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Konfusionen nach einem Ausstellungsbesuch |
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Verbrechen der Wehrmacht
von Gerald Krieghofer
Die
zwei Wehrmachtsausstellungen des Hamburger Instituts für
Sozialforschung dokumentieren im Abstand von 6 Jahren dasselbe Thema:
die aktive Rolle der Wehrmacht beim Holocaust. Der ersten Ausstellung
war es gelungen, die Legende von der sauberen Wehrmacht zu zerstören,
die seit 1945 von ehemaligen Wehrmachtsgenerälen und
Kameradschaftsverbänden jahrzehntelang so erfolgreich verbreitet wurde.
Durch
die wissenschaftlichen und unwissenschaftlichen Debatten um einzelne
Fotos der ersten Ausstellung schien in der Öffentlichkeit ihre
Kernaussage selber in Zweifel gezogen.
Es ist die große Leistung
der zweiten Wehrmachtsausstellung, wieder die Fakten der Verbrechen des
Wehrmachtsoberkommandos und einzelner Truppenteile ins Bewusstsein der
Öffentlichkeit gebracht zu haben.
Jutta Sommerbauer und Thomas
Schmidinger haben im letzten Heft von Context XXI mehrfach klare
Statements in der zweiten Wehrmachtsausstellung vermisst, wie zum
Beispiel das angebliche Eingangsstatement der ersten Ausstellung, dass
die Wehrmacht selber eine verbrecherische Organisation war. Nun: sie
hätten diese Aussage auch in der ersten Ausstellung vermisst, denn sie
war dort nirgendwo zu lesen.
Weiters beklagen die KritikerInnen,
einigen Verbrechen des russischen Geheimdienstes, zum Beispiel die
Tötung von Gefangenen in Lwow, wäre zu viel Raum gegeben, und außerdem
fehle der Hinweis auf den Unterschied zwischen der Hinrichtung
politischer Gegner und der Vernichtung um der Vernichtung willen. Auch
das halte ich für einen reichlich konfusen Einwand. Der russische
Geheimdienst NKWD gab den Befehl aus, all jene Gefangene in den
Frontgefängnissen zu töten, die nicht mehr rechtzeitig vor dem
Vorrücken der Wehrmacht ins russische Hinterland deportiert werden
konnten. Auf manchen Fotos liegen die toten Opfer des NKWD, Pogromopfer
und Opfer der Wehrmacht nebeneinander. Um die Fotos richtig zu deuten,
musste in diesen Fällen auch von den Morden des NKWD geredet werden.
Die moralische Überlegenheit des russischen Geheimdienstes an Hand
dieser offensichtlichen Verbrechen zu betonen, wie es die Kritiker
fordern, wäre doch mehr als fragwürdig.
Der ersten Ausstellung
war wiederholt vorgeworfen worden, es sei unfair, die damaligen
Verbrechen mit unseren heutigen rechtlichen und moralischen Maßstäben
zu messen. Die zweite Wehrmachtsausstellung beginnt auch deshalb mit
Dokumenten über die wichtigsten Normen des humanitären Völkerrechts,
wie es in den 30er Jahren in fast allen europäischen Staaten in
nationales Recht umgesetzt war; auch das Deutsche Reich hatte diese
Verträge unterschrieben, auch im Deutschen Reich wurden Soldaten
belehrt, sich an die ritterlichen Pflichten der Soldaten zu halten,
Zivilisten zu schonen, Gefangene kameradschaftlich zu behandeln und
widerrechtliche Befehle zu verweigern. Gleichzeitig waren diese
Vorschriften aus rassenideologischen Gründen für den Krieg gegen die
Sowjetunion außer Kraft gesetzt. Juden, Kommunisten und Slawen wurden
der elementare Rechtsschutz verweigert.
Die Context
XXI-KritikerInnen finden diese völkerrechtlichen Hinweise zu
ausführlich und hätten lieber die Feldpostbriefe im Zentrum der
Ausstellung gesehen. Fast bekommt man den Eindruck, schreiben sie, der
Krieg im Osten wäre nicht so schlimm gewesen, hätte er sich nur an die
kriegsvölkerrechtlichen Normen gehalten. Diesen Einwand verstehe, wer
wolle. Selbstverständlich wäre der Krieg im Osten weniger schlimm
gewesen, wenn Abermillionen Juden und andere Zivilisten von der
Wehrmacht verschont geblieben wären, wenn nicht unter dem Vorwand der
Partisanenbekämpfung ganze Landstriche verwüstet worden wären und wenn
mehr als drei Millionen russische Kriegsgefangene nicht elend in
Gefangenschaft gestorben wären. Alle Kriege sind entsetzlich, auch
jene, die sich im großen und ganzen an das Völkerrecht halten. Erst
wenn jene Minimalstandards systematisch gebrochen werden, ist es
sinnvoll von einem Vernichtungskrieg zu reden, von einem Krieg, der
sich quantitativ und qualitativ von allen anderen Kriegen der
europäischen Moderne unterscheidet.
Gerald Krieghofer ist Philosoph und lebt in Wien |