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Brief an Claudia Brunner |
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von Hannah Fröhlich
Liebe Claudia Brunner,
Vor etwas mehr als einem Jahr sind wir uns bei der
psychoanalytischen Großgruppe (1) begegnet. Woche für Woche sind wir
abends im grünen Haus gesessen, ein halbes Jahr lang, ich an der Seite
mit möglichst viel Distanz zum Gruppengeschehen, Du fast immer
mittendrin.
Irgendwann hast Du dort erzählt, wer Dein Großonkel
ist. Dein Outing löste Tränen bei jenen Teilnehmenden aus, die
Nachkommen von Opfern Deines Großonkels sind. Und Aggressionen und
Entlastungsversuche bei den Nachkommen der TäterInnen – den "Ariern",
wie Prof. Shaked gern provozierend bemerkte.
Die Kinder und EnkelInnen der Opfer verteidigten
Dich gegen die Angriffe der arischen TeilnehmerInnen. Sie nahmen Dich
in Schutz. Auch ich hatte das Gefühl das tun zu müssen, hattest Du doch
den Eindruck vermittelt, Dich Deinen Verstrickungen zu stellen. Du
warst dankbar für jedes bestärkende Wort.
Dann haben wir uns verabredet und sind ein, zwei Mal
etwas trinken gegangen. "Ich werde auch etwas zur Großgruppe
schreiben", hast Du mir damals erzählt.
Das ist es also, was Du damals vorhattest zu
schreiben. Einen Buchbeitrag. Ein Zeugnis des Status quo Deiner
Auseinandersetzung mit dem Verbrecher in Deiner Familie. In der
Großgruppe haben wir uns wohl in Dir getäuscht.
Viele Worte – über die Wahl Deiner Kleidung, die Höhe Deiner Schuhe und
die Farbe Deiner Haare. Geheime Faszination für Alois Brunner.
Halbesoterische Anspielungen über
vorgeburtliche Erlebnisse in Mauthausen und die Zeitpunkte Deiner
Erkrankungen. Da ist Koketterie mit der "Prominenz" Deines Großonkels.
Da ist kaum ein emphatisches Wort über die Opfer, nur kalte Distanz. Ja
selbst bei Deiner eigenen Beschreibung der Geschehnisse in der
Großgruppe rund um Dein Outing blendest Du die Opfer(nachkommen) aus.
Da ist nichts zu Antisemitismus. Nichts, was mich
glauben lässt, Du hättest die Katastrophe (im Rahmen dessen, was
möglich ist) begriffen. Da ist Oberflächlichkeit, sanfte
pseudokritische Andeutungen, mit denen Du nirgends aneckst. Und
Selbstüberschätzung: Botschafterin des "anderen" Österreichs in
Frankreich zur Zeit der Sanktionen, heimliche Angeklagte beim Prozess
gegen Alois Brunner und scheinbare Rebellion gegen Deine Familie.
Ja, scheinbar.
Du bist Österreich. Und Du bist gar nicht "ein anderes".
Ein Opferdasein. Voll "katholischem" Versöhnungswillen, ein
Entlastungswunsch. Voll Loyalität – gegenüber Deiner Familie, dem, was
Du "Heimat" nennst und gegenüber Deinem Großonkel. Voll
rationalisierter Abwehrstrategien. Unfähig radikal zu brechen, Dich
wirklich zu stellen. Du übernimmst keine Verantwortung. Und fragst Dich
ständig, was Du denn noch alles tun musst, um endlich Ruhe zu finden,
Absolution, frei zu werden von der Schuld. So ist Dein Buch auch ein
eindrucksvolles Zeugnis deines (gekränkten) Narzissmus.
Du verstehst nicht.
Statt angesichts der Sicherheitskräfte in Mauthausen
darüber nachzudenken, warum diese (immer noch) notwendig sind – vor
jüdischen Einrichtungen, vor Gedenkstätten und als Personenschutz –
fühlst Du dich an "nationalsozialistische Demonstrationen von
Männlichkeit" erinnert.
Statt Deinen Studienkollegen Michael nach seiner Familie zu fragen,
Dich also mit ihm und seiner Familiengeschichte auseinander zu setzen,
fühlst Du dich "irritiert" angesichts seiner Kippa.
Dein Versuch, die Selbstmordattentate "zu
verstehen", hat Dir den Vorwurf des Antisemitismus eingebracht.
Tatsächlich: das Suicide Bombing, welches den Tod von so vielen Juden
und Jüdinnen wie möglich zum Ziel hat, ist nicht (anders) zu verstehen.
Ist es wirklich so unerklärlich, wie Du Dich ("beinah"!) in einen
bekannten Neonazi ("dieser schöne Jüngling") verlieben konntest? Ihr
habt doch zumindest das gemeinsam: "Verständnis" für die Judenmörder
von heute.
Viele Menschen vor Dir haben genau das getan: sich
auseinandergesetzt. Mit Fragen nach dem Umgang mit dem Wissen um die
TäterInnenschaft in der eigenen Familie, mit dem Wissen um die
Kontinuitäten nach 1945 und den Konsequenzen daraus für das Heute und
Jetzt. Manche haben ihre Auseinandersetzung auch aufgeschrieben. Doch
Du hast diese Bücher offenbar nicht gelesen. Da gibt es eine ganze
Reihe AnalytikerInnen, die sich damit beschäftigt haben, wie die
Vergangenheit weiter lebt, in den Kindern und EnkelInnen der TäterInnen
(und Opfer). Doch die hast du offenbar auch nicht gelesen. Oder nicht
begriffen.
Wie viel Selbstüberschätzung hast Du gebraucht, um
dieses Buch mit auf den Markt zu bringen? Realistisch betrachtet:
eigentlich gar keine. Dein grandioses Selbst erntet genug Anerkennung
für diese Verhöhnung. Ja mehr noch, auf Dich wartet eine akademische
Laufbahn, sie hat ja schon begonnen. Es ist die Selbstentlastung, die
Du für Dich und zugleich für alle anderen betreibst. Du eckst nie an,
Du legst Deinen Finger nicht auf offene Wunden. Du bedienst die
gewünschte und akzeptierte Oberflächlichkeit im Umgang mit dem Erbe des
NS. Die sanften politischen Andeutungen lassen genug Raum für
Projektion, sodass sich niemand angegriffen fühlen kann. Und damit
machst Du Dir Deinen Namen: jetzt bist Du jemand. Jetzt wandelst Du auf
den Spuren Deines Großonkels. Es ist eine ganz normale österreichische
Geschichte. Und Du setzt sie fort.
Die von Dir bloß vorgetäuschte Auseinandersetzung
zeigt sich auch hier: für die Lebensumstände Deines Großonkels in
Damaskus und die Gründe für die unterlassene Auslieferung hast Du Dich
nicht interessiert. Du wüsstest sonst, dass es von Dir kaum
beeinflussbare Gründe für die ausgebliebene Verhaftung Brunners gab.
Die Briefe Deiner Familie an ihn und von ihm, die Du erwähnst, wurden
abgefangen, Alois Brunners Aufenthaltsort war den Behörden bekannt.
Für Dich selbst hätte es allerdings einen
Unterschied gemacht, wenn du aktiv einen Schritt gesetzt und auf Deine
Art dazu beigetragen hättest, Alois Brunner auf die Spur zu kommen. Aus
der scheinbaren Rebellion gegen Deine Familie wäre eine tatsächliche
geworden, aus der vorgetäuschten Auseinandersetzung eine echte und dann
ein Bruch möglich. Deshalb wird, wenn Du einmal – vielleicht,
vielleicht, es ist nicht sehr wahrscheinlich – ein Stück weit begriffen
haben wirst, dass Dich die Schatten Deiner Familie, die Schatten der
Vergangenheit erst dann aufhören zu verfolgen, wenn Du gelernt hast,
Dich ihnen ernsthaft zu stellen, eine wirklich schwere Zeit auf Dich
zukommen.
Dein Buchbeitrag wird Dir dann mehr als peinlich sein.
Und bis dahin - schweigen die Täter, reden die Enkel – ist Dein Schweigen angebracht.
Hannah Fröhlich
Anmerkung:
(1)Eine psychoanalytische Großgruppe besteht aus mindestens 25
TeilnehmerInnen und eignet sich zur Bearbeitung der Biografie vor dem
Hintergrund der Geschichte, der Wirkung von Geschichte auf den/die
Einzelne/n. Prof. Shaked war Leiter der psychoanalytischen Großgruppe,
die von Jänner bis Juni 2003 kostenlos besucht werden konnte. Vgl.
Hannah Fröhlich und Heribert Schiedel: Die Mühen der Erinnerung. Ein
Gruppenexperiment. In Context XXI 8/2003-1/2004. Hannah Fröhlich,
Heribert Schiedel: Wiederkehr des Verdrängten, verdrängte Wiederkehr.
Die Großgruppe als Spielgel der post-nationalsozialistischen
Gesellschaft. In: Zeitschrift Zwischenwelt, Jg. 21, Nr. 1 Juli 2004. |
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