|
|
|
|
„…eines konstruktiven Gedankens nicht fähig…" |
| Print |
|
Professor XY: Wenn Sie an die Macht kommen, stellen Sie mich sicher an
die Wand!
Agnoli: Wo denken Sie hin, Herr Professor. Wenn wir an die Macht kommen, sind
Sie auf unserer Seite. Sie sind doch immer auf der Seite der Macht.
von Florian Markl
Was machen Revolutionäre in Zeiten, die so gar nicht revolutionär sind?
Die meisten passen sich an, suchen sich neue Ziele im Rahmen dessen,
was der berüchtigte „Verfassungsbogen" zulässt, freilich nicht ohne
ihre Vergangenheit in die neue Identität zu integrieren, d.h. nicht
ohne zu betonen, eigentlich ja schon immer für Rechtsstaat und
Demokratie gewesen zu sein. Gut, gegen den Staat hätten sie schon
einmal agitiert, aber nur, weil der Staat früher ja auch ganz schlimm
gewesen sei und mit der freien, pluralistischen und gerechten
Gesellschaft von heute nichts zu tun gehabt habe. Andere wiederum
resignieren ob der Aussichtslosigkeit und Isoliertheit der eigenen
Position, dichten sich konsequent gegenüber neuen Erfahrungen ab und
werden Zyniker. Was auch immer auf der Welt geschehen mag, sie nehmen
es mit einem uninteressierten Achselzucken zur Kenntnis, schließlich
haben sie es ja schon immer gewusst. Ganz wenige nur sind in der Lage,
sich weder von der Übermacht der Verhältnisse, noch von der eigenen
Ohnmacht dumm machen zu lassen.
Am 4. Mai dieses Jahres ist Johannes Agnoli 78jährig in Lucca
verstorben, unweit jenes Hauses in den toskanischen Bergen, in das er
sich nach seiner Emeritierung zu Anfang der neunziger Jahre
zurückgezogen hatte. Über dreißig Jahre hatte Agnoli am Berliner
Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin Politikwissenschaft
unterrichtet. Als Staatsfeind auf dem Lehrstuhl hatte er gezeigt, dass
der Zweck eines Studiums nicht darin bestehen muss, stromlinienförmige
Karrieristen heranzuziehen. Seine Aufgabe sah er vielmehr darin, als
radikaler Aufklärer ein Projekt Kants fortzusetzen: Die Menschen über
die wahre Beschaffenheit der politischen Ordnung, die „lügenhafte
Publizität" der Verfassung in Kenntnis zu setzen. Gemäß dem Marxschen
kategorischen Imperativ, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der
Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein
verächtliches Wesen" ist, bestimmte Agnoli die Aufgabe seiner
wissenschaftlichen Tätigkeit: „Die Abschaffung des objektiven, durchaus
interessierten, also besonderen Interessen zweckdienlichen
Zwangscharakters der Gesellschaft: zu diesem Ende soll Politische
Wissenschaft betrieben werden." (1)
Kritik der Politik also: Diese dem jungen Marx entlehnte Formulierung
war es, die Agnolis erfrischend unzeitgemäßes Thema charakterisierte.
Während noch die vermeintlich am weitesten links stehenden
Wissenschafter in den Jahren nach 1968 ihren ganz persönlichen Marsch
durch die Institutionen antraten, um auf je eigene Weise ihren Frieden
mit den Verhältnissen zu machen, hatte Agnoli für den daraus
resultierenden Reformismus nichts übrig. Weder beklagte er das
Auseinanderfallen von Norm und Realität, wie etwa die „kritische
Politikwissenschaft" der Marburger Schule dies betreibt, noch hatte er
auf andere Art und Weise der Politik irgendwelche, und seien es auch
noch so kritisch gemeinte Vorschläge zur Verbesserung und
Aufrechterhaltung der Herrschaft von Menschen über Menschen zu machen.
All diesen reformistischen Illusionen gegenüber hielt er an der
unpopulären Perspektive einer revolutionären Veränderung der
gesellschaftlichen Verhältnisse fest. Und obwohl Agnoli Zeit seines
Lebens Hegelianer geblieben ist, hielt er von einer „dialektischen
Aufhebung" der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Institutionen
herzlich wenig. Er vertrat ein Programm der radikalen Abschaffung von
Kapital und Staat als Vorbedingung der freien Assoziation freier
Menschen, sollte diese tatsächlich einmal die geschichtliche Bühne
betreten und die „Vorgeschichte des Menschen" (Marx) beenden.
Dabei sah es zu Beginn nicht danach aus, als ob aus dem 1925 in
Norditalien geborenen Agnoli ein hartnäckiger kommunistischer Kritiker
werden sollte. Die erste Station seines politischen Lebens war eine
Jugendorganisation, allerdings keineswegs diejenige der Kommunistischen
Partei, sondern eine am ganz anderen Ende des politischen Spektrums
beheimatete: Agnoli war im Alter von 17 Jahren Funktionär der „Gioventù
Italiana del Littoria", der italienischen faschistischen
Jugendorganisation. Nach Querelen mit seinen Vorgesetzten meldete er
sich freiwillig zum Kriegsdienst in der deutschen Wehrmacht. Der Krieg
endete für Agnoli in einer dreijährigen britischen Kriegsgefangenschaft
in Ägypten - eine Zeit, die er im Rückblick stets als eine der
wichtigsten und besten Jahre seines Lebens betrachtete. 1948 wurde
Agnoli nach Deutschland gebracht und entlassen. Mangels Alternativen
begann er als Hilfsarbeiter in einer Holzfabrik zu arbeiten, bis er die
Erlaubnis zum Studium in Tübingen erhielt. In diese Zeit fiel der
Beginn seiner Auseinandersetzung mit Marx: An der Universität hatte
Agnoli Vorträge gehört, in denen klipp und klar bewiesen wurde, dass
zuerst der Geist existiert habe und erst später die Materie entstanden
sei – für den jungen Studenten Grund genug, sich anhand der Marxschen
Schriften vom Gegenteil überzeugen zu lassen. Nach seiner Promotion zum
Doktor der Philosophie unterrichtete Agnoli in Tübingen und Stuttgart,
bevor er eine Assistentenstelle in Köln antrat. Lange sollte ihm diese
freilich nicht erhalten bleiben: Im Zuge einer Diskussionsveranstaltung
erklärte Agnoli, die Ostpolitik der Bundesrepublik sei gescheitert und
diese solle endlich die DDR als Staat anerkennen. Eine Woche später
wurde ihm schriftlich mitgeteilt, er solle sich nach einer anderen
Stelle umsehen. So kam der frisch entlassene Assistent nach Berlin, wo
er über drei Jahrzehnte hinweg Studenten erfreute und
Professorenkollegen verärgerte.
1967 veröffentlichte Agnoli zusammen mit dem Psychologen Peter Brückner
ein schmales Bändchen mit dem Titel „Die Transformation der
Demokratie". Gegenstand von Agnolis Beitrag ist die
„Involutionstendenz" moderner Demokratien. Analysiert werden jene
Mechanismen der westlichen Demokratien, die eine Aushebelung
repräsentativ-demokratischer Verfahrensweisen nach faschistischem
Vorbild überflüssig machen, weil jegliche Form fundamentaler Opposition
mittels einer permanenten, präventiven Konterrevolution wirksam im
Zaume gehalten wird. Das oftmals als „Bibel der APO" bezeichnete Buch
sollte innerhalb kürzester Zeit eine enorme Wirkung entfalten, nachdem
am 2. Juni 1967 ein Polizist „in Erfüllung seines Amtsauftrages und
durch Gebrauch seiner Dienstwaffe Benno Ohnesorg irrtümlich exekutierte
und mit seinem Irrtum die Grenzen der subjektiven Rechte im objektiven
Staatsrecht anzeigte."(2) Agnolis Beschreibung eines autoritären
Staates rechtsstaatlicher Prägung fiel bei den rebellierenden Studenten
auf fruchtbaren Boden; der auf solche Art bekannt Gewordene machte sich
indessen über die Chancen einer revolutionären Umgestaltung anno 1968
keine Illusionen.
Die „Transformation" blieb die bei weitem bekannteste Schrift Agnolis.
Erst mit der Herausgabe seiner gesammelten Schriften durch den
Freiburger ça-ira-Verlag sind einer breiteren Leserschaft weitere,
oftmals längst vergriffene Texte zugänglich gemacht worden. Vielfach
handelt es dabei um mehr oder minder zusammenhängende Gedanken, die
sich hauptsächlich um die immer wiederkehrenden Themen Staat, Kapital,
Faschismus und Revolution drehen. In keinem einzelnen dieser Texte ist
jedoch eine in sich schlüssige Theorie zu finden, und das hat zumindest
zwei Gründe. Einerseits war das Schreiben allgemein nicht seine Sache,
wie er selbst gerne mit der ihm eigenen Ironie zugab: „Ich bin ein
fanatischer Leser, und da gerade liegt mein Fehler, wenn man da
überhaupt von Fehler sprechen kann. Lesen kostet Zeit, während Habermas
schreibt." Andererseits war Agnoli ein Anhänger der „kleinen Form" und
wäre als völlig unsystematischer Theoretiker zu einem ausführlichen,
konsistenten Text vermutlich gar nicht in der Lage gewesen (man könnte
auch sagen, er setzte sein ganz persönliches Recht auf Faulheit durch).
Der Witz, der aus Agnoli nur so heraussprudelte, wenn er Geschichten
erzählte und in diese seine theoretischen Gedanken einflocht, ist am
ehesten anhand jener Texte zu erahnen, die ursprünglich auf freier Rede
basierten, in erster Linie also an Interviews und Abschriften seiner
Vorlesungen. Beispielhaft hierfür sei auf die „Subversive Theorie"
verwiesen.(3) Agnoli demonstriert hier anhand einer Vielzahl von
geschichtlichen Personen seine Antwort auf die Frage, was Revolutionäre
in nicht revolutionären Zeiten zu tun haben: Theoretisch wie praktisch
subversiv zu sein, die Grundlagen jeder Herrschaft zu untergraben und
so den Weg zu bereiten für eine Zukunft, in der Menschen ein der
menschlichen Vernunft nicht Hohn sprechendes Dasein leben können.
Subversion und Negation waren Agnolis Programm: „Die Dürftigkeit der
Zeit aber, die sich auf allen Ebenen in den eingefrorenen,
erfolgreichen, stabilen Strukturen konkretisiert – diese Dürftigkeit,
in der sich selbst Alternatives selbstzufrieden beruhigt, verlangt nach
Destruktion. Das ‚Ordnungsgefüge’ muss abgebaut, das Vertrauen muss
ausgeräumt werden; der Zweifel und seine sprengende Kraft müssen wieder
zu ihrem Recht kommen, damit endlich sich das satte Bild ändert und
angesichts dramatischer Entwicklungen die Symbole des Positiven, des
Guten und Schönen verschwinden".(4) Als Kritiker hatte er auf die Frage
nach dem Positiven nur eine Antwort: „In der dürftigen Zeit finden wir
es nur in der Negation, im Nirgendwo – in der sogenannten Utopie. In
der Tat: Die Utopie, die aus der Destruktion aller Strukturen der
Ungleichheit, der Unterdrückung, der Herrschaft entsteht, das ist heute
der einzig mögliche Ausweg aus der sich anbahnenden Vernichtung. (…)
Der gesellschaftliche Konflikt muss von seiner systemischen
Stabilisierungsfunktion befreit, aus aller Verfassungsliebe entlassen,
in seine gesellschaftliche Würde der Destabilisierung zurückgeholt
werden. Die Verteidigung der Destabilisierung gehört zur Verteidigung
und Verwirklichung der Freiheit."(5)
Die gelebte Freude an der Negation unterschied Agnoli wohltuend vom
Großteil der immer auf Ernsthaftigkeit und Nüchternheit bedachten
Restlinken in- und außerhalb der Universitäten. Er bewies, dass
Gesellschaftskritik und Humor nicht notwendigerweise im Widerspruch
zueinander stehen müssen. Dabei wurde seine Kritik niemals mit Zynismus
vorgetragen, wohl aber mit Ironie, der Verbindung von Kritik und
Utopie: „Die Melodie, die die versteinerten Verhältnisse zum Tanzen
bringen soll, braucht den basso continuo der Ironie – den sicheren
Schutz gegen den konstruktiven Irrweg."(6)
Auch wenn sich mit Agnolis Tod die Aufgabe für seine Freiburger
Verleger mit Sicherheit nicht gerade leichter geworden ist, bleibt doch
zu hoffen, dass sich in seinem Nachlass noch Manuskripte und
Vorlesungsunterlagen befinden, sodass der vor zwei Jahren erschienene
sechste Band seiner Gesammelten Schriften nicht der letzte bleiben wird.
Bisher erschienen folgende Bände:
Agnoli, Johannes: Die Transformation der Demokratie und andere
Schriften zur Kritik der Politik. Gesammelte Schriften Band 1, Freiburg
i. Brsg. 1990
Ders.: Der Staat des Kapitals und weitere Schriften zur Kritik der Politik. Gesammelte Schriften Band 2, Freiburg i. Brsg.1995
Ders.: Subversive Theorie. „Die Sache selbst" und ihre Geschichte. Gesammelte Schriften Band 3, Freiburg i. Brsg.1996
Ders.: Faschismus ohne Revision. Gesammelte Schriften Band 4, Freiburg i. Brsg.1997
Ders.: 1968 und die Folgen. Gesammelte Schriften Band 5, Freiburg i. Brsg.1998
Ders.: Politik und Geschichte. Schriften zur Theorie. Gesammelte Schriften Band 6, Freiburg i. Brsg.2001
Zusätzlich erschienen bisher zwei Festschriften für Johannes Agnoli:
Bruhn, Joachim/Dahlmann, Manfred/Nachtmann, Clemens (Hrsg.): Geduld und
Ironie. Johannes Agnoli zum 70. Geburtstag, Freiburg i. Brsg. 1995
Bruhn, Joachim/Dahlmann, Manfred/Nachtmann, Clemens (Hrsg.): Kritik der
Politik. Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag, Freiburg i. Brsg.2000
Zusätzlich erschien letztes Jahre der kleine Band Burgmer, Christoph:
Das negative Potential. Gespräche mit Johannes Agnoli, Freiburg i.
Brsg. 200.
In Kürze erscheint ein Sammelband, der folgenden Text enthalten wird:
Agnoli, Johannes: Die Verhärtung der politischen Form: Das Kapital und
die Zukunft des Faschismus am Ende der liberaldemokratischen Epoche,
in: Grigat, Stephan (Hrsg.): Transformation des Postnazismus. Der
deutsch-österreichische Weg zum demokratischen Faschismus, Freiburg i.
Brsg. 2003
Fußnoten
(1) Agnoli, Johannes: Von der kritischen Politologie zur Kritik der
Politik (1987), in: Ders.: Die Transformation der Demokratie und andere
Schriften zur Kritik der Politik. Gesammelte Schriften Band 1, Freiburg
i. Brsg. 1990, S.11-20, hier S. 20
(2) Agnoli, Johannes.: Zwanzig Jahre danach. Kommemorativabhandlung zur
Transformation der Demokratie (1986), in: Ebd., S. 163-221, hier S.172
(3) Vgl. Agnoli, Johnes.: Subversive Theorie. „Die Sache selbst" und
ihre Geschichte. Eine Berliner Vorlesung, Gesammelte Schriften Band 3,
Freiburg i. Brsg. 1996
(4) Agnoli, Johannes: Destruktion als Bestimmung des Gelehrten in
dürftiger Zeit (1990), in: Ders.: Der Staat des Kapitals und andere
Schriften zur Kritik der Politik. Gesammelte Schriften Band 2, Freiburg
i. Brsg. 1995, S.10-20, hier S.11
(5) Ebd., S.19f.
(6) Ebd., S.20 |
|
|
|
|