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Im Westen nichts Neues? – Der Osten ruft! |
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"Osteuropa" als Erfindung und Trade Mark
Von Jutta Sommerbauer
Osteuropa, so stellt Larry Wolff in der "Wieser Enzyklopädie des
europäischen Ostens" lapidar fest, sei eine "Erfindung" der
WesteuropäerInnen. Der Historiker schreibt: "Paradoxerweise bedient man
sich bei der Erfindung Osteuropas der materiellen Wirklichkeit – Länder
und Flüsse, Dörfer und Städte, Menschen aus Fleisch und Blut – und
formt diese zu einem zusammengehörigen, sinnhaften Ganzen, das in
seiner Ganzheit jedoch fiktiv und illusionär ist: kurz, zu einer Idee."
(S. 21) Zumindest für ein ambitioniertes, mehrjähriges Projekt der Erstellung
eines Nachschlagewerks, das sich gänzlich Osteuropa widmet, dürfte die
Faktizität der Idee doch ausgereicht haben. Der Wieser-Verlag ist
gemeinsam mit dem Institut für Geschichte der Universität Klagenfurt
Herausgeber der Enzyklopädie, die in 20 Bänden und drei Abteilungen
erscheinen soll: Bände mit lexikalischen Stichworteinträgen, sowie
Quellen- und Themenabteilung.
Der erste Band der siebenteiligen Themenreihe ist "Europa und die
Grenzen im Kopf" gewidmet. Osteuropa wird unter seiner Funktion als
"geistige Landkarte", als kulturelles Konzept analysiert:
Europakonzeptionen und Balkanismen, die Positionierung Russlands
zwischen Europa und Asien, (post)sowjetische Heimatbegriffe sowie
Grenzkonstruktionen in Kunst und Ästhetik sind einige der in dem
500-Seiten-Wälzer behandelten Aspekte. Um noch einmal zu Larry Wolff zurückzukehren: Was für den
Konstruktivisten nicht mehr als eine Fiktion ist, daran hegt der/die
DurchschnittswesteuropäerIn keinen Zweifel. Ob nun die Vorstellung von
Osteuropa seit dem 18. Jahrhundert von Voltaire und anderen
niedergeschrieben wurde oder ob WesteuropäerInnen seit jeher von der
"Halbwildheit" der Menschen des Ostens fasziniert waren – eines steht
fest: Die "Erfindung Osteuropa" erfreut sich heute steigender
Beliebtheit.
Vielfältiger Ostblock
Nachdem die Beitrittsländer in den letzten 15 Jahren im stillen Eckchen
die Spielregeln der Westintegration eingehalten haben, kann sich der
Westen der "Ränder Europas" endlich annehmen: Die östlichen
Nachbarländer Österreichs haben sich auf wundersame Weise zu
respektablen EU-Partnern gewandelt. Sopron, Bratislava, Znojmo: Wo man
einst nur schmackhafte Salamis und Markenjeans zu dezenten Preisen
erstand und sich ein perfektes neues Gebiss anpassen ließ, gibt es
plötzlich auch Kultur und Kunst, Literatur und Geistesleben zu erleben.
Es gilt die letzten "Grenzen im Kopf" endgültig zu beseitigen. Und den
verfeinerten Osten zu genießen.
Schließlich gilt es einiges zu entdecken, was während des Kommunismus
unter den "Mantel des Schweigens" geraten war. Der Blick auf den
"Ostblock" hat sich differenziert, man ist nun bereit, nationale
Unterschiede anzuerkennen. Und jedes einzelne dieser Länder scheint vor
unbekannten Kulturen, verschwiegenen Minderheiten, vergessenen Bräuchen
und unentdeckten Landstrichen nur so zu strotzen.
"Go East"
Osteuropa, so Wolff, beruhe "auf dem Entwurf einer modernen Skala von
Entwicklung und Unterentwicklung; dass Osteuropa weder gänzlich
zivilisiert noch völlig barbarisch war, war schlicht Ausdruck seiner
,Rückständigkeit‘. Insofern, als Osteuropa ,europäisch‘ war, wurde es
als sich in Richtung Zivilisation bewegend angesehen, obwohl die
Erreichung dieses Ziels immer auf einen unbestimmten Zeitpunkt in der
Zukunft verschoben wurde." (S. 25) Für acht osteuropäische Staaten scheint dieser Zeitpunkt nun gekommen
zu sein. Wenn sich diese Länder heute als attraktive Mitglieder der
europäischen Familie neu erfinden, dann geschieht dies wie eh und je im
Zeichen der erfolgreich abgeschlossenen Zivilisierung. Denn auf Dauer
lassen sich mit der trockenen Rede von Investitionen, Standortvorteil
und Binnenmarkt weder Magazinseiten noch Vortragssäle füllen. Besser
also, man streut klangvolle Begriffe wie die "Teilnahme an einem
gigantischen Friedensprojekt", das "gemeinsame kulturelle Erbe" und die
"europäische Wertegemeinschaft" in die Diskussion. Längst bleibt es nicht bei salbungsvollen Reden: Der Boom von
"Ostsprachen" und Osteuropa-Studien, das Abfeiern osteuropäischer
Literaturen auf Kultur-Großereignissen wie der Frankfurter Buchmesse,
Kakanien-Nostalgie, Russendisko & Balkannacht zeigen, dass
"Osteuropa" heute noch mehr ist: eine Marke, mit der man Aufmerksamkeit
erzielt.
Somit scheint die Erfindung aus dem 18. Jahrhundert endgültig in der
post-sozialistischen Wirklichkeit angekommen zu sein.
Karl Kaser, Dagmar Gramshammer-Hohl, Robert Pichler (Hg.): Europa und
die Grenzen im Kopf, Wieser Enzyklopädie des europäischen Ostens, Band
11, Klagenfurt/Celovec 2003, 500 Seiten.
Außer dem obigen Band ist bis dato Band 10 der Enzyklopädie, das "Lexikon der Sprachen des europäischen Ostens", erschienen.
Weitere Informationen über das Gesamtprojekt sind unter der Website www.wieser-verlag.com zu finden. |
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