von Karl Pfeifer
40 Jahre nach dem Unabhängigkeitskrieg trat in Israel eine Generation
"neuer Historiker" auf, die in den arabischen Ländern und von
links- und rechtsextremen "Antizionisten" bejubelt werden. Es sind
in der Regel nach 1948 geborene israelische Wissenschaftler, die sich in ihren
Arbeiten auf die Jahre der Schaffung des Staates konzentrieren. Beny Morris
(der seinen Standpunkt geändert hat), Avi Shlaim, Ilan Pappe und andere
haben eine politisch-ideologische Agenda, mit der sie die "Mythen des Jahres
1948" zerschlagen wollen, in dem sie die Geschichte umschreiben und wesentliche
Fakten ausblenden. Zum Beispiel, dass in den Gebieten, in denen die Juden 1948
eine Niederlage erlitten, kein einziger Jude - auch kein antizionistischer orthodoxer
- bleiben durfte und die jüdischen Siedlungen dem Erdboden gleichgemacht
wurden.
Für Pappe gibt es keine objektive Wirklichkeit
Die ersten Bücher der "neuen Historiker" erschienen Ende der
80er Jahre und sie markierten eine Trendwende. Die "alten" israelischen
Historiker bemühten sich bereits seit Jahrzehnten die ideologische Sicht
der Dinge abzulegen und die auch in anderen Ländern üblichen Methoden
der Dokumentation und Analyse einzuführen. Kritisches Herangehen und ein
erfrischender Skeptizismus wurden spürbar.
Die "neuen Historiker" jedoch drehten das Rad der Forschung zurück,
obwohl sie von sich selbst behaupten, die Geschichtsschreibung revolutioniert
zu haben. Aber es können nicht alle über einen Leisten geschoren werden.
Während die einen in die Archive gehen und die primären Quellen erforschen,
wie zum Beispiel Beny Morris und Avi Shlaim, erspart sich z.B. Ilan Pappe meistens
diese Arbeit, weil: "Wir sind alle politisch, es gibt auf der ganzen Welt
keinen Historiker, der objektiv ist. Ich bin nicht so sehr an dem interessiert
was geschehen ist als an dem wie Menschen das sehen, was geschehen ist."
Pappe stellt wie andere "neue Historiker" das "israelische Narrativ"
dem palästinensischen gegenüber, um das "zionistische Narrativ"
zu verwerfen. Denn der Zionismus ist in ihren Augen mit einer "Ursünde"
behaftet, als ein archaisches Überbleibsel des westlichen Kolonialismus,
das früher oder später verschwinden wird, ist er eine räuberische
und aggressive Bewegung, die die palästinensische Tragödie verursachte
und für die Fortsetzung des Konflikts mit den arabischen Nachbarn verantwortlich
ist. "Die Schoah berechtigt nicht die Verwandlung von 750.000 Palästinenser
zu Flüchtlingen", deklamierte Ilan Pappe, Lehrbeauftragter an der
Universität Haifa, denn seiner Meinung nach sind die Palästinenser
die "echten Opfer" der Schoah, als ob die Schoah dazu beigetragen
hätte, dass die palästinensische Führung den Teilungsbeschluß
der Vereinten Nationen abgelehnt und einen Krieg gegen den jüdischen Jischuv
begonnen hat. "Wenn der Preis des Zionismus die Entwurzelung eines anderes
Volkes ist, dann ist das ein zu hoher Preis und ich hätte auf den Staat
verzichtet." (Ilan Pappe, Yedioth Achronot 27.8.1993).
Die "neuen Historiker" bemühen sich die Bedeutung der Schoah
zu vermindern, weil sie den Staat Israel und den Zionismus beschuldigen diese
Tragödie auszunützen, weil sie das Verhalten der Soldaten oder von
gewissen Gruppen in Israel mit dem Verhalten der Nazi vergleichen, oder weil
sie aus den Palästinensern die "echten Opfer" der Schoah machen.
Da sie nur die jeweiligen Narrative - also die individuelle Sicht bzw. Erfahrung
der Geschichte - interessieren, sind für die "neuen Historiker"
die genauen Daten und Abläufe von nachgeordnetem Interesse und Faktentreue
bzw. korrektes Zitieren ist nicht unbedingt ihre Sache.
In seinem Buch "Britain and the Arab-Israeli Conflict, 1948-1951",
London 1988, behauptet Pappe eine transjordanische-israelische Verschwörung,
deren gemeinsame Nenner die Ablehnung der "Errichtung eines palästinensischen
Staates" gewesen sein soll.
Tatsächlich gab es am 17.11.1947 ein geheimes Treffen von Golda Meirson
(Meir) mit König Abdallah, in dem sie kategorisch jeden Vorschlag ablehnte,
der im Gegensatz zu einem Beschluß der Vereinten Nationen stehen sollte.
Meir vertrat provisorisch den Leiter der politischen Abteilung der Jewish Agency
und hatte keine Ermächtigung irgendeine Vereinbarung mit König Abdallah
zu treffen. Sie versuchte Abdallah zu überzeugen, sich nicht mit Gewalt
gegen den zu erwartenden Teilungsbeschluß zu wenden und ihn über
die Vorstellungen der Jewish Agency zu informieren. Kein Zweifel kann bestehen,
dass die zionistische Führung Abdallah seinem palästinensischen Rivalen,
dem Mufti von Jerusalem, Hadj Amin el Husseini* vorzog, aber das bedeutete nicht,
dass sie einen palästinensischen Staat ablehnte. Im Gegenteil, noch im
Dezember 1948 - also ein Jahr nach der Teilung des Landes - haben David Ben
Gurion und Mosche Scharet (Schertok) die Errichtung eines palästinensischen
Staates gegenüber dem Anschluß der arabischen Teile des Landes an
Transjordanien bevorzugt. Abdallah sah jedoch im Land Israel einen integralen
Teil des Königreiches, das er sein ganzes Leben lang errichten wollte und
im jüdischen Jischuv höchstens einen autonomen Teil dieses Königreiches
aber keinesfalls den Staat einer unabhängigen Nation. Tatsache ist, dass
die eindeutige Ablehnung des Teilungsbeschlusses durch die Führung der
Palästinenser und der arabischen Staaten diesen Beschluß hat scheitern
lassen, denn sie bevorzugten die gewaltsame Auseinandersetzung.
Pappe schreckt nicht vor einer groben Geschichtsfälschung zurück,
wenn er die 50minütige Begegnung Golda Meirson und König Abdallah
so schildert: "Im November 1947 traf König Abdallah die an der Spitze
der politischen Abteilung stehende Golda Meirson (Meir) und schlug den Juden
eine unabhängige jüdische Republik vor als ein Teil des haschemitischen
Königreiches, zu dem Transjordanien und das ehemalige Mandatsgebiet gehören
sollte. Nach dem dieser Vorschlag abgelehnt wurde, bat er um die Zustimmung
zum Anschluß der von den Vereinten Nationen den Arabern zugesprochenen
Gebieten. Die Vertreterin der Jewish Agency gab ihre Zustimmung für die
Zusicherung des Königs nicht den zukünftigen jüdischen Staat
anzugreifen".
Eine solche unterstellte Abmachung hätte nicht in einer einzigen lediglich
50 Minuten dauernden Besprechung getroffen werden können. Abgesehen davon
war Golda Meirson gar nicht bevollmächtigt eine solche Abmachung zu treffen.
Die Abmachung hätte von der Leitung der Jewish Agency bestätigt werden
müssen. Was aber nicht der Fall war. Hier wurde eine seit den sechziger
Jahren bestehende linke und rechte Mär aufgewärmt. Außerdem
widersprechen die erbitterten Kämpfe der arabischen Legion gegen die israelische
Armee 1948 einer solchen Verschwörung.
Für Pappe aber gibt es keine objektive Wirklichkeit, es gibt nur eine
die sich in den Augen des Betrachters widerspiegelt. Man kann also nicht über
etablierte Fakten sprechen und überhaupt nicht über eine historische
Wahrheit. Deswegen muß die Kommentierung auch nicht durch Fakten begrenzt
sein, denn diese sind nichts anderes als von Historikern - deren vorgefaßten
Meinungen ihr Herangehen an die Quellen bestimmen - erfundene Täuschungen.
Laut dieser Auffassung ist Geschichtsschreibung immer nur eine subjektive Betrachtungsweise,
allerdings glaubt Pappe, bei ihm sei diese Subjektivität aufgehoben, er
und seine Genossen seien im Besitz der definitiven Geschichtsschreibung und
ihr "Narrativ" bedeutet das Ende aller anderen Narrativen.
Die Aufgabe der Historiker ist es zu dokumentieren, zu analysieren und einzuschätzen
was geschehen ist und nicht darüber zu spekulieren, was nicht geschehen
ist.
Anläßlich eines Symposiums an der Universität Tel Aviv erklärte
Pappe, laut seiner Auffassung ist es die Aufgabe des Historikers weiter zu gehen
als die Dokumente und diese zu ergänzen. Er verglich in einem Interview
die Geschichtswissenschaft mit der Archäologie und meinte, "Es gibt
Abschnitte, die man selbst hinzufügt, denn man hat ja nicht alle Ergebnisse.
Sie ergänzen also das Fehlende aus der Sicht der Gegenwart".
Da die Geschichtsschreibung aufhört die Vergangenheit zu schildern weil
es keine "sicheren" Fakten gibt, und die Phantasie und die Wirklichkeit
vermischt werden, neigen die "neuen Historiker" dazu in ihrer Geschichtsschreibung
dem was geschehen ist das gleiche Gewicht zu geben, wie dem das nicht geschah.
Zum Beispiel wird die Frage gestellt, weshalb kam es nicht bereits Anfang der
50er Jahre zu einem Friedensabkommen mit den arabischen Nachbarn? Weshalb wurde
der Unabhängigkeitskrieg nicht verhindert? Weshalb wurde 1948 kein Palästinenserstaat
errichtet? Warum hat die zionistische Führung nicht die Juden Europas gerettet?
Schon in der Formulierung der Frage gibt es eine Beschuldigung aus der Perspektive
der Gegenwart. Vom Standpunkt der linken Sektierer werden die Helden von Gestern
zur Verantwortung gezogen nicht nur für das, was sie getan haben, sondern
auch für das was sie nicht getan haben und das vor einem gnadenlosen Gericht
von Leuten, die sicher wissen sie hätten mit mehr Vernunft und moralischer
gehandelt. In den Augen der "neuen Historiker" ist die Geschichte
eine Kette von Irrtümern und versäumten Gelegenheiten.
Aber die Geschehnisse, die nicht geschahen, sind keine Historie, denn weil sie
nicht geschehen sind, wissen wir auch nicht was die Resultate gewesen wären
wenn sie stattgefunden hätten. Wer könnte sagen, was passiert wäre,
wenn Israel 1949 alle Flüchtlinge wieder aufgenommen hätte? Hätte
dies tatsächlich zu einer Versöhnung mit den Nachbarn geführt
oder zur Vernichtung des Staates?
Solche Fragen können endlos gestellt werden. Doch die Aufgabe der Historiker
ist es zu dokumentieren, zu analysieren und einzuschätzen was geschehen
ist und nicht darüber zu spekulieren, was nicht geschehen ist.
Die Affäre Katz
Im Frühjahr 2002 protestierten so tapfere Kämpfer für akademische
Freiheit, wie "Al Ahram", die Palästinenser und Islamisten aber
auch die ganze Riege von linksextremen Antizionisten gegen die angebliche Einschränkung
der akademische Freiheit in Israel.
Was war geschehen? Anfang 2000 hatte Theodor Katz, Student der Universität
Haifa für seine Magisterarbeit über die Flucht von Arabern südlich
von Haifa eine ausgezeichnete Note erhalten. Er behauptete, Zeugenaussagen bewiesen
ein Massaker am 22./23. Mai 1948 als etwa 200 unbewaffnete Einwohner von Tantura
"vor allem junge Männer, erschossen wurden" nachdem das Dorf
von einer Einheit der israelischen Armee (Alexandroni Brigade) umstellt worden
war.
Schon auf der ersten Seite seiner Arbeit fragte Katz, ein Student von Prof.
Kais Firro und Ilan Pappe im Sinne seiner Lehrer: "Wie kann es sein, dass
die Söhne des gleichen Volkes, die erst unlängst davor die Opfer einer
so furchtbaren Schoah wurden, sich lediglich drei Jahre danach als so grausame
Eroberer und Vertreiber entpuppen, und es gibt auch diejenigen, die behaupten
als richtige Mörder, als Plünderer und Räuber...".
Katz informierte über seine "Entdeckung" die Tageszeitung "Maariv",
die sich beeilte dies ihren Lesern mitzuteilen. Wenige Tage nach dem Erscheinen
des Artikels klagten mehrere Veteranen der Brigade Alexandroni wegen übler
Nachrede. Es kam zu einer Gerichtsverhandlung und bei einem Kreuzverhör
konnten Katz Ignoranz und grobe Fälschungen nachgewiesen werden. Der den
"neuen Historikern" nahe stehende Journalist und Historiker Tom Segev,
meinte, die Forschungsarbeit von Katz werde den elementarsten Kriterien historischer
Forschung nicht gerecht, im Sinne einer ideologischen Vorentscheidung ist hier
ein Massaker schlicht erfunden worden. In Wirklichkeit gab es einen Kampf um
die Eroberung von Tantura bei dem ungefähr 80 Araber und 14 israelische
Soldaten getötet wurden.
Katz nahm vor Gericht seine ehrenrührige Behauptungen zurück und
versprach eine Ehrenerklärung in den Zeitungen "Maariv" und "Haaretz"
abzugeben und kam so zu einer Vereinbarung mit den Klägern. Doch das war
nicht im Sinne der antiisraelischen Geldgeber, die seine Verteidigung übernommen
hatten. Katz versuchte vergeblich seine Vereinbarung mit den Klägern rückgängig
zu machen und seine unhaltbare Arbeit weiter zu verteidigen.
In der Magisterarbeit dankte Theodor Katz insbesondere für die Unterstützung
durch Ilan Pappe. Dieser beklagte nach der gerichtlichen Einigung die angeblich
gefährdete akademische Freiheit in Israel und rief im Ausland zum Boykott
israelischer Institutionen und Akademiker auf. Trotzdem wird Pappe von der Universität
Haifa weiter beschäftigt.
Pappe und Katz lehnen den unmittelbar 1948 angefertigten Bericht des damaligen
Delegierten des Roten Kreuzes, der die Flüchtlinge aus Tantura übernahm
ab. Weder bei ihm noch bei der irakischen Armee - in deren kontrolliertes Gebiet
sie auf eigenen Wunsch gebracht wurden - beklagten sie sich über ein Massaker.
Katz und Pappe haben "jüdische" Zeugenaussagen als unglaubwürdig
und "arabische" als glaubwürdig angenommen. Den Wert einer Zeugenaussage
aufgrund der ethnischen Zugehörigkeit zu entscheiden ist Propaganda und
hat nichts mit Geschichtsforschung zu tun. Trotzdem behauptet Pappe, dass die
Erzählungen der Dorfbewohner von Tantura 52 Jahre später glaubhafter
sind als die Version der Alexandroni Soldaten oder zeitgenössische Berichte.
Jedoch sollte ein seriöser Historiker jedes Dokument oder mündliche
bzw. schriftliche Zeugenaussage ob jüdisch oder arabisch, nicht nach dem
wer sie abgibt, sondern aufgrund der eigenen Wertigkeit prüfen.
Bei den "neuen Historikern" ist nicht nur Geltungssucht, Selbsttäuschung
und Nachlässigkeit bemerkbar, wenn sie u.a. eine Mixtur von Quellenunterdrückung
und Quellenfälschung vorlegen. Sie bedienen vor allem in den arabischen
Ländern aber auch anderswo einen Markt und können deswegen mit Einladungen
und außergewöhnliche Publikationsmöglichkeiten rechnen. Aber
- und das ist wohl das erstaunlichste - auch in Israel haben sie eine starke
Lobby, die sich auf Liberalität und Meinungsfreiheit beruft. Diese sind
zu respektieren, dürfen aber auf keinen Fall dazu führen, dass minimale
wissenschaftliche Standards - wie hier aufgezeigt - nicht mehr eingehalten werden.
* Hadj Amin el Husseini (1895-1974), Großmufti von Jerusalem,
ein begeisterter Anhänger der Nationalsozialisten, zu Beginn des Zweiten
Weltkrieges flüchtete Husseini in den Irak. Dort beteiligte er sich an
der Planung und Organisation der pronationalsozialistischen Revolte im April
1941. Husseini propagierte den Haß gegen die "Zionisten" in
den nazifreundlichen Kreisen des Irak, die im gleichen Jahr ein Pogrom gegen
die Juden in Bagdad in Gang setzten. Als diese Revolte niedergeschlagen wurde,
flüchtete er zunächst nach Italien, dann nach Deutschland. Von wo
aus er sich an die mit Deutschland befreundeten Regierungen mit der Bitte wandte
keine jüdischen Kinder und Jugendliche nach Palästina auswandern zu
lassen. Husseini stärkte die Kampfmoral der islamischer Hilfstruppen der
Wehrmacht, die Anfang 1942 gebildet worden waren. Im Frühjahr 1943 rekrutierte
er in Kroatien in Rekordzeit 20.000 Mann für bosnische islamische Bataillone,
die unter dem Namen Handjar der Waffen SS unterstellt wurden. Nach Kriegsende
flüchtete Husseini nach Ägypten und bildete im Herbst 1948 eine All-Palästina-Regierung
in Gaza, die ohne Einfluß blieb. Den Rest seines Lebens verbrachte er
in arabischen Hauptstädten, hauptsächlich in Beirut. (Quelle: Klaus
Gensicke: Der Mufti von Jerusalem, Amin el Husseini und die Nationalsozialisten,
Peter Lang Verlag Frankfurt, 1988)
Erschienen in der Rosch Haschana 5763 (September 02) Ausgabe "Neue Illustrierte
Welt" Wien |