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Context XXI
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Home arrow Contextarchiv arrow Jahrgang 1999 arrow 4-5 / 1999 arrow Interesse, Gewissen und Projektion im Jugoslawienkrieg

Interesse, Gewissen und Projektion im Jugoslawienkrieg | Print |
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Interesse, Gewissen und Projektion im Jugoslawienkrieg
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    Ob und wann imperiale Mächte stellvertretend für ihre Währungen dann doch aufeinander einschlagen oder Rußland in Schranken verweisen zu müssen meinen, in denen es sich ohnehin befindet, läßt sich schlechterdings nicht voraussagen: Und das gerade, weil klassisch imperialistische Argumentationen nur noch zur oberflächlichen Rationalisierung des Vorgehens gegen jeweils ausgespähte Feinde des Freihandels und der Demokratie vorgebracht werden - wenigstens von seiten der Amerikaner; der reine Idealismus Deutschlands weist "Interesse", gar merkantiles, von sich. Nicht der klassische Imperialismus tarnt sich ethisch, sondern der imperialistische Firnis über der reinen Ethik ist dünn geworden.

Postnationale Gewissenskriege

    Diese Interesselosigkeit an den Orten und Zielen der Kriegseinsätze, mit der sich die Aggressoren im jüngsten Jugoslawienkrieg auch noch brüsten, zeigte mit aller Deutlichkeit der Somaliaeinsatz. So schnell die humanitären Interventionisten vor Ort waren, so gleichgültig ist ihnen diese Gegend heute. Diese materielle Gleichgültigkeit betrifft zunächst einmal alle an dieser und der jetzigen widersinnigen Expedition beteiligten NATO-Mächte.
    Dennoch stand am Beginn der new world order eine Konstellation in der Wahl der Feinde, in der die Rolle Deutschlands einerseits und die der Westallierten andererseits wie eh und je verteilt zu sein schienen. 1991 schützten die USA im Golfkrieg nicht zuletzt Israel, während Deutschland sich an die ethnische Parzellierung Südosteuropas machte - mit den gleichen Verbündeten gegen den gleichen Feind. Zur selben Zeit als Präsident Bush Milosevic als den "Lincoln des Balkans" würdigte, hievten Mock und Genscher dessen Gegenspieler, den Ustascha-Häuptling Tudjman auf die diplomatische Bühne. Erstaunlich ist dabei weniger die Tatsache, daß die USA nach dem beschriebenen Muster der rearchaisierten Konkurrenz, in der militärische Stärke gerade deswegen gezeigt werden muß, weil es durch sie nirgendwo auf der Welt noch irgendetwas zu gewinnen gibt, Deutschland dessen frisch erschaffene Verbündete abspenstig zu machen bemüht ist - so geschehen bei der ethnischen Säuberung der Krajina wie bei der Verteidigung der Ergebnisse des Itzetbegovic-Putsches.
    Viel erklärungsbedürftiger bleibt die quasi instinktiv erfolgende kollektive Feinderklärung Serbiens durchs gerade wieder vollständig souverän gewordene Deutschland. Daß allein das von Deutschland projizierte Serbien den Grund dafür abgibt, das reale zu bombardieren, läßt sich schon an dem grotesken Widerspruch zwischen Realität und Projektion leicht demonstrieren. Für die Rolle des Nazideutschlands der 90er Jahre eignete sich der andere von der Größe her erwähnenswerte Nachfolgestaat der SRFJ besser als die Bundesrepublik Jugoslawien. Was Serbien vorgeworfen wird, daß ein ethnisch sich reinigendes Volk von Chauvinisten sich hinter einen skrupellosen Diktator stellt, trifft hier weniger zu als beispielsweise in Kroatien; und obwohl Deutschland nichts unversucht läßt, das wirkliche Jugoslawien der Projektion gleich zu machen (Jugoslawien ist mit einem monatlichen Pro-Kopf-Einkommen von 75 Dollar mittlerweile das ärmste Land Europas, noch hinter Albanien), ist dort Seselj immer noch nicht Staatspräsident, die Tschetnik-Ideologie nicht nationaler Gründungsmythos. Wie anders dagegen das "prowestliche" Kroatien mit seiner Ustaschafahne, seiner Jasenovac-Lüge und dem antisemitischen Großkroaten Tudjman an der Spitze.
    Die (groß)deutsche Serbenfresserei hat nicht nur jeden betriebswirtschaftlichen Grund für ihre Existenz, sondern auch jede mehr oder weniger plausible historische Begründung überlebt. Nicht als Partisanenhort wird Serbien heute thematisiert, sondern in vollendeter Infamie als Mischung aus KZ und Gulag. Die Feindschaft gegen den Serben ist Feindschaft um ihrer selbst willen. Sowohl die innere Widersprüchlichkeit als auch die Unbedingtheit dieser deutschen und österreichischen Idiosynkrasie erinnern nicht zufällig an den Antisemitismus, der ebenfalls zwei kraß unterschiedliche Momente im Wahn synthetisierte, die Wall-Street und den Bolschewismus. Die Funktion, die der Schurkenstaat Jugoslawien und mehr noch das Anti-Volk Serbien in der deutschen und österreichischen Projektion einnimmt, ist keineswegs wesensgleich, aber artverwandt, eben in der Funktionsweise: War einst der Jude dafür verantwortlich zu machen, daß der autoritäre Volksstaat die Krise nicht zu bändigen vermag, so ist's Serbien, dessen abgrundtiefe Schlechtigkeit daran schuld ist, daß der balkanische Völkerfrühling ein Horrorszenario des Verfalls und keine blühenden Landschaften nach sich zog. Nicht der Weltmarkt darf die Welt ruinieren, sondern eine sich diesem verweigernde, nicht dessen Gesetzen gehorchende Macht muß projiziert werden. Darin vertritt "Serbien" einerseits den verhaßten Sozialismus; andererseits büßt es für die unmöglich gewordene Liebe der Deutschen zum NS-Volksstaat.
    Mit antisemitischen Mitteln entledigt sich Deutschland damit des historischen Nationalsozialismus, um ihm gerade darin treu zu bleiben, daß projizierender Wahn und Staatsräson voneinander nicht zu scheiden sind. Daß die neugewonnene deutsche Souveränität mit verblüffender, schlafwandlerischer Sicherheit sich die gleichen Freunde und den gleichen Feind wie vor 50 Jahren suchte, hat nichts damit zu tun, daß Deutschland den tatsächlichen zweiten Weltkrieg wiederholen möchte, sondern damit, daß der Feind, gegen den Deutschland diesen Krieg führte - der abstrakte, krisenhafte Charakter der Akkumulation, der Selbsterhaltung und Selbstvernichtung in eins setzt - stärker denn je ist. Wie diese Krise permanent bleibt, indem man ihren zyklischen Ausbruch aufzuschieben versucht, so wenig vergänglich ist der subjektive Zwang zum Projizieren. Nur diese Nicht-Vergänglichkeit der handlungsleitenden Wahnvorstellungen erklärt, warum die Vergangenheit nicht vergeht, sondern in Gestalt des Serbenhasses zombiesk wiederaufersteht - diesmal ohne zu versuchen, den "Drang" mit den Erdölquellen von Ploesti oder dem Volk ohne Raum zu rationalisieren. Der letzte Weltkrieg ist der Prototyp der aktuellen postnationalen Gewissenskriege: Wie dieser darum geführt wurde, die eigene kapitalistische Reproduktion von deren notwendigem Krisencharakter zu befreien - durch die Auslöschung des "jüdischen Prinzips" - so ist auch der "Gewissenskrieg" gegen den je aktuellen Schurkenstaat in Wirklichkeit einer gegen den verdrängten Zwangszusammenhang von Tausch und Elend, von dem man weiß, daß seine Zerstörungsdynamik sich nicht mit der zweiten und dritten Welt bescheiden wird. Dieser Verdrängungsmechanismus treibt mittlerweile nicht mehr nur Deutschland um, wiewohl er Deutschland so umtreibt wie kein zweites Land der ersten Welt. Es ist schon allein deshalb der überzeugteste Vertreter des "Gewissenskriegs", weil sein Rechtsvorgänger ihn nicht nur als erster über die Welt brachte, sondern ihn auch gleich als den grenzenlosen und entgrenzten Exzeß führte, der er seinem Begriff nach ist. Daß ein ehemaliges Opfer - Serbien - dieses Gewissenskrieges auch heute wieder der Bösewicht ist, an dem die verfolgende Unschuld Deutschlands sich austoben darf, macht es als deutsche Projektionsfläche so unwiderstehlich. Aber Deutschland ist eben auch nicht mehr der einzige Vertreter des projektiven, hysterischen Erstschlags gegen die Dysfunktionalität der eigenen Vergesellschaftungsform des Marktes, die man gegen Gegner verteidigt, deren Unglück darin besteht, daß man ihrem politischen und sozialen Elend diese Dysfunktionalität so deutlich ansieht - wie beispielsweise Somalia. Und nachdem es gerade aufgrund Deutschlands tatkräftiger Mithilfe gelungen war, die ökonomische Krise der SFRJ in Bürgerkrieg umschlagen zu lassen, sozusagen somalische Zustände zu schaffen, waren auch die Bedingungen für ein anderes Umschlagen gegeben: Das der anfänglichen Unlust der ehemaligen Westalliierten am Jugoslawienkrieg in das hysterische Kriegsgeheul Tony Blairs.
    Klar wie nie gestehen die, die diese Kriege führen wollen und müssen, ein, daß es sich um reine Projektionskriege handelt: Kriege, die man logischerweise nicht nur nicht gewinnen kann, sondern die man stets aufs neue führen muß. Statt aber zu bemerken, daß das Schreckliche gerade in der von den Aggressoren stolz ausposaunten Abwesenheit materieller Interessen, gerade im zwanghaften moralischen Rigorismus besteht, der sich um die Folgen seines Tuns nicht mehr kümmert, verschließt ausgerechnet der linke Kritiker die Augen ganz fest davor. Als ob er aus einem unerfindlichen Grunde an den Beweis der Nützlichkeit des Äquivalententausches sein Seelenheil geknüpft hätte, versucht er das stoff- wie subjektlose Kapital, das offenherzig wie kaum je zuvor seine Gleichgültigkeit gegenüber den Stoffen wie den Subjekten herauskehrt, mit Arbeitskräften und Rohstoffen anzufüttern. Wie sehr er auch das Kapital anfleht, doch bitte konkret zu sein und nicht abstrakt, doch bitte nützlich statt gleichgültig, doch bitte zu funktionieren statt zu kollabieren - es wird ihn bitterlich enttäuschen.

 Uli Krug ist Redakteur der Berliner Zeitschrift Bahamas



 
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