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Die österreichische Strategie, mit der EU im Rücken, den Osten zu
beglücken, leidet derzeit an den Sanktionen der europäischen Partner.
von Robert Kogler*
Das
Programm der neuen österreichischen Regierung bietet in den Bereichen
Sicherheit und Bundesheer keine großen Überraschungen. Mensch spürt
förmlich die Freude, welche die VP-VerhandlerInnen beim Aufsetzen der
betreffenden Zeilen überkommen haben muß. Endlich konnte frei heraus
formuliert werden, ohne durch einen verfassungsrechtlich etwas
verklemmten Koalitionspartner gestört zu sein.
Die Abschaffung
der Neutralität sowie die Aufrüstung des Landes konnten endlich offen
angekündigt werden. Um Mißverständnissen vorzubeugen: Zu den nun
angekündigten Änderungen wäre es aller Wahrscheinlichkeit nach auch bei
Fortführung der alten Koalition gekommen. Verteidigungsminister a. D.
Werner Fasslabend kündigte schon im Dezember 1999, als noch fleißig an
einer Neuauflage der SPÖ-ÖVP-Koalition gebastelt wurde, nach dem "Ende
der nationalen Sicherheits- und Verteidigungspolitik" einen "neuen Weg"
an.1 Damit war die Neubewertung der österreichischen Interessen, also
die Aufhebung der Beschränkung von Sicherheits- und
Verteidigungspolitik auf nationalstaatliches Territorium gemeint.
Protest seitens der SPÖ blieb aus.
Der Geist der europäischen Solidarität
Die Bedrohungen, die eine Militarisierung notwendig machen, werden
nicht genannt. Statt dessen wird der "Geist der europäischen
Solidarität beschworen. Durch den Beitritt zu einer "europäischen
Friedens-, Sicherheits- und Verteidigungsgemeinschaft" soll das
Bundesheer einen neuen Sinn bekommen. Österreich wird sich für die
Schaffung dieser Gemeinschaft "aktiv und solidarisch" einsetzen. Diese
benötigt "effiziente gemeinsame Entscheidungsstrukturen", "glaubwürdige
zivile und militärische Kapazitäten" und soll durch eine "intensive
europäische Kooperation im Bereich der Rüstungsindustrie"
gekennzeichnet sein. Am Rande ist auch von nicht-militärischen Aspekten
die Rede, die berücksichtigt werden sollen. Eine genauere Definition
bleibt im Regierungsübereinkommen aber aus. Die Bundesregierung
wird sich für eine Beistandsgarantie nach Artikel 5 des NATO-Vertrages
einsetzen. Die kollektive Selbstverteidigung, der Schutz des
territorialen Bestandes der Mitgliedstaaten, wird allerdings von
sekundärer Bedeutung sein. Vielmehr wird es um die Sicherung der
Interessen jenseits der Bündnisgrenzen gehen. Das
Neutralitätsgesetz soll so novelliert werden, daß es auf all diese
Änderungen keine Anwendung findet, also auch de jure gegenstandslos
ist. Auf die de facto Ausschaltung hat Wolfgang Schüssel bereits als
Außenminister hingearbeitet. Damit kann auch das Kriegsmaterialgesetz
gelockert werden. So sollen die Ein-, Aus-, und Durchfuhr von Waffen
zwischen EU-Staaten bewilligungsfrei gestellt und generelle
Überflugsgenehmigungen (Blockgenehmigungen) möglich werden. Die auch
schon bisher kaum eingehaltene Beschränkung auf den Einzelfall würde
damit fallen. Außer der Gründung und dem Beitritt zu einem europäischen
Militärbündnis soll auch eine Mitgliedschaft in der NATO angestrebt
werden. Um für "internationale Solidaritätsleistungen" und die
"Teilnahme am gesamten Spektrum des europäischen Krisenmanagements
(Petersberg-Aufgaben)" gerüstet zu sein, soll das Bundesheer in ein
Freiwilligenheer umgewandelt werden. Auch die "Sicherstellung der
materiellen Rahmenbedingungen für das Bundesheer durch schrittweise
Anhebung des Verteidigungsbudgets" soll erreicht werden. Außerdem wird
sich "Österreich (...) an der (...) europäischen Rüstungskooperation
und den (...) Bemühungen zur Stärkung der industriellen Basis der
europäischen Verteidigung in vollem Umfang beteiligen". Die
Westeuropäische Rüstungsgruppe (WEAG), der Österreich "als Vollmitglied
beitreten" wird, ist um die Überwindung der seit Ende des Kalten
Krieges herrschenden Krise der europäischen Rüstungsindustrie bemüht.
Die Weichen für einen EU-Militärpakt sollen bis zum Ende der
französischen Präsidentschaft gestellt sein. Sollte dies nicht
eintreten, wird "der Außenminister" ermächtigt, die Sache weiter zu
verfolgen. Da die genannten Änderungen im Koalitionspapier nicht als
Vorschläge, sondern als Tatsachen formuliert sind, kann davon
ausgegangen werden, daß die ebenfalls genannte Volksabstimmung über die
Änderung der Sicherheitspolitik ähnlich wie beim EU-Beitritt lediglich
eine nachträgliche Absegnung darstellen wird.
Das Tor zum Balkan
Für eine Interpretation der neuen österreichischen Sicherheitspolitik
lohnt ein Blick auf die Balkanpolitik Österreichs in den letzten
Jahren. Österreich hat als erstes Land schon vor 1991 auf die
Unabhängigkeit von Slowenien und Kroatien gedrängt. Bis zum
Einschwenken Deutschlands auf diese Linie stand es damit alleine da.2
Von diesem Beitrag zum Ausbruch der Kriege im ehemaligen Jugoslawien
ist in der österreichischen Südosteuropapolitik eine Kontinuität bis
zum neuen Regierungsprogramm abzulesen, deren markante Punkte der
EU-Beitritt, Rambouillet und, als Ausdruck der historischen
Verantwortung für die Region, Nachbar in Not sind. Die von Mock und
Freunden betriebene Destabilisierung des Balkans war notwendig, um der
Sicherheitspolitik neue Perspektiven zu geben. So entstand die
"Möglichkeit, daß Österreich politisch, kulturell und ökonomisch
verstärkt in den ostmittel- und südosteuropäischen Raum hineinwirkt und
dadurch seine vitalen sicherheitspolitischen Interessen - erstmals seit
1955 - aktiv bzw. präventiv in dieser Region zum Tragen bringt".3 Diese
Interessen kann Österreich, ob seiner militärischen Defizite, nicht
ohne Unterstützung wahrnehmen. Die Bundesregierung drängt also darauf,
entscheidenden Einfluß in einem Militärbündnis zu erlangen. Dabei gibt
es zwei Möglichkeiten, von denen - sicher ist sicher - beide
wahrgenommen werden sollen. Es ist festzustellen, daß ein neues
europäisches Militärbündnis, so der Tenor des Regierungsprogramms,
bessere Möglichkeiten als eine NATO-Mitgliedschaft bietet. Wie das
Beispiel Ungarns im Kosovokrieg zeigt, haben neue (kleine) Länder in
der NATO nicht viel zu melden. Es ist daher unwahrscheinlich, daß
dieses Bündnis für die österreichische Politik instrumentalisierbar
wäre. Mehr Chancen rechnet sich die Bundesregierung in der europäischen
Friedens-, Sicherheits- und Verteidigungsgemeinschaft aus. Hier wäre
Österreich von Anfang an dabei und "gleichberechtigt eingebunden". Die
blauschwarze Koalition erhofft sich durch besondere Eifrigkeit bei der
Gründung dieses Bündnisses entsprechenden Einfluß. Militärische
Defizite sollen aber nicht nur durch besonderes politisches Engagement
ausgeglichen werden. Vielmehr wird die Bundesregierung "alles daran
setzen, um die Leistungsfähigkeit des Bundesheeres weiter anzuheben und
den Stellenwert in der Gesellschaft zu stärken".
Das Ende der Neutralität
In Zeiten des Kalten Krieges, als militärische Gewaltausübung in Europa
noch ein Tabu darstellte, konnte sich Österreich mit seiner bedingt
neutralen Politik einen Namen machen. Seit jedoch Frieden wieder mit
der Waffe hergestellt wird, ist Österreichs Rolle als allseits
beliebter Friedensstifter gefährdet. Das Dilemma, auf die
weltpolitische Ersatzbank verbannt zu werden - also Mitglied im
erweiterten Kader EU, aber nicht in der Kampfmannschaft NATO, WEU oder
europäische Verteidigungsgemeinschaft zu sein - soll tunlichst
vermieden werden. Die Neutralität ist damit obsolet. Sie kann höchstens
einer Friedens-, nicht aber einer Hegemonialpolitik dienen. Sie
verhindert es, politisch auf allen Ebenen aktiv werden zu können. Das
Regierungsprogramm, als neuestes Indiz sicherheitspolitischer
Interessen des Landes, geht von folgender Überlegung aus: Nur wenn
Österreich auch auf militärischer Ebene aktiv wird, kann es als Tor zum
Balkan an der "Neuordnung des Raums" partizipieren.4 Im Idealfall
würden in einer Art Monarchie-Revival wieder alle Fäden nach
Südosteuropa über Österreich laufen. Verkehrstechnische
Infrastrukturprojekte wie Militärbasen, Manöverplätze, Flugplätze und
Transitrouten könnten der österreichischen Wirtschaft neue Impulse
geben. So wie die USA Lateinamerika als ihren Hinterhof betrachten,
könnten Teile des Balkans zu einem Kleingartenverein unter
österreichischer (und deutscher) Leitung werden. Durch die Aufgabe
der Neutralität und die damit verbundene Prioritätenverschiebung will
sich die Bundesregierung neue Dimensionen für ihre Sicherheitspolitik
eröffnen. Neben der militärischen Komponente soll das vor allem "durch
vermehrte Zurverfügungstellung von Polizisten für zivile
Sicherheitsaufgaben" geschehen. So hätte Österreich von der
Friedensschaffung, über die Friedenssicherung bis zur Normalität
kapitalistischer Ausbeutungsverhältnisse immer ein Eisen im Feuer.
Der Kosovokrieg hat gezeigt, wie begrenzt der österreichische Einfluß
trotz prominenter Beteiligung an den Verhandlungen in Rambouillet
außerhalb eines Militärbündnisses ist. Aktive Neutralitätspolitik wurde
schon lange nicht mehr betrieben. Die Politik der NATO wurde von
österreichischer Seite in ihrer Gesamtheit nie in Frage gestellt. Ein
linientreues Österreich war ab dem Bombardement nicht mehr von Belang.
Die scheinbar neutrale Rolle des österreichischen Verhandlers Petritsch
hatte ihren Zweck erfüllt, die Militärs wieder das Ruder übernommen.
Der neutrale Staat, nützlich um die Verhandlungen in Rambouillet als
ernsthaften Versuch zur Deeskalation darzustellen, wurde nicht mehr
gebraucht. Die Schlüsse daraus sind im Regierungsprogramm
nachzulesen. Wer nicht mitbombt, hat nichts mehr zu melden. Daher tut
Aufrüstung not. Die relative Gleichberechtigung, die Österreich
gegenüber den anderen westlichen Ländern auf diplomatischer Ebene hat,
wird jetzt auf militärischer Ebene angestrebt. Ein vorerst
hoffnungsloses Unterfangen. Denn die durchschnittlichen
Verteidigungsausgaben der NATO-Staaten liegen bei 3,3 % des BIP. Eine
Anhebung auf dieses Niveau würde für Österreich eine Vervierfachung
bedeuten. Das ist auch unter der neuen Regierung nicht zu erwarten.
Um sich auch nach Ausbruch von Befriedungsaktionen Einfluß zu
verschaffen, wird Österreich auch weiter seine historische
Verantwortung für Südosteuropa geltend machen. Um das glaubwürdig tun
zu können, wird es um die aktive Beteiligung an Militärinterventionen
nicht herumkommen. Wer nur diplomatisiert, hat bei den Männern für's
Grobe nichts zu sagen. Einen gewissen Beitrag muß ein Land schon
leisten. Klugerweise hat die Bundesregierung in ihrem Programm auch
dafür schon Maßnahmen angekündigt. Mögliche unerwünschte Nebenwirkungen
antizipierend, kündigt sie ein "Soldaten-Hilfeleistungsgesetz" an. Es
sieht analog zur Regelung bei Wachebediensteten eine einmalige
Entschädigungszahlung von 1,5 Millionen Schilling für "Angehörige von
im Rahmen der Dienstausübung getöteten oder schwer beeinträchtigten
Ressortangehörigen" vor. Da der Weg zu Militärbündnissen durch
die Isolation der Regierung in der EU einstweilen blockiert ist, trifft
Österreich andere vorbereitende Maßnahmen zum Ausbau seiner Stellung am
Balkan. Zuletzt auf der "Geberkonferenz für Balkan-Krisenländer" in
Brüssel. Es wird wieder auf das bewährte Mittel der Nächstenliebe, also
Spenden, gesetzt. Österreich überschlägt sich diesmal in den an sich
selbst gestellten Anforderungen. Es tut sich als größter Spender für
ein Projekt hervor, das sich dem Umschreiben von Geschichtsbüchern
widmet. Einseitige historische Darstellungen sollen korrigiert werden.
Ein korrekter Umgang mit der Vergangenheit, der im eigenen Land nicht
gelingt, soll also vorerst anderswo erprobt werden.
Grenzen der Sicherheitspolitik
Dank der Verbreitung einer entsprechenden Landkarte durch das Büro für
Wehrpolitik des Verteidigungsministeriums haben die Ideen Samuel P.
Huntingtons beim Bundesheer große Bekanntheit erlangt. Huntington geht
in seinen fragwürdigen Thesen von einer Trennung der Erde in sieben
Zivilisationen aus, entlang derer Konfliktlinien verlaufen. Diese
Zivilisationen werden im wesentlichen als Kulturkreise definiert.
Österreich liegt demgemäß im "Kulturkreis des Westens", der sich von
Nordamerika bis zu den katholischen Ländern Ostmitteleuropas erstreckt.
Für jene, die dieser Weltsicht verhaftet sind, stellen UNO und OSZE
keine adäquaten Institutionen zur Friedenssicherung mehr dar. Denn sie
sind über solche "Bruchlinien" hinweg organisiert, was "der Entwicklung
einer prägnanten institutionellen Identität (...) und eines breiten,
sinnvollen Tätigkeitsspektrums wesentliche Hindernisse entgegensetzt".5
Die einzig annehmbare Alternative liegt daher für die Österreichische
Offiziersgesellschaft (ÖOG), "Sprachrohr des kleinen aber
einflußreichen militärisch-industriellen Komplexes im Lande",6 in
westlichen Militärbündnissen. Denn diese sind rein westlich durch die
Uniformität der Interessen ihrer Mitglieder (Wertegemeinschaft)
gekennzeichnet. Die kriegspolitischen Entwürfe der Regierung werden
durch die Berufung auf die Sicherung der europäischen Werte und des
Friedens sowie die Beschwörung eines Geistes europäischer Solidarität
legitimiert. Der Glaube an diesen Geist wird der FPÖ-ÖVP-Regierung von
ihren europäischen Partnern bis jetzt abgesprochen. Vielleicht ist das
auch eine Erklärung dafür, warum es um die neue österreichische
Sicherheitspolitik bisher auffällig ruhig geblieben ist.
1
"Zur österreichischen Verteidigungspolitik", in: ÖMZ, 2/2000, S. 192.
Wenn nicht anders angegeben, stammen die zitierten Stellen aus dem
Regierungsübereinkommen. 2 Vgl. dazu die Beiträge "Jugoslawien
und die neue Konkurrenz im Weltmaßstab" (Context XXI, Nr. 6/99) und
"Bombengeschäfte" (Context XXI, Nr. 1/00) 3 Werner Fasselabend 1993, zitiert nach: Gegenstandpunkt, Heft 3/1999, S. 209 4 Ebd., S. 213
5 Huntington, Samuel P.: Der Kampf der Kulturen. München - Wien 1996,
S. 204 6 Heidegger, Klaus/ Steyrer, Peter: Der NATO-Streit in
Österreich. Thaur - Wien - München 1997, S. 185
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Robert Kogler studiert Politikwissenschaft in Wien und war bis vor
kurzem parlamentarischer Mitarbeiter des Grünen Parlamentsklubs. |