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Context XXI
Magazin zur Alpenbegradigung

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Home arrow Contextarchiv arrow Jahrgang 2004 arrow 6-7 / 2004 arrow Deutsche Gegen-Aufklärung

Deutsche Gegen-Aufklärung | Print |
    Für den 20. November 2004 planen deutschvölkische Korporierte einen Konrad-Lorenz Kommers in Wien. In dessen Vorfeld wollen die Schmissgermanomanen auf einem Symposium mit der Frankfurter Schule als der "9. Todsünde" abrechnen.

Von Heribert Schiedel

    Die rechtsextreme Begeisterung für Konrad Lorenz ist nicht neu: 1973 wurde er vom neonazistischen Deutschen Kulturwerk Europäischen Geistes mit dem "Schiller-Preis" ausgezeichnet. Sie kommt auch nicht von ungefähr, war doch Lorenz ein begeisterter Parteigänger der nationalsozialistischen Idee der "Ausmerzung Minderwertiger". Wie bei vielen Nazis schlug seine Begeisterung nach der Zerschlagung des "Dritten Reichs" um in Depression, die er dann als Untergangsphantasien gegenüber der "zivilisierten Menschhei"
öffentlich auslebte.
    Lorenz, der "eigentlich" eine "Wildgans werden" wollte, gilt gegenwärtig sogar in der Naturwissenschaft als toter Hund. Bestenfalls Heiterkeit zieht er sich heute mit seiner Rede von Instinkten zu: So glaubte Lorenz ernsthaft an einen "Schönheitsinstinkt", welchen er etwa durch die Kompositionen Schönbergs verletzt sah - sein "wissenschaftlicher" Beitrag zur Hetze gegen "entartete Kunst". Und die Behauptung einer Degeneration durch Domestikation ("Verhausschweinung") des Menschen wird von Kurt Kotrschal, immerhin Leiter der "Konrad Lorenz Forschungsstelle" in Grünau, abwechselnd als "Schnaps-" oder "fixe Idee" bezeichnet. Einzig einige Apologeten in der Verhaltensforschung und offene Rassisten versuchen weiterhin ihren Biologismus mit der österreichischen Geistesgröße abzusichern. Und die heimischen Grünen weigern sich bis heute, mit ihrem Gründervater zu brechen. Lorenz’ theoretisierte Misanthropie, sein Sozialdarwinismus und Kulturpessimismus, geht bei ihnen nach wie vor als Technik- und Zivilisationskritik durch.

    Ebenfalls nicht neu ist der Hass von Rechtsextremen auf die Kritische Theorie, von den Veranstaltern als "Verbindung von Neomarxismus und Psychoanalyse" entlarvt. Bei der zweiten deutschen Bücherverbrennung am 10. Mai 1933 wurden die Werke von Marx und Freud den reinigenden Flammen übergeben: "Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung!" "Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele!"
    Der nun zum "Kommers" geladene Festredner Rolf Kosiek(1) machte die Frankfurter Schule unter dem Pseudonym Rudolf Künast bereits 1983 für die "Umweltzerstörung" verantwortlich. Dieses Jahr erschien in fünfter Auflage sein Machwerk "Die Frankfurter Schule und ihre zersetzenden Auswirkungen". Die antisemitische Figur von der Zersetzung der Volksgemeinschaft durch (jüdische) Intellektuelle feiert hier fröhliche Urständ. So macht Kosiek die "dem deutschen Denken fremde(n)" Kritische Theorie für das "Einbringen dieses gefährlichen geistigen Giftes des Marxismus in den deutschen Volkskörper" nach 1945 verantwortlich. Ermöglicht habe dies die "Umerziehung", mit welcher vor allem die Angehörigen der Frankfurter Schule von den US-Alliierten beauftragt worden seien. Die aus dem US-amerikanischen Exil als "Sieger" zurückgekehrten Zersetzer haben laut Kosiek ganze Arbeit geleistet: eine "egoistische Spaß- und Genussgesellschaft" habe die gute alte "Volksgemeinschaft" abgelöst, "Fremde" könnten heute ungehindert "in den deutschen Volkskörper in Millionenzahl einströmen", es herrsche eine "völlige Vereinzelung und Bindungslosigkeit des Individuums", durch den "Ungeist der Verneinung, Bezweiflung und Verweigerung" sei die "Innenwelt" zerstört worden, anstatt einer "auf biologischen Grundlagen beruhenden Weltsicht" habe sich ein "Antibiologismus" durchgesetzt usw. usf.
    Mit ihren jüdisch-amerikanischen "Betonungen reiner Glücks- und Genussphilosophie" stehe die Kritische Theorie im scharfen "Gegensatz zur Haltung der deutschen Tradition", die sich über "diese niedere Sinnlichkeit (...) weit hinaus" hebe. Demgegenüber betont Kosiek, was deutsch ist: Nämlich die Annahme, "dass der Sinn des Lebens vor allem im Erfüllen einer Aufgabe, einem Werk, in einer Pflicht beruht, und nicht im platten Glücksstreben."
    Nicht nur ihren Hass auf alles "Deutsche", auch ihre Verantwortung für die Umweltzerstörung leitet Kosiek von der Tatsache ab, dass "fast alle führenden Vertreter der Frankfurter Schule dem Judentum entstammten": Ihre "Anti-Natur-Haltung" gründe "in der jüdisch-frühchristlichen Verneinung der Natur zugunsten eines rein rationalen, intellektuellen Weltbildes". Tatsächlich ist es vor allem die von deutschen "Gegen-Intellektuellen" (Hauke Brunkhorst) mit dem Judentum identifizierte Rationalität und Intellektualität, die Kosiek und seinesgleichen so in Rage versetzt. Anstatt der "vereinende(n)", "ganzheitliche(n) Schau" der (noch) nicht umerzogenen und naturverbundenen "Deutschen", würden die "von der Lebenswirklichkeit gelösten" kritischen Intellektuellen "der zergliedernden (analytischen) Methode" anhängen. Es soll aber nicht nur einfach geschaut, sondern auch bejaht werden. Die deutsche Kritikfeindschaft gründet im völkischen Einheits- und Reinheitswahn, der sich nach wie vor zuallererst gegen Juden und Jüdinnen austobt.
Was Adorno über den Hass gegen die Psychoanalyse gesagt hat, gilt auch für den gegen die Kritische Theorie: Er "ist unmittelbar eins mit dem Antisemitismus, keineswegs bloß weil Freud Jude war, sondern weil Psychoanalyse genau in jener kritischen Selbstbesinnung besteht, welche die Antisemiten in Weißglut versetzt."

    (1) Kosiek, Jg. 1934, war in den 1970er Jahren Führungskader der Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD), daneben saß er damals im "wissenschaftlichen Beirat" der rassistischen Gesellschaft für biologische Anthropologie, Eugenik und Verhaltensforschung des Hamburger Neonazis Jürgen Rieger. Seit 1981 ist er führender Mitarbeiter des auf Holocaustleugnung abonnierten Grabert Verlages. Zehn Jahre später schaffte er es auf den Vorsitz der Gesellschaft für freie Publizistik, der wohl bedeutendsten Lobby rechtsextremer Geschichtsfälscher. Kosiek, der auch Mitglied im revanchistischen Witiko-Bund ist, referierte u.a. beim mittlerweile behördlich aufgelösten Verein Dichtersein Offenhausen und beim nicht minder neonazistischen Deutschen Kulturwerk Europäischen Geistes.
 
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