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Jenö war mein Freund – Unterrichtsthema: deutsche Toleranz und Vernichtung |
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"Und dann haben sie sie eines Tages doch abgeholt: die ganze Bande;
auch Jenö war dabei. (...) Ich war nur traurig, daß Jenö jetzt weg war.
Denn Jenö war mein Freund."(1)
Von Cordula Behrens-Naddaf
Was erfahren SchülerInnen in deutschen Schulen über
die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung der Sinti und Roma
und die nach 1945 ungebrochen fortgesetzte Diskriminierung? Welche
Klischees, Vorurteile und Stigmata werden nach 1945 tradiert und
kolportiert? Wie die Geschichte des Antisemitismus, wird auch die des
Antiziganismus in der Schule kaum thematisiert, obwohl beide Ideologien
zum Kern- und Mittelpunkt der nationalsozialistischen
Vernichtungspolitik zählen. Der Schulbesteller Jenö war mein Freund von
Wolfdietrich Schnurre, eine Kurzgeschichte aus dem in den
Sechzigerjahren erschienenen Band Als Vaters Bart noch rot war bleibt
nach wie vor die am stärksten verbreitete und häufig einzige
Schullektüre zum Thema Sinti und Roma. Das bleibt sie ungeachtet einer
kritischen Analyse von 1983.(2) Als Begründung für die weitere
Verwendung dieser Lektüre in der Schule führt Heinz-Jürgen Kliewer 2003
an: "Jenö muss als ärgerlicher Text akzeptiert werden und bietet gerade
dann die Möglichkeit, an die verscharrten Vorurteile heranzukommen".(3) Wird diesem Appell in der gegenwärtigen Schulrealität nachgekommen?
Leiten LehrerInnen die Diskussion der Kurzgeschichte mit den
SchülerInnen mit der Bemerkung ein, dies sei ein "ärgerlicher Text"?
Wird die Interpretation von Schnurres Erzählung zur Offenlegung und
Beseitigung "verscharrter Vorurteile" gegenüber Sinti und Roma genutzt
oder verwenden LehrerInnen Jenö war mein Freund nicht vielmehr als
Beispiel einer vorbildlichen und hochgelobten deutschen Toleranz
gegenüber einer Minderheit, die aufgrund ihrer Lebensweise
unhinterfragt weiter als "undeutsch" gilt?
Welch angeblich "nachhaltige moralpolitische
Erziehung"(4) von LehrerInnen bis heute mit diesem Schulklassiker
favorisiert und transportiert wird, soll hier kritisch untersucht
werden. Nicht nur romantische wie diskriminierende Vorurteile werden in
dieser und in anderen Geschichten weitergegeben. Die
nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung von bis zu 500.000 Roma
und Sinti überdauerten nicht nur subjektive Vorurteile, sondern vor
allem antiziganistische Stigmata, die sich sowohl in Jenö war mein
Freund als auch in den administrativen Strukturen und im Bewusstsein
der deutschen Bevölkerung im Nachkriegsdeutschland zeigen.
Als verwahrloster, wie ein "Wiedehopf" riechender,
unzuverlässiger, rauchender, Igel essender Dieb wird der Roma-Junge
Jenö in Schnurres Geschichte vorgestellt. Warum gerade Jenö zum Freund
des sich als Neunjährigen imaginierten Erzählers wird, bleibt nicht
unverborgen aber unausgesprochen. In der Vorstellung der "lustigen
Lebensweise der Zigeuner", die sich über alle gesellschaftlichen
Verbote scheinbar hinwegsetzen dürfen, begegnet der Autor der
Personifizierung seiner heimlichen Wünsche und unterdrückten
Triebvorstellungen seiner Kindheit. Unbewußt projiziert er
gesellschaftlich historisch geprägte Imaginationen auf das Kind einer
diffamierten Minderheit. Gerade nach einem Misserfolg in der Schule
bewundert er das Leben des scheinbar von gesellschaftlichen Zwängen und
Benimmregeln Befreiten. Was dem deutschen Jungen von der Gesellschaft
versagt und verboten wird, sieht er bei dem anderen als Lebensweise.
Mein "Freund" sagt er zu dem, der er gern sein möchte. Denn in ihm regt
sich Abwehr gegen den deutschen normierten Alltag. Sie scheint nach
Theodor W. Adorno das "Glück der Machtlosen" zu sein. Warum der "Zigeunerjunge" für den Heranwachsenden eine besondere
Attraktion ausübt, liegt aber gerade im Repertoire antiziganistischer
Stereotypenbildung. "Der Rassismus projiziert auf die (...) ‚andere
Rasse’ (...) eine idealisierte Natur, triebhafte Sexualität und starke
Körper, dazu Faulheit, Leistungsunfähigkeit und -unwilligkeit, eine
niedrigere Intelligenz und ungehemmte Emotionalität, schließlich
Irrationalität und Kriminalität. Im Ersatzobjekt wird die Angst vor dem
drohenden Rückfall des disziplinierten und sich selbst
disziplinierenden Subjekts in den Naturzustand symbolisiert und
bekämpft."(5)
Diese Einsicht versucht die Gattin Wolfdietrich
Schnurres zu romantisieren. In einem Klappentext schreibt Marina
Schnurre, ihr Mann erzähle über Sinti und Roma "ohne Beschönigung, aber
voller Toleranz und kenntnisreicher Nächstenliebe, die eine
unsentimentale Wehmut nicht ausschließt; eine Wehmut, die dem
Nomadenleben einer Zigeunertruppe am Rande unserer hochtechnisierten
Zivilisation innewohnt."(6) Ahistorisch hält Schnurres Gattin an den
vornationalsozialistischen Vorurteilen fest, als ob sie den
Nationalsozialisten nicht zur Begründung der Verfolgung und Ermordung
der Sinti und Roma dienten.
Antiziganismus: Disziplinierung und Verfolgung
Die Ursprünge der antiziganistischen Ideologie gehen
auf die Zeit der Industrialisierung zurück. Die Umwälzung der
Gesellschaftsform durch die veränderte Produktionsweise verursachte
gesellschaftliche Antagonismen. Die Aufhebung der Leibeigenschaft und
die Entwicklung eines nationalen "freien" Arbeitsmarktes führte zum
"Herumziehen" von einem großen Bevölkerungsanteil. Darin entdeckten die
Regierenden des sich etablierenden deutschen Nationalstaats eine Gefahr
für die politische und soziale Ordnung der bürgerlichen Gesellschaft.
"Indem diese Gefahr auf die Sinti und Roma projiziert wurde, entstand
der Eindruck, vermeintliche Ursachen für ‚Unordnung’ könnten durch die
Ausweisung der (ausländischen) Roma exportiert werden."(7) Im
Nationalsozialismus wurde das Nomadenhafte mit Kriminalität zu einem
imaginierten Kollektivcharakter der Sinti und Roma verbunden, der zur
propagandistischen und administrativen Begründung der Verfolgung und
Vernichtung von Sinti und Roma avancierte.
Rassistisch motiviert weiteten die
NationalsozialistInnen unter den Stigmata Asozialität und Kriminalität
die "vorbeugenden Verbrechensbekämpfung" mehr und mehr aus. Auf den so
genannten Asozialenerlass(8) folgte mit dem Erlass vom 26. Januar 1938
die "Aktion Arbeitsscheu Reich", infolge derer mehrere tausend
"Arbeitsscheue" in die Konzentrationslager Sachsenhausen, Buchenwald
und Dachau verschwanden. Den Grund seiner Festnahme habe er als
17-Jähriger nicht erfahren, berichtet der Sinto Martin H. Mit über
hundert Sinti aus Norddeutschland musste er im Frühjahr 1938 das Lager
in Sachsenhausen aufbauen, bevor er 1940 nach Mauthausen deportiert
wurde.
Kontinuitäten
Forderungen nach "Wiedergutmachung" wurden nach 1945
mit den gleichen amtlichen Begründungen abgewehrt, die für die
Deportation und Ermordung der Sinti und Roma angeführt wurden. Dies
verdeutlichen Richtlinien in der Zeitschrift Kriminalistik, die der
Kriminalamtmann Hans Eller, der im Nationalsozialismus an der
Deportation der Sinti und Roma aus Bayern beteiligt war und
Mitorganisator der Landfahrerzentrale im Jahr 1954 war, verfasste:
"Während des Dritten Reiches wurde eine Anzahl zigeunerischer Personen
wegen ihrer teils asozialen, teils kriminellen Lebensweise als
polizeiliche Vorbeugungshäftlinge in KZ-Haft genommen. Erst im Jahre
1943 wurde auch die familienweise Einweisung von Zigeunern in KZ-Lager
verfügt. Inwieweit und unter welchen Umständen hierbei Zigeuner ihr
Leben lassen mußten, kann mangels konkreter Unterlagen nicht
festgestellt werden. Soweit jedoch bekannt, wurden auch viele Zigeuner
ein Opfer von Seuchen, die (...) zum Teil (...) auf die persönliche und
angeborene Unsauberkeit der Betroffenen selbst zurückzuführen ist. Eine
rassische Verfolgung schlechthin muß (…) im Gegensatz zu der
Judenverfolgung verneint werden."(9)
Im Januar 1956 lehnte der Bundesgerichtshof die
Ansprüche einer Überlebenden mit der Begründung ab, ihre Deportation
sei als eine "Umsiedlungs"-Aktion zu bewerten, "die keine
nationalsozialistische Gewaltmaßnahme im Sinne des §1 des
Bundesentschädigungsgesetzes darstelle." In der Urteilsbegründung hieß
es: "Die Zigeuner neigen zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und
zu Betrügereien. Es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe zur
Achtung vor fremden Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein
ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist."(10) Die Diskriminierung und
Inhaftierung von Sinti und Roma vor 1943 wurde so bis zum Jahre 1963
nicht als rassistische Verfolgung anerkannt.
Seit der Gründung des deutschen Nationalstaates
ersetzt das gesellschaftliche Vorurteil, institutionell fixiert, das
individuelle Urteilsvermögen. Es schuf und schafft für den Zusammenhalt
der Volksgemeinschaft ein gemeinsames Feindbild. Sind bei Straftaten
"Zigeuner" in der Nähe, sind sie wie selbstverständlich die ersten
Verdächtigen. Straftaten werden ihnen als Kollektiv angelastet. Sie
konnten und können sich dazu meist weder äußern oder verteidigen noch
ein rechtmäßiges Urteil erwarten.
Wie dem Roma-Jungen in Schnurres Geschichte haftet
dem Sinto oder Rom bis heute von Geburt an das "Zigeunerhafte" an, das
ihn als Mitglied eines Verbrecherkollektivs ausweist und unter dem
Nationalsozialismus seine Ermordung begründete. In dieser Tradition
muss eine Veröffentlichung des Kölner-Express von 2002 gesehen werden.
Dort wurden unter der Überschrift "Die Klau-Kids von Köln" über 50
Polizeifotos von Kindern aus Roma-Flüchtlingsfamilien gezeigt. Ein
weiteres Beispiel: Der Spiegel führte 1992 die Motivation der Deutschen
für das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen auf die angebliche Unhygiene und
Kriminalität von Roma-Flüchtlingen zurück: "Roma und Sinti, meist aus
Rumänien, sind in Deutschland zur Zeit die meistgehaßten Ausländer.
Wohin sie auch kommen, flackert Antiziganismus auf, klagen Bürger über
Diebstähle, Belästigung, Radau, Bettelei, Chaos."(11)
Der mit den Stereotypen Nichtsesshaftigkeit,
Unhygiene und Kriminalität verbundene von Deutschen halluzinierte
Kollektivcharakter der "Zigeuner" wird SchülerInnen bis heute in der
Geschichte Jenö war mein Freund vermittelt. Dabei lässt der Autor den
deutschen Freund und die LeserInnen diesen Kollektivcharakter heimlich
bewundern und die SchülerInnen mit Vater und Sohn sympathisieren, die
das unangepaßte Verhalten des Roma-Jungen – zumindest zeitweise –
tolerieren. Warum der Vater seine Erlaubnis zu einer gesellschaftlich
verpönten Beziehung gibt, erscheint auf dem ersten Blick in seinem
liberalen und antiautoritären Erziehungsstil begründet. "Versteh mich
recht" sagte er, "ich hab nichts gegen Zigeuner; bloß..." "Bloß-?"
fragte ich. "Die Leute-" sagte Vater und seufzte. Er nagte eine Weile
an seinen Schnurrbartenden herum. "Unsinn" sagte er plötzlich;
"schließlich bist du jetzt alt genug um dir deine Bekannten selbst
auszusuchen."(12) Schnurre erzählt ausführlich, was sich die "Leute"
unter dem "Zigeuner" und "Zigeunerhaftem" vorstellen. Gegenstände
verschwinden nach jedem Besuch des "Zigeunerjungen". "Ich war bestürzt,
Vater nicht so sehr" (...) "Sie haben andere Sitten als wir"
rechtfertigt der Vater ohne nachzufragen, wer der Dieb überhaupt ist.
Alles wird vom Vater entschuldigt und geduldet, selbst das, was seinem
Sohn nach kindlichem Rechts- und Unrechtsempfinden bedenklich
erscheint. Statt den LeserInnen nahezulegen, dem Verdacht nachzugehen,
das Verschwinden der Gegenstände zu erklären und den Täter zu
ermitteln, um ihn zur Rede zu stellen und zu urteilen, welche Strafe
angemessen wäre, geht der Autor wie selbstverständlich davon aus, daß
gemäß deutscher Überzeugung allen klar ist: Nur der "Zigeuner" kann der
Dieb sein, denn sein Wesen ist das Stehlen. Schnurre knüpft damit an
ein antiziganistisches Hauptstereotyp, das seit der Reichsgründung die
polizeiliche Verfolgung und Erfassung der Sinti und Roma wegen
angeblicher Kriminalität motivierte. Schon 1899 wurde die
Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens eingerichtet, deren
Aufgabe in "kriminalpolizeilichen Vorbeugungsmaßnahmen" bestand.(13)
Dass mit dem Erlass vom 14.12.1937 zur vorbeugenden
Verbrechensbekämpfung gerade Sinti und Roma wegen ihrer angeblichen
Asozialität in die Konzentrationslager eingeliefert wurden, konnte der
neunjährige deutsche Freund der Kurzgeschichte vielleicht nicht wissen,
der aber so nachgiebige Vater hätte es wissen müssen. Doch er schwieg.
Der gesamte Kontext der Diskriminierung und Verfolgung der Sinti und
Roma während des Nationalsozialismus kommt in der Erzählung nicht vor,
die gesellschaftlichen Hintergründe werden vollkommen ausgeblendet,
obwohl das Ende keinen Zweifel läßt, daß sich die Deportation nur im
Dritten Reich ereignet haben kann.
Die LeserInnen könnten meinen, es handle sich um
eine fiktive Geschichte. Doch Wolfdietrich Schnurre betont, Jenö war
mein Freund sei eine autobiographische Geschichte. Im Rückblick auf die
eigene Kindheit und Jugend schreibt er 1968: "Mit elf hatte ich
Karlchen Munkacz zum Freund, einen Zigeunerjungen, der einer der besten
Meerschweinchendresseure war, die es gab. Wir kannten uns vier Monate,
da sah ich, wie die SS die bunten Wohnwagen an ihre Lkws hängte.
(...)"(14) Der Autor sieht als Kind zu, wie sein "Freund" abgeführt
wird. Nichts Bedrohliches will er damals erkannt haben. Auch zwanzig
Jahre nach der Deportation "seines Freundes" sinniert Schnurre nicht
über das, was passierte sondern schaut weg, als es darum geht, die
Vergangenheit in der Gegenwart zu erkennen. Warum recherchiert Schnurre
nach 1945 nicht über die Diskriminierungs- und Verfolgungsgeschichte
seines Freundes und dessen Verbleib?
Stigmatisierende Toleranz
"Wie beurteilt ihr das Verhalten des Vaters?",
werden SchülerInnen in einem Lesebuch der 6. Klasse gefragt. Eine
Antwort von SchülerInnen könnte lauten: Der Vater ist vorurteilslos
oder "duldsam gegenüber anderen Meinungen, großzügig: ein toleranter
Mensch."(15)
In Wirklichkeit demonstriert die Geschichte die
schreckliche Scheinheiligkeit deutscher Toleranz. Ahnungslos schaut der
Protagonist zu, wie sein Freund abgeführt wird. Über dessen Schicksal
habe er ja nichts gewusst, erzählt er dem Leser entschuldigend. Galt
sein Bedauern dabei dem Spielkameraden "Jenö" oder eher dem
unwiederbringlichen Verlust seiner verbotenen und ungezwungenen
Kindheitserlebnisse? Warum griff sein alles tolerierender Vater nicht
ein? Ein Blick auf lexikalische Definitionen des Begriffes "Toleranz"
kann weiterhelfen: Während im Englischen "Tolerance" als "freedom from
bigotry or from racial or religious prejudice"(16) gilt, wird der
deutsche Begriff "Toleranz" abgeleitet aus dem lateinischen tolerare
nur passiv mit "ertragen" oder "gewähren" übersetzt.
Diese Definition lässt erahnen, warum der
Protagonist der Geschichte noch nicht einmal auf die Idee kommt, zu
fragen, warum sein "Freund" abgeführt wird oder seinen toleranten Vater
auffordert, die Deportation zu verhindern.
Die Wiederholung von Stigmata bedeutet nach der deutschen Gewohnheit
‚Nichts-Machen-zu-Können‘, keinen Einspruch zu erheben oder Widerstand
zu leisten. Duldung und gewähren lassen beinhaltet nach dem common
sense der deutschen Bevölkerung Toleranz. Eine Toleranz, die bewußt
übersieht, wie den ohnehin Stigmatisierten selbst die
Grundlebensbedingungen von der Gesellschaft verweigert werden, zielt
auf nichts anderes als Toleranz vor sich herzutragen und zur
Entschuldigung des eigenen Verhaltens heranzuziehen. Die Beschränktheit
solch einer deutschen Toleranz offenbart folgende Aussage des
Bürgermeisters der Kleinstadt Lebach in Bayern von Anfang der
Neunzigerjahre: "Die Lebacher Bevölkerung hat in den über 30 Jahren
seit Bestehen der Landesaufnahmestelle Verständnis,
Aufnahmebereitschaft und Fremdenfreundlichkeit bewiesen. Insbesondere
das asoziale, unzivilisierte und kriminelle Verhalten einer auf weit
über 1000 Personen angewachsenen Gruppe von Zigeunern rumänischer
Herkunft hat dazu geführt, daß die Geduld der Lebacher Bevölkerung
derzeit permanent überstrapaziert wird. Als gewählte Vertreter dieser
Lebacher Bevölkerung sind wir nicht bereit, solche Mißstände länger
hinzunehmen."(17)
Beinhaltet Toleranz somit nach deutscher Auffassung,
auch den Mord an einem Freund billigend in Kauf zu nehmen? Rühren den
Erzähler nicht eher verlorene Kindheitserlebnisse als die Deportation
und der Verlust seines "Freundes" Jenö? In der Dialektik der Aufklärung
heißt es: "Man darf dem verpönten Trieb frönen, wenn außer Zweifel
steht, daß es der Ausrottung dient."(18) Dieser Satz gibt den Schlüssel
für die Interpretation von Jenö war mein Freund und die Projektionen
auf Sinti und Roma, die die Erzählung von Schnurre durchziehen. Das
vermeintlich Naturhafte und Zügellose, das nomadenhafte Umherziehen,
das Aneignen fremden Eigentums ohne Arbeit, das Rauchen von Tabak u. a.
sind Triebe und Wünsche, die jedes Kind faszinieren. Als in der
deutschen Erziehung "verpönt" muss Schnurre das Ausleben dieser Triebe
und Wünsche auf den Roma-Jungen, Jenö, projizieren. Der kindliche
Ich-Erzähler kann sich ein solches Ausleben selber nicht zugestehen,
ihm bleibt nur, es zeitweise am Anderen, dem "Zigeuner" zu bewundern
und einen schüchternen Einblick in dessen geheimnisvolle verrufene Welt
zu nehmen. Letztlich muss sich ein jede/r deutsche Staatsbürger/in
jedoch disziplinieren und verbotene Triebe und Wünsche unwiderruflich
unterdrücken. Nachdem sie zuvor abgespalten und projiziert wurden,
verschwinden sie in Schnurres Kurzgeschichte gänzlich aus dem Leben des
Ich-Erzählers. Ein Protest gegen diese Triebunterdrückung erfolgt
ebensowenig wie Widerstand gegen den Abtransport des "Freundes". Er
verschwindet einfach aus dem Leben. Das von Schnurre beschriebene
"tolerante Verhalten" des deutschen Erzählers, das die Deportation des
Roma-Jungen widerspruchslos akzeptiert, kann auf deutsche SchülerInnen
nur eine fatale, entpolitisierende Wirkung haben.
In Schnurres Geschichte wird schließlich das
Rechtsbewusstsein in Toleranz verkehrt. Statt dem Dieb das Recht auf
Strafe zuzugestehen, bleibt nur der Verdacht, das Gerücht, das offene
Geheimnis.
Am Ende benennt der Schriftsteller, was er schon
vorher über seinen Freund wußte: "Und dann haben sie sie doch abgeholt:
die ganze Bande." In der Bezeichnung "Bande" liegt das Verständnis des
Autors. Jenö ist nicht als eine eigenständige Person zu betrachten,
sondern als Mitglied einer kriminellen Vereinigung bzw. laut Brockhaus
als Teil einer "Gruppe von Verbrechern".(19) Mit dieser Wortwahl zählt
Schnurre auch im Nachhinein "den Freund" Jenö explizit zu den
"Verbrechern". Die unreflektierte Vorverurteilung, nach der Roma und
Sinti so sind wie vom Autor beschrieben, wird von SchülerInnen bei der
Lektüre bewusst oder unbewusst übernommen. Damit bleiben sowohl die zum
rassistischen Stigma neigende Gesinnung der Nachkriegsbevölkerung als
auch die bis in die Achtzigerjahre bestehenden antiziganistischen
administrativen Strukturen der Polizei wie der Gerichte unhinterfragt.
Dass "hinter der angeblichen Toleranz sich bereits die Art Gesetzgebung
vorbereitet, die nicht mehr erwiesene Verbrechen bestraft, sondern alle
die irgendeiner Theorie zufolge ‚rassisch’ vorbelastet sind,
ausrottet", erkannte treffend Hannah Arendt.(20)
Die Geschichte von Wolfdietrich Schnurre
reproduziert alle pathischen Projektionen des sich von seinen
Kindheitsbedürfnissen geläuterten Deutschen. Die Klischees über
"asoziale und kriminelle Zigeuner", mit denen die Deutschen im
Nationalsozialismus den gemeinschaftlich begangenen Massenmord
begründeten, werden in Schnurres Geschichte nicht in Frage gestellt,
sondern unter dem Mantel angeblicher Toleranz tradiert und
manifestiert. "Ist Jenö ein Dieb, ein Tagedieb, ein nutzloses Glied
seiner Gesellschaft? Ist er faul, dumm unbegabt? Hat er nichts gelernt,
kann er nichts?" sind die entsprechenden Fragen eines Schulwerkes noch
von 1971!
Folgerichtig wird zum Schluss die Frage gestellt, ob "die Geschichte
eine Lösung" beinhaltet oder "der Schluß offen" bleibt und "was die
"Lösung", das Erzählziel" ist! Toleranz oder das "Programm zum Pogrom"?
(1) Biermann Heinrich / Schurf Bernd (Hg.): Deutschbuch 6. Cornelsen, Berlin 1997, S. 18.
(2) Vgl. Böhmer Torsten: Gutachten zur Behandlung der Geschichte und
aktuellen Situation von Sinti und Roma im Unterricht der Mittel- und
Oberstufe sowie als Gegenstand der Lehrerfortbildung, eine
Bestandsaufnahme und Vorschläge zur Weiterentwicklung, erschienen im
Auftrag des Bundesministers für Bildung und Wissenschaft, Darmstadt
1983. Bereits 1981 legte Torsten Böhmer eine Studie, "Die Sinti und
Roma in heutigen Schulbüchern" vor. Darin stellte er fest: "Als
Resultat der Schulbuchbefragung im Fach Geschichte läßt sich
festhalten: bis auf wenige Ausnahmen verschweigen Geschichtsbücher die
an Sinti und Roma vollführten Massenermordungen ebenso vollständig wie
die Vielzahl von Zwangsmaßnahmen, die an ihnen ausgeübt worden sind."
Die Gesellschaft weiche noch immer "der Berührung mit dem angerichteten
Unheil" aus. "In der mangelhaften Anerkennung verfolgter und
mißhandelter, der Angehörigen beraubter Zigeuner als Geschädigte des
Nationalsozialismus vor deutschen Gerichten ist diese auf Verdrängung
gestützte Haltung für die Betroffenen praktisch folgenschwer geworden."
Dokumentation. Evangelischer Pressedienst 26. Oktober 1981.
(3) Heinz Jürgen Kliewer: "Jenö war mein Freund" – Zur
Wirkungsgeschichte einer Erzählung von Wolfdietrich Schnurre. In:
Awosusi Anita: Zigeunerbilder in der Kinder und Jugendliteratur.
Heidelberg 2000, S. 57.
(4) Adelhoefer Mathias: Er bleibt dabei: Schnurre zum 75. Erinnerungen
und Studien. Hrsg. von Ilse-Rose Warg, Paderborn 1995, S. 276.
(5) Haury Thomas: Zur Logik des bundesdeutschen Antizionismus. In: Léon
Poliakov: Vom Antizionismus zum Antisemitismus. Freiburg 1992, S.130.
(6) Marina Schnurre: Klappentext zu Wolfdietrich Schnurre: Zigeunerballade. Gütersloh 1988.
(7) Katrin Reemtsma: Sinti und Roma. Geschichte, Kultur, Gegenwart. München 1996, S. 86.
(8) Vgl. Wolfgang Ayaß: "Ein Gebot der nationalen Arbeitsdisziplin".
Die Aktion "Arbeitsscheu Reich" 1938. In: Götz Aly u.a.: Beiträge zur
Nationalsozialistischen Gesundheits- und Sozialpolitik: 6.
Feinderklärung und Präventation. Kriminalbiologie, Zigeunerforschung
und Asozialenpolitik. Berlin 1988, S. 46ff.
(9) Karola Frings / Frank Sparing: "Regelung der Zigeunerfrage". In: konkret 11/93, S. 27ff.
(10) Romani Rose: Bürgerrechte für Sinti und Roma. Heidelberg 1987, S. 53.
(11) Spiegel 31.08.1992. Zit. Aus: Joachim Bruhn: Das Programm zum Pogrom. In: konkret 10/92, S.11.
(12) Deutschbuch 6 (...), a.a.O., S. 15.
(13) Reemtsma 1996.
(14) Wolfdietrich Schnurre: Tintenfisch. Zit. aus: Hans Jürgen Kliewer: "Jenö war mein Freund (...)" a.a.O., S. 50.
(15) Der Sprach-Brockhaus. Wiesbaden 1984, S.697.
(16) Funk & Wagnallis Standard College Dictionary. Library of
Congress Catalog Card No.63-17360, Funk & Wagnalls Company 1963, S.
1408.
(17) Zit. nach Reemtsma1996, S. 168.
(18) Theodor W. Adorno / Max Horkheimer: Dialektik der Aufklärung. Frankfurt am Main 1969, S.165.
(19) Vgl. dazu: Der Sprach-Brockhaus 1994, S.83.
(20) Hannah Arendt: Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München 1986, S. 157.
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