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Die Tauschringe,
die Lehre des Silvio Gesell und der Antisemitismus
Marx ist
out, der Kapitalismus hat sich — vorerst — weltweit durchgesetzt.
In den Köpfen der Menschen scheint es keine Alternative zu geben. Statt
dessen haben Obskuranten, Rassisten und Antisemiten, Nationalisten und Regionalisten,
Esoteriker und Biozentristen Zulauf.
von
Peter Bierl
Im Kern
versprechen sie ihren Anhängern materielle und ideelle Privilegien auf
Kosten anderer, als minderwertig definierter Menschen. Die sogenannten Tauschringe,
die auf der Lehre des Sozialdarwinisten Silvio Gesell basieren, bilden eine
dieser Bewegungen.
Die Idee,
Güter und Dienstleistungen untereinander auszutauschen, stammt ursprünglich
aus der Arbeiterbewegung. Die Gesellianer-Tauschringe funktionieren anders.
Hier geht es nicht um Solidarität und gegenseitige Hilfe, sondern um eine
primitive Form des Kapitalismus. Dienstleistungen oder, selten, Waren werden
mit Hilfe einer lokalen oder regionalen Phantasiewährung verrechnet. Eine
Zentrale vermittelt Angebot und Nachfrage. Maßeinheit für den Preis
ist in der Regel die Zeit, wobei theoretisch jede Arbeitsstunde gleichviel wert
sein soll. In der Praxis wird gelegentlich davon abgewichen und Angebot und
Nachfrage bestimmen den Preis. Die Beträge werden auf speziellen Konten
der Tauschringe für jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer als Soll oder
Haben gebucht. Gemäß der zentralen Idee Gesells, daß Geld ausgegeben
und nicht gehortet werden soll, werden nicht nur Zinsen für Schulden genommen,
sondern auch Strafzinsen für Guthaben. Wer mitmachen will, zahlt eine Gebühr
in harten Devisen um die Tauschringzentrale zu finanzieren, die als Anlauf-
und Vermittlungsstelle fungiert, Presse- und Außenkontakte wahrnimmt,
Versammlungen organisiert, die TeilnehmerInnen-Daten verwaltet und oft auch
eine "Marktzeitung" erstellt. Das "Talente-Experiment" im
schweizerischen Aarau, das seit 1993 existiert, wird direkt von der Gesellianer-Organisation
"Internationale Vereinigung für Natürliche Wirtschaftsordnung"
(INWO) geleitet. Grundsätzlich werden für die erbrachten Arbeiten
oder Güter keine Sozialversicherungsbeiträge oder Steuern abgeführt.
In Österreich
gibt es knapp 40 Gesellianer-Tauschringe, die meisten in den Städten, fünf
davon in Wien. Die für ideologische Arbeit wichtigste Gruppe in Österreich
ist die nationale Sektion der INWO, die im Sommer 1999 in Wien einen Kongress
mit internationaler Beteiligung organisierte. Dort referierten auch die deutschen
Gesell-Propagandisten Helmut Creutz und Roland Geitmann sowie die ehemalige
linke Feministin Claudia von Werlhof, die heute esoterische Matriarchatsthesen
verbreitet. Eine "Volkstanzgruppe" aus Ungarn sorgte für das
Kulturprogramm des Wiener INWO-Kongresses.
Die von
den Tauschringen häufige verwendete Abkürzung LETS steht für
Local Exchange Trading System oder auch Local Employment and Trading System
und verweist auf die erste moderne Gruppe, die 1993 in Kanada gegründet
wurde. Heute gibt es LETS in USA, Neuseeland, Argentinien, Australien und in
Europa. Hochburg ist derzeit die Schweiz. Dort existiert seit 1934 der gesellianische
"Wirtschaftsring" (WIR) mit heute rund 80.000 Konten. In Deutschland
wurde bereits 1929 in Erfurt die "Wära-Tauschgesellschaft" mit
einer eigenen Währung gegründet, aber von der Regierung verboten.
Seit 1994 existieren in Deutschland LETS-Gruppen, derzeit sind es etwa 150 Tauschringe.
Britische
LETS-Leute berechneten Mitte der 90er Jahre, daß in den dortigen Ringen
durchschnittlich im Monat je TeilnehmerIn nur 40 Mark umgesetzt wurden. Das
LETS/Talente-System ist entweder eine Spielerei oder eine Form der Schattenwirtschaft
oder ein vom Staat gefördertes Instrument, um Marginalisierte ruhigzustellen,
indem sie ihre Existenz in einer bescheidenen Tauschwirtschaft fristen können.
Insofern hat LETS durchaus Perspektiven bei fortschreitender Verelendung und
sozialer Demontage.
LETS funktioniert
nach kapitalistischen Mechanismen. Wer keine Dienstleistungen oder Güter
einbringen kann, etwa Kranke, Behinderte und Alte, ist prinzipiell ausgeschlossen.
Die Strafzinsen verhindern eine Vorsorge in Form von Ersparnissen. Sie sind
eine Vorwegnahme der Schwundgeld-Utopie, mit deren Hilfe Gesell die begrenzte
Nachfrage als Fessel einer unbegrenzten Produktion überwinden wollte.
Faschisten im Tauschring
Stade
1997 berichtete die Presse
über braune Aktivitäten des Ehepaars Alfred und Sigrid Beyer im "Tauschring
Oste Talente" (TOSTA) bei Stade in Niedersachsen. Alfred Beyer hatte eine
erwerbslose Frau gebeten, zwei Buttons für die Deutschland-Bewegung Alfred
Mechtersheimers zu entwerfen. Von einem anderen Talente-Kollegen ließ
sich Beyer zu einem Treffen des neuheidnischen Bundes der Goden chauffieren.
In der TOSTA-Marktzeitung warb Beyer, der den örtlichen Ring mitgegründet
hatte, für ein Buch über Nietzsche mit dem Titel "Neues Licht
über Zarathustra". Das Werk enthält frauenfeindliche und rassistische
Positionen; es stammt von einem ehemaligen Mitglied der Waffen-SS und wird von
der faschistischen Tempelhofgesellschaft herausgegeben. Beyer fungierte als
regionale Kontaktperson der Deutschland-Bewegung und trat sowohl bei Mechtersheimers
brauner Truppe als auch bei den sogenannten "Hetendorfer Tagungen"
als Referent auf. Das Nazi-Schulungszentrum Hetendorf wurde im Februar 1998
vom niedersächsischen Innenministerium geschlossen und die beiden Trägervereine,
deren Vorsitzender Nazianwalt Jürgen Rieger war, verboten. TOSTA-Sprecherin
Sigrid Beyer war jahrelang in der ebenfalls von Rieger geführten Artgemeinschaft
aktiv. Ihr wird außerdem vorgeworfen, den Holocaust in Frage zu stellen.
Die Beyers vertrieben darüberhinaus allerlei esoterische Literatur.1
Zwar wurden
die FaschistInnen von anderen TOSTA-Mitgliedern verteidigt, unter anderem auch
vom TOSTA-Sprecher und ehemaligen Kreisvorsitzenden der Cuxhavener Grünen,
Uwe Groß. Aufgrund der überregionalen Berichterstattung distanzierte
sich aber eine TOSTA-Mitgliederversammlung von den Vorfällen. In der Erklärung
ist immerhin "von den rechtsextremen Thesen des Silvio Gesell" die
Rede und TOSTA verzichtete auf das bisherige Runensymbol im Logo. Der Kreis
löste sich schließlich völlig auf.
Bemerkenswert
ist der Eiertanz um Silvio Gesell. Jeder der im Tauschring akiv war, müsse
wissen, heißt es in einer Stellungnahme, "daß wir nicht die
Ideen des Silvio Gesell vertreten". Dabei haben TOSTA-Leute, wie andere
Tauschringe auch, Veranstaltungen mit prominenten Gesellianern wie Hermann Benjes
organisiert. Benjes ist Mitglied der deutschen Gesellianer-Partei Freisoziale
Union (FSU) und im wissenschaftlichen Beirat der Ökologisch-Demokratischen
Partei (ÖDP), einer Rechtsabspaltung der Grünen. Sein Diavortrag ist
eine einzige Lobhudelei auf Gesell und endet mit einem Holzschnitt, der den
großen Meister darstellt.
Die Wirtschaftstheorie
des Silvio Gesell
Daß sich Leute gegenseitig
helfen, etwa Haareschneiden gegen Babysitten tauschen, ist ja nicht schlecht.
Worum es hier geht, sind Tauschringe, die sich auf Gesell beziehen und/oder
gemäß den Prinzipien seines Schwundgeldes funktionieren. Die personelle
Verflechtung wird deutlich, wenn ein Tauschring für Gesell-Propagandisten
wie Helmut Creutz oder Benjes die Bühne bereitet oder die OrganisatorInnen
in einschlägigen Blättern wie der FSU-Zeitschrift "Der Dritte
Weg" auftauchen oder sich sogar als AktivistInnen von offenen Gesellianer-Gruppen
wie den "Christen für eine gerechte Wirtschaftsordnung" (CGW)
outen.
Der Mentor
der Tauschringe, Silvio Gesell, wurde 1862 in St.Vith (Belgien) geboren, absolvierte
eine kaufmännische Lehre in Malaga und lebte abwechselnd in Argentinien,
der Schweiz und Deutschland. Er arbeitete als Kaufmann und bewirtschaftete in
der Schweiz ein Landgut. 1891 erschien eine erste Schrift des Autodidakten ("Die
Reformation im Münzwesen als Brücke zum sozialen Staat"), in
der er erstmals die "Idee des rostenden Geldes" formulierte. Im Ersten
Weltkrieg erwog Gesell als Freiwilliger ins deutsche Heer einzutreten, zog sich
dann aber auf sein Schweizer Landgut zurück.2
In seinem
Hauptwerk "Die natürliche Wirtschaftsordnung" (1911) versuchte
Gesell, Marx zu widerlegen, der die Ausbeutung des Menschen im Produktionsprozeß
analysierte. Marx zufolge stellen die Arbeiter Produkte her, deren Wert höher
ist, als der Lohn den sie ausbezahlt bekommen. Der Lohn entspricht etwa dem
Wert der Güter und Dienstleistungen, die notwendig sind, um die menschliche
Arbeitskraft zu erhalten. Die Differenz zwischen Lohn und dem Wert der hergestellten
Produkte ist der berühmte Mehrwert, den das Kapital einbehält. Soweit
in aller Kürze und Schlichtheit. Bei Gesell bedeutet Mehrwert dagegen nur
Zinsen und Renten. Er stellt sich ausdrücklich in die Tradition von Pierre-Joseph
Proudhon (1809-65), einem französischen Anarchisten. Der habe schon behauptet,
das Problem liege in der Zirkulation, knappes Geld lähme Produktion und
Austausch. Schuld sind die Geldbesitzer, die dieses Tauschmittel horten, um
Zinsen zu kassieren.3 Gesells Definition von Arbeiter lautet deshalb: "...jeder,
der vom Ertrag seiner Arbeit lebt, Bauern, Handwerker, Lohnarbeiter, Künstler,
Geistliche, Soldaten, Offiziere, Könige sind Arbeiter in unserem Sinne.
Einen Gegensatz zu all diesen Arbeitern bilden in unserer Volkswirtschaft einzig
und allein die Rentner, denn ihr Einkommen fließt ihnen völlig unabhängig
von jeder Arbeit zu."4 Mit Rentner sind hier Personen gemeint, die von
Kapitalzinsen leben. Gesell fordert das Recht aller Arbeiter (gemeint sind also
Kapitalisten und Lohnabhängige) am "gemeinsamen vollen Arbeitsertrag",
also ohne Abzug von Zinsen oder Renten.
Ausdrücklich
geht es dem Kaufmann nicht um die Verteilung zwischen Kapital und Lohnabhängigen:
Durch den Wegfall der Zinsen und Renten würden sich alle Einkommen erhöhen,
verteilt wird "nach den Gesetzen des Wettbewerbs" gemäß
dem Prinzip: "Dem Tüchtigsten der höchste Arbeitsertrag."5
Die Utopie
der Gesellianer, eine Marktwirtschaft ohne Kapitalismus, basiert auf drei Säulen:
Freiland, Freihandel und Freigeld. Das Privateigentum an Boden soll in einem
ersten Schritt vollkommen abgeschafft werden. Gesell erklärt, dass dann
staatliche Grenzen abgebaut und der allgemeine Friede gesichert wäre, weil
Staaten nicht mehr um Territorien kämpfen würden. Unabhängig
von "der Rasse, der Religion, der Bildung und körperlichen Verfassung",
habe jeder dann das Recht auf völlige Freizügigkeit und dürfe
überall soviel Boden pachten, wie er bebauen könne.6 Dieses Recht
ist allerdings strikt bürgerlich-formal: Verpachtet wird an den Meistbietenden.7
Silvio Gesell unterstellt, daß sich das Freiland-Prinzip dank seiner ökonomischen
Vorzüge weltweit ausbreiten wird. Staaten, die sich weigern und weiter
Monopolgewinne ermöglichen, würden, so schreibt er, "die Arbeitsscheuen
der ganzen Welt ins Land ziehen... Alle Bummler, Sonnenbrüder und Zigeuner
würden dorthin ziehen, wo man die Bodenschätze an das Ausland mit
Renten belastet abgibt."8
Der Arbeitsertrag
aus dem Freiland fungiert als "Höchst- und Mindestmaß des allgemeinen
Arbeitslohnes". Sinkt der angebotene Lohn unter diesen Ertrag, mutieren
die Proleten einfach zu Pachtbauern, mehr Lohn als die Bauern können und
sollen die Arbeiter nicht bekommen. Klassenkampf und Streik lehnt Gesell strikt
ab. Freiland ist damit die "einzige Stütze bei Lohnverhandlungen",
eine Ausweichmöglichkeit für weiße, europäische Proletarier
im Sinne von Auswanderung. Das "freie Land", das Gesell meint, ist
angeblich "herrenloses" Land im Trikont.9 In diesem Zusammenhang kritisiert
er auch die Abschottung der USA gegen den Handel mit Europa und Einwanderung
aus Italien oder Asien: Wegen "dieser amerikanischen Rassenpolitik (könnten)",
kritisiert Gesell "die Neger eines Tages die Oberhand gewinnen."10
Implizit vertrat Gesell ein kolonialistisches Expansionsprogramm, er qualifizierte
Afrikaner ab und predigte ein Arbeitsethos, sozialrassistisch abgegrenzt gegen
"Arbeitsscheue" und "Zigeuner".
Freiland
allein ist laut Gesell kein Mittel gegen Wirtschaftskrisen und Arbeitslosigkeit.11
Das Problem liege im Austausch der Waren. Weil dieser durch Geld vermittelt
wird, existiere eine "Zwangsnachfrage nach Geld".12 Den Umfang dieser
Nachfrage nach Geld bestimme der Warenstrom, gemeint sind Konsumgüter.13
Letztlich setzt Gesell den Preis des Geldes sowohl mit dem Wert der Arbeitserzeugnisse
als auch mit dem Lohn plus Zins und Bodenrente gleich und eliminiert theoretisch
die Ausbeutung in der Produktion.14 Nur beim Austausch von Waren kommt es zur
Ausbeutung, jeder betrügt jeden.15 Dann würde entweder Ausbeutung
nicht existieren, weil jeder Betrüger und Betrogener ist, oder Gesell denkt
an eine Konzentration von Reichtum bei den schlauen Betrügern und eine
Verarmung der dummen Betrogenen, ein Ausleseprozeß aufgrund angeborener
oder erlernter Fähigkeiten?
Die oben
skizzierte Marxsche Werttheorie, die Ausbeutung im Produktionsprozeß festmacht,
lehnt Gesell jedenfalls ab.16 Nur so kann er die Ausbeutung in der Zirkulation
verankern und für fairen Wettbewerb plädieren. Gesells Ideen reflektieren
die Ängste und Illusionen eines Kleinbürgers. Ein Beispiel: Angenommen
Produzent A und Produzent B stellen bei gleichen Ausgaben für den Lebensunterhalt
in der selben Zeit 10 bzw. 100 Stück einer Ware her. Gesell selber wird
ja nicht müde die Vorzüge der Arbeitsteilung — Produktionssteigerung
oder weniger Arbeitszeit pro Produkteinheit — zu preisen. Trotz des höheren
Materialaufwandes und Verschleißes an Werkzeug kann B seine Produkte billiger
verkaufen, A. bleibt auf seinen Waren sitzen oder verkauft unter seinen Produktionskosten.
Höhere Arbeitsproduktivität setzt sich unter Konkurrenzbedingungen
durch, weil sie weniger menschliche Arbeitskraft je Wareneinheit bedeutet. Insofern
reguliert der Wert der Waren "in letzter Instanz" die Preise, was
nicht bedeutet, der Wert, d.h. die Arbeitszeit diktiert immer den Preis, sondern
dieser schwankt. Der Wert setzt sich als "blindwütiges Durchschnittsgesetz"
durch, schrieb Marx.17
Zinsen und "Schwundgeld"
Wirtschaftskrisen entstehen
nach der Gesellschen Theorie weil Geld gehortet und damit Zins erpresst, also
arbeitsloses Einkommen erzielt werden kann. Die gute Marktwirtschaft verwandelt
sich zum ausbeuterischen Kapitalismus, der Gegensatz verläuft zwischen
den "Schaffern", Arbeitern und Unternehmern, und den Raffern, den
"parasitären" Kapitalisten. Ein Ansatz, der das antisemitische
Stereotyp vom jüdischen Wucherer befördert. Kapitalismus wird von
den Gesellianern als Zinswirtschaft definiert. Bei nachlassender Konjunktur
sinken die Gewinne, der Zinssatz aber laut Gesell nur bis zum "Urzins",
das heißt nicht unter 2,5 Prozent. Sonst horten die Geldbesitzer lieber
und bringen dadurch die zirkulierende Geldmenge und das Warenangebot in ein
Ungleichgewicht. Möglich wird das Horten, weil Geld nicht verfault, wie
er glaubt. 1891 formuliert Gesell deshalb bereits die Idee des "rostenden
Geldes", später Frei- oder Schwundgeld genannt. Gemeint ist, daß
auch Geld in bestimmten Zeiträumen an Wert verliert, ebenso wie Waren und
deshalb ausgegeben bzw. investiert werden muß.18
Die gesamte
obskure Lehre fußt auf der falschen Annahme, daß Geld nicht "rostet"
oder "verfault". Tatsächlich kann Geld durchaus an Wert verlieren,
durch Inflation, durch Wechselkursschwankungen, im Gefolge ökonomischer
und politischer Entwicklungen. In Deutschland wurde das Geld 1923 und 1948 völlig
entwertet: Die Besitzer von Produktionsmitteln, von Fabriken, Boden, Maschinen
oder Rohstoffen, profitierten.
Moderne
Gesellianer wie Klaus Schmitt und Margrit Kennedy beziehen den Wertschwund nur
auf konkretes Bargeld.19 Immer noch, schreibt Kennedy, werde Geld gehortet,
von Privatleuten "unter der Matratze", oder nach Einbrüchen und
Diebstählen, oder als Geldbestände in ausländischen Währungen.20
Ein lächerlicher Ansatz: Der Gesell-Kritiker Jürgen Kaun schreibt,
daß gerade acht Prozent des gesamten zinstragenden Geldvermögens
der privaten Haushalte (!) Tauschgeld ist, das eine von Gesellianern vorgeschlagene
Hortungssteuer betrifft.21 Auch bei Experimenten mit dem Schwundgeld, etwa dem
Paradebeispiel der Gesellianer in dem österreichischen Dorf Wörgl
1932, tauschten die BürgerInnen ihr Bargeld gegen neues Schwundgeld um.
Diese neue Währung verlor jeden Monat ein Prozent ihres Wertes. Die Gemeinde
hatte dadurch 2.000 Schilling Gewinn im Monat, konnte Schulden abzahlen und
die Infrastruktur ausbauen. Weder die Bankguthaben der Reichen, noch deren Sachwerte
wurden angegangen, sondern die Bargeldbestände aller BürgerInnen.
Schwundgeld ist also nichts anderes als eine verkappte nichtprogressive Steuer.22
Krisen
erklärt Schmitt folgendermaßen: Aufgrund eines hohen Angebots purzeln
unter Konkurrenzbedingungen Gewinne und Zinsen.23 Wenn in einer solchen Lage
alle Sparstrümpfe und Raffzähne auf Zinsen verzichten und investieren,
steigt das Angebot weiter, zumindest wachsen die Kapazitäten. Das steht
im Gegensatz zu den Behauptungen von Schmitt oder Kennedy, ohne "Zinsknechtschaft"
lebten wir in einem ökologischen Paradies, ohne "pathologischen Wachstumszwang"
(Kennedy).24 Investiert wird, wenn Profite winken, niedrige Zinsen könnten
sogar noch einen Wachstumsschub bewirken. Gesell selber, schreibt sein österreichischer
Schüler Gerhard Senft, sah den Zins als Wachstumsbremse, die er beseitigen
wollte.25 Jürgen Kaun kritisiert die Freiwirtschaft, weil sie "einen
kräftigen Wachstumsschub mit vermehrten Umweltschäden" bewirken
würde. "Zinslose Investitionsdarlehen würden... extrem kapitalintensive
Großtechnologien verhältnismäßig am stärksten verbilligen",
also Atomkraft, Atomfusion, Luft- und Raumfahrt, Gentechnik.26
Rassenhygiene mit Freigeld
und Freiland
Freiland, Freihandel und
Freigeld bilden laut Gesell die Elemente einer "natürlichen Wirtschaftsordnung".
Er rühmt diese als "eine Ordnung, in der die Menschen den Wettstreit
mit der ihnen von der Natur verliehenen Ausrüstung auf vollkommener Ebene
auszufechten haben, wo darum dem Tüchtigsten die Führung zufällt,
wo jedes Vorrecht aufgehoben ist und der Einzelne, dem Eigennutz folgend, geradeaus
auf sein Ziel lossteuert, ohne sich in seiner Tatkraft durch Rücksichten
ankränkeln zu lassen..."27 Der Marx der Anarchisten entpuppt sich
als Sozialdarwinist und Liberaler: "Diese natürliche Wirtschaftsordnung",
fährt Gesell fort, "könnte man auch als ,Manchestertum’
bezeichnen, jene Ordnung, die den wahrhaft freien Geistern immer als Ziel vorgeschwebt
hat... Die Manchesterschule war auf dem richtigen Wege, und auch das, was man
von Darwin her später in diese Lehre hineintrug, war richtig."28 Die
Fehler des Manchesterkapitalismus, Privilegien des Grund- und Geldbesitzes zu
akzeptieren, will Gesell korrigieren, um das eigentliche Ziel, die Höherzüchtung
der Menschheit, zu garantieren: "Die Auslese durch den freien, von keinerlei
Vorrecht mehr gefälschtem Wettstreit wird in der Natürlichen Wirtschaftsordnung
vollständig von der persönlichen Arbeitsleistung geleitet... Denn
die Arbeit ist die einzige Waffe des gesitteten Menschen in seinem ,Kampfe ums
Dasein`. (...) Doch steht es außerhalb jedes Zweifels, daß der freie
Wettbewerb den Tüchtigen begünstigt und seine stärkere Fortpflanzung
zur Folge hat."29 Eine solche "Rassenpolitik", schreibt Gesell,
"darf nicht an Staaten, Landesgrenzen, an Staatsgesetze gebunden werden.
Rassenpolitik ist ureigene Angelegenheit jedes einzelnen Menschen". Es
folgt ein antisemitisches Stereotyp: "Das einzige Volk, das seit Jahrtausenden
beharrlich Rassenpolitik treibt, die Juden, hat überhaupt kein eigenes
Land, und kennt die Staatshoheit nicht."30
Die Auslese
leitet Gesell aus angeblich ewigen Naturgesetzen ab: "Diese Gesetze aber
wollen den Wettstreit. Nur auf dem Wege des Wettbewerbs, der sich überwiegend
auf wirtschaftlichem Gebiete abspielt, kann es zur förderlichen Entwicklung,
zur Hochzucht kommen. Wer daher die Zuchtgesetze der Natur in ihrer vollen,
wundertätigen Wirksamkeit erhalten will, muß die Wirtschaftsordnung
darauf anlegen, daß sich der Wettbewerb auch wirklich so abspielt, wie
es die Natur will, d.h. mit der von ihr gelieferten Ausrüstung, unter gänzlicher
Ausschaltung von Vorrechten. Der Erfolg des Wettstreites muß ausschließlich
von angeborenen Eigenschaften bedingt sein, denn nur so wird die Ursache des
Erfolges auf die Nachkommen vererbt... Dann darf man hoffen, daß mit der
Zeit die Menschheit von all dem Minderwertigen erlöst werden wird, mit
dem die seit Jahrtausenden von Geld und Vorrecht geleitete Fehlzucht sie belastet
hat, daß die Herrschaft den Händen der Bevorrechteten entrissen werden
und die Menschheit unter Führung der Edelsten den schon lange unterbrochenen
Aufstieg zu göttlichen Zielen wieder aufnehmen wird." Der französische
Adelige Boulainvilliers verteidigte 1727 die Privilegien seiner Kaste mit dem
Verweis auf eine rassische Abstammung von den fränkischen Eroberern. Dem
Kleinbürger Gesell zufolge führen Privilegien zur Degeneration, mann
ist dem "Kampf ums Dasein" enthoben.
Auch das
Freiland-Konzept dient eugenischen Zielen. Die Pachtzahlung erfolgt zunächst
an den Staat "und wird restlos an die Mütter nach der Zahl der Kinder
verteilt"31, als "Mutterrente". Die "Rückkehr der Frau
zur Landwirtschaft" ist laut Gesell "die glücklichste Lösung
der Frauenfrage".32 Die "Vorrechte bei den Geschlechtern" sind
aufgehoben, die Grundrente als ökonomische Sicherheit gewährt den
Frauen "das freie Wahlrecht... und zwar nicht das inhaltsleere politische
Wahlrecht, sondern das große Zuchtwahlrecht, dieses wichtigste Sieb der
Natur."33 Die Frauen würden damit den schädlichen Einfluß
der Medizin ausgleichen, die die "Erhaltung und Fortpflanzung der fehlerhaft
geborenen Menschen" bewirkt. "Soviel Krankhaftes auch der Auslesebetätigung
der Natur durch die Fortpflanzung der Fehlerhaften zugeführt wird, sie
wird es bewältigen. Die ärztliche Kunst kann dann die Hochzucht nur
verlangsamen, nicht aufhalten."34
In dem
Roman "Der abgebaute Staat" betont Gesell die Züchtung von "Kraft,
Gesundheit, Geist, Schönheit" als gesellschaftliche Ziele. Frauen
haben sich dem unterzuordnen, Verhütung ist schlecht, weil es dann an menschlichem
"Auslesematerial" mangelt. Kopfzerbrechen bereitet Gesell das "Überbevölkerungsproblem".
Einerseits werde es weniger Geburten geben, weil Frauen länger nach geeigneten
Väter suchen und nur "die Lebensbejahenden" gebären. Die
übrigen Frauen würden sich sterilisieren lassen und lohnabhängig
sein. Nach seiner sozialdarwinistischen Logik sterben diese Frauen aus und nur
die "Lebensbejahenden" pflanzen sich fort, so daß Gesell die
"Gefahr einer künftigen Überbevölkerung" befürchtet.35
Antisemitismus und die
Lehre von der Zinsknechtschaft
Gesell konstruierte wie
sein Vorbild Proudhon eine widersinnige Differenz zwischen einem guten, weil
produzierenden, und einem bösen, weil zinsheckenden Kapital. Letzteres
identifizierte die antisemitische Propaganda mit dem Juden, die Nazis teilten
in "schaffendes" und "raffendes" Kapital. In Wahrheit ist
dieses "schaffende" Kapital immer auch Geldbesitzer und umgekehrt
die Banken Miteigentümer an Unternehmen; Finanz- und Industriekapital sind
untrennbar miteinander verflochten. Wer, wie die AnhängerInnen der Zinsknechtslehre,
alle Übel dieser Welt in der Zirkulationssphäre ausmacht, verdrängt
die Ausbeutung in der Produktion und pflegt ein falsches Bild vom Kapitalismus,
das strukturell antisemitisch ist.
In einem
Text von 1891 spricht sich Gesell vordergründig gegen Antisemitismus aus.
Tatsächlich pflegt er das Stereotyp des raffenden, faulen, nicht-arbeitenden
Juden. Gesell schreibt: "Die Judenhetzerei ist eine colossale Ungerechtigkeit
und eine Folge einer ungerechten Einrichtung, eine Folge des heutigen Münzwesens
(...) Die Münzreform [gemeint ist sein Vorschlag, P.B.] macht es unmöglich,
daß jemand erntet ohne zu säen, und die Juden werden durch dieselbe
gezwungen werden, die Verwerthung ihrer großen geistigen Fähigkeiten
nicht mehr im unfruchtbaren Schacher zu suchen, sondern in ... der ehrlichen
Industrie."36
Einer der
wichtigsten Epigonen ist Yoshito Otani. Für seine Bücher wurde in
der FSU-Zeitschrift Der Dritte Weg oder von den Christen für eine Gerechte
Wirtschaftsordnung (CGW) geworben. Otani stellt die Vernichtung der Jüdinnen
und Juden infrage, zweifelt an der Existenz der Gaskammern in Auschwitz und
leugnet die Kriegsschuld der Deutschen. Selbst am Ersten Weltkrieg seien "jüdische
Banken" schuld. Otani bezeichnet die antisemitische Fälschung "Protokolle
der Weisen von Zion", die angebliche Weltherrschaftspläne der Juden
beinhaltet, als wahr.37
Der Antikommunist Gesell
und die Münchner Räterepublik
Vorwürfe der Rechtslastigkeit
kontern Gesell-Fans mit dem Hinweis, ihr Meister habe bei der Münchner
Räterepublik mitgemischt. Halbwahrheiten wirken oft wie ganze Lügen.
Die Rätebewegung in München gliedert sich in drei Phasen: Die erste
dauerte vom Sturz der Monarchie bis zur Ermordung des Ministerpräsidenten
Kurt Eisner (USPD) am 21. Februar 1919. Am 7. April riefen der Münchner
Zentralrat, Vertreter der sozialistischen Parteien und der Anarchisten die erste
Räterepublik aus. Ernst Niekisch (SPD), der sich später als Faschist
hervortat und Hitler von rechts kritisierte, ernannte Gesell zum Volksbeauftragten
für Finanzen. In seiner Autobiographie wertete Ernst Toller, damals Vorsitzender
der Münchner USPD und Kommandant der Roten Armee, diese Wahl als Ausdruck
von Unwissenheit und Unklarheit.38 Am 13. April wurde diese erste Räteregierung
abgesetzt, ein Bündnis unter Führung der KPD rief die zweite Räterepublik
aus.
Anfang
Mai 1919, nachdem die Freikorps die Rätebewegung zerschlagen hatten, wurde
Gesell verhaftet. Sein Anhänger Rolf Engert verfaßte eine Verteidigungsschrift,
die Gesell inhaltlich billigte, und in der es darum geht, sich von der Linken
zu distanzieren, weil diese kommunistisch sei. Immer schon habe Gesell Marx
bekämpft, insbesondere "das von jenem verkündete Streikprinzip
und predigt statt dessen die unverdrossene, ja gesteigerte Arbeit". Engert
schrieb weiter: "Daß die Verbindung Gesells mit den Männern
der ersten Räterepublik Bayern — und nur ihr gehörte er an —
seinen Ideen im Grunde widersprach, geht am klarsten aus der Befremdung, ja
dem Unwillen hervor, den dieser Schritt Gesells bei vielen seiner Anhänger
hervorrief." Gesells Aktivität in der Räteregierung wird als
besonders schlaue antikommunistische Taktik angedient: "er wollte den Kommunismus
mattsetzen... Gesell erblickt im Kommunismus das Übel aller Übel...
er vertritt statt dessen den ausgesprochensten — bisher noch nie verwirklichten
wirtschaftlichen Individualismus", mitgemacht habe er nur, um "seine
Idee selbst noch in letzter Stunde zur Rettung des deutschen Volkes zu verwirklichen"39
Er würde sich "auch jeder anderen Regierung mit seiner völlig
unpolitischen, seiner reinen Facharbeit zur Verfügung stell(en).."
Daß man in einem politischen Prozeß angesichts des Weißen
Terrors die eigene Beteiligung herunterspielt, ist verständlich, diese
Art der Distanzierung aber belastete andere Angeklagte.
Der rechte Rand der
Anarchie
Die Gesellianer versuchen
mit einer Vielzahl von Gruppen und Projekten und einer breiten Bündnispolitik
im rechten und esoterischen Spektrum, aber auch in der linken und der umweltbewegten
Szene AnhängerInnen zu rekrutieren. Die FSU verfügte in den 50er Jahren
über Kontakte zur nazistischen Sozialistischen Reichspartei (SRP), in den
60ern kooperierte die FSU mit dem ökofaschistischen Weltbund zum Schutz
des Lebens (WSL). Die Gesellianerin Margret Kennedy trat in Berlin bei dem Ökofaschisten
Rudolf Bahro auf und publizierte in der Zeitschrift "Der Gesundheitsberater"
des braunen Ernährungspapstes Max Otto Bruker. Bemerkenswert ist bei diesen
Kooperationen die Mischung aus Gesellianern, Anthroposophen und offenen Faschisten,
personifiziert durch Bruker und Günter Bartsch.
Bruker,
langjähriger Funktionär des WSL und 1969 FSU-Kandidat für den
Bundestag, predigt in seinen Büchern eine sozialdarwinistische Ideologie.
So konstruiert er einen Zusammenhang zwischen "Frauenkrankheiten"
und Verhütungsmitteln bzw. gesundheitsschädlicher Lebensweise.40 Wenn
eine Frau dadurch "ihren Körper schädigt", hofft Bruker
aus Selektionsgründen auf Sterilität: "vom biologischen Standpunkt
aus eine sinnvolle Maßnahme, weil dadurch der Anteil der Bevölkerung
von der Fortpflanzung ausgeschlossen wird, der keine gesunde Nachkommenschaft
gewährleisten kann".41 Weil Frauen Erziehungsarbeit scheuen, komme
es zu immer mehr verweichlichten Einzelkindern. "Zur Vorbereitung für
die späteren Lebensaufgaben sind drei Kinder geeigneter als nur zwei. Dies
entspricht dem Kampf ums Dasein im späteren Leben mehr. Bei drei Kindern
sieht sich das eine meist einer Mehrheit von zweien gegenüber."42
Krebs ist
für Bruker eine "vollendete Krankheit.. dazu ausersehen, dem verblendeten
Fortschrittsgläubigen die Augen zu öffnen" oder aber es wird
"der fortschrittliche Teil der Menschheit in einem Akt der ausgleichenden
Gerechtigkeit durch Krankheit, insbesondere Krebs liquidiert."43 Chronische
Schlafstörungen erklärt der Ernährungspapst mit Hilfe der Anthroposophie
als "starke(n) Mangel an Vertrauen zu dieser Welt und damit zu Gott".44
Ausgehend von der anthroposophischen Lehre vom Menschen als Geist-Seele-Leib-Einheit
und einem mystischen Naturbegriff ("das ursprünglich Gegebene",
"Göttlich-Geheimnisvolles und Letztes") wettert Bruker gegen
die rationale Wissenschaft als "Höhepunkt materialistischen Denkens".45
Eine schillernde
politische Biographie weist Günter Bartsch auf. Von 1947 bis 1953 war er
Mitglied der KPD. 1972 veröffentlichte er ein Werk über Anarchismus
in Deutschland, darin wird Silvio Gesell als "Anarcho-Liberaler" charakterisiert.
Drei Jahre später schreibt Bartsch ein Buch unter dem Titel "Revolution
von rechts?", positiv Bezug nehmend auf Teile der sogenannten Neuen Rechten
sowie den Nazi Otto Strasser. Mit dem Buch "Vom Kronstadt zum Achbergerlebnis"
schlägt Bartsch 1977 eine Brücke vom Anarchismus zur Anthroposophie.
Artikel aus seiner Feder wurden in den rechten Blättern "Wir selbst",
"Criticon" und "Junges
Forum" sowie in den SPD-nahen "Frankfurter Heften" abgedruckt.
1989 erschien eine Biographie von ihm über Otto Strasser im Verlag von
Siegfried Bublies (Ex-NPD, Republikaner), der auch "Wir selbst" herausgibt.46
1989 verfaßte
Günter Bartsch zusammen mit Klaus Schmitt das Buch "Silvio Gesell
— Marx der Anarchisten?", das im anarchistischen Karin Kramer Verlag
publiziert wurde. Bartsch räumt "eine Spur von Sozialdarwinismus"
bei Gesell ein: "Jedoch richtet sie sich vor allem gegen Ehen mit Alkoholikern."47
Bei freier Liebeswahl der Frauen und freiem Wettbewerb unter den Männern
ist "natürliche Auslese" möglich, dann "platzen die
Eiterbeulen, die größten Probleme — Staat, Klerus, Überbevölkerung,
Krieg."48 Schmitt feiert Gesell unter dem Titel "Geldanarchie und
Anarchofeminismus" als Nachfolger Proudhons. Besonders schätzt Schmitt
die Freiland-Idee: Der gesamte Boden solle von einem "Bund der Mütter"
verwaltet und an Meistbietende verpachtet werden. Die Pachteinnahmen gehen an
die Mütter und ihre Kinder. Gesell habe dies als Beitrag zur "biologischen
und kulturellen Fortentwicklung der Menschheit" verstanden, als Möglichkeit
den potentiellen Vater auch unter eugenischen Gesichtspunkten auszuwählen.
"Immerhin ist dieser Gedanke einer für die Gesunderhaltung des Erbguts
und für die Evolution der menschlichen Art vorteilhaften und von den betroffenen
Individuen selbstbestimmten Eugenik eine diskutable Alternative zu den auf uns
zukommenden, von Staat und Kapital fremdbestimmten Genmanipulationen",
schreibt Schmitt.49
Mit Rassismus
habe dies nichts zu tun, behauptet Schmitt. In Gesells Roman "Der abgebaute
Staat", auf den er sich bezieht, wird die Utopie einer Frauenkommune entworfen,
deren Bewohnerinnen vielfache sexuelle Beziehungen unterhalten. Schmitt schreibt
dazu: Ihre Kinder stammen von verschiedenen Vätern "hoher physischer
und psychischer Qualität ab, und zwar von Männern aus den verschiedensten
Völkern und Rassen der Erde! Es geht hier also nicht um die ,Aufnordung’
einer bestimmten Rasse, wie es die NS-Rassisten vorhatten, sondern um die Fortentwicklung
der gesamten Gattung Mensch."50 Leider, fährt Schmitt fort, seien
die "ausdrücklich staatsfreien und naturverbundenen Eugenik- und Wahlzuchtvorstellungen...
heute in linken Kreisen äußerst verpönt". Die Kritik der
Linken schiebt er einer "lust- und lebensfeindlichen, aus christlich-masochistischer
Moral gespeister Ideologie" zu. Dabei sollten wir zur Kenntnis nehmen,
daß "durch den Schutzraum der Kultur (ist) der Ausleseprozeß
ausgeschaltet, die weiterwirkenden Mutationen führen jedoch zur überwiegend
negativen Veränderung der menschlichen Natur: zu Domestikationserscheinungen".
Genauso formulierte schon 1943 der Nazibiologe Konrad Lorenz, bei dem sich Schmitt
im nächsten Absatz auch bedankt.51
Welch einen
Fortschritt bieten Gesell und Schmitt, der Anarchist, gegenüber den Nazis
und Aldous Huxleys "Schöner neuer Welt"! Die einen benötigten
den Terror, im Roman müssen befruchtete Eizellen noch in einer Brut- und
Normzentrale manipuliert werden. Sozialdarwinismus im anarchistischen Gewande
merzt selbstbestimmt Alkoholiker, Kranke und Behinderte aus. Die Menschen in
dieser Horror-Utopie Gesells haben die Selektion in "höher"-
und "minderwertiges" Leben soweit verinnerlicht, daß ökonomische
Zwänge sowie staatliche Macht und Manipulation überflüssig sind.
Die Attraktivität
Gesells bei Teilen des anarchistischen Spektrums ist weder Zufall noch Unwissenheit.
Das individualistische Konzept, das von einigen Strömungen vertreten wird,
ist offen für Mystik, für einen Egokult und die Verteidigung des Eigentums,
wie sie Max Stirner (1806-1856) vertrat, bis hin zu faschistischen Konsequenzen.52
Daß sich Gesell ebenso auf Nietzsche und Stirner wie auf Proudhon beruft,
ist korrekt.53 Mit letzterem stimmte er nicht nur in der Zins-Kritik überein.
Trotz der berühmten Formulierung "Eigentum ist Diebstahl" verteidigte
Proudhon Privateigentum, wenn es aus eigener Arbeit entspringt, gegen Wucher
und Spekulanten. Er bekämpfte jegliche revolutionäre Politik und die
Emanzipation der Frau und war ein erklärter Antidemokrat und ein Antisemit.54
In Gesells anarchistischem Utopia gibt es keine soziale Fürsorge und keine
Gefängnisse, sondern Ellbogenmentalität und Lynchjustiz: "Der
Friedhof ist hier das einzige Gefängnis", schreibt Gesell.55
Schlichte
Gemüter aus dem alternativen und anarchistischen Milieu begnügen sich
mit Parolen "gegen die Zinsknechtschaft der Dritten Welt". Selbst
im Terminkalender der autonomen Berliner Zeitschrift Interim (Nr.258, 21.Oktober
1993) wurde eine Veranstaltung "Marktwirtschaft ohne Kapitalismus"
im Infoladen Bambule mit Klaus Schmitt angekündigt. Auf Initiative einer
Künstlergruppe galt im Stadtviertel Prenzlauer Berg in Berlin zwei Monate
lang eine zweite Währung, der sogenannte "Knochen". Die Idee
basierte ebenfalls auf der sogenannten Schwundgeldtheorie. Silvio Gesell, den
sein österreichischer Anhänger Gerhard Senft als "großen
Sozialreformer" rühmt, verbrachte seine letzten Jahre in der Lebensreformer-Obstbaugenossenschaft
Oranienburg bei Berlin. Außer vegetarischer Ernährung, heißt
es 1917 in einem Programmheft von Eden, war zum "natürlichen"
Leben in der alternativen Kommune "deutsch-völkische Gesinnung Voraussetzung.
Und dazu befähigt nur deutsches Ariertum".56
1
vgl. Stader Wochenblatt, 30.8.97, 10.9.97, 17.9.97, Stader Tageblatt,
8.11.97, 10.11.97, Niederelbe-Zeitung, 8.11.97 und 11.11.97, Der Spiegel,
Nr.46/1997
2
vgl. Siegbert Wolf, Silvio Gesell. Eine Einführung in Leben und Werk
eines bedeutenden Sozialreformers, Hannoversch Münden, 1983
3
vgl. Silvio Gesell, Die natürliche Wirtschaftsordnung, 4. überarbeitete
Auflage, Gesammelte Werke, Bd.20, Lütjenburg, 1991, S.3 ff.
4
zit. ebd., S.10
5
zit. ebd., S.10 f.
6
vgl. ebd., S.72, S.99
7
vgl. ebd., S.72
8 zit.
ebd., S.70
9
vgl. ebd., S.41 f.
10
zit. ebd., S.63
11
vgl. ebd., S.106 f.
12
vgl. ebd., S.119
13
vgl. ebd., S.172
14
vgl. ebd., S.162
15
vgl. ebd., S.130
16
vgl. ebd., S.111, S.122 f., S.124
17
vgl. Karl Marx, Das Kapital, Bd.1, MEW 23, S.117
18 vgl.
Gesell, a.a.O., S.194 ff.
19
vgl. Klaus Schmitt, Günther Bartsch (Hg.), Silvio Gesell — "Marx"
der Anarchisten?, Berlin, 1989, S.90 f., Margret Kennedy, Geld ohne Zinsen
und Inflation, München, 1991, S.49 f.
20
vgl. Kennedy, a.a.O., S.111 f.
21
vgl. Jürgen Kaun, Keine Begrenzung des Wirtschaftswachstums, in:
Contraste, Nr.84, 1991
22
vgl. Experiment Wörgl, in: Bartsch, Schmitt, a.a.O., S.258
23
vgl. Schmitt, a.a.O., S.63 ff.
24
vgl. ebd., S.24
25
vgl. Gerhard Senft, Weder Kapitalismus noch Kommunismus, Silvio Gesell
und das libertäre Modell der Freiwirtschaft, Berlin, 1990, S.145, S.147
26
vgl. Kaun, Keine Begrenzung des Wirtschaftswachstums, in: Contraste, Nr.84,
1991
27
zit. Gesell, a.a.O., Vorwort zur Dritten Auflage, Herbst 1918, S.XVII
28
zit. ebd., S.XVII f.
29
zit. ebd., S.XX f., ebenso: Klaus Schmitt, a.a.O., S.214, S.218, in der
Anmerkung 255 wird wieder Konrad Lorenz positiv zitiert, ohne Wettbewerb keine
"selektiven Vorteile".
30
zit. ebd., S.64
31
zit. ebd., S.72
32
zit. ebd., S.92
33
zit. ebd., S.XXI, vgl. ebd., S.93
34
zit. ebd., S.XXI
35
vgl. Silvio Gesell, Der abgebaute Staat — Leben und Treiben in einem
gesetz- und sittenlosen hochstrebenden Kulturvolk, 1927, in: Gesammelte Werke,
Bd. 16, S.252ff.
36
zit. Gesell, Nervus rerum — Fortsetzung zur Reformation im Münzwesen,
S.140f., in: Gesell, 1988, nach Oliver Geden, Rechte Ökologie, Berlin,
1996, S.158
37
vgl. Volkmar Woelk, Natur und Mythos, Duisburg, 1992, S.22, Geden, a.a.O.,
S. 162ff.
38
vgl. Ernst Toller, Eine Jugend in Deutschland, Leipzig, 1990, S.109
39
zit. Rolf Engert, Silvio Gesell in München 1919, Hannoversch-Münden,
1986, S.38 ff.
40
vgl. Max O. Bruker, Gesund durch richtiges Essen, München, 16. überarbeitete
Auflage, 1989, S.146 ff.
41
zit. ebd., S.147 f.
42
zit. Bruker, Lebensbedingte Krankheiten, Hopferau, 1982, S.280
43
zit. Bruker, Gesund durch richtiges Essen, a.a.O., S.198 f.
44
vgl. ebd., S.216, S.220 ff.
45
vgl. Bruker, Lebensbedingte Krankheiten, a.a.O., S.147 ff.
46
vgl. Raimund Hethey, Peter Kratz, Hrsg., In bester Gesellschaft. Antifa-Recherche
zwischen Konservativismus und Neo-Faschismus, Göttingen, 1991, S.126
f., Margret Feit, Die Neue Rechte in der Bundesrepublik, Frankfurt/M., 1987,
S.180, Wölk, a.a.O., S.44 ff.
47
zit. Günter Bartsch, Silvio Gesell, die Physiokraten und die Anarchisten,
in: Bartsch, Schmitt, Silvio Gesell — Marx der Anarchisten?, Berlin,
1989, S.14
48
zit. ebd., S.15
49
zit. Schmitt, Geldanarchie und Anarchofeminismus, in: Silvio Gesell —
Marx der Anarchisten?, a.a.O., S.129
50
zit. ebd., S.131
51
zit. ebd., S.241 f., Anmerkung 117
52
vgl. Leszek Kolakowski, Die Hauptströmungen des Marxismus, Bd.1,
1981, S.186 ff.,
53
vgl. Gesell, Natürliche Wirtschaftsordnung, a.a.O., S.XXVI
54 vgl.
Thilo Ramm, Hrsg., Pierre-Joseph Proudhon, Ausgewählte Texte, Stuttgart,
1963
55
zit. Gesell, Der abgebaute Staat, a.a.O., S.302
56
zit. nach Louis Lerouge, Rinks und lechts kann flau/mann nicht velwechsern
— odel doch?, in: Contraste 106/107, Juli/August 1993
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