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Wer alles verloren hat und auf der Straße steht,
verliert auch das Recht auf Sexualität, auf Intimität. Wo
die Nützlichkeit im Vordergrund steht, wird es fast unmöglich,
Beziehungen zu leben. Der Versuch einer Annäherung an ein
Tabuthema.
Von Hannah Fröhlich Die englische Sprache unterscheidet mit den Begriffen "sleeping
rough" und "homeless" zwischen Menschen, die
tatsächlich auf der Straße übernachten und leben und
solchen, denen es gelungen ist ein Stück Dach über dem Kopf
zu ergattern und zu erhalten. Im Deutschen gibt es dafür die
weit weniger plastischen Begriffe "obdachlos" und
"wohnungslos": obdachlos sind also jene Menschen, deren
Leben im öffentlichen Raum stattfindet, wohnungslos solche, die
in einem der Heime einen Platz gefunden haben.1
Von letzteren soll im Folgenden die Rede sein: von Menschen, die
alles verloren haben, die Hilfe in Anspruch nehmen (müssen) und
dadurch dem Diktat der städtisch verordneten Nützlichkeit
ausgeliefert sind.
Praktisch alle vorhandenen Obdachlosenasyle
sind direkt oder indirekt von der Stadt Wien subventioniert und damit
in einem mehr oder weniger spürbaren politischen
Abhängigkeitsverhältnis. Selbst die Caritas ist über
die Jahre mit der Stadtverwaltung dermaßen verbandelt, dass sie
wohl oder übel die meisten politischen Entscheidungen mittragen
muss.2
Für die Betroffenen bedeutet das, dass sie mit der
Inanspruchnahme von Hilfseinrichtungen die je nach Grad der
politischen Abhängigkeit und dem Mut von MitarbeiterInnen und
Vorgesetzten etwas unterschiedlich gefärbten
(Über-)Lebensbedingungen zu akzeptieren haben. Und diese
Bedingungen lauten: möglichst schnell aus der Sozialhilfe raus
und in den Arbeitsmarkt rein, im Sinne der Stadt Wien "wohnfähig"
werden (Miete zahlen, Ordnung halten, kein Alkohol- oder
Drogenkonsum), eine Schuldenregulierung angehen und einhalten. "Es
ist ganz eindeutig," so eine Sozialarbeiterin, die es wissen
muss. "Unser Auftrag lautet: Wiedereingliederung in den
Arbeitsmarkt und zwar so schnell wie möglich. Was die Menschen
sonst noch für Bedürfnisse haben, ist egal." Die
Verordnung zur gesellschaftlichen Nützlichkeit fragt nicht nach
Individualität, nach individueller Lebensgestaltung,
persönlichem Glück, der Ausformulierung und Verwirklichung
eigener Wünsche. Intimität wird, wie jeder Rückzug auf
das Individuelle, nur bedingt und meist gar nicht gewährt. So
kann auch Sexualität nur unter fragwürdigen bis untragbaren
Umständen, in jedem Fall aber weit von einer Normalität
entfernt, stattfinden.
Beispiel 1: Die Meldemannstraße
Das Männerheim in der Meldemannstraße ist eines der
ältesten städtischen Obdachlosenheime. Die als
Übergangseinrichtung gedachte Schlafstätte beherbergt ihre
Bewohner im Durchschnitt für fünf bis sechs Jahre, einen
bereits seit 41 Jahren. Erst vor knapp zwei Jahren erhielt die
Meldemannstraße ein Team von SozialarbeiterInnen, deren Auftrag
nun die schrittweise Absiedelung ist. Denn 2003 wird das Heim
geschlossen, von den über 300 Personen übersiedeln etwa 200
in ein neu errichtetes Haus in Wien 21. Die von allen
"vergessenen" Bewohner der Meldemannstraße leben in
Einzelkabinen, auf 3,5m2 dient eine schmale Pritsche als Bett, ein
Spind als Schrank, eine nach oben und unten offene Metallwand trennt
das eine vom nächsten "Zimmer". Pro Stock stehen
Duschen, Waschbecken und ein WC zur Verfügung, im Erdgeschoß
gibt es eine Gemeinschaftsküche, einen Aufenthaltsraum und ein
Stückchen Garten. Mit den SozialarbeiterInnen der
Meldemannstraße ins Gespräch zu kommen ist nicht so
einfach. Erst die Absegnung durch Zuständige der MA 12
ermöglicht einen Termin vor Ort und - ungeachtet aller möglichen
journalistischen Intentionen - werden sowohl die Heimleitung, als
auch eine Sozialarbeiterin und ein Betreuer3
zum Gespräch geholt. Daraus lässt sich eine hier
praktizierte Bevormundung bereits erahnen, im Ton der vorauseilenden
Antworten auf Fragen, die noch gar nicht oder nicht so gestellt
wurden, zeigt sich eine gewisse Frustration. "Wer sein Leben
aus der Hand gibt, weil er nicht mehr alleine zurecht kommt, der gibt
damit auch gewisse Rechte aus der Hand," so lautet das
Eröffnungsstatement der Heimleitung. Und: "Frauenbesuche
oder eine Art Besucherregelung sind hier nicht handhabbar. Außerdem
lassen die Räume ja gar keine Intimsphäre zu." Anders
sei die Situation für schwule Männer4.
Hier, so ist die Heimleitung überzeugt, hätten die Menschen
keine Probleme und könnten auch ihre Sexualität ausleben.
Reibereien, Schwierigkeiten unter den Bewohnern, gibt es ohnehin
immer nur dann, wenn eine Frau im Spiel ist und "eine
vernünftige Frau geht da sowieso nicht mit", weiß der
Betreuer. Bei der anschließenden Führung durch das Haus
wird noch einmal deutlich, was die Würde des Einzelnen in der
Meldemannstraße wert ist. Mit dem Generalschlüssel öffnet
der Betreuer insgesamt drei verschiedene "Zimmer" - ohne
anzuklopfen, ohne sich zu vergewissern, ob es von wem auch immer
begutachtet werden darf. Und die Bewohner wiederum sind diese
Grenzüberschreitungen sichtlich gewöhnt: nicht einmal ein
Aufschauen ist die Reaktion. Das neue Haus im 21. Bezirk wird zwar
keine offenen Trennwände haben, dennoch wird auch dieses Heim
eine normal gelebte Sexualität nicht zulassen können: die
Anzahl der Bewohner ist auch mit 200 eine zu hohe, die Einzelzimmer
sind nicht mit Sanitäreinrichtungen ausgestattet, sodass auch
hier wieder Bad und WC pro Stock geteilt werden müssen. "Eine
Besucherregelung wird es vielleicht geben können," so die
Heimleitung kalt. "Aber sicher nicht gleich. Wir werden das
alles erst einmal üben und ausprobieren müssen." Und
auf die Frage, warum die alten Strukturen in ein neu gebautes Haus
übertragen werden, heißt es: "Der Beschluss, das Haus
zu bauen, fiel schon vor Jahren. Wir müssen das Erbe eben jetzt
antreten."
Beispiel 2: Die Geibelgasse
Das betreute Wohnheim in der Geibelgasse beherbergt Frauen, Männer
und Paare und wird von der ARGE für Nichtseßhaftenhilfe
betrieben. Trotz Subventionierung durch die Stadt Wien und der
relativen Abhängigkeit, gehen BetreuerInnen hier deutlich
mutigere Wege: je weniger in das Leben des Einzelnen eingegriffen
wird, desto besser können die Menschen später mit ihrer
Freiheit umgehen, wenn sie nach etwa zwei Jahren ihre Gemeindewohnung
erhalten haben. Mit dem Ziel eine größtmögliche
Normalität in der Lebensgestaltung zuzulassen, ist Sozialarbeit
hier etwas, was in Anspruch genommen werden kann aber nicht muss. In
den kleinen Wohneinheiten teilen sich die BewohnerInnen jeweils zu
dritt Küche, Bad und WC. Männliche Bewohner sind in der
Überzahl. Besuche über Nacht sind erlaubt, solange die/der
neue FreundIn nicht einzieht. Dass dieser doch sehr freie Ansatz in
der Betreuung dennoch nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann,
begründet eine ehemalige Mitarbeiterin5
so: "Die meisten sexuellen Kontakte entstehen innerhalb der
Szene. Deshalb will die Freundin natürlich am liebsten gleich
mit einziehen. Aber was das für die anderen zwei Männer in
der WG bedeutet, wenn da immer eine Frau anwesend ist, kann man sich
ja leicht vorstellen. Dann gibt es Streit, Übergriffe, letztlich
fliegt die Frau raus. Und weil sie in einer ziemlich verzweifelten
Lage ist und wieder auf der Straße landen würde, versucht
sie es beim nächsten. Sie wird quasi weitergereicht. Dann ist
sie unter den Bewohnern verschrieen und wird dementsprechend
behandelt. Naja, und dann muss ich als Sozialarbeiterin der Frau
Hausverbot erteilen bzw. sie dazu drängen, sich etwas eigenes zu
suchen." Gegenstrategien liegen auf der Hand: Das
Machtgefälle zwischen jenen, die ein Dach über dem Kopf
haben und jenen, die keines haben, aufheben und der Frau ein Stück
Unabhängigkeit ermöglichen, damit sie erst gar nicht in
derlei Abhängigkeitsverhältnisse schlittern muss. "Meine
Erfahrung ist einfach die," so die Sozialarbeiterin weiter,
"dass mit dem Zimmer und einer relativen Stabilität die
Sehnsucht nach einer Beziehung, nach Liebe, nach Sex größer
wird. Das habe ich dann in den Gesprächen erfahren. Aber für
Beziehungsarbeit ist einfach keine Energie da. Und das hat sehr viel
mit der ganzen Situation im Heim zu tun." Dass die meisten
Kontakte innerhalb der Szene bleiben, hat auch finanzielle Gründe:
es ist billiger mit einem Doppler im Zimmer zu sitzen, als in einem
Lokal auf eine schöne Begegnung zu hoffen. Außerdem gibt
es da immer die Angst, wie eine Frau außerhalb der Szene die
Tatsache aufnimmt, dass ihr neuer Freund wohnungslos ist. "Das
Hauptproblem ist meiner Meinung nach, dass 80% der Leute völlig
zu Unrecht in solchen Heimen sitzen," so die Sozialarbeiterin
verärgert. "Wenn man den Bezug von Gemeindewohnungen6
nicht mit derart übertriebenen Forderungen verknüpfen
würde, könnten die meisten sofort in eine eigene Wohnung
ziehen. Warum sollen sie nicht in der eigenen Wohnung mal eine
Flasche Wein trinken? Und den Besitz eines Arbeitsplatzes an die
Miete einer Gemeindewohnung zu knüpfen macht objektiv keinen
Sinn. Es würde genügen, wenn die Leute pünktlich ihre
Miete zahlen und sich an die Hausordnung halten. Außerdem: es
ist wirklich ein Wahnsinn, dass die Leute ihre Kaution für die
künftige Gemeindewohnung auf der Straße ansparen
müssen." Und nach den Hintergründen befragt, warum
derlei Hürden Menschen in Heime und fern jeder Normalität
zu leben zwingen, sagt sie: "Einerseits nehmen Sozialarbeiter
gar nicht wahr, wieviel Macht sie haben und wieviel Macht sie auch
ausüben und viel zu viel in den privaten Bereich eingreifen.
Andererseits würden sie sich zu fragen beginnen, wofür sie
eigentlich ihre Ausbildung gemacht haben, wenn sie nicht mehr tun
müssten, als die Miete zu kassieren und nur auf Wunsch mal
vorbei zu schauen. Sozialarbeit steht immer unter dem Druck sich
selbst zu rechtfertigen."
Beispiel 3: Die Gänsbachergasse
Frauen, Männer, Paare7
und Familien finden in diesem Wohnheim der MA 12 Aufnahme. Insgesamt
270 Wohnplätze, aufgeteilt in Gruppen von je 18 Personen stehen
zur Verfügung. Die alleinstehenden Frauen und Männer wohnen
hier in 6m2-Einzelzimmern und teilen sich Küche, Bad und WC. Für
Besuche von Außenstehenden ist das Haus gerüstet:
Sanitäranlagen stehen auch für diese zur Verfügung und
es gibt eine Besuchszeitenregelung, die zwischen 8 Uhr morgens und 22
Uhr genützt werden kann. In Wohngruppen, in denen ständig
Besuche stattfinden, wird der/die neue PartnerIn nach Möglichkeit
in das Geschehen innerhalb des Hauses, den Tagesablauf, die
Freizeitangebote, einbezogen und integriert. Die als vorbildlich
geltende Organisation in der Gänsbachergasse soll Stück für
Stück auch in die anderen Heime der MA 12 übernommen
werden. "Wenn man verliebt ist, dann will man Tag und Nacht
mit dem Menschen zusammensein," merkt die leitende
Sozialarbeiterin dennoch selbstkritisch an. "Und das können
wir halt nicht ermöglichen. Wir sagen dann immer: kuscheln geht
halt nur bis zehn."
Sex als Tauschware
In der patriarchialen Straßengesellschaft hat eine Frau im
Wesentlichen zwei Möglichkeiten zu überleben: sie hat einen
Beschützer oder sie "rettet" sich in eine psychische
Krankheit8 und baut auf diese
Weise eine Schutzwand vor Übergriffen und Gewalt auf. Der Satz
"ich kann ohne Mann nicht leben" bekommt hier seine ganze
und buchstäbliche Bedeutung. Obdachlos und eine Frau zu sein
bedeutet sich "arrangieren" zu müssen und stets die
Unterlegene zu sein, die ausgenutzt wird. Sex ist hier eine
Tauschware. Eine Tauschware für ein Bett, Fließwasser, ein
WC, für etwas Wärme und vor allem Schutz. Eine Tauschware
zur Vermeidung von Obdachlosigkeit. In dieser sogenannten "verdeckten
Obdachlosigkeit" liegen Gewalt, Prostitution und Beziehung eng
beieinander. "Die Definition von Wohnungslosigkeit ist eine
männliche Definition," weiß eine Sozialarbeiterin,
die sich damit auseinandergesetzt hat. "Weil die Männer
sichtbar sind, gehen alle davon aus, dass es keine obdachlosen Frauen
gibt. Aber es ist umgekehrt: wenn wir Frauenräume schaffen, dann
kommen sie auch, dann erst kommen sie aus ihren Abhängigkeiten
heraus." Und als Beleg dafür nennt sie das von der Caritas
betriebene Frauenheim in der Schopenhauerstraße, das innerhalb
kürzester Zeit voll war. Die Schaffung von Frauenheimen ist
zwar unbedingt weiterhin notwendig, dennoch aber als Maßnahme
gegen die verdeckte Obdachlosigkeit nur ein Schritt: nur ein kleiner
Teil der Zielgruppe wird erreicht. Denn Einrichtungen, die sich
ausschließlich an Frauen richten, setzen bei diesen die
Einsicht voraus, ein Recht auf einen eigenen Platz und auf Schutz
ohne Bedingungen zu haben. Doch diese fehlt. Nicht nur unter dem
Großteil der betroffenen Frauen, auch in den Köpfen der
Verantwortlichen. "Die Möglichkeit sich außerhalb
des männerdominierten Straßenlebens zu bewegen, kann ein
Aufatmen, ein erster Bewusstwerdungsprozess sein," so die
Sozialarbeiterin weiter. "In der Folge bedeutet das dann
vielleicht auch die Erkenntnis, dass nicht sofort wieder eine
Beziehung zu einem Mann eingegangen werden muss, um zu überleben,
dass ich auch ohne Mann leben kann." Frauenräume zu
schaffen und damit auch ganz allgemein das gesellschaftliche
Bewusstsein zu wecken, dass Frauen Platz brauchen und ein Recht
darauf haben, dieser und anderer Aufgaben hat sich das engagierte
Team des ersten Frauentageszentrums im 6. Bezirk angenommen. Das in
der Szene von Männern abschätzig genannte "Lesbenzentrum"
eröffnete im Mai 2002 und wird von der ARGE für
Nichtseßhaftenhilfe betrieben. Wäsche waschen, Essen und
Trinken, Duschen, Wärmen, Reden, Leute treffen, Lesestoff,
sozialarbeiterische Betreuung - das alles kann hier in einer
freundlichen Atmosphäre Winter wie Sommer in Anspruch genommen
werden.
Der Mensch als Ganzes
Sexualität in der Obdachlosigkeit ist ein Tabuthema. Ein
Recht auf Intimität und damit ein Recht auf Sexualität -
das gibt es nicht. Obdachlosenheime, Tageszentren,
Hilfseinrichtungen, die sozialarbeiterische Ausbildung und somit die
Sozialarbeit an sich, klammern das Thema einfach aus. Doch wer
versucht auszuklammern, was nicht ausklammerbar ist, muss mehr oder
weniger, früher oder später scheitern. Nur der
hilfsbedürftige Mensch als Ganzes begriffen, als ganzes und
individuelles Wesen, kann nachhaltig zu sich selbst finden lernen und
damit zu einem erfüllten Sein. Neben der steigenden Anzahl von
Menschen, die nach dem Verlust ihres Arbeitsplatzes vor dem
kompletten Nichts stehen, gibt es auch die "Rückfälligen",
- Menschen, die trotz Gemeindewohnung und Job ihrer Einsamkeit und
der tristen Vorhersehbarkeit ihres Lebens erliegen. Dem sozialen
Gefüge vor ihrem Abstieg in die Obdachlosigkeit längst
entrissen, zerstören Betreuungskonzepte im Dienste des
gesellschaftlichen Nutzens den letzten Rest an Gespür für
Recht und Unrecht, für Grenzen, für Würde, für
eigene Bedürfnisse. Kalt-zynische Politik macht Sozialarbeit zur
ihrer Vollstreckerin.
Fußnoten
1 Die offizielle Zahl
Obdachloser in Wien wird mit 5000 angegeben, doch nur jene Menschen,
die mit Behörden in Kontakt sind, können in dieser
Statistik erfasst werden. Obdachlose Jugendliche, die zuhause
gemeldet sind, Illegale und Obdachlose, die den behördlichen
Kontakt bewusst vermeiden, scheinen hier nicht auf. InsiderInnen
schätzen die Zahl daher auf 10.000. Für die offiziell 5000
Obdachlosen stehen nur knapp 3000 Schlafplätze zur Verfügung.
Im Zuge der aktuellen Umstrukturierung innerhalb der Stadtverwaltung
hat ein massiver Bettenabbau begonnen. 2
Ein Beispiel: der von der Caritas betriebene Bahnhofsozialdienst am
Westbahnhof wird im nächsten Jahr geschlossen werden, weil die
Stadt Wien im Zuge der gesamten Umstrukturierung der MA 12 meint, auf
diesen verzichten zu können. Obwohl MitarbeiterInnen der Caritas
und andere InsiderInnen vom Gegenteil überzeugt sind, konnte der
Bahnhofsozialdienst nicht gerettet werden. 3
In jedem Stockwerk der Meldemannstraße hat ein "Betreuer"
sein Zimmer. Es handelt sich hierbei um sozialarbeiterisch
ungeschulte, große und starke Männer, die im 24 Stunden
Dienst für Ruhe und Ordnung zu sorgen haben. Über jeder Tür
zum Betreuungszimmer steht ein Schild: Aufseher. Mit dem Einzug der
Sozialarbeit in das Männerheim wurde in der Öffentlichkeit
auf einen kaschierenden Sprachgebrauch Bedacht genommen und aus
"Aufsehern" wurden "Betreuer." 4
Die Frage der Homosexualität in der Obdachlosigkeit ist damit
natürlich nicht ausreichend beleuchtet. SozialarbeiterInnen
erzählen, dass es wohl einmal ein lesbisches Paar gab, das
gemeinsam untergebracht wurde und einen transsexuellen Mann, der
irgendwo ein Extrazimmer bekam. Tatsache ist, dass Homo,- Bi- und
Transsexualität auch hier Tabu ist und die Obdachlosenhilfe
damit ebenfalls nicht umgeht. 5
Die meisten SozialarbeiterInnen, die hier zu Wort kommen, wollen
anonym bleiben. 6
SozialarbeiterInnen haben ihrem Arbeitsbereich entsprechend
verschiedene Möglichkeiten, die Beurteilung ihrer KlientInnen in
Bezug auf deren "Wohnfähigkeit" zu beeinflussen. Hier
gibt es durchaus Spielräume, die SozialarbeiterInnen meist auch
zu nützen wissen. 7
Paarwohnplätze sind allgemein zu spärlich und die Frage,
welche Kriterien zwei Menschen erfüllen müssen, um als Paar
zu gelten, wird je nach Einrichtung unterschiedlich beantwortet. Doch
selbst Ehepaare haben keine Garantie gemeinsam unterzukommen: wenn
kein Platz vorhanden ist, werden sie getrennt, ungeachtet der Anzahl
der Jahre, die sie miteinander verbracht haben. Hier werden
Grundbedürfnisse gegeneinander ausgespielt. 8
Dass die unbewusste "Flucht" in eine psychische Krankheit
ein Schutzmechanismus sein kann, belegt zum Beispiel die Tatsache,
dass obdachlose Frauen, denen es jahrelang möglich war, auf der
Straße zu überleben, nach einer psychiatrischen Behandlung
dazu nicht mehr in der Lage sind. Mit der "Heilung" kommt
die Angst zurück, die während der psychischen Erkrankung
ausgeklammert war. Das komplexe Thema psychische Krankheit und
Obdachlosigkeit ist ebenfalls ein völlig unterbeleuchtetes. Im
Frühjahr 2003 wird eine vom AUGUSTIN gemeinsam mit
SozialarberiterInnen geplante Enquete dazu stattfinden.
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