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"Tun, was getan werden muss..." - Frauen, Widerstand, Exil und Verfolgung im Nationalsozialismus |
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Die Rolle von Frauen im Widerstand gegen den Nationalsozialismus ist lange
Zeit ebenso ignoriert worden wie die spezifischen Verfolgungspraktiken gegenüber
weiblichen Opfern der NS-Herrschaft - von Eva Krivanec
Der Widerstand von Frauen gegen das NS-Regime – in den
verschiedensten Formen und aus sehr unterschiedlichen Positionen heraus
– wurde lange Zeit nicht als solcher wahrgenommen oder in seiner
Bedeutung gering geschätzt. Auch die Rolle von Frauen bei der Flucht
und im Exil – in vielen Fällen waren sie wesentlich an der Organisation
der Flucht und an der Existenzsicherung im Zufluchtsland beteiligt –
war zunächst kein Thema der zeitgeschichtlichen Forschung. Selbst die
Millionen weiblicher Opfer der nationalsozialistischen Verfolgungs- und
Vernichtungspolitik wurden, gerade was die spezifischen, explizit gegen
Frauen gerichteten Formen von Erniedrigung, Folter, sexualisierter und
sexueller Gewalt oder die Trennung von Kindern und Säuglingen betrifft,
nicht angemessen thematisiert.
Das gilt in besonderer Weise für die akademische Geschichtsschreibung
in Deutschland und Österreich, die durch jahrzehntelanges beharrliches
Schweigen ihren Beitrag zu Verdrängung und Verleugnung leistete. Es
gilt aber größtenteils auch für die Organisationen des Widerstands und
der Überlebenden. Auch hier werden Frauen – mit Ausnahme einzelner
"Heldinnen" – eher am Rande oder in helfender, zuarbeitender Position
erwähnt. Sie kamen vielfach auch nicht in den Genuss von Ehrungen oder
Entschädigungen – dort wo es solche überhaupt gab, also etwa in
Frankreich –, die Männer mit größerer Selbstverständlichkeit
zugesprochen bekommen haben und auch für sich in Anspruch nahmen.
Rachel Cheigham, Aktivistin der Armée Juive in Nizza, formuliert diese
auch von Frauen verinnerlichte Minderbewertung so: "Die Männer, die
direkt gegen den Feind gekämpft haben, in der direkten Konfrontation,
haben nicht mehr gemacht als die Frauen, aber sie haben das
Bewusstsein, gekämpft zu haben. Die Frauen haben nicht das Gefühl
gekämpft zu haben. Sie haben den Eindruck, sie haben getan, was getan
werden musste. [...] Mit Auszeichnungen wurden nach dem Krieg die
Männer dekoriert, nicht die Frauen." Nach Jahren unermüdlicher
Aktivität, großer Verantwortung und hohem Risiko wurden viele der
Frauen nach 1945 zurück an den Herd gedrängt oder durften gerade noch
als Sekretärinnen der Partei oder Organisation dienen.
Wesentliche Beiträge zur Geschichte der Frauen als NS-Opfer und als
Aktivistinnen im Widerstand entstanden im deutschsprachigen Raum seit
Anfang der 80er Jahre. Pionierinnenarbeit auf diesem Gebiet leistete
unter anderem Hanna Elling, selbst Widerstandskämpferin und Überlebende
des Frauenkonzentrationslagers Moringen, deren Buch "Frauen im
deutschen Widerstand 1933-1945" bereits 1979 erschienen ist. In
Österreich waren es Karin Berger, Elisabeth Holzinger, Lotte Podgornik
und Lisbeth Trallori, die in der ersten Hälfte der 80er Jahre insgesamt
hundert Frauen in ganz Österreich, die in unterschiedlicher Weise
Widerstand leisteten, interviewt haben, ein Forschungsprojekt, aus dem
zwei Dokumentarfilme und das Buch "Der Himmel ist blau. Kann sein.
Frauen im Widerstand. Österreich 1938-1945" entstanden, die diesen
Frauen erstmals Öffentlichkeit, eine Stimme gaben. Sie selbst meinten
1984: "Wir sind mit unserem Interesse schon sehr spät gekommen." Ganz
wesentliche Forschungs- und Öffentlichkeitsarbeit leistete auch Ingrid
Strobl, deren Darstellung des bewaffneten antifaschistischen Kampfs von
Frauen in West- und Osteuropa 1989 erschien und die 1998 die erste
umfassende deutschsprachige Publikation zu jüdischen Frauen im
Widerstand veröffentlichte. Auch sie stützt sich auf eine Fülle von
Interviews mit überlebenden Frauen, die sie, ergänzt durch eine
umfassende Aufarbeitung von Literatur und Dokumenten, kunstvoll
zueinander in Beziehung setzt – eine "Montage" ganz im Sinne Walter
Benjamins – und damit zu einer vielstimmigen, aber deshalb keineswegs
weniger deutlichen Darstellung der Widerstandsbewegungen in Ost- und
Westeuropa gelangt. 2001 erschien in Wien die zweibändige Publikation
"Vom Leben und Überleben – Wege nach Ravensbrück", die ebenfalls aus
einem Projekt heraus entstand, zu dem die Frauen der "Lagergemeinschaft
Ravensbrück" den Anstoß gaben. Auch hier wurden über 40
Lebensgeschichten von österreichischen Überlebenden von Ravensbrück in
Interviews erzählt und aufgezeichnet. Hier kommen auch erstmals in
größerem Umfang österreichische Romni zu Wort, eine jener Opfergruppen,
die lange Zeit in der Erinnerung ausgeblendet waren und die – wie viele
andere Opfer auch – nach 1945 unter neuerlicher Diskriminierung und
Anfeindung litten.
Die langsame Etablierung der "Oral History" als Methode der
Geschichtsforschung hat auch der Forschung über Widerstand, Flucht und
Verfolgung von Frauen im Nationalsozialismus wesentlichen Rückhalt
gegeben, denn es handelt sich um Bereiche, wo oft schriftliche
Dokumente und Materialien entweder ganz fehlen oder ein höchst
einseitiges, aus NS-Perspektive entwickeltes Bild vermitteln, denn der
Verzicht auf oder die rasche Beseitigung von schriftlichen Dokumenten
war für den Untergrund überlebenswichtig. Nur die ehemals Beteiligten
"können – mit allen Einschränkungen, Mängeln und Fehlern – die
Geschichte des Widerstands rekonstruieren, denn sie haben diese
Geschichte gemacht." Natürlich müssen sich ForscherInnen, die "Oral
History" betreiben, der Verantwortung bewusst sein, die sie gegenüber
diesen Personen und Erzählungen haben. Dies wird aber zumeist in den
Publikationen und Forschungsberichten klar thematisiert: "Immer mehr
begriffen wir, was unser plötzliches Eindringen für sie bedeuten
musste: das Heraufholen schrecklicher Erlebnisse, oft zum erstenmal
nach vielen Jahren; das Aufbrechen alter Wunden, mit denen wir sie dann
allein ließen." Es wurde auch nach Möglichkeiten gesucht, diese
Schmerzen (durch Empathie und Interesse aber auch durch konkrete
Hilfestellungen) zu lindern.
Es ist auffällig, dass die Forschung zu diesem Themenkomplex wenig
etabliert ist und kaum institutionelle Anbindung besitzt. Jene
Institutionen, die sich der Aufarbeitung von Widerstand, Exil und
Verfolgung verschrieben haben, sind meist finanziell gefährdet und
marginalisiert. So wird die Arbeit eher von einzelnen engagierten
Frauen geleistet, die ihre Forschung, ihre Aufarbeitung von Erzählungen
und Dokumenten vergessener und missachteter Frauen und ihrer
Leistungen, ihrem Mut und ihrer Stärke, ihrer Verzweiflung und ihrer
Trauer in einen explizit politischen, feministischen und
antifaschistischen Kontext stellten.
Aktiver und passiver Widerstand
Die Unsichtbarkeit weiblicher Widerstandskämpferinnen liegt zu einem
großen Teil am hartnäckigen Fortbestand der Kategorisierung in
"aktiven" und "passiven" Widerstand, die nicht nur falsche Einteilungen
produziert, sondern auch eine Wertung nahe legt. Das Paradigma des
"aktiven Widerstands" ist ein militärisches: der Kampf mit der Waffe in
der Hand. Hier wiederum sind jene Frauen, die sich an bewaffneten
Aktionen direkt beteiligt haben, mit dem Stigma des Unweiblichen, des
nicht Vorzeigbaren konfrontiert und aus diesen Gründen aus den Bildern
der Erinnerung gelöscht, während selbst innerhalb des "bewaffneten
Widerstands" jene strategisch unverzichtbaren Aufgaben, wie das
Herstellen der Verbindung zwischen einzelnen Gruppen, das
Auskundschaften, die Beschaffung und der Transport von Waffen,
Lebensmitteln oder illegalen Druckschriften, die vielfach von Frauen
übernommen wurden, kaum Beachtung finden. Jene Formen illegaler
Aktivitäten, die sich darauf konzentrierten, Juden und Jüdinnen, sowie
andere Verfolgte zu retten, mussten sich nach 1945 erst mühsam um
Anerkennung bemühen. Gerade hier waren Frauen unter enormem
persönlichen Einsatz und unter großer Gefährdung ihrer eigenen Existenz
und jener ihrer Familien aktiv tätig. Sie suchten, teils individuell,
teils in organisierten Netzwerken Unterkünfte und Verstecke für
jüdische Kinder und Jugendliche, aber auch für Erwachsene, die nicht
flüchten konnten. Sie leisteten Fluchthilfe und organisierten
Fluchtwege und versorgten die im Untergrund Lebenden mit den
allernötigsten Lebensmitteln.
In der aktuellen Literatur wird häufig die Einteilung in die Kategorien
bewaffneter, politischer und humanitärer Widerstand verwendet. Auch
hier besteht die Gefahr, dass Leistungen einzelner Frauen aus diesen
Kategorien herausfallen und sich die Wertung, die den Begriffen
"aktiver" und "passiver" Widerstand inhärent ist, fortschreibt.
Jüdische Frauen im Widerstand, die aus der Situation eigener
unmittelbarer Bedrohung, aus dem vielfach noch unvollständigen, aber
die unvorstellbaren Schrecken vorzeichnenden Wissens um die Shoah
agierten, sind darüber hinaus der weitgehenden Ignoranz der
Historiographie des Widerstands (mit Ausnahme der in Israel und
teilweise den USA geleisteten Forschung) gegenüber dem großen Anteil
von Juden und Jüdinnen am Widerstand ausgesetzt. Gerade anhand des
Beispiels Frankreich lässt sich zeigen, dass sowohl in der
gaullistischen als auch in der kommunistischen Résistance sehr rasch
eine teilweise antisemitisch geprägte "Französisierung" eintrat, was im
Falle des kommunistischen Widerstands glatter Geschichtsfälschung
gleichkommt, da es hier einen dominanten Anteil jüdischer Emigranten
und Emigrantinnen gab. Jene jüdisch-kommunistischen
Widerstandskämpferinnen, die in Frankreich blieben, wurden der KP
eingegliedert. Somit wurde auf organisatorischer Ebene die
gleichzeitige Vereinnahmungs- und Marginalisierungsstrategie vollzogen,
die sich auf der Ebene der Geschichtsschreibung und Erinnerung
fortsetzte. In ähnlicher Weise wurden die Organisationen des jüdischen
Widerstands in Frankreich im Rahmen der Erinnerung an die Résistance
entweder ganz verschwiegen oder in ihrer Eigenständigkeit missachtet.
Die Unterschiede zwischen dem Widerstand in Westeuropa und Osteuropa
lagen weit weniger an unterschiedlichen politischen Haltungen oder
Lebensgewohnheiten der am Widerstand sich Beteiligenden, als an der in
völlig anderen Dimensionen und mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit
vorangetriebenen nationalsozialistischen Vernichtungspolitik in
Osteuropa. "Anders als in den besetzten Ländern Westeuropas errichteten
die deutschen Besatzer in Polen vom ersten Tag an ein Terrorregime." An
Emigration war ab diesem Zeitpunkt kaum noch zu denken.
In Deutschland und Österreich war der Widerstand mit der massenhaften
Unterstützung des Nationalsozialismus konfrontiert, in hohem Maße der
Denunziation ausgesetzt und konnte kaum mit Unterstützung in der
Bevölkerung rechnen. Politische Kräfte, die sich bereits vor 1933 im
Kampf gegen die NSDAP befanden, waren nach der Machtergreifung
unmittelbarer Verfolgung ausgesetzt. Die Flucht aus Deutschland gelang
jedoch zu diesem Zeitpunkt noch leichter, und so versuchten viele
Geflüchtete aus dem Exil heraus gegen den Nationalsozialismus
anzukämpfen und anderen Menschen die Flucht zu ermöglichen.
Die Geschichte der Frauen zu schreiben, die überleben konnten, ihre
Perspektive auf ihr Leben und ihre gegenwärtige Situation als
wesentlich zu achten, sie für sich sprechen zu lassen und zuzuhören,
führt uns wichtige Teile der Geschichte des Nationalsozialismus vor
Augen. Gleichzeitig braucht es aber Formen der wissenschaftlichen und
historischen Repräsentation all jener, die nicht überlebt haben, die
ermordet und vernichtet wurden, die nie mehr sprechen konnten. An ihrem
Schweigen kommen wir nicht vorbei.
Literatur:
Helga Amesberger/ Brigitte Halbmayr: Vom Leben und Überleben – Wege
nach Ravensbrück. Das Frauenkonzentrationslager in der Erinnerung. 2
Bände. Wien 2001
Karin Berger/ Elisabeth Holzinger/ Lotte Podgornik/ Lisbeth Trallori
(Hg.): Der Himmel ist blau. Kann sein. Frauen im Widerstand. Österreich
1938-1945. Wien 1985
Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (Hg.): Erzählte Geschichte. Band 1-4. Wien 1985-1993
Hanna Elling: Frauen im deutschen Widerstand 1933-1945. Frankfurt/M. 1979
Ingrid Strobl: Die Angst kam erst danach. Jüdische Frauen im Widerstand 1939-1945. Frankfurt/M. 1998
Ingrid Strobl: "Sag nie, du gehst den letzten Weg". Frauen im
bewaffneten Widerstand gegen Faschismus und deutsche Besatzung.
Frankfurt/M. 1989
Gerda Szepansky: Frauen leisten Widerstand 1933-1945. Lebensgeschichten nach Interviews und Dokumenten. Frankfurt/M. 1983 |
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