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Durch Pulverfass und Kugelregen |
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Die Geburt der deutschen Filmindustrie aus dem Geist des ersten Weltkriegs
Von Eva Krivanec
Die frühe Geschichte des Mediums Film in Deutschland
während des folgenreichsten Ereignisses seit seiner Entstehung, also
während des Ersten Weltkriegs, umfassend aufzuarbeiten und darzustellen
ist mehr als nur Programm in Vom Augusterlebnis zur UFA-Gründung. Der
deutsche Film im Ersten Weltkrieg von Wolfgang Mühl-Benninghaus,
Filmwissenschaftler an der Humboldt-Universität in Berlin. Er schreibt
damit die Entstehungsgeschichte der deutschen Filmindustrie im
politischen, ideologischen, kulturellen und wirtschaftlichen Kontext
neu.
Schon vor 1914 hatte sich der Film einen Platz in
der Unterhaltungskultur der großen Städte wie auch der Provinz erobert.
Das Kino als Vergnügungsstätte reihte sich zunächst ein neben
Schaubuden und Bretterbühnen, neben Zirkuszelten und
Kuriositätenkabinetten. Es war Teil einer Populärkultur, die den
Verfechtern der bürgerlichen Ordnung und ihrer Bildungsideale ein Dorn
im Auge war. Im ersten Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts entstand
zwar mit der Gründung von aufwändig eingerichteten "Filmpalästen" auch
ein bürgerliches Kinopublikum, die Vorurteile gegen das Medium Film auf
Seiten der "Wortintelligenz", wie Mühl-Benninghaus die tendenziell
kulturkonservativen deutschen Intellektuellen nennt, waren allerdings
bis 1914 keineswegs ausgeräumt. Diese trafen sich in dem Bemühen, die
Produktion und Verbreitung von als "Schmutz und Schund" bezeichneten
Filmen durch Zensur, Jugendverbote oder der Forderung nach Konzessionen
und "Bedarfsprüfungen" zu kontrollieren und einzuschränken mit der
autoritären Verwaltung des Deutschen Kaiserreichs. Auch die sogenannten
"Kinoreformer" waren in der Tradition der Volksaufklärung des 19.
Jahrhunderts nur daran interessiert, die als Gefahr verstandene
"seichte Unterhaltung" durch pädagogisch wertvolles Filmmaterial zu
ersetzen.
Mühl-Benninghaus konstatiert nun – das ist die
zentrale These seiner Arbeit – im Verlauf des Ersten Weltkriegs, und
zwar in den Jahren 1916/17, einen Paradigmenwechsel in der Bewertung
des Films als Massenmedium, der für die Entwicklung der deutschen
Filmproduktion in der zweiten Kriegshälfte und in den darauffolgenden
Jahrzehnten von entscheidender Bedeutung war: Sowohl die deutsche
Industrie als auch die Oberste Heeresleitung erkannten die
Massenwirksamkeit des Films und versuchten, sie für ihre Werbe- und
Propagandazwecke zu nutzen. Dies führte im Jänner 1917 zur Gründung des
Bild- und Film-Amts (BuFA), das der militärischen Stelle des
Auswärtigen Amtes und damit der Obersten Heeresleitung untergeordnet
war. Die BuFA sollte den Vertrieb von deutschen Kriegspropagandafilmen
und anderen für geeignet befundenen Spiel- und Dokumentarfilmen im
neutralen Ausland ebenso wie im Inland und in den Frontkinos
sicherstellen und darüber hinaus sämtliches propagandistisch nutzbares
Bildmaterial beschaffen und verwerten. Die Interessen des deutschen
Staates wie auch der Schwerindustrie an einem quantitativen und
qualitativen Ausbau der Filmproduktion, die nun als "überragendes
Aufklärungs- und Beeinflussungsmittel" (S. 276) galt, wurden
schließlich in der Gründung der Universum-Film AG (Ufa) im Dezember
1917 gebündelt und zentralisiert. Da nur in Kombination mit Spielfilmen
die gewünschte Massenwirksamkeit von Propaganda- oder Werbefilmen
sichergestellt werden konnte, kamen die Förderungen von Staat und
Industrie auch der deutschen Spielfilmproduktion zugute.
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs erlebte die
Filmbranche bereits eine plötzliche und tiefgreifende
strukturelle Veränderung. Die furiose, national-chauvinistische
Kriegsbegeisterung des August 1914 machte auch vor den Kinobetreibern
nicht halt. Aus eigener Überzeugung oder auch nur aus Furcht vor
wütenden Protesten der Kundschaft einerseits, vor Zensureingriffen
andererseits, wurden Filme aus dem "feindlichen Ausland", die bis dato
einen Großteil der gezeigten Filme ausmachten, aus den Programmen
genommen. "Bis zum Ausbruch des Kriegs waren der Film wie auch die
Schallplatte und die Unterhaltungsliteratur ein internationales Medium,
für dessen Import in allen Ländern die jeweils üblichen Zölle erhoben
wurden." (S. 24) Der Boykott von Filmen aus dem Ausland, vor allem aus
Frankreich, ähnlich wie die Absetzung sämtlicher französischer
Theaterstücke auf den Bühnen, führte zum Abbruch der Austausch- und
Handelsbeziehungen in der Filmbranche und zu einer Nationalisierung des
Mediums.
Mit dem Krieg und dem damit einhergehenden
gesteigerten Informationsbedürfnis der Bevölkerung erlangte der Film
zusätzliche Attraktivität durch die Fähigkeit des Mediums, authentische
Bilder zeigen zu können. "Mit den Worten ‚das Theater hat seine Magie
verloren. Wir wollen nicht den Traum, wir wollen Wirklichkeit’,
beschrieb der Kinematograph im Oktober 1914 die aktuelle Stimmung der
Kinobesucher." (S. 27) Das Publikumsinteresse an Bildern von den
Kriegsschauplätzen konnte jedoch kaum befriedigt werden. Dies nicht nur
aufgrund von militärischen Verboten und verschärfter Zensur – mit dem
Stillstand der Armeen, den Schützengräben und der technischen
Aufrüstung des Kriegsgeschehens war auf den Schlachtfeldern nichts mehr
zu sehen. Die Filmproduzenten mussten mit Bildern von der Mobilmachung,
mit Lichtbildern einzelner Feldherren, mit Karikaturen der Feinde oder
auch mit altem Bildmaterial über Armee und Kriegsflotte über den Mangel
an aktuellem Bildmaterial hinwegtäuschen. Auch das Genre der
"gestellten Kriegsfilme" oder "Kriegsdramen" mit patriotischem Pathos
waren an der Heimatfront in den ersten Monaten des Krieges sehr
beliebt. "Im Mittelpunkt des Programms zur Wiedereröffnung des
Mozartsaales in Berlin stand der von der National-Film produzierte
Spielfilm Durch Pulverfass und Kugelregen." (S. 32)
Durch den Boykott ausländischer Filme, stärkere
Zensureingriffe und einer vorläufig noch geringen Anzahl
publikumswirksamer Eigenproduktionen kam es zu einem generellen Mangel
an Filmen, der von den Kinobetreibern häufig durch die Gestaltung
"Bunter Programme", also der Kombination von Filmvorführungen mit
musikalischen, tänzerischen oder artistischen Einlagen "vor der
Leinwand" ausgeglichen wurde. "Einige größere Kinos wandelten sich in
so genannte Kino-Variétés um." (S. 30) Die zunächst ganz der
Siegesgewissheit gewidmeten Programme wandten sich schon 1915 von der
Aktualität ab und der Ablenkung und Unterhaltung zu. Besonders beliebt
waren Detektivfilme und Serienfilme, die sich über die Hauptfigur und
ihre/n Darsteller/in definierten. "Die Gründe für das Entstehen der
Serien lagen im Wesentlichen in der Geschäftspolitik der
Filmtheaterbesitzer. Sie bedrängten ihre Verleiher nach einem gut
gelaufenen Spielfilm weitere mit dem gleichen Hauptdarsteller oder
Regisseur zur Verfügung zu stellen. Die Verleiher gaben ihrerseits den
Wunsch an die Produzenten weiter. Um deren Geschäft abzusichern,
handelten die Verleiher mit den Kinos eine Abnahmegarantie für die
ganze Serie aus." (S. 222) Mit der Gründung der Ufa als großem, eng an
staatliche, insbesondere militärische Stellen gebundenem Filmkonzern
trat die Produktion aufwändiger, abendfüllender Spielfilme in den
Vordergrund. So entsprachen auch die ab 1916/17 produzierten
Kriegsfilme höheren dramaturgischen und bildtechnischen Ansprüchen und
konnten aufgrund der veränderten Haltung der militärischen Stellen und
Zensurbehörden auch authentische Bilder bieten.
Dem Anspruch, auf der theoretischen Grundlage der
Cultural Studies "die komplexen Beziehungen zwischen den Machthabern
und den Haltungen der Machtabhängigen in ihren ständigen Veränderungen,
sowie de[n] Zusammenhang zwischen Politischem, Ökonomi-schem und
Kulturellem" (S. 10) für die deutsche Filmgeschichte im Kontext des
Ersten Weltkriegs zu erfassen wird Mühl-Benninghaus in dieser dichten
und vielschichtigen Studie durchwegs gerecht. Das akribisch
zusammengetragene Material spricht bis in kleine, oft skurrile Details
für sich – etwa bei den Zensurrichtlinien für Detektivfilme, wo etwa
"der Verbrecher immer in Richtung der Kinozuschauer zu zielen und zu
schießen" (S. 142) hatte, damit die Erschießung selbst bzw. ihr Opfer
nicht sichtbar wäre – und lässt den Zusammenhang zwischen den
herrschenden Kriegsinteressen des Deutschen Kaiserreichs und dem Aufbau
der deutschen Filmindustrie zur bedeutendsten in Europa anschaulich
hervortreten.
Wolfgang Mühl-Benninghaus: Vom Augusterlebnis zur UFA-Gründung. Der
deutsche Film im 1. Weltkrieg. Berlin: Avinus Verlag 2004. ISBN
3-930064-15-4. € 32,-
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