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Context XXI
Magazin zur Alpenbegradigung

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Interesse, Gewissen und Projektion im Jugoslawienkrieg | Print |
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Interesse, Gewissen und Projektion im Jugoslawienkrieg
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Eine Kritik der geomaterialistischen Erklärungsversuche für die NATO-Aggression inklusive einer Replik auf Hannes Hofbauers Beitrag "Die Folgen des NATO-Krieges gegen Jugoslawien" in der Nummer 3/99 von Context XXI - von Uli Krug

    Die klassische Aufklärung hielt Ideologie für das Werk "lügender Priester". Diese manipulierten ihre Schäfchen, auf daß diese ihre unmittelbaren Interessen hintanstellten und stattdessen die Kaste dieser Lügner weiter an der Macht bleiben ließen, womit das Interesse zumindest der Lügenden gewahrt wurde. Daß die Form der Ideologie selber ex negativo die Wahrheit über die Ohnmacht der Menschen gegenüber dem selbsttätigen Mechanismus ihrer Reproduktion, der Funktionsweise ihrer Gesellschaft, ausspricht, war dem klassischen Aufklärer so fremd wie seinen Nachfahren im Geiste, den "materialistisch" sich gebärdenden Kriegsanalysten. Mit einem Handstreich wischt er die Lügen der modernen Priester vom Tisch, um hinter diesem Trugbild die wahren, d.h. auf Bereicherung abzielenden "Interessen" aufzudecken.
    Dabei macht es offenbar nichts, daß "Interessen" dieses Typs weit und breit nicht zu entdecken sind - schon gar nicht auf dem Balkan, geschweige denn im Kosovo. Ein Gedanke, auf den eben jene "materialistischen" Aufklärer selber kommen müßten, wendeten sie nur einen Bruchteil der Energie, mit der sie geostrategische Tischgespräche amerikanischer Außenminister belauschen, dafür auf, die Plausibilität ihrer ach so brisanten Funde zu überprüfen. Da gelingt es beispielsweise pars pro toto Hannes Hofbauer in der letzten Nummer dieser Zeitschrift aus Artikel 1, Absatz 4a des Rambouillet-Abkommens, der die Marktwirtschaft für eine zukünftige Kosovo-Ordnung festschreibt, ein "Kolonisierungs"-Interesse des Westens herauszulesen, das unter dem Tarnnamen "Osterweiterung" von EU bzw. NATO bereits seit zehn Jahren auf Krieg drängte. Daß der ehemalige RGW-Raum nach gängigen ökonomischen Kriterien des Weltmarktes nichts zu bieten hat, dessen Sanierungskosten nicht jede zukünftige Profithoffnung ad absurdum führen würde, ignoriert Hofbauer souverän. Die Ankündigung, sich einen Haufen derartig hoffnungsloser Sanierungsgebiete ans Bein zu binden, stammt nicht aus dem Reich der betriebswirtschaftlichen Kalkulation, sondern aus dem tröstlicher Propagandaversprechungen: Die Osterweiterung wird Osteuropa nicht aufgedrängt, sondern dieses lechzt nach ihr wie ein Verdurstender nach der Oase; für den Großteil wird sie eine Fata Morgana bleiben.
    Ebenso ignoriert Hofbauer, daß der Weltmarkt nicht mehr gegen irgendwelche ihm entzogene "integrierte wirtschaftliche Räume" durchgesetzt werden muß - denn das ist er bereits seit allerspätestens 1989. Es gibt nichts zu erobern, was die nach Devisen - gleich ob Euro oder Dollar - lechzenden postsozialistischen Regime, einschließlich Jugoslawiens und Rußlands, nicht auch extrem preisgünstig und freiwillig vor die Türen der Aggressoren im Kosovokrieg tragen würden. Daß also der "stumme Zwang der Verhältnisse" (Marx) einen viel billigeren Zugang zu benötigten Rohstoffen vorstellt als jeder Kolonialismus, ist Hofbauer entgangen: Nichts als der bloße Wille des Analytikers, einen direkten Zusammenhang zwischen stofflichem und monetärem Reichtum zu entdecken, kann von einer Neuauflage des Kolonialismus phantasieren. Denn, wenn es einen direkten Zusammenhang gibt, dann nur den zwischen dem säkularen Verfall der Rohstoffpreise und der ebenso säkularen Dekolonialisierung: Wer auch immer Territorien beherrscht, in denen Gas, Öl etc. gefördert werden können, wird gezwungen sein, dieses auf dem Weltmarkt abzuliefern, um wenigstens die notwendige Infrastruktur seiner Herrschaft (und sei´s nur die seiner Armee) noch bezahlen zu können: Ob diese Bittgänger des Weltmarktes nun russische Provinzfürsten oder deren grausamere Regressionsform, islamische Stammesfürsten, sein werden, ist dabei von untergeordneter Wichtigkeit. Nun würden Hofbauer und Co argumentieren, daß der Kosovo-Krieg doch auch ein Probelauf für den unwahrscheinlichen Fall gewesen sein könnte, daß der Machtkampf zwischen ersteren und letzteren tatsächlich die westliche Ölversorgung ins Stocken bringen würde. Aber noch nicht mal mit einem derartig weit hergeholten Argument läßt sich die Rede vom knallhart geostrategischen "ökonomischen Interesse" hinter dem Menschenrechtsgerede noch retten: Denn im hier imaginierten Falle ginge es um die Einrichtung einer funktionstüchtigen Herrschaft und nicht wie in Jugoslawien um deren Zerstörung: Einen Milosevic kann man noch mit Luftangriffen erpressen; diejenigen, die nach den Milosevics kommen, die Clans- und Bandenführer sind so kaum erreichbar.


 
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