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Wie stark war die Unterstützung
des Nationalsozialismus in der damaligen "Ostmark"? Wie verhielt sich
die Bevölkerung gegenüber Anschluß, Krieg und Judenvernichtung?
Welche sozialen Gruppen zeigten sich besonders anfällig für die nationalsozialistische
"Weltanschauung"? Wie ist es zu erklären, daß ein Land,
dessen Bevölkerung nur rund 8 Prozent der Gesamtbevölkerung des Reiches
betrug, überdurchschnittlich stark in den Reihen der SS vertreten war und
rund 40 Prozent der am Holocaust unmittelbar beteiligten TäterInnen stellte?
von Florian Markl
In den
ein paar Jahre zurückliegenden Debatten um Daniel J. Goldhagens Buch "Hitlers
willige Vollstrecker" wurde vor allem hierzulande bemängelt, daß
der Autor auf die maßgebliche Beteiligung der ÖsterreicherInnen an
der Vernichtung der europäischen Juden und Jüdinnen nicht eingegangen
war. Jenes Land, in dem Hitler aufwuchs und in dem die Grundlagen seines ausgeprägten
Antisemitismus gelegt worden waren, blieb bei Goldhagen beinahe unerwähnt.
In einem kürzlich erschienenen Buch versucht nun ein amerikanischer Historiker,
Antworten auf einige der offen gebliebenen Fragen zu geben. Gerade in einer
Zeit, in der führende VertreterInnen der österreichischen Politik
wieder offensiv den Mythos bemühen, Österreich und die ÖsterreicherInnen
seien in Wahrheit Opfer des Nationalsozialismus gewesen, ist es von besonderer
Wichtigkeit, die realen historischen Vorgänge im Auge zu behalten und nicht
der nationalistischen Geschichtsklitterung auf den Leim zu gehen.
Evan Burr
Bukey analysiert in seiner Studie über "Hitlers Österreich"
unter Verwendung einer Vielzahl bisher nicht systematisch ausgewerteter Quellen,
wie etwa den Berichten vieler lokaler Polizeistationen, die Stimmungslage der
"ostmärkischen" Bevölkerung in den Jahren 1938-1945 und
kommt dabei zu Ergebnissen, die aufhorchen lassen sollten. Auf eindrucksvolle
Art und Weise schildert er, wie sich die Menschen eines Landes verhielten, das
im März 1938 gemäß offizieller Lesart zum "ersten Opfer
der nationalsozialistischen Aggression" wurde. Unüberschaubare Menschenmassen
feierten in den Straßen Wiens den "Anschluß" und boten
Beobachtern ein Bild, das ein amerikanischer Journalist folgendermaßen
schilderte: "Überall Massen von Leuten. Jetzt auch singend. Nazilieder
brüllend. Junge Randalierer werfen die Schaufensterscheiben jüdischer
Geschäfte ein. Die Menge jubelt voller Entzücken. Die Braunhemden
in Nürnberg hatten die Naziparolen nie mit einer solchen Inbrunst gegrölt."
(49) Von Beginn an wurde hierzulande klar, worauf die "nationale Revolution"
der Nazis gegründet war. Bereits Tage vor dem Einmarsch der deutschen Truppen
zog ein bis zu hunderttausend Menschen zählender Mob johlend, plündernd
und prügelnd durch die jüdischen Wohnviertel Wiens. Über mehrere
Wochen hinweg erstreckte sich die antisemitische Raserei, die von keiner Parteiformation
organisiert zu werden brauchte. "Es ist vergebliche Mühe zu versuchen,
das soziale Profil des Wiener Mobs zu rekonstruieren. Dafür beteiligten
sich ganz einfach viel zu viele daran." (197) Der Antisemitismus war hierzulande
in noch viel größerem Maße eine alle sonstigen Unterschiede
überlagernde ideologische Klammer, als dies in Deutschland der Fall gewesen
war. Es "(...) herrschte unter den Österreichern ein breiter antisemitischer
Konsens." (216f.)
Dieses
Urteil ist nicht Bukeys fehlendem Differenzierungsvermögen geschuldet.
In mehreren Kapiteln untersucht er die Ansichten unterschiedlicher Bevölkerungsgruppen
und schildert dabei sorgfältig vereinzelt aufgetretene Konflikte mit der
Politik des Regimes. So betont er die Widerstände, mit denen die Nationalsozialisten
im Zuge ihres Feldzuges gegen die katholische Kirche in den tief-katholischen
Gegenden Österreichs konfrontiert waren genauso, wie die gespaltenen Reaktionen
der bäuerlichen Bevölkerung auf die Nazifizierung der Landwirtschaft.
Er weist darauf hin, daß es den Nationalsozialisten in den ersten Jahren
nach dem "Anschluß" durchaus gelungen ist, auch die österreichische
ArbeiterInnenklasse zu mobilisieren und insbesondere die überwiegende Mehrheit
der SozialdemokratInnen zu einer Zusammenarbeit mit der Reichsregierung zu bewegen.
Wenngleich die ArbeiterInnenschaft prozentuell noch den geringsten Anteil an
NSDAP-Mitgliedern stellte, kann von einer prinzipiellen Gegnerschaft zum Anschluß-Regime
keine Rede sein. Im Grunde läßt sich, abgesehen von den Verfolgten
und den wenigen aktiven WiderstandskämpferInnen, über alle bestehenden
politischen Differenzen hinweg feststellen, daß viele Menschen an der
einen oder anderen Maßnahme der Nazis zwar etwas auszusetzen hatten, deswegen
aber den neuen Machthabern keineswegs die Unterstützung entzogen. Der Grund
dafür lag in der ungeheuren Popularität der Judenverfolgung: "In
Österreich bildete der Antisemitismus viel stärker als im Altreich
das integrative Element für die NS-Herrschaft. Er war das unwiderstehliche
Leitmotiv, das Millionen Menschen anzog, die andere Aspekte des Hitlerismus
ablehnten. (...) Alles in allem herrschte unter den Österreichern ein breiter
antisemitischer Konsens." (216f.)
Besonders
aufschlußreich ist Bukeys Schilderung der Entwicklung der österreichischen
NSDAP. Im Gegensatz zum deutschen Vorbild gelang es keinem der "ostmärkischen"
Parteigenossen, zum alleinigen, unumschränkten Leiter der Partei zu avancieren.
Dies hatte selbstverständlich in erster Linie mit der Orientierung an der
deutschen Schwesterpartei und dem "Führer" zu tun. Darüber
hinaus waren die österreichischen Nazis in zumindest drei Gruppierungen
gespalten, unter denen nach dem "Anschluß" ein erbitterter Kampf
um den größtmöglichen Anteil an der Beute ausbrach. Vor allem
die Mitglieder der Wiener Ortsgruppe fühlten sich bei Aufteilung von Posten
und Vermögen grob vernachlässigt. Erbitterung brach vor allem darüber
aus, daß die einflußreichsten Posten nicht an ortsansässige,
verdiente Kämpfer, sondern an Nazis aus dem "Altreich" vergeben
wurden und von den österreichischen Parteigenossen hauptsächlich Kärntner
zum Zuge kamen. (Unter diesen Kärntner Nazis befanden sich Personen, die
in der Folge bei der Vernichtung der europäischen Juden in zentralen Positionen
tätig waren, so z.B. Odilo Globocnik, der spätere SS- und Polizeiführer
des Distrikts Lublin im sogenannten "Generalgouvernement" oder Franz
Nowak, der als Mitarbeiter Eichmanns maßgeblich an der Organisation der
Deportationen in die Vernichtungslager beteiligt war. Leider konzentriert sich
Bukey nur auf das Gebiet Österreichs. Die "Karrieren" österreichischer
Nazis außerhalb der "Ostmark" bleiben dabei unerwähnt.)
Die Enttäuschung über die vermeintliche Benachteiligung äußerte
sich in antideutschen Ressentiments. Die von Bukey vertretene These lautet also,
daß jener typische Grant auf die deutschen NationalsozialistInnen, der
in Filmen wie dem "Bockerer" in offenes Aufbegehren gegen die "Besatzungsmacht"
umgedeutet wurde, in Wahrheit auf unzufriedene Wiener Nazis zurückzuführen
war und sich von diesen ausgehend auf weitere Teile der Bevölkerung ausweitete.
Die Mehrheit
der ÖsterreicherInnen unterstützte den "Anschluß",
den darauf folgenden Krieg und die Judenvernichtung bis in den Mai 1945. Nach
der Niederlage Deutschlands erschien ihnen die Wiedererrichtung der Republik
als die einzige Möglichkeit, die Siegermächte zu besänftigen
und einer Vergeltung für die begangenen Verbrechen zu entgehen. Die rund
600 000 NSDAP-Mitglieder, die zusammen mit ihren Angehörigen beinahe ein
Drittel der Bevölkerung ausmachten, wurden schnell in die Zweite Republik
integriert. Indem deren Gründungsväter "(...) das österreichische
Volk von Schuldgefühlen oder jeder Mitverantwortung für die Verbrechen
der Hitlerzeit freisprachen, blieben die autoritären und antisemitischen
Einstellungen weitgehend intakt." (323)
Bukeys
Studie kann als gelungener Versuch betrachtet werden, jenes Fundament zu beschreiben,
auf dem die post-nationalsozialistische Demokratie der Zweiten Republik errichtet
wurde und betont dabei den herausragenden Stellenwert des Antisemitismus. Es
ist daher kaum überraschend, daß "Hitlers Österreich"
bislang keine breite öffentliche Diskussion ausgelöst hat.
Bukey, Evan Burr: Hitlers
Österreich. "Eine Bewegung und ein Volk", Hamburg/Wien 2001.
Preis: ÖS 355,- DM 49,-. Alle Seitenangaben im Text beziehen sich auf
dieses Buch.
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