kritik unterzieht.

Der Sammelband wird von den HerausgeberInnen unter das Motto eines globalen Blicks auf 1968 gestellt. Sie plädieren für eine Eingrenzung des 68er Phänomens auf die Jahre 1967 bis 1969. Eine Sichtweise, die ich voll und ganz unterstütze. Ebenso, und das versteht sich aus dem Zusammenhang der Buchentstehung eigentlich von selbst, soll die 68er Bewegung als Gegenstand historischer Forschung und nicht als Objekt persönlicher Erinnerungen und kritischer oder affirmativer Polemiken entfaltet werden. Entscheidende Fragen werden formuliert: Wie ist die weltweite Gleichzeitigkeit der Revolten zu verstehen? „Was war für die 68er Bewegung charakteristisch?“ Welche Ereignisse sollen zu 68 gezählt werden, welche doch nicht? „Macht es Sinn, beispielsweise die maoistischen Naxaliten in Indien oder eine leninistisch organisierte nationale Befreiungsbewegungen in Afrika“ unter dem Label 68 zu subsumieren? Und nicht zuletzt: In wie weit und in welche Richtung hat die 68er Bewegung die Gesellschaft verändert? Werden diese Fragen im Buch beantwortet? Die Antwort lautet Jein. In vielen Beiträgen wurde sehr viel interessantes Material aufgearbeitet und über konkrete Ereignisse und Prozesse informiert, die nicht allgemein bekannt sind. Wer kennt z.B. schon die Entwicklung der Frauenbewegung in Japan so genau? Informativ ist das Buch in jedem Fall, auch für jene, die sich intensiv mit der 68er Bewegung beschäftigt haben. Die analytischen Fragen bleiben jedoch mehr oder minder offen. Ich denke, das liegt auch an der Charakteristik eines Sammelbandes. Eine umfassende Analyse und Einschätzung der 68er Bewegung kann nicht in einem kurzen Beitrag geleistet werden, zumal diese sich ja spezielle Themen vorgenommen haben.

Begleitend zur Tagung, so informiert das Vorwort, wurde auch das Thema „wer zu den GewinnerInnen und wer zu den VerliererInnen der 68er Bewegung“ zu zählen sei, diskutiert. Ein Resümee dieser Debatte lautete: „Neben diesen GewinnerInnen habe es viele, heute vergessene VerliererInnen gegeben, die mit dem Zerfall der 68er Bewegung resigniert hätten oder selbst zerbrochen seien.“ Dass diese Tatsache klar ausgesprochen wurde, wenn auch nur kurz im Vorwort, ist wohltuend und lässt all jenen Gerechtigkeit angedeihen, die an der Niederlage der 68er Bewegung gescheitert sind.

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