von Stephan Grigat
Robert Kurz: Weltordnungskrieg. Das Ende der Souveränität
und die Wandlungen des Imperialismus im Zeitalter der Globalisierung. Horlemann
Verlag, Bad Honnef 2003, 448 Seiten, EUR 19,80
Lange Jahre haben sich Robert Kurz und seine Mitstreiter und -streiterinnen
von der Nürnberger Theoriezeitschrift „Krisis" davor gedrückt,
sich zu Israel zu äußern. In seinem neusten Buch, das ansonsten die
obligatorischen Ausführungen zur Krisendynamik des warenproduzierenden
Weltsystems und die ebenfalls hinlänglich bekannten Beschimpfungen der
Kritiker und Kritikerinnen der sich globalisierenden deutschen Ideologie beinhaltet,
findet sich ein Kapitel „Der Nahe Osten und das antisemitische Syndrom".
Während es sich in der antinationalen Linken eingebürgert hat, von
Israel in völliger Geschichtsvergessenheit und Begriffslosigkeit von einem
„Staat wie jedem anderen auch" zu sprechen, da man schließlich
in den letzten Jahren gelernt hat, dass die Nation doch immer ein „Konstrukt"
sei, was noch so ziemlich das beste ist, was man über Nationen sagen kann,
betont Kurz zunächst die Notwendigkeit Israels und wendet sich gegen die
antinationalen Plattheiten: „Auf keinen Fall kann es für eine emanzipatorische,
antikapitalistische Position um eine `Äquidistanz` zu Israelis und Palästinensern
gehen." Doch man konnte schon ahnen, worauf der Freund der deutschen Friedensbewegung
mit diesen hohlen Bekenntnissen hinaus will. Über die antisemitischen Dschihadisten
schreibt er: „Der Westen bekommt mit den wahabitischen und verwandten geheimen
Terrorgesellschaften nicht nur, was er verdient, sondern auch, was er selbst
gepäppelt und herangezogen hat." Wenn man meint, der Westen bekomme
mit dem auf Vernichtung zielenden Terror das, „was er verdient", so
ist das keine Kritik, sondern eine widerliche Gehässigkeit, die sich darüber
freut, dass, wenn es schon keine Emanzipation gibt, wenigstens die Hölle
auf Erden im globalen Maßstab Realität wird.
Vom Antisemitismus, von dem der Meisterdenker aus Nürnberg
allen Ernstes behauptet, er besitze „in der aktuellen palästinensisch-arabischen
Version keine gesellschaftlich formierende Kraft mehr", abstrahiert er
immer dann, wenn dieser seine offensichtlich nur zu Legitimationszwecken postulierte
Parteilichkeit für Israel begründen könnte. Er verharmlost den
Antisemitismus in den arabisch-islamischen Gesellschaften, wenn er behauptet:
„Bis heute gibt es in den meisten nahöstlichen Ländern jüdische
Gemeinden mit Synagogen und relativ unbehelligten Existenzmöglichkeiten
(…). Der natürlich vorhandene Migrationsdruck in Richtung Israel ist
nicht großen Verfolgungswellen geschuldet, sondern entstammt anderen (kulturellen
und vor allem sozialen) Motiven."
Wenn man Kurz` Kritik an der antinationalen Äquidistanz im
Zusammenhang mit seinen vorangegangenen Ausführungen liest, entpuppt sie
sich als Absicherung gegen die antideutsche „Antisemitismuskeule",
vor der sein „Krisis"-Kompagnon Ernst Lohoff in der Vergangenheit
so gerne gewarnt hat. Da ist ganz im Nürnberger Jargon die Rede vom „negativen
Aufgehen beider Konfliktparteien im destruktiven Prozess der kapitalistischen
Globalisierung", und trotz aller Differenzierungen ist dann doch alles
irgendwie das Selbe: „Insofern geht Israel seinen eigenen Weg in die Barbarei,
der sich allerdings in seinen Erscheinungsformen von dem der arabischen feindlichen
Nachbarn kaum unterscheidet." Von der israelischen Gesellschaft scheint
Kurz, der sich so viel auf seine „Realanalysen" einbildet, nicht allzu
viel zu wissen. Mit einem klassischen „einerseits-andererseits" blamiert
er sich völlig: „Das Land ist einerseits im Sinne des politischen
Systems eine kapitalistische Demokratie westlicher Prägung, (…) andererseits
gleicht der israelische Alltag in vieler Hinsicht bereits dem eines Gottesstaats
nach dem Muster der Taliban." Diese Infamie erschien in etwa zeitgleich
mit den Parlamentswahlen in Israel, bei denen die strikt antireligiöse
Shinui den größten Erfolg ihrer Geschichte verbuchen konnte. Allein
dieser Hinweis reicht, um die Kurzschen Ausführungen als ausgemachten Blödsinn
kenntlich zu machen. „Realanalyse" spielt offensichtlich genau dann
keine Rolle mehr, wenn es um Israel geht.
Ekelhaft wird diese Ignoranz, wenn sich der „Krisis"-Vordenker
über das verzweifelte, religiös motivierte Einsammeln von Leichenteilen
nach Attentaten äußert, das sich daraus begründet, dass nach
jüdischem Verständnis der Mensch als Ganzes (oder annäherungsweise
als Ganzes; etwas anderes ist nach der Explosion einer Nagelbombe in einer Diskothek
ohnehin nicht mehr möglich) bestattet werden muss. Bei Kurz ist das einem
besonders bösartigem Rassismus geschuldet und liest sich so: „Nach
den verheerenden palästinensischen Selbstmordattentaten versuchen beispielsweise
ultra-orthodoxe Fanatiker, die Leichenteile `ethnisch` zu sortieren, damit nicht
Körperteile eines fremdrassigen Attentäters versehentlich zusammen
mit jüdischen beerdigt werden." Der Krisentheoretiker und sich selbst
zum Opfer stilisierende Bekämpfer der von ihm als „Seuche" ins
Visier genommenen antideutschen Kritik, der sich langsam einmal Gedanken darüber
machen sollte, warum die Nazis von der „Deutschen Stimme" seine „wuchtigen
Verbalattacken gegen antideutsche Seelenkrüppel" (6/03) mit Sympathie
begleiten, übertrifft mit seiner Kälte noch die Indifferenz der Antinationalisten.
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