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Wer hat die geladene Pistole auf dem Tisch gelassen? |
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Der Philosoph Víctor Farías über die chilenische Linke
Der
Chilene Víctor Farías, Professor am Lateinamerika-Institut der
FU-Berlin, sorgte in den letzten Jahrzehnten mit seinen Publikationen
immer wieder für Furore, sei es durch sein Werk "Heidegger und der
Nationalsozialismus", seine sechs-bändige Dokumentation über die
chilenische Linke, die beiden Bände über "Die Nazis in Chile" und nicht
zuletzt durch sein jüngst erschienenes und heftig diskutiertes Buch
über Salvador Allende und dessen eugenische und rassistischen Ansichten. Mit ihm sprach Mary Kreutzer
Dr. Farías, könnten Sie zu Beginn kurz die Entstehungsgeschichte
Ihres neuen Buches skizzieren? Wann und warum kamen Sie auf die Idee,
Allendes Dissertation unter die Lupe zu nehmen?
Ich kam in
den 60er Jahren als Philosoph nach Freiburg und studierte bei Martin
Heidegger. Später realisierte ich, dass ein Verständnis Heideggers ohne
Kenntnis der faschistischen Ideologie nicht möglich war. So entstand
nach vielen Jahren Arbeit "Heidegger und der Nationalsozialismus",
welches zunächst international eine Welle der Diskussion verursachte.
Heutzutage gehören 90 Prozent meiner damaligen "Verrücktheiten" zum
wissenschaftlichen Jargon, man braucht mich nicht einmal mehr zu
zitieren. Als ich an diesem Werk arbeitete, merkte ich, dass ich als
Philosoph nicht die wissenschaftlichen Elemente besaß, um sowohl die
historischen als auch politischen Theorien und Ideologien mit dem
philosophischen Diskurs zu verbinden. Ich musste einen weiteren Beruf
erlernen und wurde "Halb-Historiker". Mein Sohn, er ist Professor für
mittelalterliche Frühgeschichte an der Universität in Barcelona, half
mir bei der Aneignung des Knowhow für die archivarischen Recherche. Ich
durchkämmte etliche historische Archive, in der BRD, der DDR, und vor
allem in Österreich, wo ich Unterlagen über Abraham a Sancta Clara und
den Klerikalfaschismus suchte. Ständig stolperte ich am Rande über den
Namen meines Landes, Chile. Ich notierte mir diese Begegnungen auf
kleinen Zettelchen und legte einen eigenen Ordner an. Als mein Buch
über Heidegger fertig war, systematisierte ich den besagten Ordner und
mir wurde bewusst, wie eng und umfassend die Beziehungen zwischen der
chilenischen Gesellschaft und dem Nazifaschismus waren. Daraus
entstanden viele Jahre später die beiden Bände über "Die Nazis in
Chile". Dort finden Sie auch Fakten zu einem weiteren dunklen Kapitel
der chilenischen Linken. Simon Wiesenthal bat mich 1990, jene beiden
Briefe zu finden, die er Allende während dessen Präsidentschaft 1970
und 1972 schrieb und in denen er den sozialistischen Staatschef
ersuchte, den SS-Standartenführer und 100.000-fachen Mörder Walther
Rauff, der in Chile als reicher Mann lebte (er wurde nicht enteignet),
nach Israel auszuliefern. Doch Allende berief sich auf die chilenische
Verfassung und die "Verjährung von Mord" und weigerte sich. Ich
verschaffte mir Zugang zur gesamten linken Presse von 1963, als
Wiesenthal seinen ersten Auslieferungsantrag von Rauff stellte. Rauff,
die Nazi-Bestie, das Monster,...! Sofort erschießen! Hängen! Ab in die
DDR oder in die Sowjetunion! schrieen die Kommunisten. Als die Linke an
der Macht war - die Kommunisten etwa hielten wichtige Positionen im
Justizministerium - wollte sie von all dem nichts mehr wissen. Mehr
noch: in ihren Reihen fand der Verteidiger von Rauff, Enrique
Schepeler, eine neue Heimat.
Bevor Sie nach dem Putsch
Pinochets das Land verlassen mussten, waren Sie aktives Mitglied der
linksradikalen MAPU. Wie wurde innerhalb ihrer Partei mit der Tatsache
umgegangen, dass ein Nazi-Verbrecher ungestört und unenteignet in Chile
lebte?
Rauff war inzwischen gemeinsam mit seinen Söhnen,
die bis heute in Chile leben, Millionär geworden und pflegte beste
Beziehungen mit sämtlichen Faschisten und ehemaligen SS-Angehörigen in
Lateinamerika. Übrigens auch die Colonia Dignidad - diese konnte unter
Allende sogar expandieren. Sie waren von einer kleinen Gruppe von
verrückten Rassisten zu einer Transnationalen geworden. Heute spricht
man nur noch von Pinochet und der DINA in diesem Zusammenhang, die
natürlich Verbrecher sind, aber: wer hat die geladene Pistole auf dem
Tisch gelassen? Damals war ich der einzige, der einen Prozess einleiten
wollte, welcher mit einem Kommando enden sollte um Rauff nach Israel
abzutransportieren. Wiesenthal hatte das Flugzeug bereits startbereit
in Mendoza - er wusste nichts von meiner Person und ich nichts von ihm
- doch der Plan scheiterte an gewissen infiltrierten Deutschen
innerhalb meiner Partei. Ich bekam einen Prozess an den Hals, man warf
mir "Amiguismo", also Freundwirtschaft, vor. Ich hatte auch gemeinsam
mit einer Frauen- und Bauernorganisation Landbesetzungen auf Ländereien
der Colonia Dignidad organisiert und kam damit gewissen Interessen in
die Quere. Damals lehrte ich an der Universität, mein "Richter" wurde
einer meiner Studenten und wir unterbrachen die "Verhandlungen" wenn
die Vorlesung begann. Dieses Theater nahm mit dem Putsch ein jähes
Ende...
Ihr Buch über die Dissertation Salvador Allendes
sorgt in Lateinamerika und Europa für großen Wirbel und Missmut, nicht
nur seitens der Allende-Stiftung, sondern auch seitens ihrer
KollegInnenschaft, der Presse und der Solidaritäts-Bewegung.
Nein,
das stimmt so nicht, ich bekam sowohl von linker als auch von rechter
Seite Unterstützung. Von rechts wurde ich massiv unterstützt vom
"Spiegel", ich würde diese Zeitschrift als mitte-rechts einordnen, von
der FAZ, der Welt, der Berliner Tageszeitung, usw. Von links bekam ich
wunderbare Aufsätze, im Konkret und auch in der Jungle World - das sind
die Gegner jener Stalinisten, die meinen Kopf gefordert haben, also die
Ausweisung aus der Universität. Ich habe gelernt, innerhalb der Linken
sorgfältig zu differenzieren!
Gab es außer den wütenden
Abwehrreaktionen und der Denunziation von einigen linken Sekten, wie
etwa rund um die nationalbolschewistische Zeitung "Junge Welt", und
außer dem erwähnten Lob auch fundierte Kritik von links an Ihnen?
Nein,
das gab es nicht. In Chile herrscht über das Buch großes Schweigen
unter den Leuten von Format, unter guten Historikern wie Alfredo
Jocelyn-Holt, Ruiz, oder Maturana und auch Illanes, die zur Geschichte
der Medizin forschen. Sie wollen das Thema lieber totschweigen. Nur die
Abgeordnete Isabel Allende reagierte empört. Sie ist die Tochter von
Allende - nicht zu verwechseln mit der gleichnamigen Autorin dieser
Romanschinken, die Tochter von Tomás Allende, Salvadors Halbbruder.
Tomás war einer der ganz großen Nazis in Chile, und hatte eine führende
Position im MNS (Movimiento Nacional Socialista). Er erhielt übrigens
einen Posten im diplomatischen Dienst als sein Bruder Minister wurde.
Auch dieses Kapitel, die Verbindungen zwischen den beiden Brüdern muss
noch geschrieben werden. Aber zurück zur Abgeordneten Isabel Allende.
Sie fand nur einen so genannten Historiker, der sich zum Buch äußern
wollten, Gonzalo Vial. Er sagte, dass die Enthüllungen über Allende
keinerlei politische Bedeutung für die Interpretation der Geschichte
Chiles hätten. Denn "damals waren alle so eingestellt...". Dazu fällt
mir höchsten ein spanisches Sprichwort ein: Mal de muchos, consuelos de
tontos. (Das Übel von vielen ist er Trost der Dummen). Vial hatte
Präsident Allende schon einmal verteidigt, in Bezug auf seine
Weigerung, Rauff auszuliefern. Nach dem Putsch von 1973 erschien Vial
gemeinsam mit anderen Historikern im Fernsehen und präsentierte ein
Dokument, den "Plan Z". Darin enthalten war eine Liste von Offizieren
und Generälen, die hingerichtet werden sollten und aus diesem Grund
habe Pinochet den Putsch sogar vorverlegt. Jahre später sahen wir ihn
nochmals im Fernsehen, als er zugab, dass dieses Dokument eine
Fälschung war, um die Militärregierung zu legitimieren.
Dann
bleiben wir gleich bei den Reaktionen von rechts. Im Verlag Ediciones
Altera, in dem Ihr Buch erschien, publiziert auch Pío Moa, ein von
links nach rechts gewanderter Historiker, der revisionistische Thesen
in Bezug auf den Spanischen Bürgerkrieg vertritt und Ihr Buch in den
Himmel lobt.
Ich würde Pío Moa anders beurteilen, wobei ich
nur seine Dokumentensammlung zum Spanischen Bürgerkrieg kenne, die er
nicht kommentiert, sondern Fakten präsentiert, die die PSOE, die
spanischen Sozialisten, belasten und ihre Mitschuld an diversen
Verbrechen nachweisen. Ich kenne nicht sein gesamtes Werk, jedoch das
bis jetzt gelesene erscheint mir seriös recherchiert. Er fordert, so
wie ich das ebenfalls im Falle von Chile tue, die linke Verantwortung
ein. Die Demokraten unter den Rechten sollen Pinochet für seine
Gräueltaten zur Rechenschaft ziehen, aber wir, die Linken, müssen wie
Goethe es so schön sagte, vor unserer eigenen Türe kehren. Viele meiner
Genossen haben im Exil Selbstmord begangen. Sie mussten aus ihrem Land
fliehen, weil sie von unverantwortlichen Revolutionären, oder
Halbrevolutionären, ans Messer geliefert wurden, ohne dass ihnen Waffen
für ihre Verteidigung ausgeliefert wurden. Wenn Moa die Verbrechen der
Linken in Spanien auflistet, etwa die Ermordung von Anarchisten durch
Kommunisten, dann muss er nicht über Franco schreiben. Oder nehmen wir
das Beispiel von Pablo Neruda, über den mein Assistent David
Schidlovsky dissertiert. Neruda hat alle Anarchisten von dem berühmten
Schiff schmeißen lassen und nur Kommunisten aufgenommen, als er ihre
Flucht vor den franquistischen Truppen von Frankreich nach Chile
organisierte. Es gibt ein Telegramm von ihm, in dem er schreibt: "Nur
unsere Leute sind auf dem Schiff. Wir bekommen 1.500 Dollar pro Kopf."
Warum soll ich über Franco, Pinochet oder den Geheimdienst DINA
sprechen? Wichtig ist doch die neue Frage, wie es überhaupt dazu kommen
konnte, dass solche Monster entstanden, also die Brecht’sche
Fragestellung.
Ihr Buch wird weiters vom Klerikalfaschisten
César Vidal gelobt. Er ist ein Verschwörungstheoretiker, der vor kurzem
ein Buch über die Freimaurer publizierte. Diese stünden hinter der PSOE
und hätten Zapatero den Wahlsieg verschafft! Er freut sich, dass
endlich gezeigt wird, was für ein Monster Allende war und fühlt sich
bestätigt in seiner Auffassung, dass der Putsch Schlimmeres verhindern
konnte.
Ich kenne dieses Material nicht und würde mich
freuen, wenn Sie es mir zuschicken. Aber ich habe noch viel Besseres
auf Lager: Le Pen hat mich auch gelobt! Wenn einer einen Kugelschreiber
erfindet, dann kann Gabriela Mistral ein wunderbares Gedicht damit
schreiben oder ein Wahnsinniger sticht damit in die Augen eines Kindes.
Muss der Erfinder dafür Rechenschaft ablegen? Das ist absurd. Als mein
Buch über Heidegger erschien, das heute als antifaschistischer
Klassiker gilt, erhielt ich einen aufgeregten Anruf vom Direktor des
Goethe-Instituts in Santiago. Bei einer Veranstaltung mit über 500
Zuhörern wurde über mein Buch diskutiert, als sich plötzlich Miguel
Serrano erhob und zu einer Rede ansetzte: "Ruhe! Ich muss nun hier
sprechen, und zwar um als Nazi und als Chilene meine Ehrfurcht und
meinen Stolz auszudrücken, dass ein Chilene endlich bewiesen hat, dass
der größte Denker des 20. Jahrhunderts ein Volksgenosse von uns ist!"
Der Chef des Goethe-Instituts war außer sich und fragte mich, was um
Gottes Willen er jetzt tun solle. Das ist eine deutsche Frage, nicht
meine, ich bin Wissenschafter und sammle Dokumente, suche Fakten. Was
damit gemacht wird, liegt außerhalb meiner Verantwortung. Norberto
Ceresole, einer der schlimmsten Nazis in Argentinien und enger
Vertrauter von Chávez, hat ein in diesem Sinne wunderbares Buch
geschrieben, "Mein Freund Chávez". Darin lobt er mich, weil ich endlich
den großen Denker Heidegger heim zu den Nazis gebracht habe.
Andererseits erhielt ich drei Anrufe von Stalinisten, die ihre Freude
darüber ausdrückten, dass "dieser Revisionist, Reformist, falscher
Marxist, Leninist, dieses Schwein..." bekomme, was er verdiene.
"Adelante compañero!" sagten sie zu mir, "mach weiter so!" Soll man das
noch kommentieren?
Trotzdem: wenn Sie diese Umgebung nicht
schätzen - wieso publizieren Sie in einem Verlag, der den neurechten
Alain de Benoist herausgibt, z.B. sein Buch "Comunismo y Nacismo"
(Kommunismus und Nationalsozialismus)?
Fakt ist, dass ich
gar keinen Verlag gewählt habe. 14 der besten und größten
spanischsprachigen Verlage ließen mich schriftlich wissen, dass das
Manuskript wunderbar aber unveröffentlichbar sei. So half mir mein
Freund Agapito Maestre einen kleinen Verlag in Chile zu finden, in dem
das Buch zuerst gedruckt wurde. Übrigens sollte man Gabriel García
Marquez fragen, wieso er mit dem Verlag von Berlusconi reich wird.
Seine linken Freunde haben ihm das letzte Geld aus der Tasche gezogen
um es für die Verbindungen zwischen Fidel Castro, der Guerilla und der
Mafia von Pablo Escobar genutzt. Márquez hatte die Schnauze voll davon
und will nun auch seine Brötchen verdienen, in der freien
Marktwirtschaft. Er hat Krebs und muss seine Behandlung bezahlen
können, seit damals arbeitet er mit dem Verlag Mondadori. Dieser hat
übrigens ebenfalls Angst davor gehabt, mein Buch auf Spanisch in Chile
zu veröffentlichen. Und so passierte mir dasselbe wie mit dem Buch über
Heidegger: ich saß auf dem Manuskript, ohne Verlag, und meine Frau
wettete, dass mein Buch nie veröffentlicht wird. Das
Heidegger-Manuskript ging an sämtliche große Verlage in Deutschland:
Rowohlt, Fischer, Suhrkamp, Beck - ich bekam die Pakete ungeöffnet
zurück und sie lagen sechs Jahre lang im Keller. Meine Freunde Habermas
und Tugendhaft hab ich in meinem Büro in den Telefonhörer schreiend
erlebt, als sie versuchten, einen Verlag zu finden. Eine kleine Gruppe
von Juden in der Nähe von Paris haben sich dann für mich eingesetzt,
sie wollten unbedingt, dass das Buch veröffentlicht wird - innerhalb
eines Tages war der Vertrag unter Dach und Fach. Dann kamen die Japaner
und dann der Rest. Also, die Antwort auf Ihre Frage lautet: ich suche
nicht, ich finde, wie Picasso sagt. Und noch was: wieso ist Herr Walser
nach wie vor bei Suhrkamp? Wieso verlegt Rowohlt nach wie vor den
italienischen Faschisten, den Heidegger- und Mussolini-Freund Ernesto
Grassi?
In der rechtsextremen "Despierta Chile" ist ein
Jubelartikel und ein Interview mit Ihnen abgedruckt. Auf dieser
Internet-Seite werden ebenfalls Bücher empfohlen, die Pinochet
verherrlichen, Artikel, die Paul Schäfer in Schutz nehmen. Dort wird
den Faschisten bzw. den "Märtyrern des Terrorismus" gedacht und gemeint
sind hochrangige Militärs, die von der MIR ermordet wurden. In einem
"Essay" werden linke RegimegegnerInnen als "Ratten" - so heißt auch der
Essay - bezeichnet und die "Entrattifizierung von 1973" erneut
eingefordert!
Damit meinen sie auch mich, ich bin in deren
Sinn also eine Ratte! Nein, ich gab diesen Leuten kein Interview, sie
haben es von "La Segunda" aus Santiago übernommen. Dies geschah ohne
meine Autorisierung und selbstverständlich hab ich dafür auch kein Geld
bekommen. Jemand sagte vor kurzem zu mir: "Du hast dein T-Shirt
gewechselt." Aber das habe ich nicht. Ich antwortete: "Es gibt kein
Stadion mehr!" Es geht nicht mehr um dieselbe Sache wie früher. Heute
ist es unsere Aufgabe intellektuell etwas zu leisten, damit aus der
Geschichte gelernt werden kann. Wir müssen nicht Kulturpolitik
betreiben sondern zivilisatorische Fortschritte erringen. Wir müssen
die Quellen studieren, damit die Linke sieht, was falsch gelaufen ist.
Und genau das wird mir verweigert. Selbst hier am Institut wurde ich
torpediert, 25 Jahre lang! Ich wurde beinahe rausgeschmissen als ich
eine 6000 Seiten umfassende Dokumentation über die chilenische Linke
zusammenstellte, "La Izquierda Chilena". Damals hatte ich dasselbe
Problem: sämtliche linke Kollegen stellten sich gegen das Projekt. Sie
reisten sogar nach Spanien, um die Verlage "im Namen der Solidarität"
davon abzuhalten, die Dokumentensammlung zu publizieren. Zufällig traf
ich in Berlin einen chilenischen Schriftsteller namens Arturo Fontaine,
der diese Vorkommnisse kaum glauben konnte und mir spontan anbot, die
Sammlung im "Centro de Asuntos Públicos", einem Think Tank von
Rechtsliberalen - natürlich sind das keine Faschisten - zu
veröffentlichen. Meine Bedingung war, dass kein Wort und kein Beistrich
verändert werden dürfe, denn die Dokumente enthalten u. a. vertrauliche
Briefe unserer Genossen in Concepción, in Arica, usw., die detailreich
die Ermordung von Menschen durch Pinochets Truppen beschreiben. Was die
Linke unterdrücken wollte, wurde nun also von der Rechten publiziert.
Und heute können die Studenten in Chile und in ganz Lateinamerika
Dokumente jener Zeit lesen, zu denen sie sonst keinerlei Zugang gehabt
hätten. Ein Journalist von "El Mercurio", eine nicht gerade linke
Zeitung, fragte mich ob ich nun ein linker oder rechter Historiker sei
und ich antwortete ebenfalls mit einer Frage: "Wenn Sie zum Zahnarzt
gehen, wählen sie einen fortschrittlichen, einen konservativen, oder
doch lieber einen, der Zähne ziehen kann?" Ich wähle nicht zwischen
Optionen der Geschichtsbeurteilung, sondern verstehe mich als
Archäologe, der Notgrabungen durchführt. Doch die Linke torpediert
mich, wo sie nur kann. Ich bin unzählige Male mit dem Auto durch
Spanien gefahren, jahrelang! Ich war x mal kurz davor das Buch zu
publizieren und jedes Mal kam irgendeine "Delegation", meist Linke aus
Deutschland, spielten sich als Papas der Chilenen auf und sagten: Nein,
das wird nicht veröffentlicht - und es wurde nicht veröffentlicht! Soll
ich also sogar den Linken in Chile die Auseinandersetzung mit sich
selbst, die eigene Wirklichkeit, verweigern, nur weil ein Benoist im
selben Verlag publiziert? Übrigens, dieser Benoist bekommt bald einiges
von mir zu hören, in meinem zweiten Band über Heidegger und die
Neonazis. Mal sehen ob der Verlag Altera dann nicht was unternimmt. Wir
Intellektuellen sind durch diese geopolitische Katastrophe der Linken
endlich ungestört, denn die brauchen uns nicht mehr, außer für
Propaganda und für’s Geschäftemachen wie diese beiden Katalanen der
Allende-Stiftung, Garcés und Pey.
Ihre Recherchen über
Heidegger, die Geschichte der Linken in Lateinamerika, deren
Antisemitismus, Rassismus, gar Zusammenarbeit mit Nazis, usw. leisten
einen wertvollen Beitrag in der historischen und philosophischen
Aufarbeitung von Tabuthemen und ich hoffe, dass wir in den nächsten
Jahren weiterhin vieles von Ihnen zu lesen bekommen, auch wenn mir der
totalitarismustheoretische Ansatz im neuen Buch massiv missfällt.
Wie meinen Sie das?
Der
Applaus von weit rechts kommt nicht von ungefähr. Während Sie im
Vorwort Ihres hervorragenden "Die Nazis in Chile" noch die
Einzigartigkeit der Shoah betonen ("Denn hier machten Menschen zum
ersten und einzigen Mal in der Geschichte die Auslöschung anderer
Menschen zu ihrem Ziel, ohne darüber hinaus weitere Zwecke zu
verfolgen.", S.11) schreiben Sie im Allende-Buch von "grundsätzlichen
Analogien zwischen Kommunismus und Faschismus", die nicht nur in ihrem
Biologismus kongruent seien, sondern auch in Bezug auf Ihre kriminellen
Methoden. (S. 161) Sie gehen soweit, den Gulag mit der
nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie zu vergleichen (S.12)
und verharmlosen damit letztere.
Ich vergleiche nicht, ich
bilde Analogien. In meiner Studentenzeit in Chile befasste ich mich mit
der scholastischen Philosophie und deren Begriff von Analogie, welcher
nicht mit Identität zu verwechseln ist. Analogisieren bedeutet, das
ähnliche Verhalten von jemandem in verschiedenen Situation zu
beobachten. Stalin war ein Verbrecher, aber er hatte ein Ziel, nämlich
die Aufhebung der Klassen. Nehmen wir den Kaiser von China, Pu Yi, der
sich als Maoist bezeichnete und somit seinen Lebensabend friedlich als
Gärtner seines eigenen Palastes fristete. Das war unter Hitler nicht
möglich, sein System war exterminatorisch. Es gab keinen Zweck hinter
der Judenvernichtung. Der Zweck war die Vernichtung selbst. Hitler
wurde zum Modell für alle möglichen Faschisten betreffend des Gebrauchs
eines totalitären Systems in Bezug auf die Nutzung des Staates, der
Medizin, der Psychiatrie, des Antisemitismus, der Rassenlehre.
Analogisch betrachtet haben beide Systeme, Faschismus und Sozialismus,
auf dieselbe Situation, die Krise des Kapitalismus, reagiert. Doch ich
sage das genaue Gegenteil von Nolte: hier gibt es keinen Hitler weil es
Stalin gab und auch keinen Stalin weil es Hitler gab, sondern beiden
hatten einen eigentümlichen Bezug zur jeweiligen Ideologie. Hitler ist
die beste Blume des Faschismus, Stalin ist die letzte Scheiße des
Sozialismus. Hitler ist die absolute Behauptung des Faschismus, Stalin
ist der schlimmste Verrat am Marxismus.
Von "Verrat am
Marxismus" steht nichts in Ihrem Buch. Eher gewinnt man den Eindruck,
dass Sie die Begriffe Marxismus, Sozialismus und Stalinismus
austauschbar verwenden.
Nochmals: Stalin hat den Marxismus
wesenhaft verraten, er ist der schlechtmöglichste Marxist, wenn man ihn
überhaupt als Marxist bezeichnen kann. Hitler ist jedoch definitiv der
bestmögliche Nationalsozialist. Das nennt sich analogisieren, es ist
Provokation. Vielleicht bin einfach zu theologisch geblieben. Aber ich
werde Ihre Kritik in der deutschen Übersetzung berücksichtigen.
Retractatus victoriosus!
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