"Denn wie der Begriff, den sich die Mörder und Opfer von den Ereignissen
gemacht haben, ihr Handeln beeinflusst hat, so ergeben sich ... unsere Reaktionen
auf die uns umgebende Welt ganz unmittelbar aus dem Verständnis der Ereignisse
und aus der Art und Weise, wie wir diese erinnern."(1) - von Hannah Fröhlich
"Letter to the stars" ist der bewusst poppige Titel eines von den
Journalisten Josef Neumayer und Andreas Kuba initiierten österreichweiten
Schulprojekts, das dazu beitragen soll, Geschichte erlebbar zu machen. Alles
begann mit der vom Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes
(DÖW) veröffentlichten CD-Rom zur namentlichen Erfassung der österreichischen
Holocaustopfer. Diese unvorstellbar riesige wissenschaftliche Arbeit enthält
derzeit an die 65.000 Namen und - sofern rekonstruierbar - deren Geburts-, Sterbe-
und Deportationsdaten. Die Datenbak diente zum Beispiel der Historikerkommission
als Grundlage für deren Untersuchungen, aber auch Verwandte von Holocaustopfern,
also Einzelpersonen, können mit dieser CD-Rom erste Recherchen nach ihren
Angehörigen vornehmen.
Eine gute Öffentlichkeitsarbeit im Zuge der Präsentation dieses DÖW-Projekts
hatte zur Folge, dass Josef Neumayer und Andreas Kuba davon erfuhren.
"Das mit der Datenbank war eine von diesen Ideen, die einen packen und
nicht mehr loslassen," erzählt Josef Neumayer. "Wir wollten irgend
etwas damit machen. Ich meine, das war ja ein Monsteraufwand."
Die Idee: SchülerInnen entnehmen der CD-Rom einen durchaus nach persönlichen
Kriterien ausgewählten Namen und recherchieren die Lebensgeschichte dieses
Menschen. Das Dokumentationsarchiv steht dabei mit Rat und Tat zur Seite. Durch
diese Recherche sollen Holocaustopfer ein Gesicht, ihre Würde wiederbekommen.
Am 5. Mai 2003, wenn sich der Tag der Befreiung Mauthausens jährt, ist
das Projekt abgeschlossen und eine öffentliche Veranstaltung markiert dies:
80.000 weiße Luftballons, jeder mit einem persönlichen Brief versehen,
- von SchülerInnen an die Zukunft, wie es heißt - steigen vom Heldenplatz
auf, zu den Sternen, to the stars. Ein in den Augen der Initiatoren und der
beauftragten Event-Agentur "World Connection" jugendkompatibles Musikprogramm
bildet den Rahmen für die Präsentation einiger Lebensgeschichten.
Kinderportraits und die Logos der SponsorInnen, von denen so manche von ihren
Machenschaften während der Nazizeit und danach gerne ablenken, schmücken
den Heldenplatz, es sprechen Zeitzeugen, der Bundespräsident, SchülerInnen,
Prominente.
Wissenschaftlich wertlos
Das Konzept ging auf. Schulen in ganz Österreich ergriffen die Möglichkeit,
den Geschichtsunterricht auf diese Weise plastisch zu machen, kaum ein Medium
- von der "Krone" und dem ORF bis zum Vor-Magazin - ließ das
Projekt unerwähnt. Doch was ist das Anliegen von "Letter to the Stars"?
Worum geht es, wenn SchülerInnen Lebensgeschichten von Holocaustopfern
recherchieren? Was ist das pädagogische Konzept und was bewegt zwei Journalisten,
ein solches zu entwerfen? Welches Bild ergibt das, wenn tausende Luftballons
zum Himmel aufsteigen, losgelassen, fortgeschickt, beendet, - was nie beendet
sein kann? Und wie ist das wirklich mit der Würde, die den Opfern wiedergegeben
werden soll, wenn am Heldenplatz ein "Event" stattfindet, perfekt
vermarktet und genau darin so austauschbar? Geht es vielleicht um eine dringend
notwendige wissenschaftliche Arbeit, für die derzeit keine Geldmittel zur
Verfügung stehen? Sollen SchülerInnen etwa einspringen, wo die Politik
versagt?
"Wissenschaftlich hat dieses Projekt überhaupt keinen Wert,"
weiß DÖW-Mitarbeiter Stephan Roth. "Das muss man ganz klar sagen.
Es ist ein Schulprojekt und was der pädagogische Effekt davon ist, ist
ausschließlich von den Lehrern abhängig. Wir hier können mit
Recherchetipps helfen, den Schülern zeigen, wie sie zu weiteren Informationen
kommen. Aber was sie davon haben, liegt an der Motivation der Lehrer. Im Idealfall
wird durch diese Personalisierung des Mordens und die Identifikation mit dem
Opfer, nachvollziehbar, was das Leiden und die Unfreiheit, die Qual von damals
bedeutet hat."
Die Initiatoren Josef Neumayer und Andreas Kuba wollen sich zum pädagogischen
Konzept gar nicht äußern. Nur eins ist ihnen ganz klar: Antisemitismus
soll nicht das Thema sein. Die SchülerInnen nehmen eine Namen und eine
Geschichte mit, das spräche für sich, sind sie der Meinung.
Andreas Kuba: "Bei unserem Projekt geht es ganz bewusst nicht um Antisemitismus.
Das Projekt ist nicht dazu da, Antisemitismus zu bekämpfen. Wir sind nicht
gegen etwas, sondern für etwas."
"Unter den Kids ist Antisemitismus kein Thema," ist Josef Neumayer
überzeugt. "Wenn es um den Israel-Palästina Konflikt geht, dann
haben die Kids die Bilder aus dem Fernsehen im Kopf und sie finden, das ist
ein ungerechter Kampf, aber mit Antisemitismus hat das nichts zu tun. Ja, vielleicht
sagt mal einer was, aber das ist dann eine Trotzhaltung gegenüber den Eltern,
mit so Nazisprüchen kann man sie ja aufregen."
Josefs Leitbild
"Nur SchülerInnen können Holocaustopfern ein würdiges Andenken
verschaffen," sagt Josef Neumayer. "Jedem anderen müsstest du
ja was dafür zahlen." Hat das gerade etwas merkwürdig geklungen?
"Ich will junge Menschen erreichen," setzt Neumayer fort. "Der
vierzehnjährige neugierige Gymnasiast war und ist mein Leitbild, immer
schon, auch schon während ich für News geschrieben habe, ihm möchte
ich etwas mitteilen und mitgeben."
Und Warum? Josef Neumayer muss nachdenken. "Vielleicht, weil ich diese
Zeit selbst als Schlüsselzeit erlebt habe," sagt er und seine Augen
fangen zum leuchten an. "Das ist ein kompliziertes Alter, man sucht so
viele Antworten auf Fragen, die man noch nicht stellen kann. Ich hab in diesem
Alter alle meine Orientierungsmuster über Bord geworfen und fühlte
mich sehr allein."
Jetzt ist Josef Neumayer nicht mehr zu halten. Er erzählt und erzählt,
von seiner wilden Schulzeit, seiner ersten großen Liebe, seinen kuriosen
Jobs als Jugendlicher, von seiner Reise nach Israel, die ihm die Augen geöffnet
hat.
"Wie alle, hatte auch ich Vorurteile, naja, was man halt so denkt: Hochfinanz
und Palästinakonflikt. Und dann komme ich dorthin und sehe, dass die Menschen
dort genauso sind wie überall auch. Ich meine, man kann sich jedes Vorurteil
schenken, wenn man auf den Menschen kommt." Und dann setzt er schnell nach:
"Ich war dort hauptsächlich mit Arabern zusammen."
Dann erzählt Josef Neumayer von seinem Werdegang: 3 Jahre Ö3, 5 Jahre
Wiener, 3 Jahre News, dann Chefredakteur der Barbara Karlich Show, Pressesprecher
bei Vera und nach der Chefredaktion des Extradienst wollte er frei sein. Es
folgte das Projekt "Letter to the stars."
"Das schöne ist ja, dass diese Generation eine völlig unbelastete
ist, was den Holocaust betrifft," so Neumayer über seine vierzehnjährigen
Leitbilder. "Für alle heute über Dreißigjährigen schwingt
ja immer diese Schuld mit, so eine Art Erbsünde. Ich hab mich immer schuldig
gefühlt, wissend, dass meine Großeltern keine Nazis waren."
Was war mit den Großeltern?
"Ich hab meinen Großvater gefragt: warst du ein Nazi? Aber er hat
gesagt: nein. Und er hat mir etwas ganz Entscheidendes mitgegeben. Er hat gesagt:
bevor du dir ein Urteil bildest, versetze dich in die Zeit und frage dich, wie
ein ganzes Volk auf einen Verrückten reinfallen konnte. Er sagte: urteile
nicht ohne dich in die Zeit zu versetzen. Er war 29 als Hitler einmarschierte.
Er war Unternehmer und der einzige Arbeitgeber im Umkreis von zwei Dörfern.
Und der Hunger damals, das ist ja unvorstellbar. Und er ist in den Krieg geschickt
worden, weil sein Schwager ein Obernazi im Dorf war, der hatte das zu verantworten."
Das Gute an Hitler
Auf der Suche nach dem Sinn von "Letter to the stars" jenseits von
PR und Luftballons, bleibt alle Hoffnung also auf dem pädagogischen Geschick
jener LehrerInnen, die sich für die Teilnahme am Projekt entschieden und
ihre SchülerInnen motivierten, mitzumachen. Eine Lehrerin ist dabei Betreuer
Stephan Roth als besonders engagiert aufgefallen.
"Letter to the Stars ist ein gutes Projekt," sagt diese Lehrerin.
"Es ermöglicht den Schülern einen anderen Zugang zur Geschichte."
Den SchülerInnen Mut zu machen ist ihr ein Anliegen, Mut, mit den Großeltern
über den Krieg zu reden.
"Ich denke mir, wenn durch dieses Projekt nur einer zuhause fragt, dann
hat sich das ganze schon ausgezahlt. Diese Beschäftigung ist unangenehm,
aber nötig."
Und warum will diese Pädagogin die SchülerInnen zu einer Auseinandersetzung
in der eigenen Familie bewegen?
"Es ist wichtig zu erkennen, dass es auch eine andere Sichtweise zum Krieg
gibt. Ich meine, natürlich ist für die Opfer die Geschichte negativ
ausgegangen. Aber im Krieg, wenn man nichts hatte, war die HJ oder der BDM eine
Möglichkeit, Urlaub zu machen. Das hatte also auch positive Seiten."
Sie hätte mit ihrer Großmutter über den Krieg geredet und sich
mit ihr das Kriegstagebuch des Großvaters angesehen.
"Wer kann schon sagen, was er oder sie getan hätte zu dieser Zeit,"
sagt diese Lehrerin und gefällt sich dabei. "Niemand kann das sagen.
Ich meine, ich hoffe, ich wäre kein Nazi gewesen, aber mit Sicherheit wäre
ich nicht in den aktiven Widerstand gegangen, dazu wäre mir mein Leben
zu lieb gewesen."
Die Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie es möglich war, dass die
Bevölkerung Hitler glauben und ihm folgen konnte ist für sie der Grund
für ihre Berufswahl.
"Ich verstehe ja gar nicht, wie das passieren konnte," sagt sie. "Ein
paar einflussreiche Menschen sagen, dass eine Menschenrasse an allem schuld
ist und dann rennen alle diesem Verrückten nach. Ich kann das nicht nachvollziehen,
wie der kleine Zwerg das geschafft hat."
Ewige Schuldfrage
Wie die beiden Initiatoren findet auch diese seit vier Jahren unterrichtende
Lehrerin, dass Antisemitismus kein Thema ist. Zwar weiß sie um die Existenz
von Antisemitismus und Rassismus in der Gesellschaft, dennoch scheint sie keine
Verbindung zur NS-Zeit, zu ihren Aufgaben als Pädagogin oder zum Projekt
"Letter to the Stars" herzustellen.
"Das finde ich ja gerade das Gute an diesem Projekt, dass die Schuldfrage
nicht gestellt wird," sagt sie. "Ich meine, dieses ewige Schuldbekenntnis,
dieses ewige: es tut mir leid. Damit muss doch endlich Schluss sein, das macht
mich richtig aggressiv. Ich meine, man kann doch nicht jedesmal, wenn Israel
wieder irgendwo einmarschiert sagen: aber es tut uns ja so leid."
Die Einstellung dieser Lehrerin - der NS hätte auch gute Seiten gehabt
-, die fehlende Bezugnahme auf Antisemitismus und jene gesellschaftlichen Mechanismen,
die Auschwitz ermöglichten sowie die kaum versteckte Schlussstrichforderung
ist kein Einzelfall. Eine im Jahr 2000 in Deutschland durchgeführte Studie(2)
belegt, dass nur eine Minderheit der LehrerInnen und ErzieherInnen ihre Aufgabe
wahrnimmt, wie es dort heißt "historisch verantwortliche Lernprozesse"
in Gang zu bringen und "Erziehung in ihrem Verhältnis zu der von Menschen
begangenen Tat systematischer Menschenvernichtung in Beziehung zu setzen."
Und weiter: "Erkenntlich wird, ..., dass die Erziehungswissenschaft sich
nicht der pädagogischen bildungsrelevanten Verantwortung stellt."
Dass ein derartig skandalöser Bildungsstand und Status quo der Auseinandersetzung
sowie die jeweils individuelle Verstrickung in Abwehrprozesse bei LehrerInnen
und in der Folge bei deren SchülerInnen kein Einzelfall ist, belegen auch
die eingangs erwähnten "Briefe an die Zukunft". Von SchülerInnen
öffentlicher und privater Schulen verfasst, sollen sie an die weißen
Luftballons befestigt am 5. Mai zu den Sternen fliegen. Da heißt es zum
Beispiel:
Für uns ist es schwer nachzuvollziehen, dass es wirklich niemand gemerkt
hat, dass tausende Menschen in Österreich verschwunden sind. Hat sich kein
Mitschüler oder Arbeitnehmer gefragt, wo jüdische MitschülerInnen
bzw KollegInnen hingekommen sind? Warum haben LehrerInnen, SchülerInnen,
KollegInnen und Chefs nicht Alarm geschlagen? Die Abtransporte jüdischer
MitbürgerInnen sind auch nicht nur im Geheimen abgelaufen!
Oder:
Besonders beängstigend fanden wir, dass wir nichts Näheres über
Sie und Ihre Familie in Erfahrung bringen konnten. Wir befürchteten schon,
dass es den Nationalsozialisten tatsächlich gelungen ist, das Leben eines
Menschen einfach aus der Erinnerung für die Nachwelt zu löschen. ...
Wir wissen nicht, woran Sie gestorben sind, ob Sie überhaupt bestattet
worden sind. Für Ihre Nachkommen wird es schwer sein, mit diesen Unsicherheiten
fertig zu werden.
Oder:
Es war sicher nicht einfach, sich in der NS-Zeit eine objektive Meinung zu bilden,
beeinflussend wirkten zensurierte Radiosender, ..., Leute, die "Fremdsender"
hörten wurden bestraft.... In vielen Fällen war es damals schwer möglich,
die eigene Meinung offen kundzutun, aus Angst vor einer Verhaftung... Die Menschen
von damals sahen im Nationalsozialismus wohl nur die positiven Seiten... Sie
haben alle Versprechungen geglaubt und sind somit zu Handlangern geworden...
Unserer Meinung nach, kann so etwas Schreckliches wie der Holocaust, aber auch
die Verfolgung Andersdenkender nicht passieren, wenn Leute zusammenhalten und
niemanden an die Macht kommen lassen, der gegen Menschenrechte verstößt...
Aber trotz aller Gräueltaten, die in der NS-Zeit passiert sind und die
auch ausreichend dokumentiert sind, ereigneten sich leider in den 90er Jahren
weitere grausame Aktionen nicht nur irgendwo in der Dritten Welt, sondern auch
vor unserer Haustür. Man denke nur an die furchtbaren Vorfälle im
ehemaligen Jugoslawien. Scheinbar haben die Beteiligten nichts aus der Geschichte
gelernt.
Wenn am 5. Mai die 80.000 weißen Luftballons zum Himmel aufsteigen, hat
wieder einmal ein Projekt seinen offiziellen Abschluss gefunden, von dem im
besten Falle nichts, im Regelfall aber das Falsche bleibt. Indem das TäterInnenkollektiv
anonym bzw. auf Hitler und die Nazis beschränkt bleibt, indem dort, wo
diese Anonymisierung aufbricht, nämlich in den eigenen Familien, Schuld
und Verantwortung verharmlost und verleugnet werden, können jene Mechanismen
einer Gesellschaft, die Auschwitz hervorgebracht hat, mit dem Schleier von "Betroffenheit"
und "Gedenken und Mahnen" überdeckt werden. "Letter to the
stars" ist ein äußerst geschickter und perfekt vermarkteter
Schachzug, dem kollektiven Verdrängen Vorschub zu leisten, der Relativierung
und Abwehr Tür und Tor zu öffnen. Das macht "Letter to the stars"
auch gefährlich. Zeitzeugen und die Unterstützung durch die Israelitische
Kultusgemeinde und anderer VertreterInnen von Opfergruppen haben in diesem Zusammenhang
lediglich Legitimationsfunktion, was besonders bitter ist, wenngleich die individuell-symbolische
Bedeutung ihrer Auftritte, zum Beispiel auf jenem Balkon, von dem einst Hitler
die jubelnden Massen bewegte, anzuerkennen ist. "Letter to the Stars"
ist ein hohles PR-Event, durch das sich Initiatoren, Publikum und PolitikerInnen
selbstverliebt und schulterkolpfend von jeder echten Verantwortung effektvoll
los-vermarkten. Und nichts symbolisiert diese Tatsache besser, als 80.000 Mal
heisse Luft.
(1) James E. Young: Beschreiben des Holocaust.
Suhrkamp, Frankfurt am Main 1997.
(2) Alphons Silbermann, Manfred Stoffers: Auschwitz:
Nie davon gehört? Rohwolt, Berlin 2000. |