Gespräche und Begegnungen in Guatemala und El Salvador
gelesen von Heide Hammer
Die
viele Jahre in Guatemala lebende und auch aus ihrer Soli-Arbeit vor Ort
zahlreiche DiskussionspartnerInnen kennende Mary Kreutzer reiste
zusammen mit Thomas Schmidinger einige Monate durch die beiden Staaten
Mittelamerikas. Aus den Gesprächen und Analysen entstand ein Reisebuch,
das detaillierte Einblicke in politische Topographien vermittelt;
“Camoch’s” karikierende Figuren ergänzen den Bogen der Perspektiven.
Aus den Strukturen des Erzählbandes bilden sich genaue Kenntnisse der
spezifischen Situation linker Politik in postkolonialen Gesellschaften
ab, selbst Zufallsbegegnungen passen in ein Mosaik ideologischer
Verortung.
Auf der Ebene parteiförmiger Repräsentation wird
der Zustand der URNG (Unidad Revolucionaria Nacional Guatemala), einst
Zusammenschluss revolutionärer Guerillas und nunmehr
Parlamentsfraktion, wiederholt Gegenstand der Auseinandersetzung. Die
Frage der Transformation bewaffneter Gruppierungen, die nach einem
36-jährigen Bürgerkrieg Friedensverträge unterzeichneten, deren
mangelnde Realisierung ihre KämpferInnen und SympathisantInnen
enttäuscht, droht die Linke in Splittergruppen zu marginalisieren.
Zugleich erscheint (der Leserin) die Kurzlebigkeit politischer
Zusammenschlüsse in der Perspektive traditioneller Flügelprägungen in
Massenparteien ungewöhnlich kompromisslos und allein darin ansprechend.
Hintergrundinformationen zu einer Menge von erwähnten Orten, Sprachen
und Organisationen bieten die an den entsprechenden Stellen
platzierten, prägnanten Erläuterungen, die vom Fließtext getrennt
wurden. Die AutorInnen problematisieren die einigende Funktion des
Antiamerikanismus, der in der Imperialismuskritik bis zu offener
Sympathie mit den Anschlägen des 11. September und Solidarität mit der
Al-Aqsa-Intifada reicht. Eine Großdemonstration anlässlich der
guatemaltekischen Oktoberrevolution, zum Jahrestag des Sturzes Jorge
Ubico’s, Langzeitdiktator und Hitlerbewunderer, am 20. Oktober wird so
unter dem Titel Comandante Che Bin Laden gefasst.
Die Basis
der Linken bestand auch in den schlimmsten Zeiten der Militärdiktaturen
nicht nur aus den verschiedenen Guerillas, sondern auch aus einer Reihe
von Bauern-, Verschwundenen-, Witwen-, Kinder- und
Indígena-Organisationen. Viele Besuche und Diskussionen mit
VertreterInnen dieser Gruppierungen kreisen um einen weiteren
Imperialismushorizont, die Frage der Landreform und einer
Klassenkonfrontation, die aus der Eingliederung Guatemalas in das
spanische Kolonialreich resultiert. Die Bedeutung der Religionen, der
katholischen Befreiungstheologie - deren Opfer etwa in der Gestalt der
ermordeten Erzbischofs Romero besonders in El Salvador gegenwärtig sind
- Maya-Riten und der steigende Einfluss evangelikaler Kirchen, deren
Jenseitsorientierung sich der Bekämpfung von Armut und
Klassenherrschaft widersetzt, bilden einen weiteren Komplex der
annähernden Betrachtungen. Zahlreiche Lynchmorde, die von
Polizeieinheiten nicht verhindert werden, gelten vielen als Indiz für
ein Ineinandergreifen militärischer Strukturen, gezielter
Desinformation und Machterhaltungsmechanismen herrschender Eliten.
Das
Vernetzungs- und auch Zerstreuungspotential heterogener linker
AktivistInnen, ihre Verortung an der Universität, in Bauern- und
Indígenaorganisationen unter den Bedingungen von Armut, unmittelbarer
Ausbeutung und Bedrohung wird in den Erzählungen und Analysen deutlich.
Ein Reisebuch, das mikropolitische Interventionen und herkömmliche
Organisationsstrukturen beachtet und zu genauer Beobachtung und regem
Austausch animiert.
Niederlagen des Friedens
Gespräche und Begegnungen in Guatemala und El Salvador
von Mary Kreutzer und Thomas Schmidinger
Illustriert mit Karikaturen von Camoch’
edition wahler, PF-1159, D-71117 Grafenau, 2002
15,- Euro |