des österreichischen
Bundespräsidenten anlässlich des Gedankenjahres 2005
von Erik Fürst
Eine
Kolumne in formaler An- und inhaltlicher Ablehnung an die "Nicht
gehaltene Rede des israelischen Ministerpräsidenten"von
Ulrich Harbecke (gesendet im WDR, am 2. Mai 2004).
Zitat:
Ich ehre alle Opfer dieser unseligen
Periode, gleichgültig, oh sie unter der Zivilbevölkerung
oder unter den Soldaten zu beklagen waren und ich verstehe den
Schmerz jedes Einzelnen der einen Vater, einen Sohn, eine Mutter oder
eine Schwester verloren hat.
(aus der tatsächlichen
Ansprache Heinz Fischers anlässlich des Gedankenjahres 2005.)
Liebe Österreicherinnen, liebe Österreicher!
Diese Republik ist 60
Jahre alt. Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen. Nicht ohne Stolz darf ich
auf die großen und kleinen Erfolge verweisen, die dieses Land
und seine Bürgerinnen und Bürger seit dem Ende des Zweiten
Weltkriegs und des Holocaust errungen haben. Auch ist es Zeit, an die
Toten zudenken.
Niemals würde ich
vergessen, gegenüber den Opfern des Krieges, jenen der Shoa
einen besonderen Platz einzuräumen.
Denn die einen haben an
der Front oder zu Hause mitgeholfen, dass die anderen überhaupt
erst um ihre Rechte, ihr Hab und Gut, ihre Würde und schließlich
um ihr Leben gebracht werden konnten. Daher würde es mir im
Traum nicht einfallen, sie einfach in einen Topf zu werfen. Aber:
Nach dem Krieg haben
Bevölkerung und Regierung dieses Landes umgehend Bedeutung und
Tragweite der NS-Verbrechen erkannt und die Verantwortung dafür
übernommen. Den Überlebenden des Holocaust wurde
folgerichtig sofort mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln
geholfen. Nicht aus Mitleid oder schlechtem Gewissen, sondern in
selbstverständlicher Anwendung schadenersatzrechtlicher Logik:
Die wenigen Juden, die den Holocaust überlebt hatten und trotz
Allem, was ihnen angetan wurde, in Österreich bleiben wollten
haben schnell und unbürokratisch das ihnen geraubte Eigentum an
Wohnsitzen, Barvermögen, Pretiosen, Kunstgegenständen,
Wirtschaftsgütern, Grund und Boden usw. zurückerhalten,
ebenso, wie zur Emigration getriebenen Universitätsprofessorinnen,
Künstlerinnen, und Beamtinnen anstandslos in ihre alten
Positionen zurückkehren konnten. Diejenigen, die ihre Zukunft
verständlicherweise im damaligen Palästina sahen, erhielten
eine entsprechende Verzichtsentschädigung und wurden mit allem
Nötigen versorgt, um sich dort eine Existenz aufzubauen.
Dabei wurden reichlich
Mittel aus dem Marshall-Plan, die unverdientermaßen auch
Österreich und Deutschland in den Schoß fielen,
aufgewendet und ebenso zur Linderung der Verwüstungen
entrichtet, die Österreicher und Deutsche vor allem in Polen, in
der damaligen UdSSR sowie in Frankreich, England und in den Ländern
der Balkanhalbinsel angerichtet haben. Mein besonderer Dank gilt an
dieser Stelle den "Trümmerfrauen", deren symbolischer
Einsatz in Stalingrad, Leningrad, Warschau oder Coventry zwar die
Untaten ihrer Landsleute nicht im Entferntesten aufwiegen konnten,
die aber einen Beitrag für das Existenzrecht Österreichs im
Nachkriegseuropa stifteten.
In Scham müsste ich
heute versinken, hätten wir die Überlebenden der Shoa nach
der Befreiung von Auschwitz und all den anderen Konzentrationslagern
ziellos als "Displaced Persons"in Europa herumirren lassen,
hätten sie mondkalter Bürokratie und zynischem Desinteresse
schutzlos ausgeliefert und schließlich dazu gezwungen, eine
halsbrecherische Odyssee über das Mittelmeer zu unternehmen, um
schließlich in der Fremde des Nahen Ostens den Schutz eines
Staates zu suchen, der damals noch gar nicht bestand und schon
bekämpft wurde.
In Scham müsste ich
heute versinken, hätte Österreich "arisiertes
Eigentum", sowie die Erträge der NS-Zwangsarbeit und die
nach dem Kriege uns zugeflossenen amerikanischen Hilfsgelder einfach
in die eigene Tasche gesteckt, das Ergebnis unter dem Titel
"Wirtschaftwunder"darüber hinaus als einen eigenen
Erfolg verkauft und erst Jahrzehnte später - als es kaum noch
überlebende Opfer gab - widerwillig und in winzigen Häppchen
einen lächerlichen Anteil des Raubgutes refundiert; nur um sich
auch mit dieser Peinlichkeit zu brüsten und vorsorglich ein Ende
präsumptiver Forderungen zu verlangen.
Weil sich jedoch diese
Republik - nicht großherzig oder mildtätig - sondern
verantwortungsbewusst verhalten hat, nur aufgrund ihrer
Entschlossenheit, den Schaden, den namhafte Anteile ihrer Bevölkerung
vor 1945 als Mitglieder der SA, der SS, der Wehrmacht, als
Ariseurlnnen, als Entjudungsbeauftragtlnnen oder als sonstige
Denunziantinnen verursacht oder zugelassen haben, wenigstens nach
1945 mit aller Kraft "wieder gut"zu machen, den einzelnen
Opfern und Israel beizustehen - dem Staat der Überlebenden des
Verbrechens, das nicht mehr gut gemacht werden kann, kann ich die
Worte sprechen : "Ich bin stolz auf Österreich."
Ansonsten müsste die
Losung lauten: "60 Jahre sind genug!"und: "Nie mehr
wieder Österreich!"
Guten Abend!
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