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Das "zweite Geschlecht" und das "Dritte Reich" |
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Was passiert, wenn Frauen sich als Frauen denken und den
Nationalsozialismus begreifen wollen? Worin liegt der Grund für die
Kapitulation der bürgerlich-demokratischen Frauenbewegung vor dem
Faschismus? - von Gabriela Walterspiel
"Die Tat der KZ-Wächterin gegenüber ihren Opfern bleibt eine
Machtausübung und Vergewaltigung. Die Frage nach der Mittäterschaft,
der Verstrickung mit dem Täter, steht im Zusammenhang mit ihrem eigenen
Untergeordnetsein, ihrer eigenen Bedrohung durch die Mächtigeren. Sie
trägt Verantwortung für ihre Tat in dem Maße, wie sie Macht ausübt,
wenngleich sie nicht verantwortlich ist für ein System, in dem sie
selber untergeordnet ist."
Hier spricht ein Bewusstsein, wie es Claude Lanzmann in seinem Film
"Shoah" an den kleinen Leuten gezeigt hat, an den Eisenbahnern, den
Nachbarn der Deportierten, den Helfershelfern und den Rädchen im
Getriebe. Der Gedanke ist klar: die Bilanz umfasst Licht- und
Schattenseiten, Soll und Haben, und sie umfasst Faschismus und
Weiblichkeit.
Kappelers Aussage bündelt den Punkt der maximalen Übereinstimmung von
feministischer Wissenschaft, Politik und also Ideologie. Sie bildet den
"point of no return". Denn hier haben wir die drei zentralen Theoreme
der feministischen Diskussion: erstens die Frau als Unterdrückte und
als Opfer, zweitens die Frau als Täterin und/oder Mittäterin und
drittens das frauenverachtende Patriarchat. Indem Kappeler den
Nationalsozialismus als patriarchales System definiert, bewegt sie sich
im Mainstream des feministischen Bewusstseins: Die feministische
Theorie erblickt das Wesen des Nationalsozialismus in jener Trennung,
die er zwischen Männern und Frauen zieht, in einer Spaltung der
Menschheit und einer generellen Abwertung ihres weiblichen Teils, die
wiederum auf den Grundwiderspruch von Patriarchat und Weiblichkeit
zurückführt. Nichts anderes sei der Faschismus als der ultimate Exzess
des Patriarchats.
Das Nachdenken und Forschen der Frauen als Frauen über den Faschismus
führt auf eine befremdliche Konsequenz. Diese Methode der
Geschichtsschreibung mündet ihrer Tendenz nach darin, die Wahrheit des
Faschismus exklusiv für jede der unzähligen Interessengruppen zu
schreiben, aus denen eine bürgerlich-pluralistische Gesellschaft
besteht. Aber das Forschen und Nachdenken der Frauen als Frauen über
den Faschismus führt nicht nur auf diese beschriebene befremdliche
Konsequenz, sondern sie offenbart eine systematische Defizienz. War der
NS wirklich der Kampf der Männer als Männer gegen die Frauen als
Frauen? Wenn das stimmt, dann hätten die Nazis sich umstandslos mit den
männlichen Juden verbünden können, um gemeinsam gegen deutsche und
jüdische Frauen vorzugehen. Dass sie es nicht getan haben, das kann
dieser Feminismus nicht einfach nur nicht erklären – er muss es
vielsagend beschweigen.
Die Vorstellung vom "patriarchalen NS-Staat" hat die Meinung, die
Frauen als Frauen seien Opfer gewesen, unmittelbar zur Folge. Es
herrscht ein unheimliches Bedürfnis, die Frauen als Frauen zu
entlasten, sie im nachhinein um ihre Tat zu bringen, weil sie doch nur
als "fremdbestimmte, willenlose Objekte funktionieren konnten". Diese
Form feministischer Entsorgung der Vergangenheit arbeitet damit, dass
nicht die Frauen, ihre materiellen Motive und politischen Strategien
zum Gegenstand der Untersuchung gemacht werden, sondern dass sie sich
vielmehr am Frauenbild des NS und seiner Frauenpolitik abarbeitet. Weil
die Frau als bürgerliches Subjekt nicht vorkommen darf und weil sie
unmittelbar als Frau genommen werden muss, verfällt diese Untersuchung
keinesfalls in Ideologiekritik und betreibt eine alternative
Ideengeschichte, von der unterstellt wird, sie spiegele das eigentliche
und handlungsleitende Denken des Staates und/oder der Faschisten
treulich wieder. Daraus erwächst die Möglichkeit, selbst überzeugte
Nationalsozialistinnen zu Opfern zu stilisieren, das heißt die Frauen
um ihren eigenen historischen Faschismus zu betrügen. Eine
"Aufsichtsmaschine" oder "Gebärmaschine", zu der die Frauen nach Renate
Wiggershaus degradiert wurden, braucht sich über ihre eigenen Impulse,
Beweggründe und Interessen keine Gedanken mehr zu machen. Die
faschistische Frau ist dann ein Knopfdruckwesen, ein Instrument, deren
Motor außerhalb ihrer selbst liegt. In dieser Perspektive wird selbst
das bescheidene Stückchen Eigenverantwortlichkeit, das Susanne Kappeler
der KZ-Wächterin immerhin zusprach, ohne weiteres zurückgenommen.
Zwei Spielarten
Die Theorie vom "patriarchalen NS-Männerstaat" hat eine harte und eine
weiche Variante. In beiden Varianten findet sich mitunter eine
Gleichsetzung von Antifeminismus und Antisemitismus, in der eine
Verharmlosung von Auschwitz beschlossen ist, die ihresgleichen sucht.
Die harte Variante definiert das Patriarchat als die absolute
Herrschaft der Männer als Männer. Ihnen soll es gelungen sein, die
Rasse der Frauen zu willenlosen, willfährigen und dumpfen Objekten zu
formen. Die Macht der Männer sei es, die seit der chauvinistischen
Machtergreifung von Adam Hitler die Gattungsgeschichte bestimmt – und
der NS sei bloß eine besonders böse Ausgabe dieses fundamentalen, aber
sich gleichwohl immer wieder anders darstellenden gesellschaftlich
basalen Tatbestandes.
Die weiche Variante bemüht sich, die historische Dialektik zumindest zu
simulieren und sich dem Vermittlungsproblem irgendwie zu stellen.
Während die Opferthese den NS als die radikale Negation der Frau als
Frau auffasst, sieht die geschmeidigere These der Mittäterinnenschaft
eine Negation der Negation am Werk. Wo die Opferthese den Ausschluss
bis an sein Extrem – den Tod – vorangetrieben sieht, da gewährt ihr
weiches Pendant eine durch eben diesen Ausschluss produzierte äußerste
Intensivierung und Konzentration des Weiblichen in den Frauen. So
schreiben Annette Kuhn und Valentine Rothe: "Gerade in den
Extremsituationen des nationalsozialistischen Terrorregimes, als
traditionelle Rollenvorstellungen versagten, werden nachfaschistische
und nachpatriarchalische Normen sichtbar."
Diese – erkenntnistheoretisch betrachtet – elegante Dynamisierung der
feministischen Theorie, drückt sich um die Kritik gerade der als
männlich wie weiblich missverstandenen bürgerlichen Sekundärtugenden.
Denn waren es nicht gerade die traditionellen Geschlechtscharaktere,
die es den Individuen erlaubten, sich für "Extremsituationen" zu
ertüchtigen und ihre Gewissensbisse im Befehlsnotstand zu bewältigen –
so sie denn welche hatten? Und waren es nicht gerade die Frauen, die
Arierstolz, Demut und weibliches Selbstbewusstsein erschreckend gut
miteinander zur deutschen Identität zu verknüpfen wussten, die Frauen
also, die als Mütter und Kameradinnen ihren militanten Männern das
seelische Futter gaben, an dem sie an der Front und im Lager zehren
konnten? Wie lobend spricht doch Rudolf Höß von seinem Heimchen, das
ihm nach langem Vernichtungstag Kraft und Liebe spendete, und zwar
unbezahlt! Hatten nicht die Männer, die in Nürnberg zum Tod verurteilt
wurden, ganz normale Frauchen, die sich aller Kniffe weibliche
Verhaltens zu bedienen wussten – Frauen wie die des Generalgouverneurs
von Polen, Frank, die gerne den Krakauer Judenmarkt besuchten und den
Preis für weibliche Accessoire mit Todesdrohungen herunterzuhandeln
wussten, Frauen wie Karin Göring, die sich mit Kind und Gatte
vergiftete – aus Angst vor Deutschlands Niederlage
Die Qualitäten, die das Patriarchat im Ausschluss der Frauen an ihnen
produzierte, steigerten sich im Faschismus nicht zum Widerspruch,
sondern sie wurden zum Moment der Reproduktion der Volksgemeinschaft
als eines Mordkollektivs.
Gleichheit und Differenz
Die Frage ist, woher es kommt, dass dieser Feminismus sich verdächtig
fleißig für die Details der internen Hierarchie der Volksgemeinschaft
interessiert und dabei den Fakt, dass diese intern stark differenzierte
faschistische Gesellschaft bis zum letzten Kriegstag monolithisch
geschlossen ihre wirklichen und imaginierten Feinde bis aufs Messer
bekämpfte, souverän ignoriert. Warum führt die erkenntnistheoretische
Aporie des Feminismus diesen dazu, den Antisemitismus und die
Vernichtung der europäischen Juden nicht denken zu können?
Der Antisemitismus steht – wie der NS insgesamt – quer zur Theorie vom
Patriarchat. Weil die Theorie ihn nur um den Preis ihrer Selbstaufgabe
und ihres Selbstdementis als Ideologie und geistigen Lobbyismus
erklären könnte, muss sie ihn rationalisieren und bis zur heimlichen
Apologie verdrängen. Dieser Tatbestand ist es, der die
Vergeschlechtlichung der Analyse als theoretischen Ausdruck der
Emanzipation der Frauen zur Teilhabe an der bürgerlichen Subjektivität
durchschaubar macht. Indem die Frauen als Frauen denken, denken sie
sich als Bürger und damit als Volksgenossen.
Seit den frühesten Zeiten einer eigenständigen Artikulation der Frauen
als Frauen – seit Mary Wollstonecraft und Olympe de Gouges – haben sie
am Problem von Gleichheit und Differenz zu knabbern und, dadurch
vermittelt, am Problem des historischen und funktionalen Status der
überwältigenden Dominanz von Männern an den Hebeln von Ökonomie, Kultur
und Politik. Die Produktivierung der Gesellschaft und die bürgerlichen
Revolutionen, die dem Kapital zum Sieg verhalfen, wurden von Männern
angeführt – aber wie verhält sich diese historische, bis heute nach-
und fortwirkende Tatsache zum systematischen Status der neuen
Produktionsweise? Ist das Geld männlich? Ist das Kapital männlich,
obwohl es seine Neutralität schon im Titel führt? Und seit dieser Zeit
wurden Frauen, die nichts anderes wollten als Bürgerinnen zu werden,
entweder geköpft – wie Olympe de Gouges – oder diskriminiert. Die
bürgerliche Revolution, die mit dem Anspruch auf Gleichheit,
Allgemeinheit und Universalität auftrat, wollte sie doch für die Frauen
nicht gelten lassen. Die Frauen wurden in eine objektiv dilemmatische
Position gedrängt – sie wurden wegen ihres Geschlechtscharakters über
den grünen Klee gelobt und angehimmelt, und sie wurden im gleichen
Augenblick eben dieser Qualitäten wegen aus der bürgerlichen
Gesellschaft ausgeschlossen und aufs "Private" verwiesen, das selbst
wieder eine öffentliche Funktion war. Dass ihr "Privates" selbst Teil
der Reproduktion des Ganzen ist, darauf pochen sie bis heute und
fordern "Lohn für Hausarbeit". Aber sie können mit dem Widerspruch
nicht zurechtkommen, dass das gesellschaftlich Notwendige noch
keineswegs das öffentlich Anerkannte darstellt, und ebenso wenig mit
dem Widerspruch, dass der ihnen zugeschriebene Geschlechtscharakter nur
die subjektive Aneignungsform und Rationalisierung ihrer Lage war und
keineswegs von Natur. So fingen die Frauen an, als Frauen zu denken,
also zu rationalisieren. Das lag im Zug der Zeit, und auch die Arbeiter
dachten sich als Arbeiter und verfielen so auf die Idee der
"Anerkennung des Werts der einfachen Arbeit" statt die Abschaffung der
Lohnarbeit vorzubereiten.
Indem sich die Frauen als Frauen denken, verfehlen sie die Erkenntnis
ihres Dilemmas und verstehen es doch zugleich. Sie verfehlen es, indem
sie dem Mann das Kapitalprinzip als sein Wesen zuschreiben, und sie
verstehen es, indem sie die Kapitalfunktion, die bis zur Gründung einer
feministischen Bank in New York ausschließlich von Männern
repräsentiert wurde, in ihrer empirischen Unmittelbarkeit nehmen. Indem
sie für ihre Rechte als Frauen und gegen die Männer eintreten,
organisieren sie ihre eigene Kapitalisierung und bereiten die
Vollendung der Geschlechtsneutralität des Kapitals vor.
Indem sich Frauen als Frauen verstehen wollen, bringen sie sich
langsam, aber mit Methode um die Vernunft. Der Faschismus bringt
historisch an den Tag, was in der erkenntnistheoretischen Aporie
logisch beschlossen ist. Im gleichen Augenblick, in dem sich der
bürgerliche Staat nicht mehr als Staat der Bürger aufführt, sondern
seine weibliche Geschlechtsmaske heraushängt und Mutterkreuze verteilt,
wissen sie nicht mehr, ob sie sich nun in ihrem Wesen anerkannt oder in
ihrem Schein verachtet fühlen sollen. Ihre Gleichheit mit den Männern
wird hergestellt – aber nicht unter den Auspizien des bürgerlichen
Rechtsstaates, sondern unter Regie des Rasseamts. Der Maßstab der
Vergleichung ändert sich zwar radikal, aber die Gleichheit tritt ein.
So sehr sind die Frauen auf das Denken ihrer selbst in Wesen und
Erscheinung hereingefallen und so fasziniert waren sie davon, sich ihre
geschlechtliche Unmittelbarkeit als gesellschaftlichen Auftrag
umzudeuten, dass sie die faschistische Definition dieser
Unmittelbarkeit als Affirmation ihres Geschlechts verstehen müssen. Wen
braucht es da noch zu wundern, dass die bürgerlich-demokratischen
Frauenverbände Arierinnenparagraphen erlassen und die Jüdinnen in dem
Moment als undeutsch und lebensunwert ausschließen, in dem der Staat
Männer und Frauen zum deutschen Volk vereinigt und die "artgemäße"
Reproduktion der Gattung zur Haupt- und Staatsaktion erklärt?
War der NS also nicht "frauenfeindlich"? Aber gewiss! Nur war er in
demselben Maße "frauenfeindlich", wie er auch "männerfeindlich" war,
das heißt nur insoweit, als er dem politischen Projekt sich
verpflichtete, das, "was deutsch ist", das heißt die Kriterien der
Zugehörigkeit zum Kollektiv – das heißt unbedingte Loyalität und
absolute Kapitalproduktivität – in die Menschen hineinzuzwingen. Nicht
"frauenfeindlich" ist der NS in genau dem Sinne gewesen, als es keinen
prägnanten Zusammenhang zwischen der NS-Rassenideologie und einer
spezifischen, die Männerfeindlichkeit qualitativ überschreitenden
Frauenfeindlichkeit gibt. Es gab genug Nationalsozialistinnen der
ersten Stunde, die sich das "Dritte Reich" als Abschaffung des
Patriarchats dachten und dafür eintraten. Der Faschismus hat die Frau
als Frau als funktional Gleiche und different Anerkannte auf den
Begriff gebracht.
Frauen, die als Frauen denken, sind unfähig, die Gleichheit der
Menschen anders zu denken denn als repressive Vergleichung. Indem sie
die erst noch zu erkämpfende Gleichheit ohne Zwang nur in der
Perspektive entweder der Vergleichung mit den bürgerlichen Männern oder
der kollektiven Differenz zu antipartriarchalen Frauen zu denken
vermögen, haben sie ihren eigenen potentiellen Faschismus immer schon
bejaht.
Kapital und Arbeit, Mann und Frau
Der faschistische Souverän, der Kapital und Arbeit in sich versöhnt,
muss zugleich bestrebt sein, den Gegensatz von Mann und Frau
aufzuheben. Das eine ist die Bedingung einer gelingenden
Akkumulationsstrategie, das andere die Voraussetzung einer
Kriegsstrategie, die sich mit den Mitteln der "Rassenpolitik" um ein
wehrfähiges Menschenmaterial bemüht – und das heißt in einem sich
"pronatalistisch" wie "antinatalistisch" verhält und also
Bevölkerungspolitik treibt. Die Versöhnung von Kapital und Arbeit im
als "Führer" personifizierten faschistischen Souverän bedeutet, dass er
die Arbeiterklasse von ihrer bisherigen politischen und ökonomischen
Vertretung enteignet, um sich die Arbeit anzueignen – und er tut dies
mit dem Versprechen von "Gemeinnutz vor Eigennutz", "Anerkennung des
Werts der einfachen Arbeit" und Vollbeschäftigung. Die Arbeiterbewegung
zerschlägt er und transformiert sie zur deutschen Arbeitsfront, um sich
das Geheimnis der mehrwertschaffenden Arbeit unmittelbar anzueignen.
Die Frauenbewegung zerschlägt er und transformiert sie zur
Reichsfrauenschaft, um sich das Geheimnis der Produktion und
Reproduktion des wehr- und arbeitsfähigen Lebens anzueignen. Er
enteignet die Arbeiter ihrer Parteien und Gewerkschaften, indem er die
Arbeiter als Verkörperung der Arbeit affirmiert. Und er enteignet die
Frauen ihrer Bewegung für die Gleichberechtigung als bürgerliche
Subjekte, indem er die Frauen als Frauen, das heißt in ihrem
unmittelbaren Geschlechtscharakter affirmiert. Rigide entlarvt er das
Wesen der Arbeiterbewegung als Kult der Arbeit und das der
Frauenbewegung als Kult der fruchtbaren Natur. Indem er den Schein der
Arbeiter- wie Frauenbewegung zerstört, eignet er sich das Wesen der
Arbeit und das der Weiblichkeit an. Es versteht sich, dass er damit das
bürgerliche Subjekt Frau in einige Schwierigkeiten versetzt, löst er
doch das Problem von Gleichheit und Differenz tatsächlich, wenn auch
auf seine faschistische Weise – Gleichheit mit den Männern im Kampf
gegen die Juden, Differenz in der arbeitsteiligen Reproduktion der
Gattung. Hier liegt der Grund für die Kapitulation der
bürgerlich-demokratischen Frauenbewegung vor dem Faschismus, die nicht
in der Lage war, sich dem wirklichen Problem der Gleichheit und
Differenz zu stellen.
So ist es kein Wunder, dass die Frauen, sowie sie sich als Frauen
anfangen zu denken, in die Aporie hineingeraten, dass sie, indem sie
ihre Differenz zum Mann als Mann herausstreichen, gerade ihre
Gleichheit und das heißt funktional gleiche Brauchbarkeit für die
Staatsräson unterstreichen. Indem sie auf ihre geschlechtliche
Unmittelbarkeit als auf die Darstellung des Wesens ihrer Weiblichkeit
pochen, haben sie schon ihre gesellschaftliche Vermittlung unter der
Form der bürgerlichen Subjektivität akzeptiert. Der Staat wiederum, der
sie als bloße Gebärmutter behandelt, reduziert sie im gleichen Maße,
wie er sie befriedigt. Daraus folgt, dass die Frau als formell dem Mann
gleichgestelltes bürgerliches Rechtssubjekt und damit als egales Objekt
des Souveräns, als faschismusträchtig sich sowohl in ihrer
geschlechtsunmittelbaren Identität wie in ihrer gesellschaftlichen
Funktionalität erweist.
Wenn es stimmt, dass in Sachen des bürgerlichen Staates und
insbesondere seiner faschistischen Gestalt die These, er sei ein
Ausdruck des Patriarchats, nur im gleichen Maße richtig ist wie die,
dass er einen Ausdruck des Matriarchats darstellt, dann ist erwiesen,
dass es im aporetischen Schema eines bestimmten feministischen Denkens
allseits keinen Ausweg gibt als den, die Flucht nach vorne anzutreten
und sich mehr oder weniger offensiv zum bürgerlichen Staat zu bekennen.
Entweder kann die Theorie des Patriarchats unsere Vergesellschaftung
erklären – und dann gibt es keinen Grund, beim NS einen Ausnahme zu
machen –, oder diese Lehre kann nicht den Antisemitismus und schon gar
nicht Auschwitz begreifen – dann gibt es nicht den geringsten Anlass,
sie für irgendeinen Gegenstand für kompetent zu halten. Ein Drittes
gibt es nicht, und Relativierungen tragen nur zur Verharmlosung bei.
Solange die Frauen sich nicht weigern, sich als Frauen zu denken,
spielen sie ihren Part mit bei der Sabotage der kritischen Vernunft.
Literatur
Johanna Beyer/ Franziska Lamott/ Birgit Meyer (Hg.): Frauenlexikon. München 1983
Ilse Bindseil: Elend der Weiblichkeit, Zukunft der Frauen. Freiburg 1991
Gisela Bock: Zwangssterilisation im Nationalsozialismus. Opladen 1986
Gisela Bock: Geschichte, Frauengeschichte, Geschlechtergeschichte. in: Geschichte und Gesellschaft, Nr. 14, 1988
Gisela Dischner (Hg.): Eine stumme Generation berichtet. Frauen der dreißiger und vierziger Jahre. Frankfurt/M. 1982
Ulrich Enderwitz: Antisemitismus und Volksstaat. Freiburg 1991
Lerke Gravenhorst/ Carmen Tatschmurat: TöchterFragen. Freiburg 1990
Susanne Kappeler: Vom Opfer zur Freiheitskämpferin. in: Institut für
Sozialpädagogik der TU Berlin (Hg.): Mittäterschaft und
Entdeckungslust. Berlin 1989
Claudia Koonz:: Mütter im Vaterland. Freiburg 1991
Annette Kuhn/ Valentine Rothe: Frauen im deutschen Faschismus. Düsseldorf 1982
Margret Lück: Die Frau im Männerstaat. Frankfurt/M. – Bern – Las Vegas 1979
Sigrid Metz-Göckel: Die zwei (un)geliebten Schwestern. Zum Verhältnis
von Frauenbewegung und Frauenforschung im Diskurs der neuen sozialen
Bewegungen. in: Ursula Beer (Hg.): Klasse Geschlecht. Bielefeld 1987
Dorothea Schmidt: Die peinlichen Verwandtschaften – Frauenforschung zum
Nationalsozialismus. in: Heide Gerstenberger/ Dorothea Schmidt (Hg.):
Normalität oder Normalisierung? Münster 1987
Gerda Szepansky: "Blitzmädel", "Heldenmutter", "Kriegerwitwe". Frauenleben im Zweiten Weltkrieg. Frankfurt/M. 1986
Rita Thalmann: Frausein im Dritten Reich. München – Wien 1984
Christina Thürmer-Rohr: Vagabundinnen. Berlin 1987
Renate Wiggershaus: Frauen im Nationalsozialismus. in: Johannes Beck u.
a. (Hg.): Terror und Hoffnung in Deutschland 1915 – 1933. Reinbek 1980
Christine Wittrock: Weiblichkeitsmythen. Das Frauenbild im Faschismus
und seine Vorläufer in der Frauenbewegung der 20er Jahre. Frankfurt/M.
1982
Gabriela Walterspiel gehört zur Initiative Sozialistisches Forum in
Freiburg, die zuletzt den Band "Flugschriften. Gegen Deutschland und
andere Scheußlichkeiten" im a ira-Verlag veröffentlicht hat. Der
Beitrag basiert auf einem Text über "Rasse" und "Geschlecht" im
Feminismus aus dem Jahr 1993. |
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