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Für so etwas wie Widerstand
gegen die Widerlichkeit der Verhältnisse brauchen wir keine Marke zur Identitätsstiftung,
sondern Öffentlichkeit als Möglichkeitsbedingung und Modus.
von Robert Zöchling
Im aktuellen Sprachgebrauch
vieler Unzufriedener eines Landes, das es nie zu einer halbwegigen Zivilisation
brachte, ist "Zivilgesellschaft" zum im übrigen unbegriffenen
und unbegrifflichen Schlagwort geworden, letztlich zu einer Marke, mit der den
Protesten gegen eine blau-schwarze Regierung dieses Landes Identität gestiftet
und für sie geworben werden soll. Die Annahme jeder darüber hinaus
gehenden Bestimmtheit wäre zufällig und von den Werbenden auch nicht
gewünscht. CI und PR1 sind angesagt, nicht Auseinandersetzung
und Widerstand. Der Erfolg der PR bemißt sich dann daran, daß angeblich
oder tatsächlich in "den Medien" die Marke "Zivilgesellschaft"
die Marke "Bürgergesellschaft" aus dem Rennen geschlagen hat.
Die Parteien, die gerade nicht an der Regierung sind, wetteifern darum, möglichst
billig in das Franchising-Unternehmen einzusteigen. Wie die vorher schon regiert
haben oder was die tun müssen und werden, um in einigen Jahren regierungsfähig
zu werden, hindert nicht am Mitspielen und Mitprofitieren.
Daneben fristet ein anderes
Wort sein der zivilen Realität entsprechendes, kümmerliches Dasein:
Niemand beansprucht für sich, "Öffentlichkeit" zu wollen,
herzustellen oder einer solchen anzugehören. Das Wort mit dem "Ö",
nach dem alle, insbesondere "die Medien", gieren, ist "Österreich".
Das Wort, nach dem niemand verlangt, am wenigsten "die Medien", ist
"Öffentlichkeit".
Am Ende von Öffentlichkeit
Sinn und Zweck von Öffentlichkeit
in der bürgerlichen Gesellschaft sind an bestimmte Fortschrittserwartungen
geknüpft, die heute so erschöpft sind wie diese Gesellschaft weltweit
durchgesetzt ist. Der klassischen, aufklärerischen Idee gemäß
sollte sich Meinung in öffentlichem Streit um ihre wahren Gründe und
vernünftigen Argumente bilden, bewähren und durchsetzen, zur volonté
générale formieren und so die Lebensmöglichkeiten von
— bürgerlichen, erwerbstätigen — Menschen in Gesellschaft
stetig erweitern und verbessern: "Öffentlichkeit wird also [im klassisch
aufklärerischen Begriff] dazu gebraucht, die vagen und vorurteilsvollen
Meinungen der Privatleute zum Beschluß, zum Gesetz zu führen, anders
gesagt, zur Institution, in der auch die Unterlegenen ihre Freiheit bewahrt
sehen können. Deswegen sollte die Öffentlichkeit eine unaufhörliche
Anstrengung sein, wie ja auch die bürgerliche Gesellschaft, die sich durch
die im Widerstreit der Meinungen hergestellte volonté générale
aufrechterhält, ein immerwährend auf Zukunft gerichtetes Unternehmen
ist."2 Nun ja, so ist es nicht gekommen: Die bürgerliche Gesellschaft
mag sich noch als sehr langlebig erweisen, ein immerwährend auf Zukunft
gerichtetes Unternehmen ist sie insofern nicht, als die Zukunft, um die es hier
ginge, nur dann eine wäre, wenn sie noch uneingelöste, außerhalb
des schon Bestehenden liegende, Fortschrittsverheißungen bereithielte,
aus denen die öffentliche Befassung ihren Sinn gewänne. Die bürgerliche
Gesellschaft erschöpft sich heute aber zusehends in dem, was sie bereits
ist, und hält keine weiteren, wünschbaren Verheißungen für
das Leben von Menschen in Gesellschaft mehr bereit.
Die auf Zukunft
gerichteten Ideen der Aufklärung haben sich aufgelöst in dem auf ständige
Gegenwart fixierten und fixierenden Spektakel: in der Reproduktion
der schieren, auf nichts als sich selbst bezogenen Warenform, die sich jeden
Bezugs auf einen Zweck außerhalb ihrer selbst entledigt hat, jeden Sinn
und jede Vernunft negiert und jede Kritik verhöhnt: "Das Spektakel
stellt sich als eine ungeheure, unbestreitbare und unerreichbare Positivität
dar. Es sagt nichts anderes mehr als: ‚Was erscheint, das ist gut; was
gut ist, das erscheint‘ Die durch das Spektakel geforderte Haltung ist
diese passive Hinnahme, die es schon durch seine Art, unwiderlegbar zu erscheinen,
durch sein Monopol des Scheins faktisch erwirkt hat".3
Wenn das Abhandenkommen
von Öffentlichkeit beklagt und kritisiert wird, dann geschieht dies meist
als Medienkritik. Eine Medienkritik aber, die nichts weiter als die Medien kritisieren
will, bleibt Branchengeschwätz, das in ein Palaver über so etwas wie
Qualitätsmanagement münden mag und den einen oder anderen Konsulentenjob
rechtfertigen mag, den Gegenstand seiner Kritik aber verfehlt und unangetastet
läßt. Eine Kritik der Warenform hingegen ermöglicht besser als
jede von vornherein aufs symbolische Geschehen fixierte Kritik z.B. der
Medien ein Verstehen des Abhebens der gesellschaftlichen Produktion und überhaupt
der gesellschaftlichen Befassung in allen Bereichen in die Welt der feinen,
kaum noch faßbaren Unterschiede, in die vervielfältigte Einfalt und
die aufs bloß Symbolische reduzierten Differenzen, deren weitere Ausdifferenzierung
schleifenartig immer wieder in sich selbst zurückläuft.
Die Durchsetzung der Warenform
als Motor und Modus gesellschaftlicher Produktion und Konsumption ist die Durchsetzung
des Prinzips, daß es gesellschaftlich nicht darauf ankomme, was
produziert wird, sondern daß produziert wird, daß nämlich
Wert produziert wird, der am Markt realisiert, also verkauft werden kann. Mit
dieser Hervorhebung des Werts als Motor der Produktion wird ein zweiter Aspekt
gleichsam abgespalten: der Gebrauchswert, positiv aufzufassen und zu bestimmen
als die Verwendbarkeit oder "bedürfnisbefriedigende Potenz" des
zur Ware gewordenen Produkts. Zwar kommt es — nach "klassischer"
Auffassung — auf eine positive Bestimmtheit des Gebrauchswerts für
die Produktion nicht an, wohl aber auf das erkennbare Vorhandensein oder wenigstens
die Möglichkeit der Glaubhaftmachung eines positiv bestimmbaren und distinkten
Gebrauchswerts zur Realisierung des Werts, also zum Verkauf der Ware.
Diese Voraussetzung wird
aber unter der fortgeschrittenen Warenproduktion und ihrer Marktkommunikation
fragwürdig: Die Distinktion der Gebrauchswerte ähnlicher Waren, die
sich zur gleichen Zeit am Markt befinden wird immer schwieriger; die Distinktion
einander ablösender Waren-Generationen sehr ähnlichen Gebrauchswerts
wird ebenso schwieriger. Gesamtgesellschaftlich wird eine Ausdehnung des konkreten
Reichtums (also der Ansammlung positiv bestimmbarer Gebrauchswerte) durch
Ausdehung des abstrakten Reichtums (also der Ansammlung abstrakten Werts)
immer schwieriger erkennbar.
Die letzte Konsequenz,
gewissermaßen der Fluchtpunkt, dieser Entwicklung wäre die Aufhebung
des Gebrauchswerts durch den Wert. Dabei handelte es sich darum, die durchgesetzte
Allgemeinheit des Werts nicht durch die zunächst von ihm selbst gesetzte
Besonderheit des Gebrauchswerts realisieren zu müssen, sondern durch
das schiere Vorhandensein der Werterscheinungen, also Waren, die gegen
die Frage nach so etwas wie positiv bestimmbaren Gebrauchswertaspekten, also
etwa nach ihrer "Nützlichkeit" oder "bedürfnisbefriedigenden
Potenz", immunisiert sind. Diese letzte Konsequenz mag insofern nicht erreichbar
sein, als den Wertgegenständen ziemlich unvermeidlich und untilgbar gewisse
Eigenschaften eignen, der Vorgang des Absehens von positiver Ausgestaltung dieser
Eigenschaften zu einer wohlbestimmten Gebrauchsgegenständlichkeit ist aber
heute bereits so weit vorangeschritten, daß er einer Aufhebung bereits
sehr nahe kommt. Noch vor einigen Jahren war von "intelligenten Produkten"
oder "Nachhaltigkeit" umso mehr die Rede, je unintelligenter und rascher
vergänglich die große Masse der Waren wurde; oder im Bereich der
Medienproduktion von "content providing", je offensichtlicher und
die vielen neuen UserInnen anfänglich enttäuschend das Fehlen von
"Inhalt" insbesondere im "boomenden Markt" des World Wide
Web wurde. Heute ist selbst die Beschwörung von so etwas wie "Inhalt"
lasch geworden, seine Nebensächlichkeit bereits unproblematisch für
das Weiterlaufen der Vermarktung: booming without content, no problem. Wir stehen
heute vor einer gewaltigen Ansammlung von Werterscheinungen, die sich einer
Befragung nach ihrem Sinn und Zweck weitgehend entziehen, indem sie als symbolisches
Spiel der Marken und Images, der Hipes und Musts
in ihrem schieren Vorhandensein aufeinander verweisen, einander bestärken,
einander unwiderstehlich machen, einander schließlich als den einzig
noch gesellschaftlich verbindlichen Zusammenhang konstituieren, und zwar
durch systemisch-zwanglose Ruinierung aller anderen gesellschaftlichen
Zusammenhänge, etwa auf gesellschaftlich verbindlich begründbare und
verhandelbare Bedürfnisse bezogenen Zusammenhänge politischer oder
kultureller Öffentlichkeit. Die kritische Frage nach Sinn und
Zweck gesellschaftlicher Produktion oder überhaupt gesellschaftlicher Befassung
in den verschiedenen Bereichen von Politik, Kultur, Wissenschaft usw. muß
nicht erst durch so etwas wie Zensur verboten werden, sie verbietet sich gewissermaßen
von selbst: "Disqualifizieren parte pro toto die Konsumenten den Warenzusammenhang
als zu keiner bestimmten Bedürfnisbefriedigung tauglich, so berauben sie
sich damit eben dessen, was ihnen mittlerweile ihr allgemeinstes Bedürfnis,
das nach Gesellschaft und Öffentlichkeit, zu befriedigen bevollmächtigt
ist, d.h. sie bezahlen die Disqualifikation der Waren mit ihrer eigenen Exkommunikation,
die Verbannung der Werterscheinungen aus der Klasse der nützlichen Dinge
mit ihrem persönlichen Ausschluß aus der Sphäre gesellschaftlicher
Wesen. Wollen die Konsumenten Zusamenhang und menschliche Gesellschaft, so müssen
sie auch das wollen, was, wie die Dinge liegen, Zusammenhang monopolistisch
stiftet und Gemeinschaft ausschließlich gewährleistet: die Werterscheinungstotalität
des Markts. [...] Wenn auch sonst keinerlei bestimmtes Bedürfnis und Interesse
sich mit dieser oder jener besonderen Werterscheinung mehr verknüpft, so
jedenfalls doch das ganz allgemeine und immer gleiche Bedürfnis nach dem,
wofür die Werterscheinungen in toto einstehen und was jede Werterscheinung
repräsentiert, das Bedürfnis nach Kraft Warenzusammenhang synthetisierter
menschlicher Gesellschaft, nach mittels Markt organisierter bürgerlicher
Öffentlichkeit [...]"4
Anders herum — und
nicht bloß aus Liebe zum Sprachspiel — kann und muß man aber
formulieren: Wenn jegliche Gebrauchswert-Bestimmung und jegliche Bedürfnis-Bestimmung,
jede öffentliche Frage nach Sinn, Zweck und Legitimation nicht nur der
Produktion sondern auch der übrigen gesellschaftlichen Befassung (etwa
und insbesondere der Politik) vom gesellschaftlichen Zusammenhang negiert
wird, sich von selbst verbietet, und den Einzelnen als bloße Privatangelegenheit
überlassen wird, an der sie ihr Glück oder ihre Verzweiflung finden
mögen, dann gibt es keine bürgerliche Öffentlichkeit mehr,
sondern nur noch ausgedehnte Privatheit.
Öffentlichkeit gegen
die bürgerliche
Von dieser ausgedehnten
Privatheit sind auch wir und unsere kritisch gemeinten Diskussions- und Handlungszusammenhänge
ergriffen. Begonnen hat es schon mit den "neuen sozialen Bewegungen":
"Zunächst waren da hunderte von Ein-Punkt-Öffentlichkeiten, versammelt
um einen Sorgenknoten, den sie als spezielles Protestgut betrachteten. Diese
Mikro-Öffentlichkeiten sehen ihre Modernität gerade darin, daß
sie keine Verbindlichkeit herstellen wollen, und so verlaufen sie sich auch
wieder. Immerhin vermögen sie für eine Weile Kompetenz zusammenzubringen,
erzeugen auch noch individuelle Erfahrung und Verantwortlichkeit. Aber sie können
nicht viel mehr sein als Ersatz in einer zerstörten Öffentlichkeit.
Sich gerne Bewegung nennend, sind sie immun gegen Kritik, also eben gegen Öffentlichkeit.
Diese Ersatz-Öffentlichkeiten, die vom ganz Besonderen her das große
Ganze und Allgemeine anrufen, verblassen mittlerweile oder sind von den Institutionen
zu deren Auffrischung absorbiert. Sie zogen Sympathie auf sich, aber sie haben
auch viel dazu getan, daß alle Welt schlampig herumläuft und sich
schlampig verhält."5 Den Punkt, an dem wir mit diesen "Ein-Punkt-Öffentlichkeiten"
halten, habe ich in der Einleitung markiert: Räumt man CI und PR
von der "Bewegung gegen blau-schwarz" ab, dann steht man vor dem disparaten
Haufen privat gebliebener Meinungen, den es da im Grunde auch vorher schon gab.
Immerhin sind aber Menschen zusammengekommen und tun das auch weiterhin. Mit
ihnen wird weiterhin nur etwas anzufangen sein, wenn wir es zustandebringen,
aus der ausgedehnten Privatheit der allgemeinen gesellschaftlichen und auch
ihrer bisherigen, sogenannt "widerständigen" Befassung zu öffentlicher
Befassung zu gelangen, das heißt von Identitätsstiftung zu
Auseinandersetzung: zu einer Art von Auseinandersetzung, in der es nicht
um die Versammlung um einen "kleinsten gemeinsamen Nenner" von Meinung
geht ("weg mit blau-schwarz" oder auch "wi-der-stand").
Meinung, als bloße, ist immer privatistisch, insofern sie
ihre verallgemeinerungsfähigen Gründe, Argumente und Konsequenzen
schuldig bleibt, in privater Besonderung verharrt und damit undiskutabel, wenn
auch leider meist nicht ganz folgenlos bleibt. In den zu führenden Auseinandersetzungen
um die Verallgemeinerungsfähigkeit der einmal versammelten Meinungen
wird es vom Besonderen ausgehend sehr rasch um das große Ganze gehen
müssen: Um die Gesellschaft, die eine Regierung wie diese und auch schon
die vorangegangene, ermöglicht; darum, was von politischen Parteien, die
sich in einer solchen Gesellschaft um Regierungsfähigkeit bewerben, realistisch
erwartet werden kann; darum, was Staat und Politik überhaupt sind und sein
können; darum, wogegen sich Kritik, die eine sein will, richten muß
und ob und worauf sie sich positiv beziehen kann oder soll; schließlich
darum, was Widerstand bedeutet und erfordert, also darum, wie sich die Kritik,
zu der man sich aufgrund geführter Auseinandersetzung verstehen kann, auch
praktisch Geltung und Wirkung verschaffen kann. Solcherart Auseinandersetzung
ist heute nur möglich gegen alles, was an sogenannter "herrschender"
gesellschaftlicher Kommunikation und sogenannten "etablierten" Medien
gegeben ist. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere eigenen Öffentlichkeiten
gegen die bürgerliche, die keine mehr ist, zu bilden und die dafür
tauglichen Medien zu ermöglichen.
1 Corporate Identity
und Public Relations — nähere Auskünfte bei der Wirtschaftskammer,
Fachgruppe Werbung und Marktkommunikation.
2 Claus Koch: Letzte
Nachricht von der Öffentlichkeit, in: Kursbuch 125, Berlin, Rowohlt Verlag,
1996, S 160
3 Guy Debord: Die
Gesellschaft des Spektakels, These 12, Berlin, Tiamat Verlag, 1996
4 Ulrich Enderwitz:
Totale Kommunikation — Von der Marktgesellschaft zur Kommunikationsgesellschaft,
Berlin, RM Verlag DiA, 1986, S 133f
5 Claus Koch: Letzte
Nachricht von der Öffentlichkeit, in: Kursbuch 125, Berlin, Rowohlt Verlag,
1996, S 162 |