Zur Wiederauflage von Gisela Elsners Roman “Die Zähmung”.
Von Jutta Sommerbauer
I.
“Täglich
fasste er mindestens einmal den Vorsatz, sich einer Abmagerungskur zu
unterziehen, damit er sich wieder ohne Selbsthaß, Ekel und Verachtung
im Spiegel betrachten konnte. Und manchmal brachte er es tatsächlich
fertig, einen halben Vormittag lang zu hungern. Er machte einen großen
Bogen um den Eisschrank, die Speisekammer und die Tiefkühltruhe ...
“Keine
Feministin”, titelte die taz Mitte Mai diesen Jahres anlässlich des
zehnten Todestages von Gisela Elsner, die sich 1992, verarmt und
tablettenabhängig, aus dem vierten Stock eines Münchner Krankenhauses
gestürzt hat. Dabei behandelte die Autorin durchaus
geschlechterpolitische Themen. So werden in Gisela Elsners 1984
erstmals veröffentlichten Roman “Die Zähmung. Chronik einer Ehe” die
gewohnten Sphären getauscht: Alfred Giggenbacher, ein mäßig
erfolgreicher Schriftsteller, wird zum Hausmann und Kindererzieher.
Währenddessen macht seine Gattin Bettina Begemann, eine Filmemacherin,
Karriere und veröffentlicht schließlich einen Bestseller, den
ursprünglich Giggenbacher selbst drauf und dran war zu schreiben. Doch
“Die Zähmung” ortet im Rollentausch weder ein subversives Potenzial,
noch hat Elsner eine Geschlechterposse fabriziert. Was bleibt ist
einzig Unbehagen.
Dass in der Vergangenheit weder Frauenbewegung
noch literaturwissenschaftliche Genderforschung die Schriftstellerin
entdeckten, verwundert erst einmal. Doch angesichts des damaligen
Wunsches nach erbaulich-authentischen Bildern ist es (dann doch)
einsichtig. Elsner aber (zer)stört dieses Bedürfnis. Wäre es um die
Zähmung einer Frau gegangen, hätte es sich also um ein
Identifikationsangebot gehandelt, “das der Leser schon auf der ersten
Seite anzunehmen gezwungen gewesen wäre”, schreibt Tjark Kunstreich im
Nachwort zur im Berliner Verbrecher Verlag erschienenen Neuauflage.
Dagegen verstößt der Roman nach allen Regeln Elsners Kunst. Denn der
Schriftstellerin ging es mitnichten darum, Beziehungsalternativen zu
dieser Gesellschaft zu konstruieren.
II.
... Mit
knurrendem Magen knabberte er an einer Paprikaschote oder an einem
Knäckebrot herum. Doch kaum daß er den Selbstbedienungsladen betreten
hatte, übte das Regal mit den Süßigkeiten eine Sogwirkung aus, der er
nicht wiederstehen konnte ...
Sowohl die Figur der beflissenen,
egoistischen Karrierefrau Bettina als auch die des entsexualisierten,
gezähmten und gedrillten Hausmanns verunmöglichen Gedanken an ein
“neues”, besseres Zusammenleben der Geschlechter nach ´68 und
Frauenbewegung. In den 80ern wurde der Roman vom Rowohlt Verlag mit dem
Prädikat “gallige Komik” als Geschlechtersatire beworben. Anscheinend
gab es mal eine Zeit, in der solche ProtagonistInnen einen wohligen
Schrecken hervorgerufen haben, und nicht als das gegolten haben, was
sie sind: literarische Analyse einer versachlichten Gesellschaft.
Darstellungen
des Elends des Sexes und der Krise von Männlichkeit, die kritische
Betrachtung warenförmiger Beziehungen sind heute wieder gefragt. Davon
zeugt nicht zuletzt die Popularität, derer sich Autoren wie Houellebecq
oder Beigbeder erfreuen. Doch anders als bei Houllebecq, der sich das
Weibliche gerne als letztes Residuum im globalen Kapitalismus
vorstellen will, lässt sich bei Elsner so etwas nicht mehr
zusammenphantasieren.
III.
... Ehe er´s sich versah, war
er schon dabei, Schokolade und Konfekt in sein Einkaufswägelchen zu
packen. Solche Näschereien bildeten den einzigen Lichtpunkt in seinem
freudlosen Dasein.”
Die Figuren, allen voran Bettina Begemann
und Alfred Giggenbacher, sind nichts als ein Ausdruck von Negativität.
Im stumpfen, ewig gleichen Gequatsche, in ritualisierten Dialogen
drückt sich die Ideologie dessen aus, was man als “Persönlichkeit” oder
“Charakter” bezeichnet. Selbst ihr gemeinsames Kind Josephine, “drall
und plump” und voll von “dümmlicher Lebenslust”, ist die kleinste
Verkörperung des Monströsen. So stopft es Nachtcreme und Blumenerde in
sich hinein und verdaut diese “ohne jegliche Komplikationen”.
Giggenbachers eigene Revolten gegen den Zwangszusammenhang sind so
ausweglos wie lächerlich: Da ihn Bettina drängt, seine Gerichte aus
gesundheitlichen Gründen nicht zu salzen, leert er – im Gefühl ein
“unverbesserlicher Schurke zu sein” – “Salz auf seine weit
herausgestreckte Zunge” als sie nicht im Raum ist. Zur Rache spuckt er
in die aufwendigsten Speisen, die er für seine Familie zubereitet. Von
einem Tag zum anderen beschließt er, das Kochen und Putzen sein zu
lassen. Doch keiner dieser Ausbruchsversuche gelingt.
Am Schluß
schlafen Bettina und Giggenbacher ein in ihrem taubenblauen Ehebett,
das ganz nass ist vom Reinigungsschaum, mit dem der Hausmann in seinem
Sauberkeitswahn fortwährend alle Möbelstücke einreibt: “Er fühlte, wie
die Feuchtigkeit durch das Laken und durch seinen Pyjama bis zu seinem
Rücken drang. Er sagte sich, daß er von Glück reden konnte, wenn er
sich keine Erkältung zuzog. Gähnend wälzte er sich auf die Seite.”
Gisela Elsner: Die Zähmung. Chronik einer Ehe. Mit einem Nachwort von Tjark Kunstreich.
281 Seiten, Berlin: Verbrecher Verlag 2002.
2001 wurde Elsners Debutroman “Die Riesenzwerge” im Berliner Aufbau
Taschenbuch Verlag wiederaufgelegt. Im gleichen Jahr ist ebendort ihr
Briefwechsel mit Klaus Roehler, ihrem Ehemann in den 60ern, unter dem
Titel “Wespen im Schnee” erschienen. |